2. Kapitel

Es war Donnerstag. Und wie jeden Donnerstag saßen wir wieder in kleiner Runde in meinem Wohnzimmer. Volkmar, Olaf, Dietmar, Markus und ich. Manchmal kam später noch Gregor oder Sebastian dazu. Es war eben eine Pause eingetreten, eine Denkpause im wahrsten Sinne des Wortes. Wir hatten über Ethik gesprochen. Über Ethik und Anarchismus. Wir hatten über mystische Erfahrung und Anarchismus gesprochen. Wir hatten uns in unserem ein Mal wöchentlich stattfindenden Kampf gegen die Verblödung mit Simon Critchleys Essay „Mystischer Anarchismus“ beschäftigt. Ich fühlte mich inspiriert, allerdings nun auch matt. Es war Zeit für Bier und den gemütlichen Teil des Abends. Plaudern, beisammen sein, die Gegenwart der Freunde genießen. Unsere wöchentlichen Treffen waren uns allen zu einer Gewohnheit geworden, auf die wir nicht mehr verzichten wollten. Es waren unzeitgemäße Zusammenkünfte. Wir lasen Texte der Philosophie, verständigten uns über sie, diskutierten ihre Implikationen und Auslassungen, suchten nach Erweiterungen, brachen ab, verschoben auf kommende Woche, gingen zum Bier über, erzählten von uns und nahmen Teil am Leben der anderen. Was wir hier taten war so anachronistisch, dass wir das Gefühl hatten, etwas Subversives zu tun. Und im Grunde war es das auch. Wir übten denken, eine in der Tat gefährliche Unternehmung.
Ich beendete das Schweigen. „Wer nimmt Bier?“ Eine bloß rhetorische Frage, die lediglich den Übergang zum geselligen Teil anzeigte, denn alle nahmen Bier. Ich holte fünf Flaschen, den Öffner, Aschenbecher klemmte ich noch irgendwo dazwischen, schaffte es geradeso zurück zu den anderen, ohne eine Flasche zu verlieren, das Gewicht war nicht optimal verteilt.
„Grazil“, meinte Volkmar. Anscheinend sah ich ziemlich bescheuert aus bei meinem Versuch keine der Flaschen auf meinem Weg zu verlieren.
„Eleganz ist mein Hobby. Kann mir mal jemand helfen?“
Dietmar nahm mir eine Falsche, Olaf den Aschenbecher ab. Markus fragte, ob wir uns noch an Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ erinnern könnten.
Noch deutlicher hätte man nicht sagen können, wie dämlich ich gerade ausgesehen hatte. Es entfaltete sich eine Diskussion über Satire und Ironie als Kunstform, an die sich die Frage nach ihren Möglichkeiten und Begrenzungen anschloss. Was durfte, was musste durch den Kakao ziehen, was sollte man tunlichst lassen. Gab es so etwas wie eine Pflicht zur politischen Korrektheit oder durfte alles Objekt des Spottes werden? Als die Phrase „Mohammed Karikaturen“ in den Raum geworfen wurde, sagten Olaf und ich gleichzeitig „Feuilleton“, was so viel bedeutete, lasst uns das Thema wechseln und zu einem späteren Zeitpunkt nochmal darauf zurück kommen.
„A propos Satire und Ironie: Wie geht eigentlich Deine Hochzeitserzählung weiter?“ Dietmar war neugierig und auch die anderen wollten eine Fortsetzung hören.

Sebastian meinte, Andrews Leben sei schon immer chaotisch verlaufen. Es war nie so, dass er die Zügel in der Hand gehalten hätte. Andrew sei immer mehr das Ergebnis der Ereignisse als seine eigene Schöpfung gewesen.  Aber auch Sebastians Leben sei in seiner Zeit, als er zu Andrew engen Kontakt pflegte, diesem nicht unähnlich gewesen. Inzwischen wollte Sebastian an dieses Unstete und Schwebende seiner Existenz möglichst wenig erinnert werden. Er sei nach Europa gekommen, um genau diesem Chaos zu entfliehen und sein Leben in geordnetere Bahnen zu lenken. Eine möglichst große geographische Distanz schien im dazu unabdingbar. Dass der lose Kontakt, den er via Email und diversen sozialen Netzwerken zu Andrew und einigen anderen vormaligen Freunden aufrecht erhalten hatte, eine Einladung nach sich ziehen würde, die er nach gründlicher Abwägung nicht ausschlagen konnte, hatte er einfach nicht erwartet.
Meine Situation war demgegenüber viel einfacher. ich hatte zwar ursprünglich zugesagt, Sebastian zu begleiten, verspürte dann aber keine Lust, ein verlängertes Wochenende mit mehreren Stunden Flug und einer Hochzeit zu füllen, auf der ich niemanden kannte, auch wenn die Wetterverhältnisse auf Teneriffa mich ursprünglich sehr gelockt hatten. Sebastian hatte es dann doch verstanden, mich zu überzeugen, ihn zu begleiten. Zumal er wieder und wieder deutlich machte, wie wenig ihm selbst an der Reise gelegen war. Gemeinsames Leid ist geteiltes Leid, und geteiltes schönes Wetter ist doppelte Freude. Das war der Beschluss, den die Reise für uns beide dann doch reizvoll machte.

„Wusste ich alles gar nicht. Das mit Sebastian meine ich.“ Dietmar griff zu seinem Bier.
„Will jemand mitrauchen?“ Volkmar drehte sich sein Entspannungstütchen. Ich verneinte, denn mir war das letzte Mal noch in sehr unangenehmer Erinnerung. Ich hatte zuviel abbekommen und musste für eine intensiv erfühlte Ewigkeit an die Decke starren, an der eine Stubenfliege ihre Winkel schlug. Fliegen fliegen nämlich meistens nicht im Kreis, hatte ich bei der Gelegenheit herausgefunden. Sie schlagen Winkel wie die Karnickel, nur eben nicht am Boden, sondern in der Luft. Allerdings stand das Verhältnis von Erkenntnis zur Qualität des Erlebten in ungünstigem Verhältnis, denn das Erlebte vermittelte einen Eindruck von Vorhölle. Es war recht qualvoll, den Blick nicht abwenden zu können, nachdem das Erkennen längst abgeschlossen war.
Dietmar und Markus wollten auch nicht rauchen, Olaf schon. Volkmar befüllte sein Tütchen entsprechend und zündete den Joint schließlich an.
„Sebastian wirkt immer so sortiert und organisiert. Den kann man sich als Opfer der Umstände gar nicht vorstellen.“ Dietmar stellte sein Bier zurück.
„‚Opfer der Umstände‘ passt auch nicht so ganz“, meinte ich. „Da müsste man ihn selbst mal fragen, wie er das sieht. Ich hatte das mehr als so etwas wie ‚getrieben‘ verstanden.“ Nach einer Pause fügte ich hinzu: „Obwohl ‚Opfer der Umstände‘ und ‚Getrieben von den Umständen‘ ist vermutlich wenn nicht sehr ähnlich, dann einfach identisch. Du hast wohl recht.“ Manchmal musste man einfach anfangen zu sprechen, um Herauszufinden, dass man Unsinn erzählt. Schön, wenn man Freunde hat, die diesen Prozess zulassen können und nicht immer sofort dazwischenquatschen.

Auf jeden Fall hatte Sebastian am darauf folgenden Tag kurzfristig zu seiner heiteren Stimmung zurück gefunden. Wir hatten das Gefühl, uns würde ein Abenteuer bevorstehen. Kurz nach dem Frühstück begann es auch schon und sorgte wiederum für Stimmungswandel, denn Sebastin erhielt eine Email, die besagte, dass sich die Hochzeitsgesellschaft nicht wie geplant in der Nähe der Inselhauptstadt Santa Cruz de Teneriffe versammeln würde. Es habe ein kleines Missverständnis gegeben, denn der Vermieter der Villa, in der die Hochzeit ursprünglich abgehalten werden sollte, war, wie sich zur Überraschung der Verlobten und des Weddingplaners herausstellte, nicht der Eigentümer. Der Eigentümer wiederum hatte die als Vermieter auftretende Person gar nicht zur Vermietung autorisiert. Zumindest würde das der Eigentümer behaupten, während der Vermieter wiederum das Gegenteil behauptete. Man wäre den genauen Abläufen jedoch auf der Spur, denn man hätte ja auch schon im Voraus bezahlt, es wäre aber im Moment nicht so klar, bei wem das Geld gelandet sei. Sowohl vermeintlicher Vermieter als auch vermeintlicher Eigentümer würden versichern, niemals auch nur einen Cent erhalten zu haben. Jedenfalls, so setzte sich die Email fort, sollte man sich keine Sorgen machen, denn der Weddingplaner, ein ganz wundervoller Freund aus Ohio, hätte bereits eine wundervolle und zentral gelegene Alternative gefunden. Die Adresse und eine genaue Wegbeschreibung würde in einer weiteren Email in wenigen Minuten folgen.

Es war zunächst Olaf, der lachte. Unmittelbar darauf stimmte Volkmar ins Lachen ein. „Du meinst, die wurden total abgezogen?“
In musste zugeben, auch in meinen Ohren hatte sich die Geschichte angehört, als wäre das Hochzeitspaar auf einen recht durchsichtigen Betrug hereingefallen. Den Schilderungen Sebastians war jedoch zu entnehmen, wie anders der Blick des Hochzeitspaares auf die Geschehnisse waren. Für die beiden waren die Inselbewohner unantastbar. Es waren so nette, freundliche Menschen, so offen und ursprünglich, sie waren über jeden Zweifel erhaben. Zudem waren sich Andrew und Susan sicher, aufgrund ihres Status als Amerikaner auf keine Fall übervorteilt zu werden. Amerikaner wurden nicht beschissen. Das war einfach so.
„Ziemlich naiv“, meinte Markus und bekam allgemeine Zustimmung.
„Ja, fand ich auch“, erwiderte ich. „Einen Erklärungsversuch kann ich anbieten. Zwar war Andrew im weiten Feld des Entertainments und der Musikbranche tätig, weshalb er als weltgewandt gelten könnte. Vermutlich ist aber das Gegenteil der Fall. Die USA hat er meines Wissens nur für einen kurzen Drehtermin in Kanada und einen noch kürzeren in London verlassen. Ansonsten bewegte sich Andrew zwischen Ost- und Westküste hin und her. Das war es dann aber auch. Und die Clips, da werden wir uns vermutlich schnell einig, täuschen das Mondäne zwar vor, sind es aber nicht.“
„Du meinst die aufgespritzten Hip-Hop-Zossen sind gar nicht die Speerspitze der Emanzipation?“ Olaf kriegte sich vor Lachen kaum noch ein, Volkmar lachte kräftig mit. Dietmar zuckte die Schultern und Markus verdrehte die Augen. Das THC hatte eine Kommunikationsbarriere errichtet.
„Was Olaf anschneidet geht vermutlich sogar in die richtige Richtung“, versuchte ich eine Brücke zwischen den Kiffern und den Biertrinkern zu schlagen. „In den achtziger und neunziger Jahren waren Musikclips mal kurz davor eine eigene Kunstgattung zu werden. Davon sind sie inzwischen wieder himmelweit entfernt. Es sind nur noch Marketinginstrumente, die sich irgendwelcher Stereotypen bedienen. Mann, Frau, gut, böse, Outlaw und so ein Zeug, Eigentlich völlig verschnarcht.“
„Das klingt jetzt selbst wieder nach einem Stereotyp: ‚Früher war alles besser.‘ Wir kriegen doch einfach gar nicht mehr mit, was da passiert, weil wir nicht die Zielgruppe sind“, meinte Markus.
„Ich bekomme schon mit, was da passiert, und ich muss sagen, da passiert nicht viel.“ Der Satz war mir etwas zu absolut geraten. Ich wollte ihn gerade relativieren, da meinte Dietmar: „Vielleicht hat sich das Ganze einfach verlagert. Vielleicht passiert heute das, was damals in den Neunzigern in den Clips passierte, in den Games.“ .
„Was meinst Du denn, was heute nicht mehr in den Clips passiert?“, fragte Markus.
„Utopische Entwürfe! Das passiert nicht mehr.“
Dietmar sah an die Decke, Markus biss sich auf die Unterlippe. Nach einem Moment des Nachdenkens fragte er: „Und was meinst Du damit?“
„Mir scheint, es wurde in den Clips mal gezeigt, wie die Welt sein könnte. Queeres Durcheinander bei Madonna, schwuler Lebensentwurf bei Bronski Beat, dazu ästhetische Experimente. Das war zwar auch sicherlich Marketing aber das gibt es heute in dieser Form nicht mehr. Wenn sich heute jemand einen progressiven Touch geben möchte, dann zeigt er etwas, das es schon gibt. Lana del Rey zeigt einen schwarzen Präsidenten, aber den gibt es schon. Das ist kein utopischer Entwurf. Trotzdem verortet sie sich damit.“
„Sag mal, hast Du Schokolade oder sowas?“ Volkmar meldete sich zurück.
„Ich habe nur so Haribo-Gummizeugs.“
„Nehme ich!“ Auch Olaf hatte das viele Lachen hungrig gemacht.
„Wenn du schon in die Küche gehst, dann würde ich jetzt doch noch ein Bier nehmen“, meinte Dietmar,
Ich ging in die Küche und kehrte mit dem Verlangten zurück. Auf dem Weg dachte ich über den Verlauf des Gespräches nach.
„Wir sind etwas vom Thema abgekommen“, sagte ich während ich Dietmar das Bier und Volkmar eine Tüte saure Weingummis aushändigte. „Eigentlich ging es um Sebastians Freund Andrew und die Frage seiner Weltgewandtheit. Mir jedenfalls schien es damit nicht sehr weit her.“
„Richtig, aber der Schlenker war ganz interessant. Ob deine These allerdings stimmt, möchte ich jetzt nicht entscheiden.“ Dietmar öffnete sein Bier.
„Ich auch nicht. Ich finde es zwar augenscheinlich, aber im Grunde ist es mir zu einfach, um wirklich richtig zu sein.“
„Jaja, die Welt ist endlos kompliziert. Wie geht die die Hochzeitsgeschichte denn jetzt weiter?“ Markus wollte sich lieber auf den Worten einer Erzählung treiben lassen, denn in die Tiefe von Gedanken eintauchen.“Ja, mach mal weiter. Die haben sich abzocken lassen. Was ist dann passiert?“ Es war schwierig Volkmar zu verstehen, denn er hatte sich eben eine handvoll saure Gummis in den Mund gesteckt und kaute etwas mühsam darauf herum. „Sebastian war zunächst mal ziemlich angepisst.“ Ich brauchte einen Moment, um den Faden wieder aufzunehmen.

Wir warteten auf die Mail oder zumindest eine Nachricht in welcher Form war uns eigentlich Tatsächlich erhielt Sebastian zwei Stunden später, es ging bereits auf Mittag zu, eine weitere Mail, mit einer sehr vage gehaltenen Wegbeschreibung. Man konnte sie in zweifacher Weise auffassen. Eine erste Deutung besagte, die Villa, in der die Hochzeitszeremonie in wenigen Stunden abgehalten werden sollte, läge im Zentrum der Inselhauptstadt Santa Cruz de Teneriffe.  Die zweite und die nach Sebastians Einschätzung wahrscheinlichere Lesart ergab, dass die Hochzeitsgesellschaft irgendwo im Zentrum der Insel zusammen kommen würde. Das höhere Maß an Wahrscheinlichkeit ergab sich für Sebastian weniger aus dem Inhalt als vielmehr aus der Tatsache, dass die zweite Variante die für alle Beteiligten wesentlich umständlichere und insgesamt absurdere war. Sebastian hatte keine hohe Meinung von Andrew und auch das Wenige was da an Höhe vor einigen Stunden noch verblieben sein mochte, war im Begriff dahinzuschwinden.

„So blöd kann doch niemand sein.“ Olaf stopfte sich noch eine handvoll saure Gummis in den Mund.
„Es ging im wesentlichen um das Wort ‚Zentrum‘, das in dem Zusammenhang wirklich merkwürdig unbestimmt blieb. Ich habe die Email nach vor meinem Auge. Sie konnte tatsächlich auf zwei Weisen verstanden werden.“
„Wegbeschreibungen lernt man doch schon in der Grundschule“, warf Dietmar ein.
„Lernt man noch Wegbeschreibungen? Ich dachte, die lernen heute nur noch, wie man ein Navi bedient.“ Markus griff auch in die Tüte mit den sauren Gummis.
„Und wie man sie online bestellt. Kulturtechnik Onlineshopping.“ Dietmar nahm noch einen kräftigen Schluck Bier und grinste über seinen Witz.
„So schlimm ist es in der Schule auch wieder nicht.“ Volkmar wurde wacher, als es um das Thema ging, das seinen Alltag dominierte. „Ich habe neulich wieder alle Handys einsammeln lassen.“
„Und was hat das mit Wegbeschreibungen zu tun?“, fragte Markus kauend.
„Die haben doch alles GPS.“ Alle lachten. „Hat das jetzt nicht zum Thema gepasst?“ Volkmar war irritiert.
„Nicht wirklich. Hauptsache du bist in der Schule beim Unterrichten nicht bekifft. Das könnte schief gehen“, sagte Dietmar.
„Obwohl, deine Schüler würde das vermutlich nicht weiter interessieren. Wahrscheinlich fänden die das eher cool. Was denkst du?“, fragte Markus.
„Wahrscheinlich schon. Aber die Kollegen fänden das sicher alles andere als cool und sympathisch. Die haben es eher mit Alkohol und Tabletten. Dabei würde denen ein Tütchen von Zeit zu Zeit vermutlich eher gut tun.“ Volkmar wischte sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine Wolke vertreiben.
„Du meinst, in deinem Kollegium grassiert ein Alkoholproblem? Das ist nur eine Mutmaßung, oder?“ Dietmar beugte sich interessiert nach vorne, nachdem er einen Schluck Bier genommen hatte.
„Nein, es grassiert wirklich. Das Durchschnittsalter der Kollegen liegt bei 54. Alle viertel Jahr wird irgendeine neue Reformsau durch die Schule gejagt. Alles soll flexibler, dynamischer und modularer, geiler, besser, höher, schneller werden. Die Schüler haben von den Ideen nichts und die Kollegen bringen sich nur noch in Deckung, denn das, was heute als das Geilste gilt, ist morgen Schnee von gestern, von dem niemand mehr etwas wissen will. Das hält kein Mensch aus.“
„Ich dachte immer, Lehrer schieben eher eine ruhige Kugel. Mach mal ein Beispiel“, meinte Dietmar.
„Das offensichtlichste Beispiel ist die Rechtschreibreform. Das ganze Theater ging über zehn Jahre. Drei Reformen, Nummer zwei und drei rein politisch motiviert. Diejenigen, die sich damals zu Sprachschützern aufgeschwungen haben, wissen gar nicht, was sie der entsprechenden Schülergeneration angetan haben. Die können verständlicherweise gar nicht mehr schreiben. Das war einfach völlig unverantwortlicher, egoistischer Wahnsinn von irgendwelchen Feuilletonisten.  Und es sind natürlich auch heute wieder die gleichen Feuilletons, die bemängeln, wie schlecht deutsche Schulabgänger schreiben können. Ein absoluter Witz. Aber wir unterrichten ja nicht nur Deutsch. In anderen Fächern ist das ähnlich. Die ganzen Didaktikmodewellen, die Alles-muss-modular-aufgebaut-sein-Welle, die Gruppenarbeit-Welle und so weiter und so fort. Irgendwelche Idioten meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und denken, die ganze Republik müssten in ihrer Weise ticken. Totale Expertokratie. Das hat was Totalitäres, weil man sich dem nicht entziehen kann. Die hocken in den Ministerien und bequatschen die Entscheider. Und schwupp – müssen alle irgendeinen didaktischen Modetrend mitmachen. Oft gegen jede Neigung und Überzeugung. Und obendrauf der ganze Qualitätsmanagement-Mist. Kostet Zeit, ist teuer, bringt nichts, muss man aber machen. Da hilft Alkohol eine ganze Menge, wenn man den ganzen Schwachsinn nicht nur ertragen, sondern umsetzen muss. Tagsüber in Deckung gehen und hoffen, dass die nächste Reformwelle über einem anderen Kopf zusammenschlägt. Abends kräftig viel Bier oder morgens Antidepressiva. So halten es schon viele Kollegen.“
„Vorhin hast du gesagt, Schule sei gar nicht so schlimm. Jetzt klingt es so, als sei es viel schlimmer, als man sich das vorstellen kann.“ Dietmar stellte seine leere Flasche ab. „Jungs, für mich war es das. Muss morgen raus. Wir sollten das Thema nächste Woche nochmal aufnehmen.“
„Ich glaube, ich sollte auch gehen, ich habe einen Laberflash.“ Volkmar war immerhin einsichtig.
„Wenn jetzt alles gehen, dann gehe ich auch. Was ist mit dir, Olaf?“ Markus stand ebenfalls auf.
„Wenn ich mich bewegen könnte, würde ich mitgehen. Kann mir jemand helfen, vom Sofa hoch zu kommen?“ Anscheinend haute das Gras ziemlich rein. Markus und Dietmar reichten Olaf die Hand. Das half. Olaf stand.
„Wir sehen uns nächste Woche?“, fragte ich. Die Runde bejahte.

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