Vintage – Mein russischer Favorit für den ESC

Ich war mir so unglaublich sicher. Als ich den neuen Clip von Vintage gesehen hatte, war ich mir absolut sicher. Das, was ich hier sehe, das ist der russische Beitrag zum Eurovision Song Contest 2016 in Schweden. Garantiert!

Es war einfach alles drin, was es für eine gute Aufstellung brauchte. Eingänglich komponierte Musik, ein leichter Text, doch vor allem waren es die Bilder des Clips, die mich ganz sicher sein ließen. Ganz professionell aufgemacht richtet sich die Bildersprache eindeutig an ein internationales Publikum, spielt ESC-typisch mit Homoerotik und einer fast schon kitschigen Friedenssymbolik. Katzenbild fehlt auch nicht.

Darüber hinaus visualisiert das Video die Party-Drogenerfahrung von inzwischen zwei Generationen nicht nur durch die halluzinogenen Effekte mit Nachbildern und Verfremdung, sondern ganz direkt auch in der Erzählung des Clips selbst.

Und glauben wir nicht alle an die Liebe, wie es im Refrain heißt?

Ich war mir sicher, da würden sich ganz viele Menschen wiederfinden können, es war eine vollende Marketingstrategie, die es hier zu bewundern gab. Vintage, von der sich auch Conchita Wurst schon hat inspirieren lasssen, hätte mit der queeren Aktivistin Anna Plyetnova als Frontfrau eigentlich alles, was es zum Erfolg beim ESC braucht. Ich war mir sicher, das hier, das ist der russische Beitrag zum ESC.

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Ich hatte mich absolut getäuscht. Vintage fährt nicht nach Stockholm.

Im Gegenteil, der professionelle und in der Herstellung sicherlich auch nicht ganz billige Beitrag dümpelt bei ein paar tausend Klicks auf youtube vor sich hin, den User mit deutscher IP-Adresse schützt darüber hinaus die GEMA wieder mal vor allzuviel Konfrontation mit russischer Popkultur.

Sergey Lazarev wird Russland in diesem Jahr vertreten. Das ist zwar auch keine schlechte Wahl, aber eben doch deutlich konservativer und weit weniger ESC-nah, wie es Vintage gewesen wären.

Dennoch, Vintage hat das Potential für den ESC. Ich drücke schon jetzt für das kommende Jahr ganz fest die Daumen.

Conchita und die Russen – Eine Geschichte vom Kopieren

Ich habe lange überlegt, ob es nicht einen grundlegend falschen Eindruck erweckt, wenn ich in einem ersten Artikel über eine herausragende russische Band im Zusammenhang mit Kopieren und Übernehmen von Ideen schreibe.
Bei der herausragenden Band handelt es sich nämlich um Винтаж, was sich Vintage liest. Die attraktive Frontfrau der Band heißt Anna Pletnyova und ist ohne Übertreibung ein Megastar. Der Grund dafür, dass Vintage nicht außerhalb Russlands und den ehemaligen Sowjetrepubliken bekannt ist, liegt vermutlich an der Sprache, denn Anna singt auf Russisch.
Dennoch zögere ich, Vintage bei einer ersten größeren Besprechung gleich mit dem Thema Kopieren und Ideendiebstahl in Verbindung zu bringen. Es entspricht zu sehr einem Klischee, das wir hier in einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Russland  und vielfach zu Unrecht pflegen.
Zudem hat Vintage mit ganz vielen Produktionen aufzuwarten, die ebenso völlig genuin sind wie sie genial sind. Sex und Geschlecht ist das große Thema, das das Werk von Vintage durchzieht.
Doch vielleicht lenkt diese nun folgende Auseinandersetzung mit Vintage über Ideendiebstahl auch das Augenmerk auf eine in Deutschland völlig verquer geführte Diskussion.

Ich fange daher einfach mal an. In dem 2011 veröffentlichten Video-Clip zum Musiktitel деревья (Bäume) zitieren Vintage ganz offensichtlich Madonna und Kylie Minogue.

Hier die zitierten Quellen: 


Unverforen, mag an dieser Stelle der naive Betrachter sagen, Russen eben, die können es nicht anders und schmücken sich mit dem geistigen Eigentum westlicher Pop-Ikonen. Doch ist jedem Mitglied der schwulen Community auch in Russland die Kopiererei sofort ersichtlich. Es ist daher kein Diebstahl, sondern ein Zitat. Es markiert sich unmittelbar als übernommen.

Weil das Zitat aber auch so super ersichtlich ist, ist es offensichtlich Absicht. Diebstahl geistigen Eigentums wäre es nur, wenn das Zitat absichtsvoll verborgen bleiben würde, so wie in der Doktorarbeit von zu Guttenberg oder von Schawan zum Beispiel.
Aber das Zitat ist bei деревья in jeder Sekunde offensichtlich. Jeder, der ein bisschen Popkultur verfolgt und das Video sieht, sagt sofort “geklaut”. Dabei geht es genau um die Frage, ob eine Idee geklaut genannt werden kann, wenn die ursprüngliche Quelle so bekannt ist, dass sie jeder sofort erkennt.
Geklaut wäre es, wenn Vintage ihre Fan-Gemeinde glauben machen wollte, es wären originär ihre Ideen, die auf die Zuschauer einprasseln. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall, denn es muss davon ausgegangen werden, dass gerade das Publikum von Vintage ganz genau weiß, was es hier sieht, schließlich positioniert sich Vintage ganz eindeutig in einem Segment, zu dem auch Madonna und Kylie Minogue gehören. Vintage sind eine queere Band, die ihre Solidarität für Schwule und Lesben öffentlich zeigen. Hier beispielsweise lassen Vintage bei einem Livekonzert die Regenbogenfahne über Russland wehen. Der Titel, den Vintage hier singt heißt schlicht „Jungs“.

Reduziert man den Video-Clip jedoch nur auf das, was er kopiert, erkennt man nicht, was er in der Kopie erweitert.
Es gibt ein Motiv, das bei Kylie Minogue und Madonna nicht vorkommt, die sitzende Figur, der weibliche Buddha, Guanyin, Kannon, der Buddha des Mitgefühls.
Der Tanz auf dem Vulkan zwischen Buddha und Mara, dem Prinzip, das Leiden verursacht, ist sowohl bei Kylie als auch Madonna nicht enthalten. Was in deren Videos allerdings schon ganz deutlich enthalten ist, ist das Thema Religion und Glaube. Kylie tänzelt ausstaffiert mit den Insignien der griechischen Göttin Aphrodite auf einem Haufen sich vor Begehren verzehrender Leiber vor sich hin; für Madonna war in der Zeit des Albums Ray of Light die jüdische Mystik in Form der Kabbala lebensbestimmend, wie sie nicht müde wurde zu verlautbaren. Das hat sich in Frozen niedergeschlagen. 

Ein Thema, das Vintage bei allem Zitat neu einführt, ist das Thema Buddhismus. 
Begreift man die Geschichte des Clips als Erzählung, überdauern die Bäume, die Natur. Anna wird in der zentralen Szene eine Mischung aus Baum und tausendarmigem Buddha. 

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Das hat man allerdings so ähnlich auch schon mal irgendwo gesehen. Wo war das doch gleich? Das Bild erinnert an einen anderen Clip, der sich ebenfalls versucht dem Thema Buddhismus zu nähern, und von Avalokiteshvara Buddha handelt. Da stand doch schon mal ein Buddha in der endlosen weite des Nirvana. 

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Stimmt, es war Conchita Wurst mit Heros, in der die Ideen von Vintage wieder auftauchen: 

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Über dieses geniale Video habe ich hier schon geschrieben. Dass es sich nun in seiner Kernidee als Kopie erweist, tut ihm keinen Abbruch. Im Gegenteil, es gewinnt, denn es ist plötzlich Teil eines internationalen Dialogs, der hier geführt wird.
Doch wieso kommt Conchita dazu, sich bei Vintage inspirieren zu lassen?
Keine Ahnung ehrlich gesagt, ich kann da nur spekulieren und ein bisschen fantasieren. In dieser Fantasie stelle ich mir das dann in etwa so vor: Die Wurst hat ein neues Lied, Heroes, da muss jetzt ein Videoclip dazu gedreht werden. Es soll natürlich toll werden, was Außergewöhnliches, aber schon auch was Queeres, was für die LGBT-Szene. Und Putin soll natürlich auch drin vorkommen wegen dem Gesetz und überhaupt die schwulen Rechte und so. Es gibt Prosecco.
Weil es um Putin gehen soll hangelt sich Frau Wurst mit ihrer Crew so aus Spaß bei youtube ein bisschen durch die russische Popkultur. Mal gucken, zu was die Russen so tanzen. Eine weitere Proseccoflasche macht plöp. Mit den Suchbegriffen „Madonna + Kylie + Russland“ kommen sie bei Vintage raus. 

Conchita und ihr Team  machen sich erstmal ein bisschen über die Kopiererei lustig. Es ist ja auf den ersten Blick auch sehr witzig. Die Russen klauen bei Madonna und Kylie. Die dritte Flasche Prosecco ist inzwischen auch schon leer, da ist die Stimmung deutlich gelockert.
Dann schaut sich Conchita mit ihrer Crew das Video nochmal an und vielleicht nochmal, denn es hat was. Und dann spricht es einer aus. “Das ist eigentlich scheiße, aber es hat was.” Man muss es erst mal ein bisschen abwerten, bevor man es loben kann, denn schließlich ist es eine russische Produktion.
Doch damit ist auch der Damm gebrochen und  vom Prosecco beflügelt beginnen die Ideen zu kreisen. Cool findet einer die Idee, mit den Panzern und den Waffen, die da aufschlagen. Gut gemacht die Erlöseridee, die dem Clip innewohnt. Und schließlich merkt einer an, dass es auch irgendwie um Buddha geht. Und schwupp ist es nach weiteren Flaschen Proseccos passiert. Conchita Wurst kopiert bei den Russen.  

Das ist allerdings nicht weiter schlimm. Wir leben innerhalb des gleichen kulturellen Horizonts, da beflügelt man sich gegenseitig einfach gern mit Ideen. Dies negativ zu sehen, ist historisch ein sehr junges Phänomen, früher galt es als Bereicherung. Dass sich Conchita ausgerechnet bei der großartigen Anna bedient ist sogar ein Glücksfall. Wurst hätte in Russland vermutlich keine bessere Freundin im Geiste finden können.  

Попса heißt Popmusik – Über ein russisches Phänomen.

Ein wichtiger Schlüssel für den Zugang zum Verstehen der russischen Gegenwartskultur ist das Wort попса, Popmusik. Im Gegensatz zur westlichen Popkultur, die sich inzwischen auf das Erzielen von hohen Gewinnmargen und Marktanteilen reduzieren lässt, wodurch dementsprechend die Formulierung politisch korrekter und am besten beliebiger Botschaften gefordert ist, ist die russische Popkultur in weiten Teilen emanzipatorisch, fordernd und visionär, dabei aber gleichzeitig in erheiternder Weise hedonistisch.
Hierbei spreche ich nicht von einer Subkultur des Pop, sondern vom Mainstream. Ein verbindendes Thema in nahezu allen Zeugnissen des russischen Pop ist das Ausbrechen und Überwinden von gesellschaftlichen Grenzen, weniger durch Konfrontation als durch spielerischen Umgang und Unterwanderung. Das Konfrontative von der in Deutschland als Opositionell wahrgenommenen Gruppe Pussy Riot fehlt, wird vielfach sogar persifliert, wie das erste Beispiel dieses Textes zeigt. Loboda heißt die Sängerin,  Пора домой, Zeit nach Hause zu gehen, ist der Titel. Ob es dann nach dem dritten Mal Kotzen tatsächlich nach Hause geht, ist angesichts des Vorlaufes fraglich.

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Schön trashig, oder? Allerdings nicht nur, ein bisschen was steckt schon dahinter. Der Schlüssel ist der Fahrer. Wer möchte darf gern Dionysos und Mänaden googeln und dann noch einmal nachschauen, welche Attribute in dem Video verbraten werden. Dass unglaublich viel gesoffen wird, ist jedenfalls nur ein erster Hinweis auf die Richtigkeit dieser Andeutung eines Interpretationsansatzes.
Loboda war früher bei der Girlgroup ВИА Гра (VIA-Gra). An ВИА Гра führt kein Weg vorbei, wenn man sich mit der aktuellen russischen Musikszene auseinander setzt. Ähnlich trashig, selbstbewusst und lustvoll emanzipiert wie Loboda setzen sie sich in Szene. Hier in einer Persiflage auf spießige Samstagabend-Unterhaltung.

Und noch ein letztes Beispiel für frechen Pop, bevor es ein bisschen intellektueller weiter geht. Die sämtliche russischen Klischees persiflierende Sängerin heißt Olia Poliakowa und löst mit dem, was sie tut, Diskussionen aus, da sie sich stets am Rande des noch Zulässigen bewegt.

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Natürlich lässt sich einwenden, die bisherigen Beispiele seien alle Trash. Das ist richtig und schwer zu leugnen. Wer aber meint, Trash sei einfach nur im eigentlichen Wortsinne Müll, der irrt sich.
Trash als Genre hat eine eigene Bedeutung, ist eine Gradwanderung mit der Absicht der Grenzverschiebung. Mit seiner Ausrichtung auf Schrilles, mit seiner Impertinenz und permanenten Grenzüberschreitung ist Trash politisch, auch wenn er von sich selbst behauptet genau das nicht zu sein. Doch mit dem Bestehen auf impertinente Ausdrucksformen erweitert er die Grenzen des Zumutbaren.
Die Akzeptanz einer Gesellschaft, Trash als Kulturprodukt zu rezipieren, sagt etwas über deren Willen zur Veränderung und Grenzerweiterung aus. In Deutschland, mit seiner Rückkehr zum Biedermeier, ist dieser Wille verschwunden, Trash ist nicht mehr präsent, zurückgedrängt in die Subkultur, vielfach sogar diskreditiert. Das war mal anders, wie die Rezeptionsgeschichte von beispielsweise Divine zeigt, die nicht nur in Deutschland Tophits landen konnte:

Ein vielleicht noch prägnanteres Beispiel ist Walter Bockmayers Geierwally, GEZ-finanzierter und im zdf ausgestrahlter Trash der achtziger Jahre. Unglaublich schräg, schrill und provokativ. Leider aber auch vergangen in dieser Form.

Divine und Walter Bockmayer haben mit ihrer Impertinenz nicht nur für die LGBT-Bewegung, sondern für die Freiheit der gesamten Gesellschaft mehr getan als jeder Vortrag und jeder Politiker es je hätte tun können, denn durch ihre Impertinenz haben sie die Grenzen des Zumutbaren einfach erweitert.
In Russland ist dieser Wille offensichtlich vorhanden, denn all die oben angeführten Zeugnisse sind fester Bestandteil der dortigen Popkultur. Hierzulande lässt dieser Wille deutlich nach.

Dem Stilmittel der Überzeichnung bedienen sich in ihren Klips gerne auch die Gruppe винтаж (Vintage). Dessen ungeachtet sind sie kein Trash, da sie thematisch gebunden sind. Es ist das Thema Geschlechterdifferenz und Geschlechterkonstruktion, das sich wie ein roter Faden durch die musikalische Produktion von винтаж.
Als Beispiel dafür hier das Video Одиночество любви (Einsame Liebe).

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Das gibt es auch in einer gehackten Version mit eingebauter Transe, die der Sängerin Anna Pletnyova größere Brüste zur Problemlösung empfiehlt. винтаж habe sich gegen diese Impertinenz übrigens nie zur Wehr gesetzt. Im Gegenteil.

Die Frage nach Geschlechterrollen und Identitäten spielt bei Monatik ebenfalls eine zentrale Rolle.
In прости verschwinden Geschlechtergrenzen völlig, der Clip zelebriert ein großes dionysisches Crescendo der Lust und des Begehrens jenseits von Konventionen und Setzungen.
Die Bildersprache in тише muss nicht gedeutet werden. Sie erschließt sich von selbst:

Ebenfalls dem Mainstream zugehörig ist die Gruppe Nikita, die es aufgrund ihrer provokanten Ästhetik und der sexuellen Radikalität nie in irgendwelche Deutschen oder gar US-Amerikanischen Charts schaffen würden.
Für Deutsche ein besonderer Genuss: Hier besingen Nikita Gemüse und machen dabei die Merkel-Raute:

Dieser kleine und ganz vorläufige Überblick über den russischen Mainstream ist hier zu Ende, wenngleich natürlich nicht abgeschlossen.
Was hier versucht wurde zu zeigen, ist, wie vielfältig, lebendig und kreativ sich die russische Popkultur im Gegensatz zur unsrigen an gesellschaftliche Paradigmen und Konventionen reibt. Der Mainstream wohlgemerkt, auf Subkulturen komme ich ein anderes Mal zu sprechen. Was dabei hoffentlich auch erlebbar wurde, ist die Stimmung des Aufbruchs, die in Russland herrscht.
Während in Deutschland in einer biedermeierlichen Wende auf traditionelle, heteronormative Modelle zurückgegriffen wird, zieht es die russische Gesellschaft zur Freiheit und Grenzerweiterung.
Dass dies Gegenbewegungen in konservativen und klerikalen Kreisen auslöst, ist verständlich. Dass sich diese durchsetzen werden ist jedoch unwahrscheinlich.

Ein kleiner Nachsatz sei mir noch erlaubt. Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land der Welt, in dem sich die Menschen so frei fühlen wie in Deutschland, wobei ihnen gleichzeitig die Freiheiten unter dem Hintern wegzensiert werden. Der überwiegende Teil der hier verlinkten Beiträge ist über youtube nicht erhältlich, weil sich google und die GEMA nicht einigen konnten. Über die Rechte an Musik, wohlgemerkt, deren Interpreten hierzulande kein Mensch kennt. Aber wenn wir an Zensur denken, dann denken wir freilich immer nur an China und Russland, nie aber an uns. Vermutlich ein historischer Fehler. Wer also die Klickzahlen auf youtube sehen möchte, muss tunneln. Ich empfehle einen Server in Russland, dann kann man gleichzeitig mal sehen, wie eingeschränkt das Internet dort ist. Ich jedenfalls bekomme auf alle Seiten Zugriff und auf die GEMA-zensierten sowieso.