Konformismus und Debattenkultur

Die deutsche Gesellschaft radikalisiert sich. Zu diesem Ergebnis kam die im Juni veröffentlichte Mitte-Studie, der Universität Leipzig. Die alle zwei Jahre aktualisierte Studie belegt auch, dass Homophobie in Deutschland wieder auf dem Vormarsch ist, denn 40,1 Prozent der Befragten, finden es “ekelhaft” wenn sich Männer in der Öffentlichkeit küssen. Im Jahr 2011 betrug der Anteil der Ekelerregten 25,3,  2014 nur knapp über zwanzig Prozent. Das Ausmaß des Ekels der Deutschen unterliegt also enormen Schwankungen. Aber auch die Zustimmungswerte zur gleichgeschlechtlichen Ehe sind laut Studie im Sinkflug begriffen. Anscheinend verschiebt sich die deutsche Gesellschaft gravierend und wir nähern uns russischen Verhältnissen an. Der Grad an Homophobie der russischen Gesellschaft wird dort übrigens vom Levada-Center ermittelt.

Nun will ich nicht verschweigen, dass ich der Aussagekraft derartiger Studien zutiefst misstraue. Die Datengrundlage des Levada-Centers sind achthundert Befragte. Das wird dann hochgerechnet auf 145 Millionen Bewohner Russlands, ein Land, das sich über zehn Zeitzonen erstreckt und alle nur erdenklichen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen eine Heimat ist. Zwar bin ich kein Statistiker, aber ich halte das für fragwürdig. Die eigene Fragwürdigkeit errechnet das Levada-Institut übrigens mit 4,1 Prozent. So weit könnten die tatsächlichen Werte nach oben und nach unten von der statistisch ermittelten Werten abweichen. Das ist erheblich.

Auch die Aussagekraft der Mitte-Studie halte ich für begrenzt. Ganz allgemein gesagt, wenn man mich als schwulen Mann fragen würde, wie ich anderen schwulen Männern begegne, ob a.) ausschließlich positiv, b.) überwiegend positiv, c.) neutral, d.) eher negativ oder e.) vollständig negativ, dann würde ich wohl sagen: “Ähhh.. gibt’s nichts differenzierteres zur Auswahl?”
Wenn man mich dann zwingen würde, zwischen den genannten Optionen zu wählen, dann hinge die Antwort von vielen Faktoren ab. Von meinem letzten Gespräch über Russland und Schwule in Russland beispielsweise. Wäre mein Gesprächspartner von westlicher Arroganz getragen und würde daher leugnen, dass in Russland schwules Leben durchaus möglich ist, obwohl er weder die Sprache spricht, noch jemals in Russland war, sondern sich ausschließlich auf hiesige Quellen beruft, dann würde meine Antwort wohl in Richtung d.) eher negativ tendieren. Und die so gegebene Antwort hätte noch nicht einmal was mit Selbsthass oder Ähnlichem zu tun. Sie wäre nur der Ausdruck von Ärger.

Eine Person, die mich zu einer  ganz deutlich negativen Bewertung von Schwulen bewegen würde, nennt sich auf Facebook Romuald Ravenchow.
Er ist mein persönlicher Troll, ebenfalls schwul, kommentiert alles, was ich zu Russland und zu queerem Leben in Russland poste, kommentiert darüber hinaus alle Kommentare, die positiv auf meine Berichte reagieren. Er macht sich also richtig viel Arbeit. Das Außergewöhnliche an unserem Verhältnis ist, dass ich die Person, die sich hinter dem einer nichtssagenden Facebook-Identität verbirgt, im wahren Leben kennen gelernt habe. Normalerweise ist das bei Trollen unüblich. Man kennt sich nicht.
Im realen Leben bekommt Romuald den Mund kaum auf, in dessen Mundwinkeln sich aber ein beständiges Zucken zeigt. Auf Facebook ist das anders. Da ist er eher weitschweifig und lässt sich zu Kommentaren wie diesen hinreißen:

Romuald Ravenchow: Oh, ich mag Russland auch. Deshalb würde ich es gerne zu einem besseren Land machen. Wäre es mir egal, würde ich hier nicht diskutieren. Und mir tut jeder LGBTTIQ-Mensch von Herzen leid, der im heutigen Russland leben muß.

Diese durch und durch chauvinistische, imperialistische, vor Verachtung und Arroganz triefende Haltung,  durchziehen die Statements von Romuald wie ein roter Faden.

Die Abläufe der Diskussionen sind daher auch immer gleich und enden mit einem Kontaktabbruch seitens seiner Diskussionspartner.

Nicht wahr haben wollend, dass ich jemandem in meinem Bekanntenkreis habe, der zu dieser Spezies der Internet-Trolle gehört, habe ich den ganzen Zyklus eines typischen Troll-Gesprächs mit Romuald einmal auf allen Ebenen durchdekliniert. Versehentlich sozusagen. Es sind rhetorische Spielereien, eine primitive Form der Scholastik, in der durch eine beständige Verschiebung von Kriterien jede Antwort lediglich Ausgangspunkt für immer weitere und immer absurdere Fragen werden. Normalerweise merke ich das schnell und ziehe mich zurück. Durch unsere Bekanntschaft habe ich mich täuschen lassen und Fragen für ein echtes Interesse gehalten.
Natürlich können an meine Berichte über meine Reisen nach Russland Fragen angeschlossen werden. Wie es zu der Diskrepanz in der Darstellung von Russland zwischen meinen und den Berichten des Mainstreams kommt, beispielsweise. Was allerdings absolut blödsinnig ist, ist meine Belege so lange durch die Mangel einer selbst entwickelten Scholastik zu drehen, bis nichts mehr übrig bleibt. Das entkräftet nämlich gar nichts, ist auch kein interessanter Beitrag zur Diskussion, sondern einfach nur ein bisschen dumm. 

Es fing mit einem Bild an. Die Diskrepanz zwischen unseren Medien und dem, was in Russland tatsächlich passiert, habe ich vor einiger Zeit ein Bild aus einem russischen Supermarkt auf Facebook eingestellt. Im Gegensatz zu dem hier herrschenden Narrativ, durch die Sanktionen wären die Supermarkt-Regale leergefegt, sind sie übervoll. Es gibt alles bis hin zu exotischen Früchten wie beispielsweise Kokosnüssen, Papaya und Ananas.

Romuald forderte mich auf, als weiteren Beleg für meine Behauptng auch die Einkaufskörbe der Kunden zu fotografieren, damit so gezeigt würde, dass die Produkte tatsächlich verkauft würden. “Naja”, dachte ich bei mir, “so eine geistige Bauchlandung kann jedem mal passieren.” Denn natürlich müssen die Produkte in einem sehr direkten Verhältnis zum Verkauf stehen, ansonsten wäre es ja ökonomischer Selbstmord. Für den Lebensmittel-Einzelhandel gilt das besonders. Man kann ja nicht morgens im Großmarkt frische Ware einkaufen und sie dann drei Tage später wegwerfen. Wenn das regelmäßig passiert, ist man einfach zügig bankrott.

Diese Beweisführung war mein Troll nicht bereit anzuerkennen. Ich habe die Einkaufskörbe trotzdem nicht fotografiert. Es war mir einfach zu peinlich. 

Analog dazu ist ihm auch das Vorhandensein von schwulen Klubs, Bars, Saunen, der Tatsache, dass viele meiner Freunde als Paare unbehelligt zusammen leben, dass es dort eine ganz ausgereifte schwule Infrastruktur gibt, vom Sportverein über schwules Internet-Radio, einer Vielzahl von politischen Gruppen, und sogar einem gayfriendly-Badeort am Schwarzen Meer, kein ausreichender Hinweis darauf, am Bild vom ausschließlich homophoben Russland ein bisschen was zu ändern. Im Gegenteil.  Romuald wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass dies nicht Beweis genug ist, schließlich steht in westlichen Medien etwas anderes. Da beißt sich die Katze kräftig in den Schwanz. 

Dabei ist die Botschaft eine überraschend positive, die ich von meinen Reisen nach Russland bisher immer mitbrachte: So schlimm, wie in den deutschen Medien dargestellt, ist es nicht. Im Gegenteil. Man kann als Schwuler in Russland gut und sicher leben. Je nachdem, auf welche Indikatoren man blickt, ist das Leben für Schwule in Russland sogar einfacher als hier. Greift man so etwas wie soziale Sicherheit und kostenloser Zugang zu beispielsweise medizinischer Versorgung mit in den Fragekatalog ein, verschiebt sich das Gewicht ganz gehörig zugunsten Russlands. Bleibt man dabei, dass das Vorhandensein von Gay-Prides und das Recht auf Heirat das Maß aller Dinge ist, steht Russland etwas schlechter da. Doch man muss sich dann schon fragen lassen, warum man ausgerechnet diesen Maßstab anlegen möchte und hier auch zu keinerlei Diskussion bereit ist. Romuald ist dazu in keiner Weise bereit, begründet aber freilich die Auswahl seiner eigenen Kriterien nicht.

Er putzt lieber seine Gesprächspartner herunter, bis es zum Kontaktabbruch kommt. Fakten interessieren ihn dabei wenig, wenig stört ihn auch den Eindruck, den er erweckt. Dass er seiner Sache mit seinem Auftreten mit seinem Gestus der Überheblichkeit und Arroganz eher schadet als nützt, ebenfalls.

Dabei, das sei hier anekdotisch erzählt, brüstet er sich damit, Verhaltensbiologe zu sein.

Was ich denke ich zu dem, was sie schreiben? Sie haben von Homosexualität oder Verhaltensbiologie überhaupt keine Ahnung, das muß ich als Verhaltensforscher nun leider ganz klar so sagen.

Ich bin mir sicher, er hat  mir bei unserer Begegnung im realen Leben als Beruf nicht Verhaltensforscher angegeben. Darauf wäre ich sofort angesprungen, denn es gibt da eine Vielzahl von Überschneidungen mit dem, was ich beruflich mache. Ich meine mich, an irgendein medizinisches Forschungsthema zu erinnern, es insgesamt nach Wissenschaftsprekariat roch. Vermutlich stimmt aber auch das nicht. So groß ist der Fachkräftemangel in Deutschland dann doch nicht, dass jemand mit derart großen Defiziten in Methodik und Theorie einen Posten an der Uni bekommt.

Romuald kommt aus der Gothik-Szene und inszeniert sich trotz fortgeschrittenen Alters in sozialen Bezügen immer noch so. Er hat für sich die Rolle des kongenialen Magiers übernommen, der zu allem in ironischer Distanz ist und von dem man nie recht weiß, welcher Seite er zuzurechnen ist. Romuald stellt das mit dem schon beschriebenen permanenten Zucken im Mundwinkel dar, das eben diese ironische Distanz und seine Überhebung gegenüber allem ausdrücken soll. Wenn das jemand im Alter von über dreißig macht, sagte man dazu früher Reifungsstörung. Heute heißt das anders. Jedenfalls ist das Selbstbild, das Romuald zunächst einmal sich selbst und dann auch anderen vorspielt, himmelweit von der Realität entfernt, denn er ist natürlich keine von Genialität beseelte Ausnahmeerscheinung, sondern mit seinem Handeln einfach ein vom Mainstream gesteuerter eng denkender deutscher Blockwart.

Einem Verhaltensbiologen jedenfalls würden sich derartige Sätze vermutlich nicht aus den Fingerkuppen in die Tastatur treufeln:

Romuald Ravenchow Willkommen im 21. Jahrhundert, Max Kronhart, wo die Menschen sich wünschen, so leben zu dürfen, wie sie fühlen. Wo Menschenrechte unveräußerlich zu sein haben, für verurteilte Straftäter und Verdächtige, für Heteros und LGBTTIQ, für alle Geschlechter etc.

Da steht in einem einzigen Absatz so viel Blödsinn, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Als hätten sich die Menschen in anderen Jahrhunderten nicht gewünscht, so leben zu dürfen, wie sie fühlen. Die Literatur ist voll von Beispielen davon, dass es nie anders war. Es ist eine Wesensmerkmal nicht nur des Menschen, Fühlen und Sein in Kongruenz bringen zu wollen. Was für ein Verhaltensforscher, der um diesen Umstand nicht weiß. Deutschland deine geistige Brachlandschaft.
Menschenrechte sind natürlich immer unveräußerlich. Man kann sie nicht verkaufen oder vertraglich abgeben. Das lässt sich, erkennt man ihre Universalität an, gar nicht anders denken. Der Satz ist so also banal. Was vermutlich gemeint ist, ist die Frage ist, ob sie tatsächlich universell sind. Diese Frage hingegen ist nicht banal, sondern ein riesen Problem, das in Philosophie und Soziologie weithin diskutiert wird. In diese Diskussion spielt auch die Verhaltensbiologie immer wieder hinein. Erstaunlich dass ein Verhaltensbiologe das nicht zur Kenntnis genommen hat. Und für verurteilte Straftäter werden die zu den Menschenrechten gehörenden Freiheitsrechte natürlich massiv eingeschränkt. Zumindest dann, wenn sie in den Knast kommen. Sie sind zwar immer noch unveräußerlich, aber sie werden trotzdem einfach weggenommen.

Der darüber hinaus von Romuald zugrunde gelegte Geschichtsbegriff ist hoch naiv. Es gibt kein beständiges Fortschreiten, sondern unzählige Parallelentwicklungen und Strömungen, die in ganz unterschiedliche Richtungen laufen können. Um ein Beispiel zu machen: Während die Rechte von Schwulen und Lesben bei uns ausgebaut wurden, wurden soziale Rechte und Arbeitnehmerechte abgebaut. Richtig muss der Satz also heißen: Willkommen also im 21. Jahrhundert, das in vielen Bereichen hinter die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zurückfällt.

Um den Bogen zu schließen zu dem eingangs angeführten Zitat, nachdem Schwule in Russland einfach tief bedauernswerte Menschen sind, sei gesagt, dass meine schwulen russischen Freunde außer für einen kleinen Urlaub von Zeit zu Zeit aus Russland gar nicht weg wollen. Warum auch? Wohin auch? Die zerfallende EU hat im Moment wenig zu bieten, was sie attraktiv machen würde. Eine exorbitante Arbeitslosenquote, eine exorbitante Armutsquote, Instabilität, eklatanter Rechtsruck, Massenüberwachung, Preisgabe von sozialen Rechten und sozialer Sicherheit, ein riesiges Demokratiedefizit auch und gerade im Vergleich mit Russland, und so weiter und so fort. Da reißen es ein paar Gay Prides und das Recht, seine Partnerschaft standesamtlich registrieren zu lassen, nicht raus.

So, jetzt ist mir die Einleitung doch wieder viel zu lang geraten, denn das eigentliche Thema sind natürlich nicht die geistigen Bankrott-Erklärungen eines Romuald Ravenchow oder seine Beschimpfungen von mir und von Menschen, die meine Texte positiv kommentieren. Der klebt an meinem Facebook-Profil wie Scheiße am Schuh. Bisschen unangenehm, behindert aber nicht beim Gehen und läuft sich mit der Zeit ab. Wenn es mir zu blöd wird, wird er einfach gesperrt. Dann ist der Fall erledigt.

Was damit allerdings nicht erledigt wäre, und das ist das eigentliche Thema dieses Artikels, ist der systemische Aspekt, der hier in dem Phänomen Romuald offenbar wird.

Er hat sich seine Gesprächsstrategien ja nicht selbst ausgedacht, nicht nur, weil ihm dazu schlicht die Kreativität fehlt, sondern vor allem deshalb, weil er sich in einem System aufhält, das diese Strategien propagiert und legitimiert. Der um Verstehen und Aufklärung bemühte Diskurs ist in Deutschland weitgehend tot.

Der öffentliche Diskurs befindet sich seit Jahren in einem degenerativen Prozess, in dem das idealer Weise vorhandene Bemühen um Verstehen, dialektisches Denken, indem intellektuelle Redlichkeit ersetzt wurden durch Strategien des Marketings und der Public Relations. Es geht nicht mehr darum, in einem möglichst breit angelegten Diskurs, sich gesellschaftlicher Wahrheit anzunähern oder einen Konsens herzustellen, der möglichst breit getragen wird. Es geht nur noch darum, mit aggressiven Rhetoriken Wahrheiten zu setzen und einer Zuhörerschaft zu verkaufen.

Es ist ein typisches Zeichen totalitärer Gesellschaften Diskussionen eingehegt und begrenzt zu haben. In totalitären Systemen ist diese Abkehr von offenen Diskursen der Kern öffentlich vorgetragener Diskussion. So werden aus Diskursen gesellschaftliche Disziplinierungs-Instrumente, in denen festgelegt ist, was gesagt werden darf und was nicht, wobei die Einhaltung der Grenzen streng überwacht wird.

Genau diese Verschiebung von aufgeklärtem zu totalitärem Diskurs wiederholt Romuald. Er geriert sich als moderner Blockwart, der überwacht, ob das Gesagte konform geht mit der veröffentlichten Meinung, belehrt, diskriminiert und verlacht seine Gesprächspartner, verschiebt Themen und weicht damit Antworten aus, verkürzt Begriffe oder schreibt sie in unpassender Weise zu. Seine diversen Gegenüber antworten nach einigen Versuchen der Klärung und Aufklärung mit Rückzug. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie ihm recht geben und seine Position übernehmen. Würde man sie nach solch einem Gespräch fragen, wie sie Homosexuellen begegnen, wäre es nicht verwunderlich, würden einige davon mit d.) eher negativ antworten. Da muss man keine zwölf Semester Psychologie studiert haben, um den Zusammenhang einzusehen.

Ich schrieb es schon, das was er hier wiederholt ist die Diskussionsunkultur, die uns täglich um die Ohren gehauen wird. Und auch hier reagieren die Menschen mit Rückzug. Die sinkenden Auflagen der Mainstream-Gazetten sind hierfür Beleg. 

Gerade lese ich, Volker Spahn wäre für lebenslanges arbeiten, ganz ohne Rente. Der auf Disziplinierung der Massen ausgelegte Mainstream nimmt das Thema bereitwillig auf. Hier kann Romuald noch einiges lernen. Gerade der Rentendiskurs ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr und wie weit wir uns von einem um Aufklärung bemühten Diskurs wegbewegt haben. Da zünden eindeutig als Vertreter der Versicherungslobby zu identifizierende “Experten” seit Jahren eine Nebelkerze nach der anderen, schwafeln was von demographischen Wandel und Generationengerechtigkeit, erhalten breite Unterstützung durch die Mainstream-Medien, die jede anders lautende Meinung ausblenden oder diskriminieren haben. Dabei wird der zentrale Aspekt, dass nämlich das Umlageverfahren der gesetzlichen Rente natürlich mit ganz geringen Anpassungen dazu führt, dass die Rente sicher ist, wenn es gelingt Produktivität zu erhöhen und bei den Lohnsteigerungen den sich daraus ergebenden Verteilungsspielraum auszuschöpfen. Mehr gibt es zur Rentendiskussion eigentlich nicht zu sagen. Die Rente wäre sicher, wenn man es denn wollen würde. Sie wurde allerdings durch Rhetoriken, die in politisches Handeln mündeten, nachhaltig und dauerhaft beschädigt, wobei die Diskussion weit entfernt von jeglicher intellektuellen Lauterkeit geführt worden ist.
Einige wenige Mulitplikatoren wurden finanziell gut ausgestattet, um eine Diskussion mit Gegenaufklärung zu befeuern, um Millionen von Menschen um die Sicherheit im Alter zu betrügen und den Versicherungsunternehmen Milliarden zukommen zu lassen. Ein wirklich unglaublicher Vorgang. Dass, wie heute die Nachdenkseiten anmerken, die Gegenaufklärer Raffelhüschen, Rürup und Co. nicht haftbar gemacht werden, ist der eigentliche Skandal.

Sexualität ist ein in westlichen Gesellschaftlich hart umkämpftes Feld. Gleichsam im Windschatten einer gesamtdeutschen Empörung über die Ausweitung eines russischen Jugendschutzgesetztes, das fortan die Bewerbung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen gegenüber Jugendlichen untersagt, wurde in Deutschland das Sexualstrafrecht auf nahezu allen Ebenen verschärft.
Hört man kaum etwas davon und falls doch, dann ist es Alice Schwarzer, die ihre moralische Empörung gegenüber Freiern, Arbeitsbedingungen in Bordellen, Pornokonsumenten und Menschenhändlern unter Umgehung sämtlicher Fakten öffentlich und oftmals GEZ-Gebühren finanziert vortragen darf, damit also Geld verdient, das sie dann ins Ausland verfrachtet. Sie hat das Recht die Deutschen zu belehren, die Pflicht hier Steuern zu zahlen ist freilich eine Zumutung.
Um in Deutschland beispielsweise wegen Menschenhandels dran zu sein, muss man gar nicht mit Menschen gehandelt haben. Man muss nur Frauen mit einer anderen als der deutschen Staatsbürgerschaft im Alter von 18 bis 21 die Gelegenheit gegeben haben, in der Prostitution zu arbeiten. Schwupp ist man Menschenhändler und vermutlich gleich Besitzer eines ganzen Menschenhändler-Ringes. Man muss eigentlich nur ein paar Kontakte haben, dann greift die Presse bei der Beschreibung des Phänomens gleich zu diesem reißerischen Titel.

Sexualität ist ein in vielen Gesellschaften hart umkämpftes Feld mit vielen Akteuren ganz unterschiedlicher Interessen. Wer aber naiv denkt, die sexuelle Selbstbestimmung sei zumindest in Deutschland für alle gleich geregelt, der irrt. Es gelten in Deutschland inzwischen eine Vielzahl unterschiedlichster Schutzalter und jede der letzten sogenannten Reformen hat einstmals klare Regelungen aufgeweicht und aus dem Sexualstrafrecht ein Ansammlung von Gummiparagrafen gemacht, die sich gegen jeden richten, der etwas anderes als die biedermeierliche Sexualmoral einer Alice Schwarzer leben möchte. Gerade ihre Argumentationen, ihre Diffamierungen gegen solide arbeitenden Institutionen wie “Dona Carmen”, ihr Verbiegen von Fakten bis hinunter zur Lüge scheinen die Vorlage für Menschen wie Romuald zu sein, die sowohl Stil als auch Aggressivität kopieren und sich damit zu einem willigen Werkzeug der Gegenaufklärung machen. 

Dass dieser Stil nur gut sein kann, wird für Menschen wir Romuald noch durch die Tatsache unterstrichen, dass Alice Schwarzer den Medien als Expertin gilt. Dabei gibt es wohl niemanden, der weniger Ahnung von den von ihr besprochenen Themenfeldern hat als nun gerade sie. Die Frauen, für die Schwarzer vorgibt zu kämpfen wehren sich gegen die unerwünschte Interessenvertretung mit allen Mitteln. Allein es hilft nichts. Der Populismus siegt über die Vernunft, eine Strafrechtsverschärfung folgt auf die andere. Alice Schwarzer ist überaus stolz darauf, zum Abbau von Freiheitsrechten beigetragen zu haben. Ich habe hier darüber geschrieben.
Jedenfalls ist gegenüber den Verschärfungen, die in Deutschland stattgefunden haben, das russische Gesetz gegen die Bewerbung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ziemlich harmlos.

Es lassen sich noch weitere Beispiele anführen, wo ein um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühter Diskurs ersetzt wurde durch faktenfreies Erzählen von Unwahrheiten, mit dem Ziel, ein bestimmtes Sentiment aufzubauen und zu nutzen. Ein mir ganz besonders wichtiges: Wir führen keine Kriege mehr! Seit dem Jugoslawien-Krieg machen wir nur noch humanitäre Interventionen. Die Begründungen, die für diesen Militäreinsatz herhalten mussten, waren gelogen. Und wichtiger noch, der damalige Außenminister Josef Fischer und sein Ministerkollege im Verteidigungsministerium Scharping wussten in dem Moment, in dem sie “Hufeisenplan” und “Genozid” sagten, dass es sich um Lügen handelte.
Die deutsche Medienlandschaft hat nahezu geschlossen mitgemacht. Medial getragenen Lügen, die zu unendlichem Leid führten, einen Staat herausbildeten, der aus sich nicht lebensfähig ist, in dem die Armut, die Korruption und die Mafia regiert. Ach ja, eine US-Militärbasis gibt es da jetzt auch. Aber das war freilich nicht der Grund, warum wir da unbedingt Krieg führen mussten. Oder doch?

Es ist dieser von jeder Wahrhaftigkeit befreite Stil deutscher Eliten, der Menschen wie Romuald legitimiert. Hier ist das Vorbild; hier ist die große Abkehr von allem zu finden, was es auch nur ein bisschen an intellektuelle Lauterkeit erinnern könnte.

Man kann dem nur begegnen, indem man grundlegend skeptisch bleibt.
Wenn heute von NGO’s und Parteien vorgetragen wird, hier durchgesetzte schwule Rechte seien Menschenrechte und hätten daher auch in Russland zu gelten, wofür freilich zu kämpfen sei, dann gilt es, mehr als nur hellhörig zu werden. Hier soll eine Minderheit instrumentalisiert werden, um Völkerrecht, das völkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung gegen das neuerlich eingeführte Prinzip der Schutzverantwortung auszuspielen.

Es ließen sich noch zahlreiche Beispiele anführen, mit denen nachgewiesen werden kann, wie sehr wir uns von den Prinzipien eines um Aufklärung und Verstehen bemühten Diskures zentraler gesellschaftlicher Themen abgewandt haben. Das wird sich auch nicht so ohne weiteres wieder herstellen lassen, denn das, was ihn ersetzt hat, ist hoch aggressiv. Man kann sich nur abwenden, sonst wird man einfach überschrien.  Romuald ist hierfür ein Beispiel. Seine Legitimation zieht er aus den öffentlich geführten Debatten und der Art wie sie geführt werden. Es geht nicht um Wahrhaftigkeit, Konsens, Meinungsaustausch. Es geht um mediale Aufmerksamkeit. Politisch setzt sich letzten Endes der Stärke ganz unabhängig von Argumenten und Fakten durch. Romuald und mit ihm viele andere einer immer radikaler werdenden Mitte haben das tief begriffen. Fähnchen im Wind. Um mehr geht es nicht mehr.

Anmerkungen zu Würzburg und Ansbach

Als ich in den Nachrichten las, in Würzburg hätte ein Mann mit einer Axt Mitreisende in einem Zug schwer verletzt und getötet, war das erste, was ich dachte, wo ist eigentlich mein Patient Herr Sowieso, wollte der nicht nach Süddeutschland für eine Woche?

Wenn Herr Sowieso seine Neuroleptika absetzt, was er regelmäßig tut, da er unter ihren Nebenwirkungen leidet, fängt er an kommentierende Stimmen zu hören und seine Wahrnehmung von Welt verrückt sich. Er wird dann im eigentlichen Sinne des Wortes verrückt. Wegen der Stimmen, aber auch aus anderen Gründen, die mit dieser Verrückung zu tun haben, hatte er auch schon häufiger eine Axt bereit gestellt, wobei er regelmäßig androhte, mit ihrer Hilfe sein Recht auf Ruhe und Reizarmut in einer Welt nachdrücklich durchsetzen zu wollen, die für den Lärm und die Reizflut in ihm nichts konnte. Wenn das passiert, trifft sich unmittelbar eine ganze Schar aus Mitarbeitern der Sozialpsychiatrie, um zu beraten, was zu tun sei. Wie sich wenig später herausstellte, war es Herr Sowieso nicht gewesen. Ich atmete auf.  Wir hatten nicht versagt, nichts übersehen. 

Es gibt unterschiedliche Modelle, die versuchen, zu erklären, wie es zu derart verschobenen Wahrnehmungen von Welt, wie es zu Psychosen kommt. Alle haben Vor- und Nachteile, völlig schlüssig erklären kann keins das Entstehen von Psychosen. Von einer Vorhersage, wann, wer in welcher Form von einer Psychose betroffen sein wird, und in welcher Form sie sich dann äußern wird, sind wir himmelweit entfernt. Vermutlich wird das auch niemals zu erreichen sein. Genauso wenig, wie wir vorhersehen können, aus welchem Neugeborenen ein Schwuler oder eine Lesbe wird, wer süchtig werden wird, wer zu den Hochbegabten und wer zu den Versagern zählen wird, genauso wenig können wir vorhersehen, wer von Wahnsinn befallen werden wird und wer nicht. Wir wissen nur, dass es in einem statistisch relevanten Umfang passieren wird.

Weitgehend anerkannt ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell für die Erklärung, wie Psychosen entstehen. Es besagt, sie entstehen aus einer Vielzahl von Faktoren. Genetische Disposition spielt dabei eine Rolle, biographische Faktoren ebenso und natürlich Stress.

Man kann daher auch sagen, je höher der Stress in einer Gruppe ist, desto mehr Mitglieder antworten darauf mit psychotischem Verhalten. Welche Individuen das konkret sein werden, lässt sich nicht vorhersagen.
Das lässt aber auch den Umkehrschluss zu, dass es in stressarmen Gruppen weniger Psychotiker gibt. Völlig eliminieren kann man das Phänomen nicht. Wir müssen alle gemeinsam damit leben. 

So, das war wieder eine viel zu lange Einleitung.

Jetzt zum Hauptteil: Was in den letzten Dekaden immer schneller zugenommen hat, ist der gesellschaftliche Stress, den westliche Gesellschaften ihren Mitglieder zumuten. Da ist zum einen der zunehmende ökonomische Druck durch das neoliberale Modell, das zu Arbeitsverdichtung, Ausgrenzung, abnehmender sozialer Sicherheit und damit verbunden zu einem hohen Anpassungsdruck führt.

Begleitet wird dies spätestens seit dem 11. September 2001 durch eine immer weitergehende Aufspaltung in Gruppen und Untergruppen, die gegeneinander in Opposition gebracht werden. Die künstlich gezüchtete Angst vor dem Islam ist hierfür das Paradebeispiel. Es gibt darin eine hohe rassistische Komponente, denn ob Einzelne dem Islam zugeschrieben werden, hat mehr mit deren Hautfarbe und Aussehen als mit deren Glaubensbekenntnis zu tun.

Bestes  und daher ganz kurz erzähltes Beispiel: Wir erinnern uns, dass die USA den Irak angegriffen haben, wegen dessen vermeintlicher Verbindung zu Al Kaida, dabei war der Irak ein säkularer Staat, der mit Religion recht wenig am Hut hatte. Aber Saddam Hussein sah irgendwie so aus als ob. Durch diese Verbindung von Aussehen und Inhalt, durch diesen Rassismus wurde medial der Krieg gegen den Irak möglich gemacht, damit aber auch der IS geschaffen. Das ist der tragik-komische Witz, den uns Geschichte hier erzählt.

Durch diesen Rassismus werden in unseren Gesellschaften auch Psychotiker geschaffen, denn der gesellschaftliche Druck auf Muslime und auf Menschen, die so aussehen als wären sie Moslems, ist enorm gestiegen. Sowohl Orlando als auch die Attentate hier in Deutschland lassen sich mit dieser Erklärung viel besser und tiefer fassen, als mit der, es handele sich hier um Islamisten, die sich blitzschnell radikalisiert hätten. Das ist, mit Verlaub, absoluter Blödsinn. Dass er in deutschen Talkshows vorgetragen und in den Gazetten weiterverbreitet wird, bezeugt den akuten Fachkräftemangel, der im deutschen Qualitätsjournalismus herrscht. 

Schließt man sich der Erklärung an, dass Stress und Druck Psychotiker produzieren können, die dann zu schrecklichen Taten in der Lage sind, hat das allerdings auch Konsequenzen für den Umgang mit dem Phänomen.
Dem “Wir schaffen das” müssen Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit dieses Schaffen auch gelingen kann. Doch genau das passiert nicht. Aus diesem Grund ist die Kritik Sahra Wagenknechts an der Kanzlerin mehr als berechtigt. 

Wenn Menschen im Krieg leben, bedeutet das Stress, wenn Menschen sich auf den Weg machen, um dem Krieg zu entfliehen, bedeutet das Stress, wenn sie Verwandte zurücklassen, bedeutet das Stress, wenn diese Menschen Hindernisse auf diesem Weg überwinden, bedeutet das Stress, wenn Menschen dann ankommen und eingepfercht werden, bedeutet das Stress, wenn sie sich beständig rechtfertigen und erklären müssen, bedeutet das Stress.
Der ganze Rahmen, den der Westen da geschaffen hat und aufrecht erhält, ist ideal für das Entstehen von Psychosen. Wollte man dagegen angehen, müsste ein engmaschiges Netz der psychosozialen Versorgung gespannt werden, um das abzufedern und rechtzeitig auf Entwicklungen reagieren zu können, bevor Schaden entsteht. Aber das kostet freilich Geld. Dieses Geld auszugeben, ist die Bundesregierung nicht bereit. Es ist vermutlich auch nicht in ihrem Sinne.

Aber auch umgedreht bedeutet das Ankommen von einer großen Zahl von Menschen, die dann auf Unterstützung angewiesen sind, für diejenigen Stress, die jetzt schon von dieser Unterstützung leben, weil sie mit den immer weiter steigenden Anforderungen nicht mithalten können. Es bedeutet Stress, weil diese fürchten, von dem Wenigen, das ihnen zugesprochen wird, noch abgegeben zu müssen. Wenn diejenigen, die jetzt gerade mal einen befristeten Arbeitsvertrag zum Mindestlohn erhalten haben, hören, da strömt eine große Zahl an Menschen in den Arbeitsmarkt, die um genau diese Jobs im unteren Segment konkurrieren werden, dann bedeutet das Stress. Wenn Menschen gesagt wird, ihr werdet von der Rente nicht leben können, müsst aber bis mindestens siebzig arbeiten, weil wir Flüchtlinge aufnehmen mussten, bedeutet das Stress.
Es ließe sich fortsetzen, belegt werden soll hier nur, wie die deutsche Gesellschaft inzwischen unter enormem Druck steht, der sich in Einzelnen anstauen und auch in Einzelnen entladen wird. Das wird solange gehen, wie diese Einzelnen das Gefühl haben, keine Stimme zu haben, die gehört wird, dass sie keiner Gruppe zugehören, die ihre Interessen vertritt.

Man kann das alles auffangen und abfedern, wenn man denn will, aber das kostet Geld. Sicherheit zu erzeugen, kostet Geld. Und wenn diese Sicherheit real sein soll, muss sie sich als Gefühl äußern, von der Gesellschaft getragen und nicht im Stich gelassen zu werden. Man nennt das soziale Sicherheit. Sie ist wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft.
Doch genau dieses Gefühl von sozialer Sicherheit wurde in den letzten Dekaden mit aller Brutalität und Vehemenz zerstört.
Polizei, Militär und flächendeckende Überwachung sind die denkbar ungeeignetsten Mittel, um Amokläufen zu begegnen. Ich habe herzlich gelacht, als ich Merkels Neun-Punkte-Plan gelesen hatte. Der deutsche Fachkräftemangel reicht offensichtlich bis ins Kanzleramt. Wenn man Sicherheit möchte, müsste man nur den Sozialstaat wieder auf- und ausbauen. Eine Grundgesetzänderung ist dazu nicht notwendig. Im Gegenteil.

Weil das aber alles unterbleibt, ist das Merkelsche Mantra vom „Wir schaffen das“ einfach eine Lüge, da die Voraussetzungen zum Gelingen nicht bereitgestellt und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander in Opposition gebracht werden.

Zudem könnten künftige kriegsbedingte Traumata ganz erfolgreich dadurch bekämpft werden, indem man den Krieg beendet und sie könnten minimiert werden, indem man Waffenlieferungen in Krisengebiete unterlässt. Doch auch dazu ist die Bundesregierung nicht bereit.

Man könnte Flucht bedingten Stress dadurch minimieren, indem man das Flüchtlingswerk der UN mit den Mitteln ausstattet, die man zugesagt hat. Auch das unterlässt die Bundesregierung.

Sahra Wagenknecht hat mit ihrer Kritik an Merkel recht. Unrecht haben diejenigen, die Wagenknecht kritisieren, und die auf diese Weise den die Gesellschaft absichtsvoll spaltenden Kurs Merkels stützen.

Aber man muss in der Analyse noch einen Schritt weiter gehen. Das, was in Orlando, Ansbach und Würzburg passierte, sind Entladungen von enormem Druck, den eine Gesellschaft erzeugt, die sich selbst immer weiter radikalisiert, die sich zuspitzt.

Wir merken das alle. Die Anzahl der Sätze, die wir äußern dürfen, ohne ausgegrenzt, reglementiert, diffamiert oder einfach nur verlacht zu werden, werden immer weniger. Alternative Ansichten und Meinungen haben immer weniger Platz. Ein Diskurs wie ihn eine Demokratie zum Funktionieren braucht, findet auf keiner Ebene mehr statt. In den Mainstreammedien schon gleich zwei mal nicht.  Er wurde ersetzt durch Reglementierungen und Verbote, Hetze, Sprechverbote, durch Listen des Sagbaren und des Unsagbaren.

Der Anpassungsdruck ist enorm, die Zurichtung des Einzelnen zu einem dem System ökonomisch und politisch dienliches Objekt, nimmt immer sadistischere Züge an. Dass das nicht gut gehen kann, ist klar. 

Wer nicht Refugees Welcome ruft, ist sofort brauner Mob, ohne dass auch nur ein Argument getauscht worden wäre. Wer für Russland Position ergreift, ist Putinversteher, ohne dass nur ein Moment sachlich argumentiert worden wäre. Wer gegen Austerität redet, will auf Pump leben. Wie widerwärtig.

Es ließe sich beliebig fortsetzen. Der Diskurs in Deutschland ist auf seinem intellektuellen Tiefpunkt angekommen und trägt autoritäre, repressive Züge. Damit aber schafft er genau die Bedingung, deren es zum Entstehen von Psychosen bedarf. Wir werden uns daher noch lange mit dem Phänomen auseinander setzen müssen. Nicht nur, weil wir Kriege am laufenden Band produzieren. Sondern auch, weil unsere Gesellschaft immer enger und engstirniger wird. Das Problem Amoklauf ist im wesentlichen hausgemacht. Es sagt etwas darüber aus, wie wir miteinander umgehen. 

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Die Krim – Ein Jahr danach

Bereits im vergangenen Jahr habe ich die Krim besucht. Damals war ich überrascht von der Situation, die sich vor Ort so ganz anders darstellte als in unseren Medien beschrieben. Jalta war damals im Gegensatz zu den Behauptungen von Golineh Atai und ihren Mainstream-Kollegen gut besucht. Es gab auch keine Engpässe in der Versorgung, Jalta zeigte sich schon im vergangenen Jahr als subtropisches Ferienidyll. In diesem Jahr bin ich wieder nach Jalta gereist. Etwas zog mich hin zu diesem Ort. Ich hatte eigentlich geplant, einen anderen Ort in Russland zu besuchen, Sotchi vielleicht oder den Baikal-See. Russland ist groß, multikulturell, vielgestaltig, bietet daher eine große Auswahl an Orten, die es wert sind, bereist zu werden. Doch ich wollte nochmals auf die Krim. Ich hatte von ihr geträumt, immer wieder in den vergangenen Monaten. Immer wieder war ich nachts in ihre Schönheit eingelassen.

Ich plante eine zweiwöchige Reise. Zur Sommersonnenwende, den weißen Nächten, fuhr ich mit meinem Freund Pawel  nach Sankt Petersburg, anschließend reiste ich über Moskau auf die Krim.

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Krim in diesem Jahr nicht gut besucht, sie war schlicht voll. Es fing schon auf dem Moskauer Flughafen Vnukovo an. Ich hatte es für einen Fehler im Buchungssystem gehalten, als ich es auf meinem Ausdruck zu Hause gelesen hatte. Aber es war tatsächlich so, dass der knapp zweistündige Flug mit einer Boeing 747, dem zweitgrößten Passagierflugzeug der Welt durchgeführt wurde, das eigentlich für Langstreckenflüge ausgelegt ist, nun aber zwischen Moskau und Simferopol im Pendelverkehr eingesetzt wird, um den Andrang bewältigen zu können.

Der Flughafen in Simferopol ist für derart große Maschinen nicht ausgelegt. Das fängt schon beim Ausstieg an. Man verlässt die zweigeschossige Boeing über eine mobile Gangway und wird mit Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Das ist doch sehr ungewöhnlich. Bei den Gepäckbändern geht es weiter, sie sind viel zu kurz, um die große Zahl an Koffern aufzunehmen. Der kleine Flughafen, der im vergangenen Jahr an seiner Belastungsgrenze arbeitete, arbeitet jetzt jenseits davon. Entsprechend groß sind die Verspätungen, zu denen es kommt. Auf meinem Hinflug waren es fünf, auf meinem Rückflug immerhin noch knapp drei.

Die Nachfrage nach Urlaub auf der Krim wurde in diesem Jahr zusätzlich dadurch befeuert, dass für Russland die Urlaubsziele Türkei und Ägypten ausfielen, darüber hinaus bedingt durch einen ungünstigen Rubelkurs Reisen in die Eurozone unverhältnismäßig teuer sind.

Die Sanktionen gegen die Krim, die zu den Russland-Sanktionen die Halbinsel zusätzlich treffen sollen, sind noch in Kraft. Das heißt, die Krim ist noch immer vom SWIFT-Zahlungsverkehr abgeschnitten. Kreditkarten funktionieren daher nicht. Allerdings hat sich die Situation im Vergleich zum vergangenen Jahr doch verbessert. Zumindest für die Russen. Denn angesichts der Drohungen, im Rahmen eines erweiterten Sanktionsregimes Russland vollständig vom SWIFT-System auszuschließen und dem faktischen Ausschluss der Krim hat Russland ein eigenes Zahlungssystem entwickelt, das inzwischen auch in China eingesetzt werden kann. Die Krim-Sanktionen haben diese Entwicklung beschleunigt.

Kommt man aus der EU bedeutet das aber, dass man mit Bargeld anreisen muss. Weitere Sanktionen gegen die Krim sind unter anderem, dass in Reisebüros des Westens keine Reisen auf die Krim angeboten werden dürfen. Weiterhin erhalten die Bewohner der Krim kein Schengen-Visum. Sippenhaft. Ganz primitiv. Falsch abgestimmt, dann müssen alle dran glauben. Kennt man auch aus Griechenland. Der Westen zeigt in seinen Handlungen wenig Souveränität.
An der Haltung der Krimbewohner ändern die Sanktionen freilich nichts. Im Gegenteil erscheint vor Ort das westliche Sanktionsregime als reichlich absurdes Theater. Ich persönlich frage mich, warum westliche Regierungen die Forschungsergebnisse in Psychologie und Pädagogik so vehement ignorieren. Gesetzt den Fall, man hielte es für sinnvoll, und man will eine Verhaltensänderung erreichen, dann sind Stubenarrest und Taschengeldentzug als Mittel gegenüber einer Person völlig ungeeignet, die sich als eigenständig, voll entwickelt und daher auf Augenhöhe sieht. Es wirkt in seiner Unangemessenheit reichlich lächerlich, disqualifiziert daher eher den Sanktionerer als ernst zu nehmendes Subjekt. Das gilt für einzelne Individuen genauso, wie für Gruppen und Nationen.  

Die Krim ist von einer beeindruckenden Schönheit. Wie gesagt, hatte ich ursprünglich geplant, an einem anderen Ort in Russland meine freien Tage zu verbringen. Allerdings war der Drang, wieder auf die Krim zu fahren schließlich übergroß. Es gab da auch noch viel zu entdecken, schließlich hatte ich längst nicht alles gesehen. Es gab da beispielsweise Simeiz, das sich zu Jalta verhält wie Sitges zu Barcelona. Ein kleiner, gayfriendly Badeort, der laut Auskunft von Freunden wohl schon in der Sowjetzeit einschlägig bekannt war. Sowas gibt es in Deutschland nicht, im angeblich homophoben Russland komischerweise schon. Da stimmt wieder mal was mit der hiesigen Wahrnehmung nicht. 

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Der Zugang zum dortigen FKK-Strand ist alles andere als barrierefrei. Man muss schon ein bisschen klettern und braucht feste Schuhe, um den zwar gut ausgeschilderten, aber doch sehr felsigen Weg hinab zu bewältigen. Dafür wird man unten angekommen um so mehr entschädigt. Die kleine Bucht bietet einen schönen Ausblick auf das Schwarze Meer, eingerahmt von Steilküste, die dem ganzen Szenario eine unglaublich ästhetische Dramatik verleiht.

Viele junge Leute sind in Simeiz, nicht nur, weil Europa derzeit teuer ist. Es herrscht hier ein anderes Flair. Obwohl gayfriendly fehlt die im Westen so typische schrille, fast schon hysterische Komponente. Keine Muskelmänner in High Heels, kein zur Schau getragener Fetischismus, außerhalb der Bars keine Drag-Shows. Wem das Schrille einer westlichen Gay Pride nicht liegt, wer aber trotzdem auf die Community nicht verzichten möchte, der wäre hier eigentlich richtig.

In Simeiz wird fühlbar, wie anders eine gay community auch möglich wäre. Allerdings werden diese Alternative die westlichen Vertreter à la Meth-Konsument Beck von den Grünen zu diskreditieren wissen. Unsere Transatlantiker mit emanzipatorischem Anstrich dulden nur eine Form der Darstellung von queerer Emanzipation, und die ist schrill, laut bunt, marktkonform, fokussiert auf die weiße, bürgerliche Mittelschicht, ein bisschen rassistisch und natürlich wenig Kultur sensibel. Es muss überall die gleiche Soße sein, sonst schmeckt es nicht. Diese nicht nur aber vor allem bei den Grünen weit verbreitete Haltung kann man mit einiger Berechtigung auch Kulturchauvinismus oder neokoloniales Denken nennen, zumal es in diesem Fall tatsächlich dazu eingesetzt wird, zu hetzen, zu spalten und eine Aggression gegen Russland zu schüren.

Von unglaublicher Überheblichkeit ist dieses Denken. Völlig verkürzt, auf ganz wenige Indikatoren reduziert, bemessen westliche, allen voran Grüne Politiker die Freiheit von Schwulen und Lesben in anderen Ländern. Gay Pride ja oder nein?  Wir haben das, die nicht. Schwule Ehe ja oder nein? Gibt’s bei uns, bei denen nicht. In ganz wenigen Kategorien erschöpft sich deren Bemessungsgrundlage. Heraus kommt dann, Russland sei ein homophobes Land. Die Unzulänglichkeit dieser Methode ist offensichtlich.  Als gebe es einen objektiven Gradmesser für Homophobie jenseits von so etwas wie offiziellem Verbot und Strafen. Alle Versuche, das zu ermitteln, sind bestenfalls diskussionswürdig, meist aber einfach Humbug.

Es war übrigens die Grüne Europaabgeordnete und Vorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms, die in Kiew aus der Regenbogenfahne eine Symbol westlichen Imperialismus’ gemacht hat. Man kann nur erschrecken über soviel Arroganz.
Mit ihrer fast ausschließlichen Ausrichtung auf kulturethische, liberale Fragen und ihrer Abkehr von der Frage nach Verteilungsgerechtigkeit sind die Grünen eben keine linke, emanzipatorische Partei mehr. Die SPD freilich auch nicht.  Und bei der Linken habe ich nicht erst seit dem Wagenknecht-Bashing große Zweifel. Deutschland ist geistig verarmt. 

Hinzu kommt die Kurzsichtigkeit und mangelnde Reflexion insbesondere der Grünen im Hinblick auf Kultursensibilität, wenn es um Russland geht. Hier herrscht Ignoranz in einem erschreckenden Ausmaß. Man kann hier gerne auch schon mal von blankem Rassismus sprechen. Anders lassen sich zahlreiche Irrationalismen bis hin zum offenen Hass bei Beck Harms und Co meines Erachtens gar nicht mehr erklären. Hier werden ganz offen doppelte Standards angelegt. 

Es ist zu wünschen, das Engagement für Minderheiten und ihre Rechte würden Harms und ihre korrekt gendernden MitstreiterInnen auch auf die USA anwenden. Aber auf die Teilnahme an einer illegalen Demonstration gegen rassistische Polizeigewalt von irgendwelchen Grünen wird man noch lange warten können. Nicht die kleinste Stellungnahme ist hier zu finden, obwohl sich gerade Grüne Politiker damit hervortun, jegliche diplomatische Gepflogenheit unter den Tisch fallen zu lassen und sich kräftig in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber nur, wenn es um Osteuropa geht. 

Unter anderem an dieser Asymmetrie in der Bewertung sieht man, wie unlauter ihr Engagement auch in Sachen Russland gegen den angeblich homophoben russischen Staat ist. Es ist einfach ein ganz gewöhnlicher transatlantischer Imperialismus unter dem Deckmäntelchen des Einsetzens für Minderheiten, der hier stattfindet.

Doch bevor mein Blutdruck weiter steigt, weg von den Grünen, hin zu Angenehmerem, wieder zurück nach Simeiz.
Simeiz wäre das ideale Ziel für alle, die einen idyllischen, ruhigen Strandurlaub in der Community verbringen wollen, aber auf die in den letzten Dekaden etablierten Symbole, das dionysisch Rauschhafte und die Klischees der westlichen gay community verzichten möchten, wären da nicht die Sanktionen, die einen Besuch in Simeiz für westliche Besucher zu einem Abenteuer machen, denn die ganze Reise muss allein organisiert werden. Auf Englisch als Brückensprache kann zudem nicht vertraut werden. Ein Austausch und ein Eindruck wird somit fast unmöglich gemacht. Allerdings ist es dieses Mal der Westen der hier einen zunehmend eiserner werdenden Vorhang errichtet.

Auf der Krim wird viel über Politik gesprochen. Man beschwert sich über steigende Preise, fordert mehr Unterstützung aus Moskau, sieht den Prozess der Integration zu langsam fortschreiten. Die Anbindung an die Ukraine wünscht dabei aber niemand.
Sicherlich: Man sieht auch Aggression und wehrt sich dagegen. Allerdings verortet man den Aggressor ganz woanders als es hier in den Medien dargestellt wird: Es ist die NATO, die auf der Krim als Bedrohung empfunden wird.

Auf dem zentralen Platz der Stadt Jalta vor dem großen Lenin-Denkmal gab es an meinem dritten Aufenthaltstag eine Demonstration gegen die NATO sowie gegen die Präsenz von US-amerikanischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer. In den Reden wurde darauf verwiesen, dass man hier immer wieder gegen die NATO demonstriert hatte, auch zu Zeiten, als die Krim noch zur Ukraine gehörte. Es wurde von früheren Bemühungen um mehr Autonomie und von Abspaltungsverlangen der Krim-Bewohner erzählt, es wurde hervorgehoben, wie dann die NATO immer Präsenz gezeigt und gedroht hätte.

Die Krim hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer wieder für mehr Autonomie gestritten. Schon 1994 fand ein Referendum statt, in dem mit überwältigender Mehrheit von 90 Prozent die Bürger der Krim für einen Anschluss an Russland votierten.

Die Bürger der Krim in ihrer Vielfalt fühlen sich Russland zugehörig. Das jetzige Referendum hat dem erneut Ausdruck verliehen. Ich habe keine Stimme gehört, die sich die Ukraine zurück wünschen würde. Das wäre auch seltsam, denn es ist deutlich, was die Alternative zu subtropischen, wirtschaftlich prosperierenden Ferienidyll wäre: Bürgerkrieg in einem scheiternden Staat, faschistische Bataillone und eine unglaubliche Korruption.

In Sankt Petersburg war ich es selbst, der die NATO als Aggressor empfunden hat. An einem Abend waren wir dort in der Oper, in Don Carlos. Es war ein unglaublich geglückter Abend, eine gute Vorstellung, hochbegabte Sänger, ein Orchester mit einem virtuosen Dirigenten verbunden mit einer interessanten Inszenierung. In der Pause überfiel mich dann der Gedanke an die Übungen der NATO und die Stationierung von unter anderem deutschen Soldaten kaum 160 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, die nichts anderes übten und kein anderes Ziel verfolgten, als all dies hier zu zerstören.

Hier bei uns wird die Meinung vertreten, Russland sei international isoliert. Ein Land, das ausschließlich für sich und seine Interessen kämpft. Wer nur ein bisschen außerhalb des Mainstreams nach Informationen sucht, wird feststellen können, wie schräg und verzerrt dieses Bild ist. Russland ist, oft als treibender Motor, in eine Vielzahl von transnationalen Projekten involviert. Da sind neben BRICS die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit, die Zollunion, die New Development Bank, die Asian Infrastructure Development Bank, usw. usf. Die Liste der Großprojekte, die eine weltweite Vernetzung von Handel, kulturellem Austausch und Zusammenarbeit vorantreiben, an denen Russland maßgeblich beteiligt ist, ließ sich noch weiter fortsetzen.
Allein Europa, die Europäische Union kommt in all diesen weltumspannenden Projekten, die die Weichen für eine Neuordnung der Welt bedeuten, bestenfalls am Rande vor. Es ist der Westen, der sich isoliert hat und den Anschluss verpasst. In Russland und den mit Russland kooperierenden Ländern wird gerade ganz groß und ganz visionär gedacht. Bei uns denkt man an schwarze Nullen, Austerität, Kleinklein und in Trippelschritten, man denkt an das Wohl der großen Konzerne und Banken während die Infrastruktur zerbröckelt.

Muss man sich wirklich überlegen, ob man diese Unterordnung von Politik unter die Ökonomie für alternativlos halten möchte. Ein Blick nach Osten zeigt, dass es nicht so ist. Dort gestaltet Politik Wirtschaft in ganz großem Maßstab.  Unter anderem auf der Krim wird das sicht- und fühlbar. In nur einem Jahr ist der Wohlstand hier deutlich gewachsen. Während er in der Ukraine und der Europäischen Union für die Mehrheit der Bürger sinkt. 

Nachdem durch den Untergang des Römischen Reiches dessen Infrasturktur zerbröselte, hat es übrigens 600 Jahre gedauert, bis wieder mal eine Brücke über den Main gebaut wurde. Die war dann aus Holz.

 

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Demo auf der Krim gegen Aggression

Während in Deutschland, der EU und der NATO die Angliederung der Krim an Russland als das Beispiel schlechthin für die russische Aggression gilt, und daher als Begründung dafür herhalten muss, die militärische Präsenz an der Ostgrenze der NATO zu verstärken und dort vertragswidrig dauerhaft Soldaten zu stationieren, verorten die Bewohner der Krim die Aggression ganz woanders.

Vorgestern fand in Jalta eine Demonstration gegen die nächste NATO-Aggression, die geplante Stationierung von US-Amerikanischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim statt.

Zur Demo, in deren Verlauf mehrere hundert Menschen zusammen kamen, hatte die Partei “Einiges Russland” aufgerufen. Die Rede der Abgeordneten Jaltas der Partei Irina Michailowna Aleekseiwa habe ich dokumentiert.

Sie erzählt die Geschichte des Plakats, das sie in Händen hält. Es sei zehn Jahre alt. Schon damals seien NATO-Verbände vor der Krim gekreuzt. Auch damals hätten sich Menschen im Protest versammelt. Sie äußert sich besorgt über die zunehmende Aggression, sieht einen neuen Faschismus im Westen heraufziehen.

Man sollte genau auf die geäußerten Ängste und Argumente hören, denn es ist wichtig, diese auf der Krim, in Russland und zunehmend auch im Westen verbreitete Positionen zur Kenntnis zu nehmen, wenn man bestrebt ist, den Konflikt diplomatisch lösen.
Dass genau dies nicht geschieht, gibt den Menschen recht, die in der NATO ein zunehmend gefährlicher werdendes Angriffsbündnis sehen, gibt denjenigen gute Argumente an die Hand,  die glauben, dass der Westen an diplomatischen Konfliktlösungen nicht interessiert ist, sondern absichtsvoll eine Eskalation der jeweiligen Situation betreibt.

Unterstützt wird die Forderung nach Abzug der Kriegsschiffe übrigens vom NATO-Mitgliedsland Bulgarien. Das verdeutlicht am besten, wie gefährlich die Lage inzwischen ist. Selbst den NATO-Mitgliedsländern ist die NATO inzwischen zu aggressiv.

Die Krim, der Westen und sein Problem mit Referenden

Annexion meint eine gewaltsame Abspaltung eines Landesteils von einem Staatsgebilde und dessen Eingliederung in ein anderes. Der zentrale Punkt ist hier die Gewalt, die durch den eingliedernden Staat ausgeübt werden muss.

Auf der Krim lief das ganz deutlich anders. Es gab ein Referendum, bei dem sich die Mehrheit zu einer Abspaltung von der Ukraine und zu einer Angliederung an die Russische Föderation entschied.

Es mag da aufgrund der Umstände Schönheitsfehler gegeben haben, allerdings könnte man die Abstimmung beliebig oft wiederholen, im Ergebnis würde sich grundsätzlich nichts ändern. Im Gegenteil. Den Menschen hier ist deutlich, die Alternative zu Urlaubsidylle, wirtschaftlichem Aufschwung und Prosperität wäre ein tobender Bürgerkrieg. Donezk und Luhansk sind von der Grenze rund zweihundert Kilometer entfernt. Man hat die Alternative gleichsam vor Augen.

Dass der Westen das Referendum auf der Krim und die Angliederung an Russland nicht anerkennt, sagt viel über dessen Abkehr von demokratischen Prinzipien aus. Man muss zu einer völlig neuen Auffassung des Völkerrechts kommen, um die Vorgänge auf der Krim so eindeutig mit dem Wort “Annexion” benennen zu können, wie das bei uns passiert. Diese geänderte Auslegung des Völkerrechts bedeutet dann aber, dass das Selbstbestimmungsrecht aufgehoben wird, die Bürgerinnen und Bürger grundsätzlich nichts mehr zu sagen haben, wenn es nicht in die gerade herrschende Politik passt.

Das, was die Europäischen Union schon im kleinen praktiziert, die Missachtung von Referenden und Wahlen, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen, wird auf das Völkerrecht appliziert. Eine brandgefährliche Entwicklung, zumal der Begriff der Annexion eine Legitimation für einen Angriffskrieg darstellt.

Obwohl die Krim zusätzlich zu den bestehenden Sanktionen gegen Russland einem erweiterten Sanktionsregime unterliegt, prosperiert die Halbinsel. Während im vergangenen Jahr die Hotels bereits gut gebucht waren, konnte die Nachfrage in diesem Jahr offensichtlich noch gesteigert werden. Auf der kurzen Strecke zwischen Moskau und Simferopol verkehren inzwischen Boeing 747 im Pendelverkehr. Der kleine Flughafen ist für derart große Maschinen nicht ausgelegt, dennoch gelingt das logistische Unternehmen.

Russische Kreditkarten funktionieren inzwischen auf der Krim wieder, Russland hat ein eigenes Bezahlsystem entwickelt. Kreditkarten aus dem Westen sind weiterhin von den Sanktionen betroffen. Man muss mit Bargeld anreisen. Eine lächerliche Maßnahme, wie man sich hier vor Ort überzeugen kann, denn den Umsätzen tut das keinen Abbruch.
Diese Sanktion wie auch das Verbot für Reisen auf die Krim zu werben erschwert den Bürgern der Europäischen Union lediglich den Zugang zu diesem herausragend schönen, historisch bedeutsamen und interessanten Ort.
Einige Impressionen gibt es hier, hier und hier.