Terror hier und dort

Am Abend des 22. März traf ich mich mit Freunden in einem georgischen Restaurant unweit des Kreml im Zentrum Moskaus. Wir feierten Geburtstag, geplant war ein heiterer Abend. Die Stimmung kippte dann allerdings, als einer der Gäste nach einem Blick auf sein Telefon meinte, anscheinend hat es einen Terroranschlag in Moskau gegeben.

Wie sich später herausstellte, hatten Terroristen aus Tadschikistan im Auftrag der Ukraine  in der Crocus-City-Hall ein Massaker unter den Besuchern eines Konzerts angerichtet. Die Crocus-City-Hall liegt etwas außerhalb von Moskau und bot Platz für 10.000 Besucher. Dort fanden Pop- und Rock-Konzerte, Galas und große Preisverleihungen statt. „Fanden statt“ denn der Saal wurde bei dem Anschlag komplett zerstört.

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Auf dem Weg zur Datscha fahren wir an der Crocus-City-Hall vorbei. Dort, wo einst das Dach war, klafft nun ein großes Loch. 145 Menschen wurden bei dem Anschlag getötet, über 500 wurden verletzt. Die Täter sind mit äußerster Brutalität vorgegangen. Sie zielten auf eine möglichst große Zahl an Opfern.

Darin unterscheidet sich nicht, was vor einigen Tagen in Magdeburg passiert ist. Ein Mann saudi-arabischer Herkunft fuhr mit einem Auto in eine Menschenmenge auf einem Weihnachtsmarkt. Der Tathergang lässt den Schluss zu, dass auch sein Ziel eine möglichst hohe Opferzahl und umfassende Zerstörung war. Über den Hintergrund der Tat gibt es noch keine Klarheit.

So ähnlich die Ereignisse sind, so unterschiedlich ist der Umgang mit ihnen in der russischen und der deutschen Gesellschaft. In Russland bildeten sich vor den Blutspendezentren unmittelbar Schlangen. Die Menschen wollten helfen, etwas tun.

Berge von Blumen wurden am Tatort niedergelegt. Die Menschen pilgerten regelrecht zur zerstörten Crocus City Hall. Für den 24. März rief die Regierung einen landesweiten Tag der Trauer aus. Die russische Gesellschaft, so mein Eindruck, ging geeint aus dem Prozess der Verarbeitung hervor. Zugegeben, Arbeitsmigranten aus Tadschikistan hatten es in der Folge nicht unbedingt leicht. Ihnen wurde mit Misstrauen begegnet. Doch die russische Gesellschaft wurde durch den Terroranschlag nicht gespalten.

In Deutschland ist das anders. In diesem Moment, in dem ich das schreibe, zeigt das russische Fernsehen eine Trauerveranstaltung in Magdeburg. Hunderte seien gekommen, sagt der Moderator, die Kamera schwenkt über die Menschenmenge und dann auf Alice Weidel, die an einem Pult steht, auf dem das Logo ihrer Partei zu sehen ist. Es gibt offensichtlich keine gemeinsame Veranstaltung.

Das ist der große Unterschied. In Deutschland wird das traurige Ereignis sofort politisch instrumentalisiert. Nicht nur von der AfD – von allen. Fabio de Masi vom BSW beispielsweise hat unmittelbar einen Tweet veröffentlicht, der eine Verbindung des Täters zur AfD suggeriert. Andere standen diesem fragwürdigen Verhalten, das Attentat für Attacken gegen den politischen Gegner zu nutzen, in nichts nach. In Deutschland wird alles sofort politisiert.

Dort geht es um die Klärung einer abstrakten Schuldfrage. Welche Partei, welche Ideologie, welche Weltsicht ist für die Tragödie zur Verantwortung zu ziehen. Die Diskussion ist ohne Empathie und nicht in der Lage, etwas zu seelischen Heilung beizutragen. Ein Innehalten, wie es in Russland stattfand, gibt es in Deutschland nicht. Das ist ungesund für eine Gesellschaft. 

Das alles findet zudem in einem Klima der gegenseitigen Ausgrenzung statt. in einer Atmosphäre, in der man nach Gründen für Parteiverbote sucht. Am Ende des Prozesses der Verarbeitung stand in Russland eine geeinte Nation. In Deutschland steht am Ende des Prozesses eine noch tiefer gespaltene Gesellschaft. In Deutschland erreicht der Terror sein Ziel, in Russland bisher nicht.

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