Von der Rückkehr des Militarismus und der deutschen Unfähigkeit zum Frieden

Russland ist imperialistisch. Putin will nicht nur die Herrschaft über die Ukraine. Ist die Ukraine erst einmal von Russland eingenommen, dann wird Putin nicht Halt machen, sondern Länder der EU angreifen, um sie sich ebenfalls einzuverleiben. Polen, das Baltikum, aber auch Deutschland sind von diesem imperialistischen Hunger Russlands direkt bedroht. Das ist im Kern die Geschichte, die man in Deutschland erzählt, um die Rückkehr zum deutschen Militarismus zu rechtfertigen. Das Erschreckende daran ist: Viele glauben sie. Dabei ist sie frei erfunden. 

Es gibt hier in Russland keine Anzeichen für einen Plan, die Länder Westeuropas zu überfallen. Es wird hier in Russland im Gegensatz zu Deutschland auch kein Feindbild aufgebaut. Es wird zwar kritisch über die Vorgänge in Westeuropa und Deutschland berichtet, aber Hetze in einem mit Deutschland vergleichbaren Maßstab wird hier nicht betrieben. In Deutschland dagegen wird durch Propaganda und Desinformation aktiv Hass und das Gefühl erzeugt, von Russland unmittelbar bedroht zu sein. Außenminister Johann Wadephul erklärt Russland ganz offen zum ewigen Feind. Analoge Äußerungen finden sich in der russischen Politik nicht. Wadephul, seit einem Jahr deutscher Chefdiplomat, hat bisher keinen Kontakt nach Moskau aufgenommen, obwohl es viel zu besprechen gäbe. Er verweigert sich der Diplomatie. Deutschland setzt wieder auf militärische Lösungen in den internationalen Beziehungen.

Dass viele Deutsche sich tatsächlich von Russland bedroht fühlen, hat etwas damit zu tun, dass der deutsche Informationsraum weitgehend abgeschottet ist. Ein System bestehend aus Gleichschaltung und Koordinierung der großen Medien, unterstützt durch Zensur sowie Sanktionen und Schikanen gegenüber kritischen Journalisten führt dazu, dass Informationen von außen schwer eindringen und kritische Stimmen rar und kaum vernehmbar sind. Dieses System wird von der deutschen Journaille aktiv unterstützt. Von repressiven Maßnahmen betroffene Journalisten können nicht auf die Solidarität ihrer Kollegen oder der entsprechenden Verbände hoffen. Im Gegenteil.

Das Narrativ der russischen Bedrohung ist daher im deutschen Informationsraum vorherrschend. Falschinformationen über Russland können völlig folgenlos verbreitet werden. Mit Korrektur und Richtigstellung in nennenswertem Umfang muss nicht gerechnet werden. Die Folge ist: es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Ich schaue täglich aus Russland auf die deutsche Nachrichtenlandschaft und kann versichern, das von deutschen Medien gezeichnete Russland-Bild ist völlig verzerrt. Es wirken alte Erzählungen aus der Nazizeit nach. Der deutsche Mainstream bedient sich rassistischer Klischees. Probleme und negative Entwicklung, die es in Russland wie überall auf der Welt auch gibt, werden in der deutschen Berichterstattung maßlos übertrieben, positive werden verschwiegen und geleugnet. Es wird aus dem Kontext gerissen und oftmals schlicht gelogen. Das heute von deutschen Medien gezeichnete Russland-Bild schließt wieder an die Propaganda der Nazis an: Russland ist ein unterentwickeltes Land, der Russe ist zurückgeblieben, bekommt nichts auf die Reihe, säuft, vergewaltigt und ist ausgesprochen brutal. Mit der Realität hat das nichts zu tun. In Deutschland schickt man noch Faxe, in Russland nicht.  

Wer sich in den sozialen Netzwerken umschaut, stellt jedoch fest, die Propaganda fruchtet. Vor allem die Westdeutschen glauben diesen Unsinn. Die Ostdeutschen sind etwas resistenter, die ältere Generation hatte noch direkten Kontakt zu sowjetischen Soldaten. Den Westdeutschen fehlt diese Erfahrung. Sie vertrauen dem, was die Medien erzählen. 

Auch das stellt eine Kontinuität dar. Ein relevanter Teil der Deutschen hat Vertrauen in die Verlässlichkeit der deutschen Medien – trotz der gemachten gegenteiligen historischen Erfahrungen. Es gibt eine für den Selbsterhalt bedrohliche Lernresistenz innerhalb der deutschen Gesellschaft.
Lernresistent ist die deutsche Gesellschaft zudem gegenüber der Wiederholung historisch gemachter Fehler. Zum dritten Mal innerhalb von etwas mehr als einhundert Jahren setzt Deutschland auf Militarismus. In Verbindung mit Zensur, Repression und gleichgeschalteten Medien ist klar, in welche Richtung die Entwicklung geht. Die Bedingungen, dass der deutsche Weg erneut in die Katastrophe führt, sind geschaffen. Dass Deutschland aus eigener Kraft zur Besinnung findet, ist unwahrscheinlich. Über das dazu notwendige geistige Potential sowie den notwendigen ethischen Kompass verfügen zwar viele Deutsche, die deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit aber nicht, zeigt die Geschichte. 

Von russischer Seite gibt es übrigens das Angebot, einen gemeinsame Sicherheitsarchitektur für Europa auf dem Prinzip der Unteilbarkeit von Sicherheit zu errichten. Wenn sich alle Länder voreinander sicher fühlen, auch Russland vor Westeuropa, ist die zentrale Bedingung für dauerhaften Frieden erfüllt, argumentiert man in Russland. In Deutschland wird über diesen Vorschlag nicht diskutiert. Er wurde noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Man verbleibt lieber im Blockdenken, der ewigen Konfrontation und dem Willen zum Krieg. Der Schluss muss daher lauten, Deutschland ist zu Frieden leider völlig unfähig.

Ein Kommentar zu „Von der Rückkehr des Militarismus und der deutschen Unfähigkeit zum Frieden

  1. Ich kann dem Beitrag von vorn bis hinten zustimmen. Die Russophobie ist entsetzlich und gerade im Westen Deutschlands weit verbreitet. Die Leute lassen sich vom ÖRR berieseln und überlassen anderen das Denken. Ist bequemer.

Hinterlasse einen Kommentar