Archiv des Autors: Gert Ewen Ungar

Hingeschaut: Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen und tatsächliche Berichterstattung

Laut Programmauftrag sollen die öffentlich-rechtlichen Sender ausgewogen berichten. Wenn es um Russland geht, ist davon aber kaum etwas zu spüren. Die ARD-Korrespondentin Golineh Atai liefert ein Paradebeispiel für eine einseitige Berichterstattung mit anti-russischer Schlagseite ab.

 

Russland hat eine der niedrigsten Staatsverschuldungen in der Welt. Das Renteneintrittsalter für Frauen liegt bei traumhaften 55, für Männer bei 60 Jahren. Bemannte Weltraumfahrt ist ohne Russland nicht denkbar. Es ist das einzige Land, das derzeit die technischen Mittel dazu hat. In Russland gibt es 13 Feiertage im Jahr. Wenn ein Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird er am Montag nachgeholt. Die Krankenversicherungsbeiträge zahlt …

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Russische Propaganda 8 – Werteverlust

Es ist ein ganz erstaunliches Phänomen: Menschen, die weder die Sprache sprechen noch jemals in Russland waren, erklären mir, wie es da so ist, was ich alles falsch verstehe und wie die Zusammenhänge eigentlich sind.
Sie leben unter der Glocke der deutschen Variante der transatlantischen Propaganda, die mit jedem Tag ein bisschen schlimmer wird. Dieses Verhalten ist verständlich, so absurd es auf den ersten Blick sein mag, denn da heraus zu kommen, erfordert einen deutlichen Bruch mit dem Gewohnten, den viele noch nicht bereit sind zu machen.
Es ist insbesondere eine sich als linksliberal verstehende Mittelschicht, die meint, mit Tagesschau, Süddeutsche und Zeit oder Spiegel seien sie gut informiert und wüssten über die Vorgänge in der Welt Bescheid. Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein als diese Annahme.
Irgendwann in den letzten Dekaden gab es einen historisch zu nennende Wandlung im deutschen Journalismus. Er versteht sich nicht mehr als vierte Kraft, der Macht versucht zu kontrollieren oder zumindest in ihren Fehlentwicklungen zu kommentieren und zu dokumentieren, sondern als Teil der ersten drei Mächte. Er versteht  seine Aufgabe inzwischen darin,  politische Entscheidungen und Leitlinien einem breiten Publikum zu erklären und die vermeintliche Alternativlosigkeit mit Scheinargumenten aufzuzeigen.
Der deutsche Journalismus ist in weiten Teilen die PR-Abteilung der Macht. Das ist in der Tat sehr schlimm. Hinzu kommt, das die vierte Mach in Deutschland von einer ökonomischen Ideologie besetzt gehalten wird, der sich der deutsche Journalismus in einer Weise unkritisch andienert, dass es auf Beobachter abstoßend wirken muss.
Diese Änderung ist weitreichend. Entsprechend lange dauert es, bis diese Erkenntnis mit all ihren grausamen Konsequenzen sich den Weg ins Bewusstsein der Allgemeinheit gebahnt hat.
RT hat interessanter Weise den Vorgang beschleunigt, denn plötzlich sind wieder andere Sichtweisen in der Medienlandschaft vertreten. Das erklärt die vehemente Abwehrhaltung und die Aggression, mit der gegen RT vorgegangen wird. Wir sind von Vielfalt entwöhnt worden. Es fällt schwer, Pluratlität wieder zuzulassen, vor allem dann, wenn einem Einheit über einen längeren Zeitraum als Meinungsvielfalt vorgespielt wurde.

Ich jedenfalls würde mir aktuell aufgrund von Zeitungslektüren und Medienberichten des Mainstreams nicht zutrauen, eine Einschätzung zu anderen Themen abzugeben. Zur Türkei beispielsweise halte ich geflissentlich die Klappe. Ich kann weder die Sprache noch kenne ich das Land, weiß lediglich, dass unsere Medien in Demokratie gefährdender Weise manipulativ und damit unzuverlässig sind. Die Erschütterung über die Diskrepanz in der Berichterstattung über Russland und das, was da tatsächlich passiert, hat mich kräftig wach gerüttelt.
Es ist diese Rückkehr zur eigenen Erfahrung, die wir brauchen, um diese tiefe Krise der Medien zu überwinden. Wir müssen uns wieder auf unsere Erfahrung verlassen. Und auf die unserer Freunde. Wir müssen unsere Quellen neu sortieren. Wenn mir Ali, mein Nachbar erklärt, wie er die Situation in der Türkei einschätzt, glaube ich ihm inzwischen mehr als den Berichten in der Tagesschau. Weil die Tagesschau eben nicht berichtet, sondern versucht mich zu manipulieren. Sie ist keine gute Quelle. Ali tut das nicht. Er ist die qualitativ bessere Quelle. Und so ist es eben auch in Bezug auf Russland. Ich bin eine gute Quelle. Die Süddeutsche, die Zeit und der Spiegel sind es nicht.

Die fragwürdige Mission des Berliner Kultursenators Klaus Lederer: Anti-Aufklärer und Zensor

Auf Betreiben des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (DIE LINKE) sagte das mit öffentlichen Mitteln unterstützte kommunale Kino „Babylon“ eine Veranstaltung ab, auf der der Publizist Ken Jebsen mit dem „Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet werden sollte.

Dem ganzen Vorgang haftet der Geschmack von Erpressung an: Veranstaltung absagen gegen kommunale Förderung auch in der näheren Zukunft? Ob es so war, wissen allein die Beteiligten, doch der Verdacht liegt nahe.

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Russische Propaganda 7 – Paranoide Schizophrenie

Es war vorgestern auf tagesschau.de, da ging es gleich drei Mal um russische Einmischung. Sowohl der spanischen Präsident Rajoy als auch die britische Premierministerin May wollten eine russische Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihrer Länder festgestellt haben. Obendrein wurde noch über die USA berichtet, wo sich inzwischen der Sohn des Präsidenten Anschuldigungen ausgesetzt sieht, mit den Russen zusammengearbeitet zu haben.

Der sogenannte „Faktenfinder“ ging der spanischen Sache nach und hangelte sich an ganz vielen Konjunktiven entlang, fand also keine Fakten, suggerierte jedoch einen Wahrheitsgehalt.

Vorgestern war es auch, als auf der Arbeit ein Klient sichtlich verändert in unser kleines Zentrum kam. Er könne nur ganz kurz hier bleiben, er müsse gleich weiter, meinte er gehetzt. Sichtlich ungepflegt, mit Angstschweiß auf der Stirn stand er vor mir.
Auf die Frage, was los sei, antwortete er: „Die sind hinter mir her!“
„Nimm einen Moment Platz“, sagte ich. „Hier drin passiert dir nichts.“
„Bist du sicher? Die sind überall!“
Wer das sei, wer hinter ihm her sei, wollte ich dann von ihm wissen.
„Was weiß denn ich?!“, meinte er sichtlich erregt. „Die Russen werden es sein!“
Da bahnte sich eine gesellschaftliche Wahnvorstellung tatsächlich den Weg in die individuelle Wahnvorstellung eines Einzelnen.

Und genau so wenig wie mein Klient auf die Frage, warum die Russen denn hinter ihm her sein sollten, eine plausible Geschichte erzählen können, kann weder May, Rajoy noch tagesschau.de eine plausible Geschichte erzählen, was Russland für ein Interesse an einer Einmischung in Katalonien, Großbritannien oder den USA haben könnte.
Mein Klient meinte, „Die wollen mich fertig machen“.
Das reichte ihm als Erklärung aus.  Dass das keine Erklärung war, weil sie die Antwort auf die Frage „warum?“ in keiner Weise plausibel beantwortet, war ihm im Moment nicht vermittelbar.

Mit einer ähnlichen Erklärung wartet allerdings auch der Mainstream und die westliche Politik auf, wenn sie meinen, Russland wollte den Westen destabilisieren. Fragt man „Warum?“ und hört dann die Antworten, wird es wirklich richtig psychotisch. „Der will uns fertig machen! Der will uns überfallen! Der ist das Gesicht des Bösen!“ Irgendwie geht es um Putin oder manchmal auch einfach um den Russen allgemein.

Damit ist auch klar, was dem Westen diagnostiziert werden muss: paranoide Schizophrenie. Man kann nur hoffen, dass sie Substanz induziert ist. Dann geht der Wahn nach einer gewissen Zeit meist von alleine wieder weg.

Meinem Klienten jedenfalls klebten Reste von weißem Pulver noch an der Nase, entsprechend ging es ihm auch nach ein paar Stunden wieder besser. Er hatte es sich über zwei Tage mit Koks und Speed kräftig gegeben, wurde im nachhinein klar. Er versprach es nicht mehr zu tun. Es sei ihm eine Lehre gewesen. Dieses Mal hätte er es endgültig kapiert. Ich sagte „soso.“

Ob es beim Westen als politisches Gebilde ähnlich ist und vorbei geht, oder ob der Zustand dauerhaft anhält, wird die Zukunft zeigen.
Ich wünsche auf jeden Fall gute Besserung.

Russische Propaganda 6 – Das zerbrechende Narrativ

Es ist aber auch wirklich ärgerlich. Da wurde mit unglaublich viel Geduld und unglaublich viel Geld unglaublich viel unternommen, um die westliche und damit auch die deutsche Medienlandschaft einheitlich auf marktradikale Linie zu bringen – und dann kommt RT und macht alles kaputt.

Dabei sah es so gut aus. Alle großen Medien waren gekapert worden. Von links bis rechts herrschte in den großen Gazetten und den Öffentlich-Rechtlichen das gleiche Narrativ, das gleiche Wording, die gleiche Blattlinie. Es hat unglaublich viel Zeit und Geld gekostet, viele Einladungen zu Geschäftsessen, viel Bauchpinselei, viel Einflussnahme über Einbettung von Journalisten in Think-Tanks und elitäre Zirkel.
Tiefe Einschnitte in die soziale Sicherheit wurden wohlklingend als Reform verkauft, Kriegseinsätze aus geopolitischen und ökonomischen Interessen wurden zu humanitären Missionen.
Es gelang das Unglaubliche:  eine hermetische Abriegelung gegen alle anderen Sichtweisen in westlichen Medien. Hurra!
Andere Meinungen wurden einfach kalt gestellt. Jeder Volontär wurde belehrt, was geht und was nicht, damit auch unmittelbar klar war, unter welchen ideologischen Prämissen eine Karriere überhaupt erst möglich ist: Das Narrativ musste wiederholt werden. Eine sanfte aber sehr machtvolle Zensur. Und dann das! RT DEUTSCH aus dem Stand mit großer Reichweite und alternativer Sicht.

Doch der Kampf ist nicht vorbei. Dann wird jetzt eben mit größerer Munition geschossen. RT muss sich in den USA als Ausländischer Agent registrieren. Die Arbeit soll zumindest eingeschränkt werden.

Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder einfach so seine Meinung verbreiten dürfte?

Russische Propaganda 5 – Schusswaffengebrauch der Moskauer Polizei

Es waren mal wieder anti-russische Wochen in der queeren Community Berlins. Man empörte sich erneut über irgendwas, was in Russland vorgegangen sein sollte, wofür aber wieder mal jeder handfeste Beleg fehlte.
Irgendeine deutsche LGBT-Organisation mit Georg Soros und Human Rights Watch als finanz- und  kampagnenstarke Partner im Rücken hatte zu einer öffentlichen Empörungskundgebung gerufen. Es waren als Redegäste Vertreter von anderen Organisationen geladen, die ebenfalls Georg Soros und Human Rights Watch als finanzstarke Partner ausweisen konnten.
Es empörte sich also eigentlich nur Georg Soros und das US-State Department, aber durch den Wechsel der Redner, die unterschiedliche Unterorganisationen des Soroschen NGO-Imperiums und des US-Empörungsdepartments repräsentierten, entstand der Eindruck von Vielfalt, obendrein noch der Eindruck von Wahrheit. Vermeintlich unterschiedliche Quellen behaupteten Ähnliches. Dann musste was dran sein.
Avaaz  durfte nicht fehlen, war daher auch zur Stelle, um möglichst viele Empörungswillige mit einheitlich gestalteten Plakaten auszustatten, damit das ganze auch ordentlich aussah und nicht wie Kraut und Rüben durcheinander gewürfelt wirkte. Ein schön gestalteter, einheitlicher Aufmarsch macht sich im Fernsehen einfach besser.

Ich stand rum und lauschte den Worten eines Redners, der von den Schrecken des Schwulseins in Russland erzählte, da wurde ich von der Seite angequatscht.
„Heftige Scheiße, was die da mit uns machen in Russland, oder?“
Ich konnte mich über meine Behandlung in Russland eigentlich nicht beschweren, im Gegenteil, entschloss mich aber, das für den Moment für mich zu behalten. Ich drehte mich in Richtung der Stimme und blickte in ein paar sehr junge, braune Augen.
„Warst du denn schon mal in Russland?“, wollte ich von meinem Nachbarn wissen.
„Klar! Voll krass da!“, war die Antwort. „Bin Heitor, bin DJ.“ Er bot mir die Hand dar, ich ergriff sie, nannte meinen Namen.
Ob er vom DJ sein denn leben könne, wollte ich wissen.
Er stünde noch am Anfang seiner Karriere, bekäme daher noch Geld vom Amt. Allerdings hätte er ein paar Clubs an der Hand, da würde er seinen Exotenbonus ausspielen, das ging dann schon alles klar, war sich Heitor sicher.
Seine Mutter sei nämlich Afrobrasilianerin, weswegen er auch diesen Schoko-Teint hätte. Aufgewachsen sei er aber hier. Auf eine Waldorf-Schule sei er gegangen, deswegen hätte er sicher auch was Schräges an sich. „Da bleibt was zurück“, meinte er.
Das waren wirklich sehr viele Informationen auf einmal. Das Schräge, das Heitor an sich hatte, schien mir allerdings weniger das Resultat einer anthroposophischen Erziehung, sondern  eher das Ergebnis einer kräftigen Line Speed zu sein, die zu einem ebenso kräftigen Laberflash geführt hatte. „Schoko-Teint“ hätte ich mir niemals erlaubt zu sagen. Hautfarbe ist mir ohnehin schnurz. Aber das sich jemand selbst rassistisch markiert, das war mir neu.
Der Laberflash war noch nicht zu Ende. Es war nämlich so, dass die Abschlussfahrt seiner Klasse an der Waldorfschule ihn nach Russland, genauer nach Moskau geführt hat. Dort gab es nämlich eine große anthroposophische Gemeinde. Seine Schule hätte da guten Kontakt hin. Sie seien da bei den Familien russischer Anthroposophen untergekommen….
Ich hinkte in der gedanklichen Verarbeitung des Gehörten jetzt schon ziemlich hinterher. Es ging alles etwas schnell. Von einem Hang der Russen zur Anthroposophie hatte ich noch nie gehört.  Und dass ein Lehrer sich den Mühen unterzieht, für eine ganze Klasse Visa zu beantragen oder die Eltern von der Notwendigkeit zu überzeugen,  es zu tun, schien mir irgendwie merkwürdig. Es ist ja nicht mit einem Antrag getan, man braucht ja auch noch eine entsprechende Auslandskrankenversicherung, eine Einladung, Verdienstbescheinigung. Ob es sowas wie ein Klassenfahrtvisum für die Russische Föderation gab? All das ging mir durch den Kopf da waren wir allerdings schon beim übernächsten Thema.
Auf seiner Klassenfahrt zu den anthroposophischen Russen ist Heitor nämlich der reine russische Rassismus begegnet. Die Gegend erkundend sei er durch die Moskauer Straßen gezogen, als sich plötzlich, ohne dass er irgendwas gemacht hätte, eine Polizeipatrouille vor ihm aufbaute, ihn auf die Knie zwang und ihm eine Knarre an den Kopf hielt. Einfach so, wegen seiner Hautfarbe. Menschen standen um ihn rum, zeigten mit dem Finger auf ihn, lachten ihn aus und applaudierten den Polizisten.
„Aber die Polizei-Patrouillen in Moskau tragen doch gar keine Schusswaffen! Die sind alle höchstens in deinem Alter und haben gerade mal einen Schlagstock dabei. Das ist doch nicht Amiland“, entfuhr es mir.
Ob ich an seinen Worten zweifeln würde, wollte Heitor wissen.
Eigentlich wollte ich so ziemlich ganz genau das, konnte es aber nicht äußern, denn es ging schon weiter.
Die Polizisten jedenfalls zwangen ihn mit auf die Wache zu kommen, mit der Knarre am Kopf. Dort musste er sich ausziehen und stundenlang nackt in einer Zelle stehen, bis ihn seine Gastfamilie abholen kam.
„Und diese Geschichte findet hier in der Community dankbare Zuhörer?“, wollte ich wissen.
„Du behauptest, dass ich lüge? Du hörst doch, dass das wahr ist, was ich erzähle“, meinte Heitor mit dem Fingerzeig auf die Rednerbühne.

Genau das aber ist das Problem. Über Russland kann man ungestraft so ziemlich jeden Unsinn erzählen, von dem man glaubt, er würde einem die Aura von Interessantheit verleihen. Das Gesagte findet garantiert willige Abnehmer. Je grausamer und brutaler, desto mehr Zuhörer. Da können die Geschichten noch so unstimmig sein. Wenn es um Russland geht, wird in den entsprechenden Kreisen jeder Blödsinn bereitwillig geglaubt. Und nach genau diesem Strickmuster waren auch die beständig wiederkehrenden anti-russischen Wochen der queeren Community gestrickt.

Russische Propaganda 4 – Armut

Immer, wenn ich aus Russland zurück komme und in der Berliner Ring-Bahn in Richtung nach Hause sitze, denke ich über Armut nach. Es ergibt sich nahezu zwangsläufig, denn es grenzt an Sicherheit, dass in der Berliner S-Bahn mir irgendjemand einen Becher unter die Nase hält, in den ich Geld einfüllen soll, dass jemand seine traurige Geschichte über Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit erzählt, in der Hoffnung, so mein Herz zu ergreifen und mich so dazu zu bewegen, ein paar Cent locker zu machen, dass irgendjemand singt oder musiziert, damit das mit einer Spende bedacht wird.
Ich denke deswegen über Armut nach, weil ich das für den Zeitraum meines Aufenthalts in Russland nicht gesehen habe. Richtig gelesen: nicht (!) gesehen habe. Das enorme Ausmaß von Armut in der Bundesrepublik wird nach dieser Zeit der Entwöhnung immer besonders sichtbar. Nach ein paar Tagen nehme ich es schon wieder als selbstverständlich hin.

Ich weiß: Das entspricht in keiner Weise dem Klischee, das  man hier über Russland hat. Es entspricht auch in keiner Weise dem Klischee, das wir uns über uns selbst gebildet haben. Wir sind ein reiches Land. Es geht uns gut. Doch so etwas wie die kleine Zeltstadt, die sich unterhalb des Bundeskanzleramtes angesiedelt hat, habe ich in Russland nie gesehen.  Deutschland geht es gut.

Beruflich bin ich gleichsam darauf trainiert, Armut zu sehen. Ich erkenne meine Pappenheimer sofort. Die Junkies und Schizophrenen, die durch alle Netze fallen und dann mit Tüten bepackt durch die Straßen ziehen, diejenigen, die aus dem Knast in die Obdachlosigkeit entlassen werden, die aussortiert werden, weil sie den zunehmenden Belastungen gerade im Niedriglohnsegment nicht entsprechen können. Wenn es Armut gibt, dann sehe ich sie.  In Russland sehe ich keine. Es gibt da ein paar Omas, die an den Metro-Stationen versuchen, sich mit dem Verkauf von Blumen etwas dazu zu verdienen. Da scheint was mit der Pension schief gegangen zu sein. Aber das erreicht in keiner Weise das Ausmaß, das es hier erreicht.

Als ich im Jahr 2015 auf der Krim war, da sah ich ein bisschen was, von dem, was man auch hier bei uns kennt. Einige schmutzige Männer, die mit Tüten bepackt durch Simferopol zogen. Offensichtlich eine Hinterlassenschaft der Ukraine, denn im darauf folgenden Jahr gab es sie schon nicht mehr.

Ich habe in einem Artikel über Archangelsk geschrieben, dass es dort das Phänomen der Armut wie wir sie kennen, nicht gäbe. Einer kommentierte, dass er dort sehr wohl Armut gesehen hätte. Die Menschen dort seien bettelarm. Ich wollte wissen, wie Armut denn dort aussähe und machte meine Kriterien transparent. Ich schaue nach Obdachlosen, bepackten Menschen, die ihre Habe mit sich führen, Lagerstätten unter Brücken, in Eingängen und geschützten Bereichen. Ich sehe dort nichts. Vielleicht habe ich die falschen Kriterien und Armut hat in Russland ein anderes Gesicht. Eine Antwort kam nie.

Irgendwas läuft da anders als hier. Irgendwie bekommen wir das nicht mit, was da anders läuft. Es besteht der begründete Verdacht, dass wir das auch auf gar keinen Fall mitbekommen sollen, denn das würde Fragen aufwerfen, deren Beantwortung uns alle verunsichern könnte.