Richtig erinnern – Besuch an einer Moskauer Schule

Lange habe ich hier nicht geschrieben, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, es zu tun. Ich will euch von einem persönlichen Erlebnis berichten, das mich sehr tief beeindruckt und gleichzeitig tief beschämt hat. 

Man hat mich als Vertreter von RT DE in eine Schule in Moskau eingeladen, in der Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird. Hintergrund der Einladung war ein Projekt von RT DE im vergangenen Jahr. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs haben wir unsere Leser aufgefordert, uns ihre Erlebnisse aus der Zeit nach dem Krieg zu schildern. Das Feedback war umfassend. Einige der Absender hat das Team von RT DE in Deutschland aufgesucht und interviewt. Aus diesen Interviews entstand ein Film, der sehr persönliche Einblicke eröffnet. Diesen Film haben wir in der Schule gezeigt, im Anschluss standen die Produzentin des Films, Maria Jürgens, und ich für Fragen zur Verfügung. Die Schüler zeigten reges Interesse an Deutschland, den Deutschen und ihrer Kultur. Sie waren voller Wertschätzung und zugewandt. 

Ich war tief beschämt, denn es ist klar, dass eine solche Veranstaltung, die sich um Austausch und gegenseitiges Verstehen zwischen der deutschen und der russischen Gesellschaft bemüht, in Deutschland derzeit absolut unvorstellbar ist. In Deutschland regiert der Hass und die Propaganda. Russland wird als Feind inszeniert und ein Krieg gegen Russland aktiv vorbereitet. Nichts dergleichen ist hier in Russland zu finden. Man blickt in glänzende, wache, interessierte Augen. In einzelnen Statements sagten die Schüler, dass sie auf Frieden und die Verständigung der Völker hoffen. Wenn sie wüssten, wie sie von Deutschland mit diesem Wunsch allein gelassen werden.  

Ich wies die Schüler darauf hin, dass der Film ein etwas verzerrtes Bild von Deutschland vermittelt. Diejenigen, die sich hier in positiver Weise an die Soldaten der Roten Armee erinnern, lebten alle in der DDR. Den Westdeutschen fehlt dieser Kontakt. Sie haben keine persönlichen Erfahrungen. In Westdeutschland gab es zudem außer für einen kurzen Moment in den 90er nie ein positives Bild von der Sowjetunion und Russland. Die Westdeutschen sind daher besonders anfällig für antirussische Propaganda und Russophobie. Das funktioniert auch ganz gut, zeigen zahllose Beiträge in den sozialen Netzwerken. Der russische Untermensch ist fester Bestandteil der (west-)deutschen Vorstellungswelt und zementiert in dieser vorgestellten Welt ein bizarres Überlegenheitsgefühl – eine Art aktualisierte Version des Herrenmenschen, der dem minderwertigen Slawen immer überlegen sein wird. Je weniger Kontakt besteht, desto ausgrpägter diese bizarre Vorstellung. 

Im Gespräch mit der Rektorin der Schule bestätigte sich dann auch, was ich erwartet hatte. Seitens Deutschlands wurden alle Kontakte abgebrochen. Früher gab es in Deutschland Partnerschulen und Schüleraustausch – all das existiert nicht mehr. Deutsche Politik begeht hier einen schweren Fehler. Aus dieser Schülergeneration wächst die nächste Generation der politischen und wirtschaftlichen Entscheider hervor. Diese Generation macht die Erfahrung der Zurückweisung und Diskriminierung durch das Land, dem sie mit der Entscheidung, die Sprache zu lernen und in die Kultur einzutauchen, ein hohes Maß an Achtung und Respekt entgegen bringen. Diese enorme Vorleistung wird von deutscher Seite nicht unterstützt, sondern zurückgewiesen. Das wird sich im künftigen Verhältnis niederschlagen. 

Ich habe den Schülern gesagt, dass Erinnerung wichtig ist. Man muss in Abläufen, in Chronologie und Kausalität denken. Es ist wichtig, Geschichte vollständig zu erinnern, um einmal gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Das sage ich jetzt auch meinen deutschen Lesern. Deutschland ist gerade dabei, bereits mehrfach gemachte Fehler zu wiederholen, weil man sich dort weigert, Geschichte vollständig zu erinnern. Stattdessen packt man sie in gefällige Ausschnitte und in eine Erzählung aus schlichtem Schwarz und Weiß, die der Komplexität der tatsächlichen Abläufe nicht gerecht wird. Wer aber meint, es gäbe nur Gut und Böse, muss zwangsläufig selbst zum Bösen werden, weil die Mittel, mit denen er sich von der Realität abschotten muss, immer radikaler werden müssen. Repression und Zensur nach innen, sowie Aggression nach außen sind diesem unterkomplexen Denken inhärent. Sie sind der noch fruchtbare Schoß, aus dem es kroch und heute wieder kriecht.

5 Kommentare zu „Richtig erinnern – Besuch an einer Moskauer Schule

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Ihnen und dem RT Team wünsche ich alles Gute verbunden mit der Hoffnung, daß sich die Deutsch- russischen Beziehungen bald wieder normalisieren!

  2. Guten Tag Gerd Ewen,

    ich danke auch vielmals für diesen Beitrag! Seit vielen Jahren bin ich mir bewußt, daß wir in Sachen Geschichte mit Rußland genauso wie in allen anderen Bereichen unserer Geschichtslehren belogen und betrogen wurden und werden.

    Durch eine besondere Gelegenheit besuchten mein Partner und ich in 1988 Moskau auf Grund einer privaten Einladung durch einen berenteten Rechtsanwalt und alten Veteranen. Wir hatten ein Visum für 14 Tage. Damals war es für Besucher aus Ostdeutschland oder gar Westdeutsche überhaupt nicht möglich die Stadtgrenzen Moskaus zu verlassen, um aufs Land zu fahren. Durch diesen Veteranen aber fand er einen Taxifahrer für 1 Tag, der uns ca 150 km entfernt aufs Land fuhr. Der Veteran riet uns, nicht zu reden, damit der Taxifahrer nicht herausbekommt, daß wir aus dem Westen waren, sonst bekäme er große Schwierigkeiten. So hielten wir unsere Klappen und genossen die Fahrt und den Besuch dort.

    Außerhalb Moskau viel Natur, auch Wälder und viele Datscha-Gebiete für die damals etwas reicheren Russen.

    Im generellen möchte ich erklären, daß wir mit einer unglaublichen Herzlichkeit empfangen wurden. Die Leute dort waren eingeweiht und wußten, daß wir aus West-Deutschland waren. Ich konnte es nicht glauben, aber den Leuten dort liefen die Tränen bei der Begrüßung, so sehr schätzten sie die Deutschen. Es war ein wunderbarer Besuch.

    Der Veteran erklärte uns, daß die Deutschen Soldaten damals feine ehrenwerte Menschen waren. Das gleiche konnte er von den russisch-bolschewistischen nicht sagen. Er konnte dies aber nur uns privat erklären. Wir erfuhren so vieles, daß uns ein Licht aufging und nach der Reise einen ganz anderen Eindruck von Russland bekommen hatten.

    Selbst in Moskau waren die Menschen freundlich. Sie liefen zwar mit ernsthaften Blicken oft auch finsteren Minen herum, besonders auf den Märkten und in den U-Bahnen, aber sobald man mit jemandem ins Gespräch kam, natürlich durch unseren Veteranen, denn wir verstanden ja kein russisch, erhellte sich deren Gesicht und wir hatten manchmal Probleme, uns wieder zu verabschieden. Jeder versuchte irgendwelche deutschen Worte auszugraben, um uns willkommen zu heißen. So gerne wären wir noch länger geblieben und wollten das irgendwann einmal nachholen mit einer mehwöchigen Reise quer durch Russland. Dazu kam es dann leider nicht mehr.

    Als wir anfangs in der Moskauer Flughafen Empfangshalle ankamen, erwartete ich überall kommunistische Kontrollen und Überachungen. Von wegen, ich fühlte mich dort freier und überhaupt nicht kontrolliert im Vergleich zum Flughafen New York, LA oder London. Alles war unkompliziert und jeder war sehr hilfsbereit in Englisch und teilweise Deutsch. Was das beeindruckendste war, irgendwie sah ich niemanden mit Streß, nichtmal in Moskau. Jeder ging seines Weges ohne Streß, als kannte man diesen Begriff gar nicht. Als gäbe es so etwas nur im Westen.

    Alles in allem war es ein bleibendes Erlebnis.

    Auch in Deutrschland begegne ich immer wieder Russen, wie ich sie mir seither vorstelle, freundlich, hilfsbereit, machmal etwas chaotisch, aber das können Deutsche ja auch sein, und fast freundschaftlich wenn man ihnen freundlich begegnet, als kenne man sich schon lange. Ein Volk, welches man gerne in die Arme schließen möchte, um ihnen zu sagen, wir gehören doch zusammen, die Germanen und die Tataren! Erstaunlicherweise kennen viele Russen die alten tatarischen Sagen und Geschichten, während viele Deutsche noch nie etwas vom alten Tatarien gehört haben.

    Vielleicht ist es mir irgendwann einmal vergönnt, nochmal nach Russland reisen zu können, ein Land mit so viel prächtiger Natur. Ob die in kälteren Gegenden bereits „Freie Energie“ nutzen?

    Viele GrüßeKräuterhexe

Hinterlasse einen Kommentar