Russische Propaganda 11 – Holgers Mucke mit Pathos

Vor Kurzem habe ich mich in einen Disput verwickeln lassen. Inhaltlich ging es um Russland. Die mir entgegengehaltene These war wieder einmal, dass Russland die Rechte von Schwulen, Lesben, ganz allgemein von LGBT unterdrückt.

Man kann die Reihung der Buchstaben in LGBT sicherlich durch den ein oder anderen ergänzen und das entstandene alphabetische Ensemble zudem noch mit Sternchen oder Herzchen zieren, damit auch die sich angesprochen fühlen können, deren sexuelle Identität mit einem Buchstaben nicht zu erfassen ist. Logozentrismus ist eh scheiße. Diese fundamentale Skepsis gegenüber einer wichtigen Errungenschaft unserer Kultur kann man damit gleichzeitig auch noch zum Ausdruck bringen. Aber ich schweife ab.

Ich jedenfalls hatte wieder mal einen kleinen Disput darüber, wie frei man in Russland seine Homosexualität leben kann. Wir waren zu dritt. Harm, der zwar noch nie in Russland war, aber irgendwie verstanden hat, dass er hierzulande ziemlich verarscht wird, wenn es um Russland und geopolitische Themen geht, Holger von einer Gruppe namens 100% Mensch, der voll auf Linie ist, daher offensichtlich alles glaubt, was ihm irgendwelche westlichen Medien und NGOs unter die Nase halten. Natürlich ist es für ihn jenseits jeder Vorstellung, dass man als Schwuler in Russland irgendwie über die Runden kommen kann. Nur unter tiefer Verleugnung seiner sexuellen Identität und Persönlichkeit, psychisch völlig deformiert und in beständiger Angst lebend.  Also ganz ganz schrecklich auf jeden Fall. Und dann war da noch ich, mit eigener Anschauung, vor Ort gewonnen und einer gewissen Sprachkompetenz hinsichtlich des Russischen.

LGBT-Aktivisten könnte man uns alle nennen, auch wenn ich in den letzten Jahren eine deutliche Abneigung gegen das Kürzel LGBT gewonnen habe und inzwischen bei jeder Regenbogenflagge in Misstrauen verfalle, weil ich denke: “Achtung! Augen und Ohren ganz weit auf! Kein Bier, kein Wodka, kein Gin Tonic mehr, klare Birne, denn man will dich vermutlich für irgendwas Fieses benutzen.”  

Dass ich da nicht so ganz falsch liege, dafür ist das Projekt 100% Mensch eigentlich das beste Beispiel.

Zu einem recht frühen Zeitpunkt der Diskussion musste ich zugeben, dass ich das Oeuvre von Holger nicht kenne, daher eigentlich auch nichts dazu sagen kann. Allerdings ist das Werk zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch recht überschaubar und man kann sich zügig einarbeiten. Das habe ich dann auch getan.

Die erste Produktion mit der Holger und die Seinen an die Öffentlichkeit getreten sind, ist von 2014. Ganz viele Stars haben ihn und sein Projekt unterstützt. Den Text hat er selbst geschrieben. Voll auf Emotion setzt er, von Pathos durchtränkt ist jede Zeile. Er trägt damit auch die Verantwortung für die Textzeile “wir sind illegal … in Russland”.

Was in dem ganzen Pathos ein bisschen untergeht, sind die Fakten, denn das Doofe daran ist nämlich: wir sind nicht illegal in Russland. Es ist eine glatte Lüge.

Homosexualität ist in Russland nicht verboten, im Hinblick auf die Behandlung von Transsexualität folgt Russland den Regeln zur Geschlechtsangleichung nach den Normen der Weltgesundheitsorganisation. Es ist schlicht falsch, was hier gesungen wird. Es ist sogar ein bisschen mehr noch: Es ist Hetze. Es ist Hetze. Er schwimmt gleichsam auf einem breit erzeugten anti-russischen Sentiment, wodurch der Text einerseits getragen wird, das er andererseits mit füttert.

Er hat dann noch ein bisschen auf die Christen drauf, auf die Moralapostel, ohne zu merken, wie sehr er selbst einer ist, auf die Fundamentalisten (dito). So wird das nix mit der Überwindung der Spaltung der Gesellschaft und der Gesellschaften. Dazu muss man kein Psychologiestudium absolviert haben, um das zu erkennen.  Bei 100% Mensch läuft was grundlegend schief. 
Jedenfalls: Wenn man heute in der Szene nach den homophobsten Ländern der Erde fragt, kann man sicher sein, Russland wird mit an erster Stelle genannt. Holger mit seiner Band trägt dafür mit die Verantwortung, denn er bedient dieses Klischee mit seinem Schaffen. Dabei war er weder in Russland, spricht auch die Sprache nicht. Seine Quellen sind westliche NGOs. Er verlässt sich blind darauf, dass das, was die von sich geben den Fakten entspricht und ihn nicht instrumentalisieren. Leider falsch. Völlig falsch. Und ganz objektiv betrachtet, ist Russland in Bezug auf Akzeptanz im internationalen Vergleich ziemlich weit vorne. Es gibt weitaus schlimmere Länder. Litauen zum Beispiel.  

Aber schlimmer geht ja immer. In einem etwas aktuelleren Beitrag verurteilt 100% Mensch den Rechtspopulismus. Allerdings mit etwas merkwürdigen, dem Gegenstand sehr unangemessenen Mitteln. Das Bild, das der Text zeichnet wird, ist vielsagend. Von Angst in der Nacht ist die Rede, von Misstrauen untereinander und Frust über das Nicht-gehört-Werden. Es fällt unmittelbar auf: Die rhetorischen Mittel sind identisch mit den Mitteln, gegen den das kleine Machwerk versucht zu mobilisieren. Es sind die rhetorischen Mittel des Rechtspopulismus.  

Sollte es auch sowas geben wie LGBT-Populismus? Schiere Oberflächlichkeit und Ängste schüren als Mittel um Menschen zu bewegen, politisch in einer bestimmten Weise aktiv zu werden? Ja, klar gibt es das. 100 % Mensch ist genau diesem Populismus verpflichtet.

Natürlich sehe auch ich den Rechtsrutsch. Militarisierung ist wieder groß im Kommen, Grenzen sind wieder groß in Mode, die Verteilungsfrage wird praktisch nicht mehr gestellt, sondern wurde durch die neoliberale Regenbogenfahne ersetzt. 100% Mensch ist daher nicht die Antwort auf den Rechtsrutsch, sondern ein Teil davon.  Es ist reine Gegenaufklärung.

Der Ideologie, der auch 100% Mensch auf den Leim geht, liegt die Annahme zugrunde, wenn jeder nach seiner Art leben kann, dann ist Gesellschaft befriedet. Ökonomische Ungleichheit wird bewusst ausgeklammert, sexuelle Identität akzentuiert. Das ist absolut falsch, völliger Blödsinn. Verteilungsgerechtigkeit muss herrschen, dann folgt nahezu unmittelbar mit nur einem Hauch von breiter gesellschaftlicher politischer Bildung der Gleichmut gegenüber dem (sexuellen) Glück der NachbarInnen.

Die grundlegende Annahme des Projekts ist hoch naiv, glaubt es doch, es ginge dem Westen in seiner zunehmenden Aggression gegen Russland und andere Staaten tatsächlich auch oder sogar ganz zentral um schwule Rechte, um die Rechte von LGBT.

100% Mensch versteht nicht, dass diese nur Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer neoliberalen Ordnung ist. Ist der Zweck erreicht, wird das Mittel fallen gelassen. Es geht in internationaler Politik nie um Freiheit und Menschenrechte, hat Egon Bahr einmal gesagt und hinzugefügt, es geht immer um Interessen von Staaten. Inzwischen muss man hinzufügen und von westlichen Oligarchen.

Die ganze Lächerlichkeit der politischen Diskussion in Deutschland zeigt sich auch darin, dass man inzwischen zudem noch hinzufügen muss, es geht in internationaler Politik auch nicht um schwule Ehe und Gay Prides. Wer das glaubt, hat einfach den Glockenschlag nicht gehört.

Es geht um Verteilung und Zugang zu Ressourcen, um ökonomische Modelle wer in welcher Weise am erwirtschafteten Wohlstand teilhaben darf. Das ist die aktuelle, große Klammer, die alle politischen Themen miteinander verbindet. Gay rights sind dabei ein Instrument, dem sich westliche NGOs gerne bedienen. Es ist wohlfeil, die angesprochene Gruppe fühlt sich gebauchpinselt und die emanzipatorischen Elemente wurden irgendwann in den Neunzigern entsorgt und haben einer Heulsusenmentalität Platz gemacht, die sich im Werk von 100% Mensch wunderbar niederschlägt.

Die Macher mögen sich in der Tradition von Heine sehen, doch faktisch sind sie Biedermeier in seiner schlimmsten Ausprägung. Es hat weder ein emanzipatorisches noch ein aufgeklärtes noch ein versöhnendes Moment, was hier zur Darbietung kommt. Es bedient lediglich Klischees und züchtet Hass. Es trennt und spaltet. Nix mit Dialektik und so. Aber genau das bräuchte man wieder dringend!

Hat Holger das verstanden? Vermutlich nicht. Er hat sich in der Diskussion irgendwann ausgeklinkt.

Neoliberalismus abgewählt – Eine Nachbetrachtung zur russischen Präsidentschaftswahl

Prowestliche Kandidaten schnitten bei den russischen Präsidentschaftswahlen denkbar schlecht ab – vor allem aufgrund ihrer wirtschaftsliberalen Positionen. Diese finden in Russland keinen fruchtbaren Boden zum Gedeihen. Und nicht nur dort.

Hat sich der deutsche Mainstream schon im Vorfeld der Präsidentenwahl in Russland nicht gerade durch preisverdächtigen, guten Journalismus ausgezeichnet, unterbietet er sein eigenes, ohnehin schon niedriges Niveau nochmals in den Nachbetrachtungen. „Herrscher über Russland“, titelt ….

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Redeverbote und Zensur – Diskussionskultur in Deutschland

Bisher waren es Staaten, die ihren Bürgern das Recht auf die freie Meinungsäußerung untersagten. Aktuell verschiebt sich in westlichen Gesellschaften jedoch das Gefüge. Immer häufiger sind es private Initiativen, die den intellektuellen Austausch unterbinden.

Demokratie braucht Diskurs. Demokratie braucht die Reibung der Meinungen, denn im Widerstreit der Meinungen wird die Vielfalt der möglichen Alternativen erst sichtbar. Vor- und Nachteile einzelner Positionen zeigen sich in der Diskussion und wirken zurück auf die vorgetragenen Argumente. Wer in einer Diskussion seinen Standpunkt nicht ändert, keinen Aspekt und keine Perspektive hinzugewinnt, hat nicht diskutiert, sondern behauptet.

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Verurteilung ohne Untersuchung – eine Einschätzung des Falls Skripal

Es sind wieder einmal Russland-Bashing-Wochen im westlichen Mainstream. Der aktuelle Anlass: Am Sonntag waren Präsidentschaftswahlen, und in wenigen Wochen beginnt die Fußball-WM in Russland – zwei Ereignisse, die der Westen nicht einfach so hinnehmen kann.

Russland wählt ohne westliche Einmischung? Undenkbar! Russland richtet ein internationales Großereignis aus, ohne dass der Westen es zu sabotieren versucht? Absolut unmöglich! Es muss also ein Thema her, das einmal quer durchs politisch-mediale Dorf getrieben werden kann.

Die aktuelle ausgedachte Geschichte westlicher Post-Demokraten und ihrer Systemmedien geht so: …

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Esst doch Kuchen statt Brot – Vom Zustand der deutschen Politik

Mit der Initiative der Bundeskanzlerin, die Vergabepraxis der Essener Tafel für Notdürftige in Erwartung eines günstigen Moments für politische Zustimmung zu kritisieren, ist ein vermeintlich cleverer Schachzug nach hinten losgegangen.

Jean-Jacques Rousseau war es, der eine Geschichte über Marie-Antoinette verbreitete, die zum geflügelten Wort wurde.
Am Vorabend der Französischen Revolution soll sich laut ihm ein Dialog zwischen der französischen Königin und ihrem Diener zugetragen haben, nachdem sie Tumult wahrgenommen hatte. Auf die Frage, was …

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Eine Reise nach Sotschi – Olympisches Angedenken vier Jahre danach

Vor vier Jahren war die Russische Föderation selbst Gastgeberin der Olympischen Winterspiele. Schon damals war dies für deutsche Politik und Medien Anlass zu Hassausbrüchen. Ein Besuch in Sotschi heute zeigt, wie lächerlich die damalige Berichterstattung war.
Es war eine spontane Idee. Wir hatten ein paar Tage Zeit und entschlossen uns, Sotschi zu besuchen. Der Moment konnte kaum glücklicher gewählt sein, denn aktuell laufen die Winterspiele in Pyeongchang in Südkorea. Es war eine gute Gelegenheit, mit einem Besuch vor Ort die vorangegangenen Winterspiele auch in ihrer politischen Dimension in Erinnerung zu rufen.

Bei den diesjährigen Spielen ist die russische Flagge wegen des Vorwurfs des Staatsdopings verboten. Der Grund für diese Entscheidung ist inzwischen mehr als nur umstritten. Schon der Begriff „Staatsdoping“ ist ein interessantes Wording, suggeriert es doch, privates Doping wäre in irgendeiner Weise weniger systematisch und irgendwie besser. Zudem suggeriert es auch, und das dürfte wohl der Clou …

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Russische Propaganda 10 – Wettbewerb: Wer findet das schönste Wort für das hässliche Wort „Pogrom“?

Am vergangenen Wochenende fand in Kiew die Protestkundgebung „Tod Russlands“ statt. Dabei wurde das Russische Haus und eine Filiale der russischen Sberbank demoliert.  Russische Häuser gibt es überall auf der Welt, sie entsprechen in etwa unseren Goethe-Instituten. Sie dienen der Vermittlung der russischen Sprache und der Kultur der russischsprachigen Länder.  Die Sberbank entspricht ungefähr unserer Sparkasse. Sie ist in staatlichem Besitz.

Über den Protestmarsch, die Zerstörungen und die Tatsache, dass die Polizei zwar vor Ort war, aber nicht eingriff,  wurde in deutschen Medien praktisch nicht berichtet. Sicherlich nur, weil das richtige Wording fehlte. Man kann das dort abgehaltene Pogrom ja nicht einfach Pogrom nennen, wo kämen wir denn da hin. Man kann die aufgehetzten Nationalisten ja auch nicht einfach aufgehetzte Nationalisten nennen.

Die Ursache der fehlenden Berichterstattung liegt vermutlich lediglich daran, dass es an einer politisch korrekten Benennung fehlt, einem prägnanten, griffigen Begriff,  der von tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke ebenso mitgetragen werden kann wie von den NATO-affinen, transatlantischen PR-Blättchen Zeit, Süddeutsche, Spiegel und Co.  Er muss auch Golineh Atai flüssig über die Lippen gehen und positive Assoziationen und Sympathien für die Sache der Ukrainer wecken.  Das ist schwierig – ich gebe das zu.

Daher kam ich auf die Idee, die deutsche Qualitätspresse zu unterstützen.  Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam sind wir Deutschland.

Damit sowohl ARD als auch ZDF ihrem Auftrag, umfänglich zu berichten, gerecht werden und die transatlantischen Blättchen nicht noch weiter an Lesern verlieren, wir also künftig über derartige Ereignisse wie den Protestmarsch vom 18.2. in Kiew informiert werden, initiiere ich einen Wettbewerb.

Gesucht wird das schönste Wording für die Vorgänge, die im Video unten gezeigt werden.

Wie könnte man es nennen? Sind da moderate Demokraten am Werk?  Sind es Russland-Skeptiker, die hier ihrem dringenden Anliegen Ausdruck verleihen? Sind das EU-affine Kräfte?

Ich bitte um Vorschläge als Kommentar.