Causa Seppelt

Der selbsternannte Dopingexperte Hajo Seppelt darf nun doch nach Russland einreisen und bei der Fußball-WM vor Ort kräftig mitfeiern. Von seinen Behauptungen über Staatsdoping bleibt indes wenig übrig, sein Kronzeuge hat seine Aussagen widerrufen.

Seppelt, darauf weist die Russische Botschaft in Berlin hin, gilt zwar nach wie vor als unerwünscht, aber …

weiterlesen auf ksltcjp_

„Wie heißt Green Deal auf Russisch?“ Vergiftete Tipps von der Heinrich-Böll-Stiftung für Russland

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich mit dem Thema der ökologischen Umgestaltung der russischen Wirtschaft befasst. Während die üblichen Verdächtigen ihre bekannten Zerrbilder ausbreiteten, konnten Experten einen realistischeren Blick auf die Lage vermitteln.

Für den 22. November hatte die Heinrich-Böll-Stiftung zur Podiumsdiskussion geladen. Überschrieben war die Veranstaltung mit der Frage: „Wie heißt New Green Deal auf Russisch?“ Interessant war der Abend nicht nur im Hinblick auf das Sachthema selbst, das die Vision eines Wandels der russischen Ökonomie hin zu ökologischem, so genanntem nachhaltigem Wirtschaften anklingen ließ. Interessant war er vor allem dadurch, dass die ideologischen Leitlinien der Heinrich-Böll-Stiftung und ihres ehemaligen Vorstandes Ralf Fücks deutlich sichtbar wurden.

 

weiterlesen auf ksltcjp_

Russische Propaganda 5 – Schusswaffengebrauch der Moskauer Polizei

Es waren mal wieder anti-russische Wochen in der queeren Community Berlins. Man empörte sich erneut über irgendwas, was in Russland vorgegangen sein sollte, wofür aber wieder mal jeder handfeste Beleg fehlte.
Irgendeine deutsche LGBT-Organisation mit Georg Soros und Human Rights Watch als finanz- und  kampagnenstarke Partner im Rücken hatte zu einer öffentlichen Empörungskundgebung gerufen. Es waren als Redegäste Vertreter von anderen Organisationen geladen, die ebenfalls Georg Soros und Human Rights Watch als finanzstarke Partner ausweisen konnten.
Es empörte sich also eigentlich nur Georg Soros und das US-State Department, aber durch den Wechsel der Redner, die unterschiedliche Unterorganisationen des Soroschen NGO-Imperiums und des US-Empörungsdepartments repräsentierten, entstand der Eindruck von Vielfalt, obendrein noch der Eindruck von Wahrheit. Vermeintlich unterschiedliche Quellen behaupteten Ähnliches. Dann musste was dran sein.
Avaaz  durfte nicht fehlen, war daher auch zur Stelle, um möglichst viele Empörungswillige mit einheitlich gestalteten Plakaten auszustatten, damit das ganze auch ordentlich aussah und nicht wie Kraut und Rüben durcheinander gewürfelt wirkte. Ein schön gestalteter, einheitlicher Aufmarsch macht sich im Fernsehen einfach besser.

Ich stand rum und lauschte den Worten eines Redners, der von den Schrecken des Schwulseins in Russland erzählte, da wurde ich von der Seite angequatscht.
„Heftige Scheiße, was die da mit uns machen in Russland, oder?“
Ich konnte mich über meine Behandlung in Russland eigentlich nicht beschweren, im Gegenteil, entschloss mich aber, das für den Moment für mich zu behalten. Ich drehte mich in Richtung der Stimme und blickte in ein paar sehr junge, braune Augen.
„Warst du denn schon mal in Russland?“, wollte ich von meinem Nachbarn wissen.
„Klar! Voll krass da!“, war die Antwort. „Bin Heitor, bin DJ.“ Er bot mir die Hand dar, ich ergriff sie, nannte meinen Namen.
Ob er vom DJ sein denn leben könne, wollte ich wissen.
Er stünde noch am Anfang seiner Karriere, bekäme daher noch Geld vom Amt. Allerdings hätte er ein paar Clubs an der Hand, da würde er seinen Exotenbonus ausspielen, das ging dann schon alles klar, war sich Heitor sicher.
Seine Mutter sei nämlich Afrobrasilianerin, weswegen er auch diesen Schoko-Teint hätte. Aufgewachsen sei er aber hier. Auf eine Waldorf-Schule sei er gegangen, deswegen hätte er sicher auch was Schräges an sich. „Da bleibt was zurück“, meinte er.
Das waren wirklich sehr viele Informationen auf einmal. Das Schräge, das Heitor an sich hatte, schien mir allerdings weniger das Resultat einer anthroposophischen Erziehung, sondern  eher das Ergebnis einer kräftigen Line Speed zu sein, die zu einem ebenso kräftigen Laberflash geführt hatte. „Schoko-Teint“ hätte ich mir niemals erlaubt zu sagen. Hautfarbe ist mir ohnehin schnurz. Aber das sich jemand selbst rassistisch markiert, das war mir neu.
Der Laberflash war noch nicht zu Ende. Es war nämlich so, dass die Abschlussfahrt seiner Klasse an der Waldorfschule ihn nach Russland, genauer nach Moskau geführt hat. Dort gab es nämlich eine große anthroposophische Gemeinde. Seine Schule hätte da guten Kontakt hin. Sie seien da bei den Familien russischer Anthroposophen untergekommen….
Ich hinkte in der gedanklichen Verarbeitung des Gehörten jetzt schon ziemlich hinterher. Es ging alles etwas schnell. Von einem Hang der Russen zur Anthroposophie hatte ich noch nie gehört.  Und dass ein Lehrer sich den Mühen unterzieht, für eine ganze Klasse Visa zu beantragen oder die Eltern von der Notwendigkeit zu überzeugen,  es zu tun, schien mir irgendwie merkwürdig. Es ist ja nicht mit einem Antrag getan, man braucht ja auch noch eine entsprechende Auslandskrankenversicherung, eine Einladung, Verdienstbescheinigung. Ob es sowas wie ein Klassenfahrtvisum für die Russische Föderation gab? All das ging mir durch den Kopf da waren wir allerdings schon beim übernächsten Thema.
Auf seiner Klassenfahrt zu den anthroposophischen Russen ist Heitor nämlich der reine russische Rassismus begegnet. Die Gegend erkundend sei er durch die Moskauer Straßen gezogen, als sich plötzlich, ohne dass er irgendwas gemacht hätte, eine Polizeipatrouille vor ihm aufbaute, ihn auf die Knie zwang und ihm eine Knarre an den Kopf hielt. Einfach so, wegen seiner Hautfarbe. Menschen standen um ihn rum, zeigten mit dem Finger auf ihn, lachten ihn aus und applaudierten den Polizisten.
„Aber die Polizei-Patrouillen in Moskau tragen doch gar keine Schusswaffen! Die sind alle höchstens in deinem Alter und haben gerade mal einen Schlagstock dabei. Das ist doch nicht Amiland“, entfuhr es mir.
Ob ich an seinen Worten zweifeln würde, wollte Heitor wissen.
Eigentlich wollte ich so ziemlich ganz genau das, konnte es aber nicht äußern, denn es ging schon weiter.
Die Polizisten jedenfalls zwangen ihn mit auf die Wache zu kommen, mit der Knarre am Kopf. Dort musste er sich ausziehen und stundenlang nackt in einer Zelle stehen, bis ihn seine Gastfamilie abholen kam.
„Und diese Geschichte findet hier in der Community dankbare Zuhörer?“, wollte ich wissen.
„Du behauptest, dass ich lüge? Du hörst doch, dass das wahr ist, was ich erzähle“, meinte Heitor mit dem Fingerzeig auf die Rednerbühne.

Genau das aber ist das Problem. Über Russland kann man ungestraft so ziemlich jeden Unsinn erzählen, von dem man glaubt, er würde einem die Aura von Interessantheit verleihen. Das Gesagte findet garantiert willige Abnehmer. Je grausamer und brutaler, desto mehr Zuhörer. Da können die Geschichten noch so unstimmig sein. Wenn es um Russland geht, wird in den entsprechenden Kreisen jeder Blödsinn bereitwillig geglaubt. Und nach genau diesem Strickmuster waren auch die beständig wiederkehrenden anti-russischen Wochen der queeren Community gestrickt.

Wer betreibt hier wirklich Propaganda? Eine Einordnung.

Während die aktuelle Medienkrise in Deutschland ihre Ursache auch in der Verschlankung der Redaktionen und groß angelegten Übernahmen von Verlagen in den 1990er Jahren hat, die zu einer starken Konzentration von publizistischer Macht in wenigen Händen geführt hat, ist in Russland das Gegenteil passiert. Die Presselandschaft ist wesentlich breiter und vielfältiger. Einzelne Verlagshäuser geben oft lediglich eine große Zeitung heraus. Die Vernetzungen der Chefredaktionen mit den immer gleichen Think-Tanks, wie das in Deutschland gängige Praxis ist, sucht man in Russland vergebens. Entsprechend breiter ist das Meinungsspektrum, das sich der Öffentlichkeit eröffnet.

Gleiches gilt für Radio und Fernsehen. Der überwiegende Teil des Angebots ist im Gegensatz zum hier verbreiteten Bild übrigens nicht staatlich, sondern privat.

Ausländische Sender und ihre Aufträge

In dieser Presselandschaft agieren freilich auch ausländische Staatssender, die eine politische Agenda verfolgen. Drei dieser Sender sind der US-amerikanische Staatssender Radio Swoboda, die BBC und die Deutsche Welle.

 

mehr lesen auf ksltcjp_

Stabilität statt Chaos – Warum der Westen ein Auslaufmodell ist

Die Stellvertreterkriege, die der Westen gegen Russland richtet, entwickeln sich höchst unterschiedlich. In Syrien kehrt die Normalität zurück, in der Ukraine hingegen stößt das irrationale Vorgehen der Regierung selbst glühende Befürworter vor den Kopf.

weiterlesen auf ksltcjp_

Der russische Außenminister Sergej Lawrow – Vortrag und Diskussion in Berlin

Am 14. Juli war der russische Außenminister Lawrow zu Gast in Berlin. Die Körber-Stiftung hatte ihm ein Podium eröffnet, auf dem Lawrow über aktuelle Probleme sprach. Lawrow legt klar die Sichtweise Russlands dar, analysiert plausibel die westliche Politik sowie die Entwicklung der letzten Jahre und zeigt mögliche Wege aus der Krise. 

Es ist  nichts weniger als ein weiteres Angebot zur Zusammenarbeit auf den aktuell wichtigen Feldern, das Lawrow hier präsentiert.

Wie wenig diese durchweg aufgeklärte Haltung und das dialektische Denken in  der deutschen Polit-Kultur noch vertreten ist, zeigt dann die Fragerunde.

Volker Beck (Grüne) und Elisabeth Motschmann (CDU) sind das Beispiel jener Politiker, die sich selbst nicht mehr um Aufklärung bemühen, sondern nur noch feste Positionen und Sprachregelungen vertreten, ganz unabhängig von einer Überprüfung der Fakten und ohne jedes diplomatische Verständnis. Völlig unkritisch sind sie dem Material gegenüber, dass ihnen seitens irgendwelcher NGO’s zugeliefert wird.

Wenn Volker Beck im Hinblick auf die Situation in Tschetschenien von „Berichten“ über die Verfolgung von Schwulen spricht, müsste er eigentlich wissen, dass das falsch ist. Es gibt keine Berichte, es gibt lediglich einen einzigen Bericht in der Novaja Gaseta. Alle anderen Berichte wie zum Beispiel der von Human Rights Watch oder der Bericht von Vice sind der Zwei- und Drittaufguss dieses einen Berichts. Dort wird nichts Neues hinzugefügt.

Und wenn jede Ermittlungsarbeit seitens der Russen von deutschen Medien, insbesonderen der Organe der queeren Szene noch vor jeder Prüfung infrage gestellt werden, einfach nur weil die Ermittler Russen sind, dann müsste er auch wissen, dass Lawrow recht hat mit seiner Feststellung, es gäbe hier im Westen Russophobie. Ein immens großes Problem, so groß, dass wir es beständig übersehen. 

Sachlich und aus dem Geiste der Aufklärung heraus ist es in keinem Fall, was hier bei uns politisch passiert. Das sieht man deutlich an der Verdrehung der Fakten in Bezug auf die Krim durch Beck. Das von ihm erwähnte Budapester Memorandum über die Grenzen in Europa legitimiert nämlich in keiner Weise einen Putsch, wie er vom Westen in der Ukraine betrieben wurde. Auch lässt sich diskutieren, ob nicht die USA gegen das Memorandum zuerst verstoßen haben. Mit dem Putsch in der Ukraine muss die Erzählung über die Krimkrise aber beginnen, denn ohne ihn ist die Abspaltung der Krim nicht denkbar. Diesen Teil lässt Beck aber geflissentlich aus.

Jenseits jeglicher Vernunft, aus reiner Emotion heraus argumentiert dann Elisabeth Motschmann, Mitglied der CDU und des auswärtigen Ausschusses. Allein schon in der Wortwahl gibt sie jede Verbindung zu einer an den Werten der Aufklärung sich orientierenden Leitkultur preis. Völkerrecht und international Verträge haben für die CDU-Politikerin keinerlei bindenden Charakter mehr. Nur die eigene emotionale Aufwühlung ist ihr Richtschnur.

Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel hat an der Veranstaltung nicht teilgenommen – er ließ sich aufgrund von gesundheitlichen Problemen entschuldigen.

Urlaub in Russland: Die Region Krasnodar

Russland, so ist geht ein weit verbreitetes Vorurteil ist ein kaltes Land. Kaum einer denkt an ausgedehnte Strände, subtropisches Klima mit langen Zypressenhainen und Weinanbau, lauen Nächten und perfektem Badewetter. Genau das allerdings bietet die in Südrussland gelegene Region Krasnodar.

weiterlesen auf ksltcjp_

Wahlen hier und dort

In Berlin sind morgen Wahlen. Ich weiß bis jetzt noch nicht, was ich wählen soll. Der Wahlkampf war schlapp und mau, die Themen und Thesen hohl und schal. Die Kampagnen und Programme unterscheiden sich lediglich ästhetisch, inhaltlich jedoch kaum. Das gilt nicht nur für Kommunalwahlen, auch bei den Landtagswahlen war es ähnlich.

Morgen sind auch Wahlen in Russland. Die Duma wird gewählt. Das entspricht in etwa unserer Bundestagswahl. Und während die etablierten Parteien hier in Deutschland durch ihre thematische Nähe auffallen, kann man russische Bürger unter demokratischen Aspekten nur beneiden. Die haben tatsächlich was zu wählen. Es gibt da Kommunisten, Sozialisten, die Partei “Einiges Russland”, die sich inzwischen vom Neoliberalismus verabschiedet hat, Sozialdemokraten, die den Namen verdienen, Liberale, die den Neoliberalismus nach wie vor ganz toll finden, und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten, im Gegensatz zur hiesigen Parteienlandschaft, die in ökonomischen Fragen alle weitgehend gleichgeschaltet sind und Alternativlosigkeit predigen, macht der russische Wahlzettel mit den unterschiedlichen ökonomischen Alternativen zum hiesigen System vertraut.

Die Idee, man müsste eine so wichtige Frage wie die ökonomische der politischen und gesellschaftlichen Steuerung entziehen und im Gegenteil Gesellschaft sogar durch ökonomische Zwänge steuern lassen, zeigt den intellektuellen Niedergang der westlichen Welt. Blöder geht eigentlich nicht, nur vielleicht dadurch, dass die Medien diese Idiotie nicht nur mitmachen, sondern sogar befördern.

Es war der Philosoph Ludwig Feuerbach, der nachwies, dass Gott etwas ist, das als Projektionsfläche vom Menschen geschaffen wurde. Gott ist ein kulturelles Produkt. Es war die Aufklärung, die uns von der Absurdität befreit hat, uns unter etwas zu unterwerfen, was wir selbst geschaffen haben.

Heute unterwerfen wir uns dem “freien Markt”. Auch der ist irgendein metaphysisches Dingsbums, das wir selbst geschaffen haben, um uns ihm total zu unterwerfen. „Wie dumm kann man sein?“, muss man an dieser Stelle fragen.

Diese Totalunterwerfung unter das Prinzip des freien Marktes erkennt man an der epidemischen Ideenlosigkeit der Parteien, ihrer Gleichförmigkeit, die sich darin äußert, dass sie sich nur noch über Marginalien streiten. Burkaverbot und Homoehe besipielsweise; völlig irrelevante Themen, wenn es darum geht, gemeinsamen Wohlstand und darüber gesellschaftliche Zusammenhalt zu befördern. Entsprechend driftet Gesellschaft auseinander und radikalisiert sich, denn sie hat keinen Ort mehr, der ihr zentrales Interesse repräsentiert. Die westliche Bürgerschaft ist politisch verwaist, weil Politik über Parteigrenzen hinweg auf die zentrale Frage die immer gleiche, nicht zielführende Antwort gibt: Der Markt richtet es, irgendwie.
Denn natürlich ist die Verteilungsfrage zentral. Sie nicht mehr zu stellen, sie im Gegenteil zu belächeln, treibt den Niedergang westlicher Demokratien voran. Denn das Faktum, dass Ökonomie ein zentraler Bestandteil von Politik zu sein hat, die zum Wohle aller zu regulieren ist, das hat Russland wohl verstanden. Bei uns besteht da aber ein gravierender Wissensmangel. Es braucht eine neue, mutige und mächtige Bewegung der Aufklärung, um uns aus dieser seit Dekaden im Westen wütenden Anti-Aufklärung zu befreien. 

Die Krim – Ein Jahr danach

Bereits im vergangenen Jahr habe ich die Krim besucht. Damals war ich überrascht von der Situation, die sich vor Ort so ganz anders darstellte als in unseren Medien beschrieben. Jalta war damals im Gegensatz zu den Behauptungen von Golineh Atai und ihren Mainstream-Kollegen gut besucht. Es gab auch keine Engpässe in der Versorgung, Jalta zeigte sich schon im vergangenen Jahr als subtropisches Ferienidyll. In diesem Jahr bin ich wieder nach Jalta gereist. Etwas zog mich hin zu diesem Ort. Ich hatte eigentlich geplant, einen anderen Ort in Russland zu besuchen, Sotchi vielleicht oder den Baikal-See. Russland ist groß, multikulturell, vielgestaltig, bietet daher eine große Auswahl an Orten, die es wert sind, bereist zu werden. Doch ich wollte nochmals auf die Krim. Ich hatte von ihr geträumt, immer wieder in den vergangenen Monaten. Immer wieder war ich nachts in ihre Schönheit eingelassen.

Ich plante eine zweiwöchige Reise. Zur Sommersonnenwende, den weißen Nächten, fuhr ich mit meinem Freund Pawel  nach Sankt Petersburg, anschließend reiste ich über Moskau auf die Krim.

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Krim in diesem Jahr nicht gut besucht, sie war schlicht voll. Es fing schon auf dem Moskauer Flughafen Vnukovo an. Ich hatte es für einen Fehler im Buchungssystem gehalten, als ich es auf meinem Ausdruck zu Hause gelesen hatte. Aber es war tatsächlich so, dass der knapp zweistündige Flug mit einer Boeing 747, dem zweitgrößten Passagierflugzeug der Welt durchgeführt wurde, das eigentlich für Langstreckenflüge ausgelegt ist, nun aber zwischen Moskau und Simferopol im Pendelverkehr eingesetzt wird, um den Andrang bewältigen zu können.

Der Flughafen in Simferopol ist für derart große Maschinen nicht ausgelegt. Das fängt schon beim Ausstieg an. Man verlässt die zweigeschossige Boeing über eine mobile Gangway und wird mit Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Das ist doch sehr ungewöhnlich. Bei den Gepäckbändern geht es weiter, sie sind viel zu kurz, um die große Zahl an Koffern aufzunehmen. Der kleine Flughafen, der im vergangenen Jahr an seiner Belastungsgrenze arbeitete, arbeitet jetzt jenseits davon. Entsprechend groß sind die Verspätungen, zu denen es kommt. Auf meinem Hinflug waren es fünf, auf meinem Rückflug immerhin noch knapp drei.

Die Nachfrage nach Urlaub auf der Krim wurde in diesem Jahr zusätzlich dadurch befeuert, dass für Russland die Urlaubsziele Türkei und Ägypten ausfielen, darüber hinaus bedingt durch einen ungünstigen Rubelkurs Reisen in die Eurozone unverhältnismäßig teuer sind.

Die Sanktionen gegen die Krim, die zu den Russland-Sanktionen die Halbinsel zusätzlich treffen sollen, sind noch in Kraft. Das heißt, die Krim ist noch immer vom SWIFT-Zahlungsverkehr abgeschnitten. Kreditkarten funktionieren daher nicht. Allerdings hat sich die Situation im Vergleich zum vergangenen Jahr doch verbessert. Zumindest für die Russen. Denn angesichts der Drohungen, im Rahmen eines erweiterten Sanktionsregimes Russland vollständig vom SWIFT-System auszuschließen und dem faktischen Ausschluss der Krim hat Russland ein eigenes Zahlungssystem entwickelt, das inzwischen auch in China eingesetzt werden kann. Die Krim-Sanktionen haben diese Entwicklung beschleunigt.

Kommt man aus der EU bedeutet das aber, dass man mit Bargeld anreisen muss. Weitere Sanktionen gegen die Krim sind unter anderem, dass in Reisebüros des Westens keine Reisen auf die Krim angeboten werden dürfen. Weiterhin erhalten die Bewohner der Krim kein Schengen-Visum. Sippenhaft. Ganz primitiv. Falsch abgestimmt, dann müssen alle dran glauben. Kennt man auch aus Griechenland. Der Westen zeigt in seinen Handlungen wenig Souveränität.
An der Haltung der Krimbewohner ändern die Sanktionen freilich nichts. Im Gegenteil erscheint vor Ort das westliche Sanktionsregime als reichlich absurdes Theater. Ich persönlich frage mich, warum westliche Regierungen die Forschungsergebnisse in Psychologie und Pädagogik so vehement ignorieren. Gesetzt den Fall, man hielte es für sinnvoll, und man will eine Verhaltensänderung erreichen, dann sind Stubenarrest und Taschengeldentzug als Mittel gegenüber einer Person völlig ungeeignet, die sich als eigenständig, voll entwickelt und daher auf Augenhöhe sieht. Es wirkt in seiner Unangemessenheit reichlich lächerlich, disqualifiziert daher eher den Sanktionerer als ernst zu nehmendes Subjekt. Das gilt für einzelne Individuen genauso, wie für Gruppen und Nationen.  

Die Krim ist von einer beeindruckenden Schönheit. Wie gesagt, hatte ich ursprünglich geplant, an einem anderen Ort in Russland meine freien Tage zu verbringen. Allerdings war der Drang, wieder auf die Krim zu fahren schließlich übergroß. Es gab da auch noch viel zu entdecken, schließlich hatte ich längst nicht alles gesehen. Es gab da beispielsweise Simeiz, das sich zu Jalta verhält wie Sitges zu Barcelona. Ein kleiner, gayfriendly Badeort, der laut Auskunft von Freunden wohl schon in der Sowjetzeit einschlägig bekannt war. Sowas gibt es in Deutschland nicht, im angeblich homophoben Russland komischerweise schon. Da stimmt wieder mal was mit der hiesigen Wahrnehmung nicht. 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Der Zugang zum dortigen FKK-Strand ist alles andere als barrierefrei. Man muss schon ein bisschen klettern und braucht feste Schuhe, um den zwar gut ausgeschilderten, aber doch sehr felsigen Weg hinab zu bewältigen. Dafür wird man unten angekommen um so mehr entschädigt. Die kleine Bucht bietet einen schönen Ausblick auf das Schwarze Meer, eingerahmt von Steilküste, die dem ganzen Szenario eine unglaublich ästhetische Dramatik verleiht.

Viele junge Leute sind in Simeiz, nicht nur, weil Europa derzeit teuer ist. Es herrscht hier ein anderes Flair. Obwohl gayfriendly fehlt die im Westen so typische schrille, fast schon hysterische Komponente. Keine Muskelmänner in High Heels, kein zur Schau getragener Fetischismus, außerhalb der Bars keine Drag-Shows. Wem das Schrille einer westlichen Gay Pride nicht liegt, wer aber trotzdem auf die Community nicht verzichten möchte, der wäre hier eigentlich richtig.

In Simeiz wird fühlbar, wie anders eine gay community auch möglich wäre. Allerdings werden diese Alternative die westlichen Vertreter à la Meth-Konsument Beck von den Grünen zu diskreditieren wissen. Unsere Transatlantiker mit emanzipatorischem Anstrich dulden nur eine Form der Darstellung von queerer Emanzipation, und die ist schrill, laut bunt, marktkonform, fokussiert auf die weiße, bürgerliche Mittelschicht, ein bisschen rassistisch und natürlich wenig Kultur sensibel. Es muss überall die gleiche Soße sein, sonst schmeckt es nicht. Diese nicht nur aber vor allem bei den Grünen weit verbreitete Haltung kann man mit einiger Berechtigung auch Kulturchauvinismus oder neokoloniales Denken nennen, zumal es in diesem Fall tatsächlich dazu eingesetzt wird, zu hetzen, zu spalten und eine Aggression gegen Russland zu schüren.

Von unglaublicher Überheblichkeit ist dieses Denken. Völlig verkürzt, auf ganz wenige Indikatoren reduziert, bemessen westliche, allen voran Grüne Politiker die Freiheit von Schwulen und Lesben in anderen Ländern. Gay Pride ja oder nein?  Wir haben das, die nicht. Schwule Ehe ja oder nein? Gibt’s bei uns, bei denen nicht. In ganz wenigen Kategorien erschöpft sich deren Bemessungsgrundlage. Heraus kommt dann, Russland sei ein homophobes Land. Die Unzulänglichkeit dieser Methode ist offensichtlich.  Als gebe es einen objektiven Gradmesser für Homophobie jenseits von so etwas wie offiziellem Verbot und Strafen. Alle Versuche, das zu ermitteln, sind bestenfalls diskussionswürdig, meist aber einfach Humbug.

Es war übrigens die Grüne Europaabgeordnete und Vorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms, die in Kiew aus der Regenbogenfahne eine Symbol westlichen Imperialismus’ gemacht hat. Man kann nur erschrecken über soviel Arroganz.
Mit ihrer fast ausschließlichen Ausrichtung auf kulturethische, liberale Fragen und ihrer Abkehr von der Frage nach Verteilungsgerechtigkeit sind die Grünen eben keine linke, emanzipatorische Partei mehr. Die SPD freilich auch nicht.  Und bei der Linken habe ich nicht erst seit dem Wagenknecht-Bashing große Zweifel. Deutschland ist geistig verarmt. 

Hinzu kommt die Kurzsichtigkeit und mangelnde Reflexion insbesondere der Grünen im Hinblick auf Kultursensibilität, wenn es um Russland geht. Hier herrscht Ignoranz in einem erschreckenden Ausmaß. Man kann hier gerne auch schon mal von blankem Rassismus sprechen. Anders lassen sich zahlreiche Irrationalismen bis hin zum offenen Hass bei Beck Harms und Co meines Erachtens gar nicht mehr erklären. Hier werden ganz offen doppelte Standards angelegt. 

Es ist zu wünschen, das Engagement für Minderheiten und ihre Rechte würden Harms und ihre korrekt gendernden MitstreiterInnen auch auf die USA anwenden. Aber auf die Teilnahme an einer illegalen Demonstration gegen rassistische Polizeigewalt von irgendwelchen Grünen wird man noch lange warten können. Nicht die kleinste Stellungnahme ist hier zu finden, obwohl sich gerade Grüne Politiker damit hervortun, jegliche diplomatische Gepflogenheit unter den Tisch fallen zu lassen und sich kräftig in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber nur, wenn es um Osteuropa geht. 

Unter anderem an dieser Asymmetrie in der Bewertung sieht man, wie unlauter ihr Engagement auch in Sachen Russland gegen den angeblich homophoben russischen Staat ist. Es ist einfach ein ganz gewöhnlicher transatlantischer Imperialismus unter dem Deckmäntelchen des Einsetzens für Minderheiten, der hier stattfindet.

Doch bevor mein Blutdruck weiter steigt, weg von den Grünen, hin zu Angenehmerem, wieder zurück nach Simeiz.
Simeiz wäre das ideale Ziel für alle, die einen idyllischen, ruhigen Strandurlaub in der Community verbringen wollen, aber auf die in den letzten Dekaden etablierten Symbole, das dionysisch Rauschhafte und die Klischees der westlichen gay community verzichten möchten, wären da nicht die Sanktionen, die einen Besuch in Simeiz für westliche Besucher zu einem Abenteuer machen, denn die ganze Reise muss allein organisiert werden. Auf Englisch als Brückensprache kann zudem nicht vertraut werden. Ein Austausch und ein Eindruck wird somit fast unmöglich gemacht. Allerdings ist es dieses Mal der Westen der hier einen zunehmend eiserner werdenden Vorhang errichtet.

Auf der Krim wird viel über Politik gesprochen. Man beschwert sich über steigende Preise, fordert mehr Unterstützung aus Moskau, sieht den Prozess der Integration zu langsam fortschreiten. Die Anbindung an die Ukraine wünscht dabei aber niemand.
Sicherlich: Man sieht auch Aggression und wehrt sich dagegen. Allerdings verortet man den Aggressor ganz woanders als es hier in den Medien dargestellt wird: Es ist die NATO, die auf der Krim als Bedrohung empfunden wird.

Auf dem zentralen Platz der Stadt Jalta vor dem großen Lenin-Denkmal gab es an meinem dritten Aufenthaltstag eine Demonstration gegen die NATO sowie gegen die Präsenz von US-amerikanischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer. In den Reden wurde darauf verwiesen, dass man hier immer wieder gegen die NATO demonstriert hatte, auch zu Zeiten, als die Krim noch zur Ukraine gehörte. Es wurde von früheren Bemühungen um mehr Autonomie und von Abspaltungsverlangen der Krim-Bewohner erzählt, es wurde hervorgehoben, wie dann die NATO immer Präsenz gezeigt und gedroht hätte.

Die Krim hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer wieder für mehr Autonomie gestritten. Schon 1994 fand ein Referendum statt, in dem mit überwältigender Mehrheit von 90 Prozent die Bürger der Krim für einen Anschluss an Russland votierten.

Die Bürger der Krim in ihrer Vielfalt fühlen sich Russland zugehörig. Das jetzige Referendum hat dem erneut Ausdruck verliehen. Ich habe keine Stimme gehört, die sich die Ukraine zurück wünschen würde. Das wäre auch seltsam, denn es ist deutlich, was die Alternative zu subtropischen, wirtschaftlich prosperierenden Ferienidyll wäre: Bürgerkrieg in einem scheiternden Staat, faschistische Bataillone und eine unglaubliche Korruption.

In Sankt Petersburg war ich es selbst, der die NATO als Aggressor empfunden hat. An einem Abend waren wir dort in der Oper, in Don Carlos. Es war ein unglaublich geglückter Abend, eine gute Vorstellung, hochbegabte Sänger, ein Orchester mit einem virtuosen Dirigenten verbunden mit einer interessanten Inszenierung. In der Pause überfiel mich dann der Gedanke an die Übungen der NATO und die Stationierung von unter anderem deutschen Soldaten kaum 160 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, die nichts anderes übten und kein anderes Ziel verfolgten, als all dies hier zu zerstören.

Hier bei uns wird die Meinung vertreten, Russland sei international isoliert. Ein Land, das ausschließlich für sich und seine Interessen kämpft. Wer nur ein bisschen außerhalb des Mainstreams nach Informationen sucht, wird feststellen können, wie schräg und verzerrt dieses Bild ist. Russland ist, oft als treibender Motor, in eine Vielzahl von transnationalen Projekten involviert. Da sind neben BRICS die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit, die Zollunion, die New Development Bank, die Asian Infrastructure Development Bank, usw. usf. Die Liste der Großprojekte, die eine weltweite Vernetzung von Handel, kulturellem Austausch und Zusammenarbeit vorantreiben, an denen Russland maßgeblich beteiligt ist, ließ sich noch weiter fortsetzen.
Allein Europa, die Europäische Union kommt in all diesen weltumspannenden Projekten, die die Weichen für eine Neuordnung der Welt bedeuten, bestenfalls am Rande vor. Es ist der Westen, der sich isoliert hat und den Anschluss verpasst. In Russland und den mit Russland kooperierenden Ländern wird gerade ganz groß und ganz visionär gedacht. Bei uns denkt man an schwarze Nullen, Austerität, Kleinklein und in Trippelschritten, man denkt an das Wohl der großen Konzerne und Banken während die Infrastruktur zerbröckelt.

Muss man sich wirklich überlegen, ob man diese Unterordnung von Politik unter die Ökonomie für alternativlos halten möchte. Ein Blick nach Osten zeigt, dass es nicht so ist. Dort gestaltet Politik Wirtschaft in ganz großem Maßstab.  Unter anderem auf der Krim wird das sicht- und fühlbar. In nur einem Jahr ist der Wohlstand hier deutlich gewachsen. Während er in der Ukraine und der Europäischen Union für die Mehrheit der Bürger sinkt. 

Nachdem durch den Untergang des Römischen Reiches dessen Infrasturktur zerbröselte, hat es übrigens 600 Jahre gedauert, bis wieder mal eine Brücke über den Main gebaut wurde. Die war dann aus Holz.

 

Massenpsychose – Wie Deutschlands Elite Krisen verarbeitet.

Wer meinem Blog folgt, erfährt immer auch ein bisschen was über mich. Das geht gar nicht anders.
Der erfährt zum Beispiel was über meine Arbeit. Der weiß, ich arbeite in der Gemeindepsychiatrie, genauer in der Drogenhilfe. Das war nicht mein Berufsziel, denn ich habe mal was Geisteswissenschaftliches studiert, das abgeschlossen und verdiente mein Geld als Dozent und Lehrer. Leider kam meiner beruflichen Karriere der Bologna-Prozess und das Zuwanderungsgesetz in die Quere.
Das Bundesamt für Migration stattete die Integrationskurse genannten Sprachkurse, die Zuwanderer seit 2003 besuchen müssen, finanziell so schlecht aus, dass entweder die Klassen sehr groß oder die Honorare für die Dozenten sinken mussten. Da die Sprachschulen an der Größe ihrer Räume wenig ändern konnten, entschieden sie sich für die Senkung der Honorare.

Ein von mir unternommener Fluchtversuch in Richtung Universität scheiterte, denn dort sah es inzwischen ähnlich aus. Man bekam drei-Monatsverträge und wurde eingeladen, ab und zu mal was für Umme zu machen.
„Na dann eben nicht“, dachte ich mir, und zog weiter.
Ab etwa dreißig stellt sich das Bedürfnis ein, einen etwas längeren Zeitraum als vier Monate finanziell überblicken zu wollen. Das ist freilich eine Zumutung für die Arbeitsmärkte, die ganz auf Flexibilität der Marktteilnehmer setzen.  

So kam ich als Pädagoge zur Arbeit in der Psychiatrie und was soll ich sagen, ich fühle mich dort rundum wohl. Ich ermögliche Veränderung, verfüge über die Zeit und die finanziellen Mittel meinen Blog unabhängig und werbefrei zu halten, kann reisen und darüber berichten, so ein kleines Gegengewicht zur deutschen Propaganda bilden.  Alles chic also.

Die Psyche, der psychische Apparat und der Umgang von Gesellschaft mit den Blüten, die Psyche in der Lage ist zu bilden, war ein Thema, dem ich mich auch an der Universität intensiv gewidmet habe. Es fasziniert mich.

Gesellschaft muss sich am Umgang mit ihren Rändern messen lassen. Sie muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Wahnsinnigen und Irren, ihren Süchtigen, ihren Schwulen und Lesben, mit ihren Pädophilen umgeht. Es handelt sich bei all diesen Phänomenen um anthropologische Konstanten, das heißt, sie sind immer da. Man kann diese Menschen einsperren, sie zwingen sich zu verstecken, man kann sie mit dem Tode bedrohen, man kann sie in ein Schiff setzten, das Fluss abwärts fährt und hoffen, dass die Passagiere des Narrenschiffes ihren Weg nie zurück finden, man kann ihnen Teile des Gehirns zermatschen auf dass sie dick und friedlich werden. Und dennoch: In der nächsten Generation sind sie wieder da.

Jede Gesellschaft muss sich an ihrem Umgang mit diesen Phänomenen ethisch messen lassen und der Umgang ist zu allen Zeiten immer ein unterschiedlicher. Er unterliegt sich wiederstreitenden Strömungen. Michel Foucault hat das in seinem wegweisenden Buch “Wahnsinn und Gesellschaft” sehr exakt heraus gearbeitet.

Der Umgang, der sich bei uns in den vergangenen Jahrzehnten mit Wahnsinn, Verrücktheit und Sucht herauskristallisiert hat, ist ganz einfach: eine möglichst zügige Abwälzung der Kosten auf die Allgemeinheit.  

Während es vor einigen Jahren für Menschen, die jetzt psychiatrisch versorgt werden, noch Arbeitsplätze und damit Teilhabe an gesellschaftlichem Leben gab, sind diese Arbeitsplätze inzwischen weggefallen oder so arbeitsverdichtet, dass sie in ihrer Leistung geminderte Personen nicht mehr ausfüllen können. Die Hauspost- und Hausmeisterstellen sind wegrationalisiert worden, die Arbeitsverdichtung im Niedriglohnbereich ist enorm.
Typische Patienten der Suchtpsychiatrie sind inzwischen die Zimmermädchen der Hotelketten, die Angestellten der Systemgastronomie und die Friseure in den “Alles 10-Euro-Salons”, die Barmänner in den angesagten Läden, die, um der Arbeitsbelastung Stand zu halten, mit Amphetaminen nachhelfen, um dann am Wochenende mit den selben Substanzen gemischt mit MDMA etwas von dem Glück zu fühlen, das ihnen sonst verwehrt wird. Das geht freilich nach einer Weile schief. So sieht es aus am unteren Rand. Auf Speed Betten machen und Bäder putzen, damit man das Pensum schafft. 

Dass eine durch und durch an Leistung orientiere Gesellschaft nun plötzlich die Schwulen so ins Herz geschlossen hat, passt übrigens ganz gut in dieses Bild. Schwule Männer ohne familiäre Anbindung, oftmals gut ausgebildet können ganz gut die Flexibilität und die Leistung erbringen, die ein neoliberaler Arbeitsmarkt erwartet. Da sollte man sich keinerlei Illusionen im Hinblick auf die Motivation des Sinneswandels hingeben. Er ist auch nicht aus der Gesellschaft heraus entstanden, sondern von oben diktiert. Das kippt genauso schnell wieder, wie es gekommen ist. Menschen wie Volker Beck sehe ich in meiner Arbeit übrigens nicht. Denen stehen andere Wege offen. Meine Institution ist nur für die, die von schon relativ weit unten noch weiter runter gefallen sind. 

So, jetzt ist mir die Einleitung doch ein bisschen lang geraten, denn eigentlich will ich auf etwas ganz anderes raus. Meine liebste psychiatrische Störung, ich gebe das gern zu, ist die Schizophrenie. Schizophrenie ist der Stachel im Arsch der Gesellschaft. Es wird sie immer geben, sie wird immer für Unruhe sorgen, denn das ist ihr Wesen.
Schizophrenie ist eine schwere, das Leben einschneidende Diagnose für die Betroffenen selbst aber auch für ihre Umgebung.
In meinem Arbeitsfeld gibt es relativ viele Schizophrene. Ob die jetzt zuerst schizophren waren, Stimmen hörten oder sich verfolgt fühlten und dann versuchten, das mit beispielsweise Heroin, kiffen oder Benzodiazepinen selbst zu therapieren, oder ob es umgedreht der Substanzkonsum war, der eine Schizophrenie ausgelöst hat, spielt für die konkrete Arbeit keine Rolle. Da geht es nur darum, möglichst viel Freiraum herzustellen und zu erhalten, in dem die Betroffenen möglichst eigenständig leben und nach Möglichkeit Veränderung gestalten können.  

Die, die man da auf der Straße sieht, die mit den vielen Taschen, die da so vor sich hin sprechen mit sich selbst, um die man lieber einen Bogen macht, weil sie so komisch gekleidet sind, die Nachbarin oder der Nachbar, der immer so seltsam, schon auch ein bisschen Furcht einflößend ist, die, die da immer so ohne ersichtlichen Grund aus sich herauslachen, so sieht sie aus, die Schizophrenie. Es sind die, die manchmal ihren Kopf schützen müssen, vor Strahlen, vor Gedanken, vor Stimmen, das sind sie, deren Leidensdruck enorm ist und über die man sich gerne lustig macht. Das sind sie, unsere Schizos.

Sie hören Stimmen, die nicht da sind, die sie beschimpfen, die sie kommentieren, die ihnen Dinge verbieten oder befehlen. Sie fühlen sich verfolgt, haben das Gefühl, jemand oder etwas möchte sie vernichten, ist hinter ihnen her, verrückt die Dinge in der Wohnung, treibt sie langsam und absichtsvoll in den Wahnsinn, indem sie sich schon lange befinden. Es ist ein allgegenwärtiges Phänomen, das aber an den Rand gedrängt wird. Schizophrenie ist eine häufige Störung. 

Was aber, wenn eine ganze Gesellschaft oder große Teile einer Gesellschaft an Schizophrenie erkranken? Geht das?
Es gibt von Sigmund Freud mit Totem und Tabu und mit Der Mann Moses zwei kulturkritische Schriften, in denen er versucht, seine Erkenntnisse der Psychoanalyse auf Gesellschaft als Ganzes anzuwenden. Das Unternehmen liest sich ganz spannend und ist, obwohl zentrale Voraussetzungen der Psychoanalyse nicht haltbar waren, nach wie vor ein interessanter Ansatz.

Ich persönlich glaube sehr wohl, dass sich psychiatrische Phänomene, die einzelne betreffen, auch auf Gesellschaft als Ganzes anwenden lassen.

Wir wissen nicht genau, was eine Schizophrenie auslöst. Auslöser von Schizophrenie können Stress, Drogenkonsum (ja, auch und gerade THC), das Leben einschneidende Vorfälle, Trennung, Arbeitsplatzverlust, irgendwelche Erschütterungen sein. Eine genetische Disposition und familiäre Vorerkrankungen sind Marker.
Typisch schizophren ist, dass eben das zugrunde liegende Problem nicht rational be- und verarbeitet wird, sondern dass die Problemlösung nach Außen und ins Irrationale verschoben wird.

Nun gibt es gerade große Erschütterungen in der Europäischen Union. Es ist schwer zu leugnen: Sie zerfällt. Gleichzeitig ist der moralische Führungsanspruchs des Westens immer schwerer aufrecht zu erhalten. Die USA verlieren mit jedem Tag ein Stückchen ihrer Führungsrolle und kämpfen mit großen inneren und äußeren Problemen. Die Welt tritt in eine neue Ordnung ein.
Damit zerbricht aber auch die Ausrichtung und der Lebensplan der deutschen und westlichen Elite in Politik und Medien.

Die unterschiedlichen Länder gehen mit dem Phänomen unterschiedlich um. Die USA schlagen wild um sich, reagieren aggressiv auf den eigenen Niedergang.
Es gehört zu den Lehren der Geschichte, dass Deutschland seine Krisen und Erschütterungen psychotisch verarbeitet. Es wird wahnhaft.
Die deutschen Eliten reagieren auf Krisen irrational aber zunächst nicht aggressiv. Das schlägt dann aber dafür später um so heftiger um. Die deutsche Elite reagiert mit einer Verschiebung, die es ihr verunmöglicht Krisenursachen rational und analytisch anzugehen. Unsere Eliten spalten etwas ab und projizieren es nach außen, fangen an, sich verfolgt zu fühlen, hören im Übertragenen Sinne Stimmen und unterstellen jemand verrücke heimlich die Anordnungen. Es war mal die bolschewistisch-jüdische Weltverschwörung. Im aktuellen Diskurs hat sich Deutschlands mediale und politische Elite Russland und vor allem Putin als Objekt der Psychose ausgesucht. 

Putin will Merkel stürzen, Europa destabilisieren, er agiert dazu im Verborgenen. Es werden immer wirrerer, immer irrationalere Wege eingeschlagen, um den Nachweis zu führen, wie unsichtbare Kräfte aus Russland gegen uns arbeiten, die Deutschland und die EU vernichten, zersetzen, zerschlagen wollen. Warum und mit welchem Zweck? Keine Ahnung! Es ist nicht rational.

Wenn eine Beweisführung keinen Beleg für die Wahrheit erbracht hat, wird eben ein neuer Beweis gesucht. Am Ziel wird wahnhaft festgehalten. Das eben ist das typische einer Schizophrenie. Die innere Logik funktioniert nur die Anbindung an das Außen, an Fakten ist verloren gegangen.
Deutsche Politik und die aktuelle Berichterstattung trägt alle Anzeichen eines akuten psychotischen Schubs, der für die deutsche Geschichte so typischen paranoiden Schizophrenie, die sich hier erneut Bann bricht.
Dabei könnte es so einfach sein. Absteigen vom hohen Ross und die eigenen Axiome auf ihre Wahrheit überprüfen und gegebenenfalls gegensteuern. Doch diese Wendung auf das Selbst bekommen Schizophrene eben nicht hin. In ihrem Kern sind schizophrene Menschen unglaublich arrogant. Ebenso hält die deutsche Elite an den wahnhaften Ideen ihrer Perfektion fest und entwickelte eine Paranoia, um Realität auszuweichen, geht lieber unter als zu korrigieren.

Dabei ist eigentlich alles, was sie in den letzten Jahren angepackt hat, gründlich in die Hose gegangen. Die Agenda 2010 hat nicht nur Deutschland sondern ganz Europa unter Druck gebracht. Die Austeritätspolitik zersetzt Europa. In Deutschland selbst zerfällt die Infrastruktur und sinkt für weite Teile der Bevölkerung der Lebensstandard. In den europäischen Krisenländern würde ein russischer Lebensstandard das Ende der Misere bedeuten. Recht auf Wohnung und auf medizinische Versorgung, um nur mal zwei Aspekte zu nennen.
Mit anderen Worten, alles, was die politischen und medialen Eliten in einer gemeinsamen Aktion an Veränderungen herbei geführt haben, fällt ihnen jetzt gründlich auf die Füße. Es wäre an der Zeit, Scheitern einzugestehen, um möglichst schnell gegen zu steuern.

Doch stattdessen wird immer abstruser in Richtung Russland agitiert. Putin hier, Putin da, Putin überall.
Menschen mit klarem Verstand können das Wahnhafte deutlich erkennen. Allein dem Irren selbst bleibt der Wahn verborgen, wobei die gefühlte Furcht echt ist.
Doch ganz rational und vernünftig betrachtet, hat Russland an einer zerfallenden EU ein ebenso großes Interesse wie der Nachbar meiner schizophrenen Patientin daran ein Interesse hat, ihr in deren Abwesenheit die Kleider zu verstecken oder Rohre in die Wand einzubauen, aus denen nachts Gas strömt.  Worin sollte das Interesse bestehen?  Für die europäische Misere sind wir selbst verantwortlich. Deutschland war hier federführend. Und meine Patientin verscherbelt ihre Klamotten, um sich Heroin kaufen zu können. Es braucht keinen bösen Nachbarn. Dass es ihr schimmer schlechter geht, dafür sorgt sie schon selbst.

Die Deutschen Eliten haben schon seit zwei Jahrhunderten eine Disposition zur paranoiden Schizophrenie. Unter Stress verarbeitet Deutschland psychotisch. Die Idee eine größere Rolle in der Welt spielen zu wollen, ist daher kontraindiziert. Bloß nicht! Man gibt einem Irren keine Macht, man sorgt für einen festen Rahmen, in dem er sich ausagieren kann.
Alles andere kann gar nicht glücken, wie die Geschichte überdeutlich lehrt. Deutschlands Eliten bringen für eine Führungsrolle nicht die Gene mit, sind den Anforderungen nicht gewachsen.
Gefragt ist vielmehr Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe und ein Umfeld in dem langsam Realitätsbezug und Veränderungsbereitschaft heranreifen können. Das dauert allerdings lange.

Putin und Russland brauchen also noch viel Geduld mit Deutschland bis sich es hier wieder zum Besseren wendet und wieder die Möglichkeit für einen rationalen Diskurs besteht. Allerdings muss man auch sagen, dass Russland mit der deutschen Psychose bisher sehr gut umgeht. Es zuckt seufzend die Schultern. Mehr kann man bei einem akuten Ausbruch eigentlich auch gar nicht machen.