4. Kapitel

Wir sprachen schon den ganzen Abend über das Verhältnis von Erfahrung und Ethik. Das hatte uns der Text aufgegeben, den wir lasen. Er gab uns weiter auf, noch etwas genauer zu werden und so sprachen wir über mystisches Erleben als Ausgangspunkt für eine moralische Lebensführung. Es war eine interessante Welt die sich hier auftat. Allerdings stießen wir bald an eine Grenze, denn zwischen uns herrschte plötzlich Uneinigkeit über den Begriff der mystischen Erfahrung, nachdem wir zunächst dachten, wir hätten ein gemeinsames Verständnis davon. Es war Markus, der uns darauf brachte. Es stellte sich heraus, wir benutzen zwar denselben Begriff, meinten jedoch jeder etwas anderes. Olaf meinte etwas sehr Katholisches, Volkmar hatte etwas Buddhistisches im Sinn, Markus meinte, so etwas gebe es gar nicht und Dietmar hatte versehentlich mystisch mit Okkultismus verwechselt. Ich selbst verband mit dem Begriff wiederum eine Erfahrung, die das Individuelle auflöst und damit auch nicht mehr sprachlich gefasst werden kann.
Zwischen all diesen unterschiedlichen Aspekten zu vermitteln, um uns dann auf eine Begriff zu verständigen, schien uns eine unendlich hohe Hürde für diesen Abend, weshalb wir zum Bier übergingen. Einzig Dietmar war sofort bereit, nicht weiter auf die Richtigkeit seines Zuganges zu bestehen. Er bekam eine rote Birne und wollte möglichst schnell das Thema wechseln. Ob wir den letzten Tatort gesehen hätten, wollte er wissen. Ich holte Bier.
Als ich zurückkam wurden die unterschiedlichen Tatort-Ermittlungsteams in ihren Vor- und Nachteilen erörtert. Volkmar war für Frankfurt, Olaf für Münster. Dietmar entschied sich für München, ich mich gegen Köln.
„Hier könnte man das Thema vom letzten Mal wieder aufnehmen.“ Olaf öffnete sein Bier und wir stießen an.
„Was war das Thema nochmal?“ Volkmar nahm einen kräftigen Schluck. „Was dagegen, wenn ich mir einen baue.“
„Diese ständige Kifferei macht dich ziemlich vergesslich. Es ging um Erzählungen. Und wir reden über Tatort-Ermittler, als wären sie real. Dabei sind es Erzählungen“, klärte Olaf Volkmar auf.
„Findet ihr wirklich, ich sei vergesslich? Ich meine, über dem Durchschnitt?“
„Manchmal schon“, meinte ich.
„Statt immer nur zu kiffen, sollten wir mal Pilze oder LSD nehmen, vielleicht können wir uns dann besser über den Begriff ‚mystische Erfahrung‘ verständigen. Angeblich lösen die mystische Erfahrungszustände aus.“
„Ihr wollt hier Experimente mit Drogen machen?“ Ich war überrascht von der Wendung.
„Hier wird gekifft, wir trinken Bier, rauchen Zigaretten. Wenn es der geistigen Entwicklung dient, warum nicht?“ Dietmar war weit weniger abgeneigt.
„Meint ihr das jetzt ernst?“
„Ich würde es zumindest nicht kategorisch ausschließen. Wir können doch mal drüber nachdenken“, war Dietmars Position. Die anderen signalisierten Zustimmung durch Schweigen.
„Ist das jetzt beschlossen?“, fragte ich.
„Neugierig wäre ich schon“, meinte Markus. „Ich habe sowas noch nie gemacht. Und mal was Illegales tun, hat was Verlockendes.“
„Das mit der Anarchie und der mystischen Erfahrung in unserem Buch scheint bei dir ganz besonders gut zu wirken“, sagte Olaf grinsend. „Mitmachen würde ich auf jeden Fall. Ich hab das mal versucht, als ich neunzehn war, aber richtig gemerkt habe ich nichts.“
„War dann die falsche Dosis“, war Volkmar ein.
„War ja klar. Du kennst dich aus.“ Dietmar meinte zu wissen, wie er Volkmars Satz zu deuten habe.
„Mit Pilzen kenne ich mich genauso gut aus wie Olaf. Meine Erfahrung beschränkt sich auf ein, zwei Mal. Das ist aber schon ziemlich lange her.“
„Sieht so aus, als müssten wir das Zeug jetzt nur noch irgendwo herbekommen. Noch jemand ein Bier?“ Meine Frage wurde mit einem vierfachen Ja beantwortet. Ich machte mich auf den Weg zum Kühlschrank.
Als ich zurückkam, war Volkmar gerade dabei, seinen Feierabendjoint zu bauen. Für einen Moment überlegte ich, ob ich mitrauchen sollte, entschied mich aber erneut dagegen, als mir das Gefühl des Breitseins in Erinnerung kam. Ich mochte den Zustand nicht.
Die Flaschen wurden geöffnet, wir stießen an.
„Wie geht eigentlich die Geschichte deiner Reise weiter?“, wollte Dietmar wissen.
„Die entwickelt sich ganz ähnlich wie unser Abend. Es wird ziemlich drogenlastig.“
„Das klingt interessant. Erzähl mal“, forderte Olaf.
„Ich weiß gar nicht mehr, wo ich stehen geblieben war.“
„Das kommt vom Kiffen“, meinte Volkmar lachend.
„Blödmann. Weißt du es denn noch?“
„Ich meine, ihr seid durch die Gegend gefahren und habt dann mitten in der Pampa einen anderen Wagen getroffen. Sebastian kannte eine davon.“
„Stimmt, stimmt! Die blöde Kuh! Du hast recht, da waren wir stehengeblieben. Das war eine ziemliche merkwürdige Begegnung, sage ich euch.“ Ich grinste. „Sebastian schien sie wirklich nicht zu mögen und verzog das Gesicht, als er sie von Ferne sah. Aber

ungeachtet der eben gemachten Bemerkung wurde die blöde Kuh wenige Augenblicke später von Sebastian aufs herzlichste mit Küsschen links und rechts begrüßt. “So good to see you!” Meine Begrüßung fiel da wesentlich unterkühlter aus, denn ich begrüße blöde Kühe nicht euphorisch.
Wir wurden den Mitreisenden aus den beiden Autos vorgestellt. Sebastian kannte zwei weitere Personen, ich niemanden. Alles war extrem nice und wonderful. Lachen hier, lächeln da, überall überschäumende Freundlichkeit mit einem penetranten Beigeschmack nach Plastik. Die gezeigten Zuneigungen fühlten sich in etwa so echt an, wie die Brüste der drei anwesenden Frauen sich echt angefühlt hätten, wenn man sie begrabscht hätte. Das tat niemand, denn es war dafür unter anderem zu heiß und der Tag noch nicht fortgeschritten genug, aber das Ergebnis solchen Ertastens wäre eindeutig gewesen. “Gemachte Möpse” ist die umgangssprachliche Bezeichnung für diese sichtlich teuren sechs Vorzeigeexemplare der plastischen Chirurgie.
Die blöde Kuh hatte wahrscheinlich die teuersten. Sie fand es unglaublich toll, endlich, endlich wieder bei all den netten Menschen in dem wunderschönen und so malerischen Italien zu sein. Ich setzte zu einem Grinsen an, doch Sebastian warf mir einen sehr intensiv durchdringenden Blick zu, der mir jede Form der Intervention, Korrektur oder auch nur des offensichtlichen Amusements verbat. Schade, es fing gerade an unterhaltsam zu werden. Also stand ich weiter unbeteiligt in der Vulkanlandschaft herum und guckte wunderschöne, malerische Steine an. Wie sich später herausstellte, konnte die blöde Kuh zumindest die Insel, auf der sie sich befand, dem richtigen Kontinent zuordnen.

Misstrauen machte sich in der Runde der Zuhörer breit. „Das klingt jetzt aber sehr nach abgedroschenem Klischee“, meinte Markus. „Künstliches Verhalten, künstliche Brüste und keine Ahnung von Europa. Das ist doch jetzt wieder nur so ein erzählerischer Trick.“
„Ist es nicht!“, insistierte ich. „Das war wirklich so. Es wurde ein unglaubliches Tohuwabohu gemacht. Es war eine völlig absurde Szene dort in der Einöde der vulkanischen Landschaft. Und genauso künstlich, wie sich die Vorstellungsrunde gestaltete, waren die vorgestellten Personen selbst. Künstliche Fingernägel, künstliche Brüste und gestraffte Gesichter, die alle in einer ähnlichen Mimik erstarrt waren. Es hatte etwas Gespenstisches.“
„Und Sebastian machte da mit?“, fragte Dietmar. „Der ist doch sonst ganz anders.“
„Der war wie ausgewechselt. Das war wirklich ganz erstaunlich. Die von ihm eben noch  ‚blöde Kuh‘ genannte Frau, schien nun seine beste Freundin zu sein. Mir war dieser Wechsel im Habitus völlig unverständlich. Ich stand dabei und traute meinen Augen und Ohren nicht.
„Das hat was von ‚Höflichkeit ist die höchste Form der Verachtung‘. Oder heißt es ‚die sicherste Form der Verachtung‘? Keine Ahnung. Aber ihr wisst was ich meine. Die sind alle nett zueinander, weil sie sich verachten“, warf Markus ein.
„Nein, das war eben nicht nur ein Rückzug auf formelhafte Verhaltensweisen, um das Zusammensein möglichst glimpflich zu überstehen, weil man sich im Grunde nicht mag. Höflichkeit wäre in diesem Zusammenhang dann der tadellose Umgang, dessen Form nichts zu wünschen übrig lässt und sich daher jeder Kritik entzieht. Dabei wird genau in dieser Form die Verachtung zum Ausdruck gebracht. Wenn man zu so einem Mittel greift, fällt man sich nicht um den Hals und gibt sich Küsschen rechts und links.“ Ich versuchte zu verdeutlichen, was sich damals für mich zeigte. Dieses merkwürdige Gefühl, Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich etwas vorspielten, die dabei genau wussten, was zu spielen sei und was gespielt wurde, um das Wissen darüber im Spiel zu vergessen. Ich wusste noch, wie merkwürdig mich die Szene damals berührt hat, wie befremdlich es war, den Akteuren zuzuschauen, wie unglaubwürdig all die Äußerungen auf mich wirkten und wie sich die Akteure ganz zuversichtlich in dieses Spiel warfen mit der Sicherheit, es würde sie tragen. Sebastian lachte und herzte seine Freunde, Bekannten und auch die Unbekannten, wie ich ihn sonst nie lachen und umarmen sah. Und wie ich ihn auch nie lachen sehen möchte, denn je gesteigerter und euphorischer es wurde, desto unechter, unwahrer, ja gelogen schien es mir. Die einzige authentische Regung, die ich wahrnehmen konnte, war Sebastians strenger Blick, der mir verbot, seine eben geherzte blöde Kuh darüber zu informieren, dass sie nicht in Italien, sondern auf einer spanischen Insel sei, oder mich zumindest darüber lustig zu machen.
Doch obwohl ich die Differenz genau erfühlt hatte, obwohl ich genau wusste, was mir an der ganzen Situation so künstlich, so skurril und befremdlich erschien, war es nun unmöglich dies meinen Freunden mit Worten in einer Weise zu beschreiben, dass diese Differenz sichtbar würde. Es war, als würde ich an eine Grenze stoßen. Obwohl Volkmar, Markus, Olaf und Dietmar um Verstehen bemühten, denn jeder suchte in seiner Erinnerung nach einer ähnlichen Erfahrung, aber wann immer wir diese mit meinem Erlebnis verglichen, fehlte am zentralen Punkt die Übereinstimmung. Die Essenz dessen, was ich mitteilen wollte, war nicht enthalten. Wir versuchten es mit sprachlichen Bildern, doch immer dann, wenn wir meinten, zu verstehen, entfernten wir uns im nächsten Satz wieder voneinander. Der Kern meines Befremdens dort in der Vulkanlandschaft in dieser Gruppe von Unbekannten blieb unverstanden und unausdrückbar. Es wurde schließlich still, wir kamen nicht weiter.
„Scheiße“, sagte ich, „ich weiß nicht, wie ich das noch beschreiben soll.“
„Vielleicht erzählst du die Geschichte einfach weiter? Dann klärt sich das bestimmt“, meinte Markus.
„Wozu haben wir Sprache, wenn wir uns mit ihr nicht so ausdrücken können, dass wir einander verstehen?“ Ich war frustriert und fühlte mich plötzlich allein und isoliert.
„Erzähl doch noch was von den Plastiktitten“, meinte Volkmar und grinste.
„Zum einen interessiere ich mich nicht für Plastiktitten in der Weise, in der du dich vermutlich dafür interessierst, weshalb meine Erzählung darüber kaum deine Bedürfnisse befriedigen würde, und zweitens ist mir im Moment mehr nach einer Erzählung über Monaden.“
„Bist du jetzt wirklich frustriert?“ Dietmar zündete sich eine weitere Zigarette an und griff zum Bier.
„ja, bin ich. Ich schaffe es nicht, mich mitzuteilen. Obwohl ich ganz klar vor Augen habe, um was es mir geht, kann ich es nicht in Worte fassen und es so mitteilen, dass ich von euch verstanden werde. Das macht mich krank. Oder besser: zickig.“
„Man müsste ein Organ haben, mit dem sich Bedeutung direkt übertragen ließe. Sprache ist ein recht mangelhaftes Vehikel. langsam, zu ungenau und einfach zu anfällig für Unfälle wie Missverstehen“, meinte Olaf.
Markus warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Das wäre dann das Ende des Journalismus. Dann gäbe es nur Bedeutungsübertragungen und damit wäre jedes Schreiben und Berichten sinnlos.“
„Ich dachte, ihr berichtet nur über Fakten. Das ist doch dann schon sowas wie Bedeutungsübertragung. Nur mit dem Medium Schrift. War das nicht deine etwas steile These neulich?“ Es war Dietmar, der versuchte, Markus an seinen Argumenten zu packen.
„Wir machen schon noch etwas mehr als über Fakten zu berichten. Wir generieren Meinungen und Positionen.“
„Die Herren generieren Meinungen! Wow. Das klingt ja spannend. Hier ein bisschen schreiben, da ein bisschen vermarkten und schon ist die Meinung gesetzt? Funktioniert das so?“ Dietmar war offensichtlich schon ein bisschen beschwipst. Was eine interessierte Nachfrage werden sollte, wurde zur Attacke.
„Ein paar Damen sind da auch dabei und so einfach ist es natürlich nicht.“ Markus parierte.
„Was ist eigentlich aus deinem Joint geworden.“ Es roch immer noch nicht nach Gras, fiel mir gerade auf.
„Habe ich vergessen“, meinte Volkmar. Alle lachten. „Ich hebe ihn mir für morgen auf. Jetzt ist es schon ein bisschen spät.“
Wir wollten es für heute dabei belassen. Kaum zehn Minuten später saß ich allein in meiner Wohnung. Was taten wir da eigentlich. Jede Woche trafen wir uns, unterhielten uns zunächst thematisch gebunden und im Anschluss frei dafür aber mit Bier. Und unterhalb des Gesagten entstanden Verbindungen, eine Art Netz, Freundschaften. Der Vorschlag, ein gemeinsames Drogenexperiment mit psychedelischen Substanzen zu unternehmen, hatte im Nachklang etwas Reizvolles. Es schmeckte so süß nach Subversion. Ich fühlte etwas in mir aufsteigen, das in eine Richtung hin zur Adoleszenz, nach jungem Erwachsensein, nach Aufbruch und Aufruhr ragte. Je älter man wurde, desto mehr Freude machte der Aufbruch, stellte ich für mich fest. Seit ich die 35 überschritten hatte, könnte ich mich an nahezu jeden Morgen nach dem Aufwachen erst mal schepp lachen über die absurde Komik des Ganzen. Ein gutes Gefühl.

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