3. Kapitel

„Anarchie, Anarchie! Ich verstehe nicht, was das soll mit der Anarchie. Ist das jetzt eher links oder doch eher rechts? Wo steht das denn jetzt politisch und gesellschaftlich?“ Markus wollte endlich etwas Konkretes in der Hand haben und nicht immer dieses philosophische Weder-Noch. Wir saßen schon über eine Stunde beisammen, lasen uns langsam, absatzweise tastend vorwärts. Der von uns ausgewählte Text war auf den ersten Blick einfach, doch immer wenn wir uns über den Inhalt eines Absatzes verständigen wollten, merkten wir, wie unterschiedlich unsere Auffassungen waren. Es war, als würden wir unterschiedliche Texte lesen.
„Sollen wir einfach für heute Schluss machen und zum Bier übergehen?“ Meine Frage stieß sofort auf Zustimmung. Ich kümmerte mich um Bier, Aschenbecher, Flaschenöffner. Die Bierflaschen wurden geöffnet und durch gegenseitiges Anschlagen zum Klirren gebracht, die Raucher griffen zu den Zigaretten, wir lehnten uns zurück. Unmittelbar war eine Atmosphäre der Entspannung entstanden.
„Kann es sein, dass wir auf einer ganz falschen Ebene denken? Wir denken ständig im Rahmen von irgendwelchen politischen Theorien, aber hier geht es doch um persönliches Erleben. Wir müssen einen Schritt zurück machen, vor jede Theorie.“ Dietmar ließ genüsslich den tief inhalierten Zigarettenrauch aus seinen Lungen entweichen.
„Stimmt! Das könnte der Schlüssel sein. Wir denken zu kompliziert, zu sehr an den Worten vorbei, und verzetteln uns in unserem jeweiligen Wissen.“ Ich hatte das Gefühl, Dietmar hatte uns auf die richtige Fährte gebracht. „Sollen wir dem gleich nachgehen oder es auf das nächste Mal verschieben?“
„Wie geht eigentlich deine Geschichte mit Sebastian weiter? Ist da jetzt bald mal Hochzeit?“ Olaf wollte ganz offensichtlich nicht weiter über unseren Text, Anarchismus und Erfahrung sprechen. Ein Blick in die Runde versicherte mir, auch die anderen waren an einer Fortsetzung der Diskussion im Moment nicht interessiert.
„Gut. Wo waren wir stehen geblieben? Ich weiß das nicht mehr.“
„Bei der Wegbeschreibung, die in zwei unterschiedliche Richtungen führt.“ Volkmar entfachte das Licht der Erinnerung. „Genau! Wir wussten es wirklich nicht, Sebastian wollte aber Klarheit.“

Aber statt eine weitere Email an Andrew zu schreiben, sann Sebastian darauf, das Verfahren abzukürzen, und griff zum Telefon. Es ging niemand ran. Sebastian hatte eine erste, noch recht wohl temperierte Aufwallung. Ich versuchte für Abkühlung zu sorgen, indem ich die beiden möglichen Deutungen mit Kartenmaterial aus dem Internet verglich, aber schnell war ich dabei, einfach nur ziellos drauf loszuklicken. Das Chaos der anderen begann sich auf uns zu übertragen. Dann fand ich allerdings mehr oder weniger zufällig eine Möglichkeit, den Weg unserer Deutungsvariante 2 mit dem Weg der Deutungsvariante 1 zu verbinden. Wir konnten also durch das Zentrum der Inselhauptstadt fahren, falls sich die beschriebene Villa dort nicht finden lassen würde, konnten wir nahezu ohne Umweg unseren Weg einfach ins Zentrum der Insel fortsetzen und würden dann, so nahm ich an, dort auf das Brautpaar und die Gäste stoßen. Es galt nur, nun auch zügig aufzubrechen, denn falls sich Deutungsvariante 2 als richtig erweisen sollte, waren wir schon recht spät dran. Das trug wiederum nichts zum Wiedererreichen von Sebastians Ruhe und Gelassenheit bei, denn nun wurde es hektisch. Das von Andrew und Susan mühsam ausgearbeitete Chaos war nun vollständig über uns gekommen.Duschen, anziehen, ab ins Auto und los. Nach einer Fahrt von zwanzig Minuten erreichten wir das Ziel von Deutungsvariante 1 und was soll ich sagen? Lieber nichts. Wir fuhren einfach weiter. Schweigen. Nach etwa fünf Kilometern begannen wir zu lachen.Unser Lachen verebbte und gab einer anderen Stimmung Raum. Sebastian setzte zu einer zweiten, nicht mehr ganz so wohltemperierten Gefühlsaufwallung an. Er wiederholte das schon Gesagte, gab dem Ganzen aber eine andere emotionale Tönung. Während seine erste Aufwallung noch ins warm Gelbliche tendierte, war diese zweite ein schon ziemlich heißes Glutrot. Immerhin war die Landschaft ganz schön, doch auch sie wechselte nach und nach ihr Erscheinungsbild, wurde immer rauer und zerklüfteter, als müsste sie ein Abbild für Sebastians Stimmung werden. Doch Landschaft und Stimmung sind nur als Stilmittel in Romanen und Erzählungen wohl verknüpft. Auf unserer Fahrt ins Zentrum der Insel wechselte Sebastians Stimmung erneut, wurde wieder sanftmütig und heiter, während die Landschaft draußen weiterhin rau und kantig blieb. Ein Beweis dafür, dass es sich bei meiner Erzählung  nicht um eine erfundene Geschichte handelt.

Dietmar und Olaf lachten, Markus grinste. „Schöner erzählerischer Schachzug“, meinte Volkmar.
„Mir fiel gerade nichts besseres ein“, entgegnete ich. „Aber die Geschichte ist natürlich wahr. So wahr, wie Geschichten eben sein können.“
„Das klingt jetzt aber sehr abgründig. Wenn du die Fakten schilderst, ist es eine wahre Geschichte, wenn Du was hinzufügst, ist sie nicht mehr ganz so wahr. Lernt man ganz früh im Journalismus.“
„Die einzigen, die das glauben, sind vermutlich die Journalisten. Wahrscheinlich ein zentraler Grund, warum wir so schlechten Journalismus haben.“ Dietmar grinste, Markus wurde rot. „Entschuldigung, war nicht als Angriff auf dich gemeint.“
„Dann erkläre mal bitte.“ Markus‘ Gesichtsröte legte sich wieder.
„Man kann auch was weglassen.“
„Oder man kann Begriffe wählen, die Zusammenhänge suggerieren, wo keine sind.“ Volkmar stieg in die Diskussion ein. „Oder man kann im Gegenteil Begriffe benutzen, die konkrete Zusammenhänge leugnen.“
„Das erste verstehe ich, das zweite nicht“, sagte ich. „Mach doch mal ein Beispiel.“
Volkmar dachte einen Moment nach. „Staatsschuldenkrise ist glaube ich ein sehr gutes Beispiel.“
„Inwiefern.“
„Es leugnet einen Zusammenhang. In der Eurokrise gab es folgenden zeitlichen Ablauf: Erst mussten die Banken gerettet werden, weil diese sich ziemlich verzockt haben, nachdem sie jahrelang das Halleluja auf die Deregulierung gesungen haben, wodurch die ganze Zockerei erst möglich wurde. Um die Banken zu retten, haben sich Staaten hoch verschuldet. Im Anschluss diskutiert man ausschließlich über die hohe Verschuldung der Staaten und kann so Einschnitte vor allem in den Sozialhaushalten durchsetzen, kürzt Löhne und Gehälter und tut so, als könnten Staaten generell mit Geld nicht umgehen. Die Verknüpfung von Bankenkrise und Staatsverschuldung kommt gar nicht mehr vor. Die Banken und ihre Misswirtschaft sind als Thema aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Kluger Trick der Bankenlobby, der ohne eine willfährigen Helfer namens Journalismus gar nicht möglich gewesen wäre. So blöd kann die versammelte deutsche Journaille nicht sein, dass sie alle das nicht durchschauen. So korrupt allerdings schon.“
„Gut gewähltes Beispiel.“ Ich hatte verstanden, was Volkmar meinte.
„Bisschen verkürzt ist das schon.“ Dietmar zündete sich eine Zigarette an.
„Aber im Grundsatz richtig, oder?“
„Im Grundsatz schon.“ Dietmar blies Rauch durch die Nase und wollte zu einer längeren Rede ausholen. Mir reichte ‚Im Grundsatz schon‘ jedoch völlig aus.
„Ich glaube, ich habe kapiert, was Volkmar meint. In meiner Erzählung bin ich nicht korrupt. Ich versuche jedoch schon, es euch leicht zu machen. Es soll spannend sein. Daher lasse ich schon mal etwas weg, oder male etwas aus. Pointiere hier und da. Sonst ist es doch zu langweilig.“
„Also ist die Geschichte erfunden oder ist sie echt?“ Markus wollte Klarheit. „Mit ‚echt‘ meine ich, ist das alles wirklich so passiert?“
„Ich war mit Sebastian auf Teneriffa auf der Hochzeit eines Freundes von Sebastian. Das ist schon richtig.
„Also ist alles, was du erzählst, wahr?“ Markus insistierte.
„Es ist erzählt. Es folgt, wenn du mich jetzt so direkt fragst, der Logik des Erzählens, nicht der Logik der Wahrheit.“
„Was willst du damit sagen? Es ist erfunden, höre ich da raus.“
„Er will damit sagen, er drückt manchmal auf die Tube, damit es spannend rüberkommt und wir nicht wegpennen.“ Volkmar wollte mir helfend zur Seite springen.
„Zum einen das, zum anderen geht es aber auch um das Erzählen selbst. So wie ich heute die Geschichte erzähle, würde ich sie morgen wahrscheinlich nicht mehr erzählen. Ich würde die Akzente anderes setzen, würde die Charaktere anders ausleuchten, würde eine andere Verfassung in die Erzählung einfließen lassen. Meine Erzählung hat nicht nur etwas mit dem Inhalt des Erzählten, sondern auch mit dem Moment des Erzählens zu tun. Wenn ich sie anderen erzähle, ist die Geschichte auch anders.“
„Du meinst, die Personen in deiner Erzählung sind andere, wenn du die Geschichten anderen Personen erzählst?“, fragte Olaf.
„Im Grunde schon“, antwortete ich.
„Falsch! Die Personen sind dieselben, nur die Geschichte über die Personen ist eine andere. Die Fakten hinter den Geschichten sind identisch. So läuft das“, warf Markus ein.
„Ich weiß nicht. Ich glaube eher, wenn sich die Erzählungen über eine Person verändert, verändert sich mit ihr die Person. Es gibt keine hinter der Erzählung liegende reale Person.“ Ich hatte eine wichtige Entdeckung gemacht.
„Das würde bedeuten, letztlich sind wir alle nur Text?“ Dietmar war sich nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte.
Olaf beugte sich interessiert nach vorne. „Wir sind alles nur Erzählungen?“
„Richtig, wir sind nur Erzählungen, die sich in einer Erzählung eine Erzählung erzählen.“
„Geil! Zum Glück habe ich heute keinen geraucht“, meinte Volkmar. „Ich käme jetzt mit Sicherheit komisch drauf. Wie geht die Erzählung in der Erzählung denn nun weiter?“
„Wir fuhren also durch diese Vulkanlandschaft.

Ich war Beifahrer und konnte mich ganz der Betrachtung der vorbeiziehenden Landschaft überlassen. Viel Spannendes zu sehen gab es nicht, im wesentlichen handelte es sich um Vulkangestein. Das wird auf die Dauer langweilig. Meine Augen wurden schwer und ich kämpfte einen inneren Kampf gegen das Einschlafen. Jetzt wegzudösen hätte ich aber unhöflich gefunden, ohne genau benennen zu können, warum. Allerdings war es für ein Nickerchen inzwischen eh zu spät, da wir uns nun dem Ort näherten, von dem wir vermuteten, er könne unser Ziel sein. So ganz sicher waren wir uns da immer noch nicht. Was allerdings für diesen Ort sprach, war die Tatsache, dass sich zwischen all dem öden Vulkangestein einige Menschen fanden, die offensichtlich zwei weiteren Autos entstiegen waren. Beim Näherkommen sagte Sebastian etwas, das ich nicht so genau verstand. Es hörte sich an wie “Oh nein! Nicht diese dumme Kuh!”

„Ist die dumme Kuh jetzt so real wie ich oder nur erzählt?“ Markus war immer noch mit der Frage nach dem Verhältnis von Erzählung zur Realität beschäftigt.
„Das läuft letztlich auf dasselbe raus.“ Olaf hatte dagegen den Sprung in den Abgrund schon getan.
„Mädels, mir reicht es für heute. Ich bekomme gerade eine Hirnwindungskolik.“ Es war dieses Mal Volkmar der den Abschied einleitete. Wenige Minuten später saß ich allein im Zimmer. Ich war glücklich, auch wenn ich nicht wusste, woher dieses Glücksgefühl kam. Eine stille Zufriedenheit durchströmte mich.

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