Die Betriebsversammlung 1-10 (Rohfassung)

Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, spielt in der Arbeitswelt. Es sind Büros, in denen sich alles ereignet, funktional eingerichtete Büros in einem funktionalen Komplex in einem ganz funktionalen Teil einer deutschen Großstadt. In jedem Büro sitzen vier Personen vor jeweils zwei Monitoren, die Büros sind rundherum verglast und daher einsehbar. In jedem Büro stehen fünf Pflanzen. Eine große, zwei mittelgroße und drei kleine. In den Büros werden Webseiten gestaltet und Online-Werbung geschaltet. Es ist ein modernes Unternehmen, ganz zeitgemäß, ohne Berührungsängste. Hier werden Autohäuser genauso bedient wie Bordelle. Schuh- und Buchhändler werden von den rund fünfzig Mitarbeitern und geschätzt dreißig Praktikanten ebenso mit der Aufmerksamkeit des Internets versorgt wie FKK-und Swingerclubs.

Und genauso kurz wie die Aufmerksamkeitsspanne im Internet war vielfach die Aufenthaltsdauer der einzelnen Mitarbeiter im Unternehmen. Dem Eigentümer der Agentur Roland Schmidt war es wichtig, seine Angestellten Druck und einem hohen Maß an Unsicherheit auszusetzen. Es würde sie motiviert halten und die Leistung fördern, war seine Meinung. Die Angestellten sahen das vielfach anders.

An dem Tag, an dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt, hing an der gläsernen Eingangstür der auf Onlinewerbung spezialisierten Agentur ein Schreiben:

Gründung eines Betriebsrates für den Betrieb

SCHOW – Schmidt – Online – Werbung GmbH

Einladung zur Betriebsversammlung zur Wahl eines Wahlvorstandes

Angegeben waren noch Zeitpunkt und Ort der Versammlung, eine Tagesordnung und der Aushang war von drei Mitarbeitern der Agentur unterschrieben. Die Träger der drei Namen werden in den nächsten Tagen die Gelegenheit haben, in Abgründe zu schauen. Von ihnen handelt diese Erzählung, die jetzt beginnt.

Nach und nach kamen die Mitarbeiter der Agentur. Manche nahmen den Aushang zur Kenntnis, andere gingen achtlos daran vorbei. In den ersten anderthalb Stunden des anbrechenden Arbeitstages passierte kaum etwas. Auch die drei Unterzeichner der Einladung gingen zunächst ihrer gewohnten Arbeit nach, telefonierten, korrigierten Texte, beantworteten Emails und wunderten sich jeder für sich in seinem Büro, warum es so ruhig blieb.

Es war Carolina Gottschalk, die zuerst zum Telefon griff und ihre beiden Kollegen anrief. Sie warf ihr langes, blondes Haar zurück, griff zum Hörer und wählte die Nummer ihres Kollegen Gregor Bauer, der die Einladung mit ihr und Olaf Graf gemeinsam unterzeichnet hatte.

“Bei dir alles im Lot?” Carolina spielte mit einem Kugelschreiber.

“Alles ruhig. Hast du was von Olaf gehört?”

“Noch nicht. Ich rufe ihn mal an. Bis gleich.” Ohne eine Antwort abzuwarten unterbrach Carolina die Leitung und wählte mit dem Kugelschreiber Olafs Nummer.

“Wie ist es bei dir?”

“Die erste Reaktion kam gerade. Marcel Kempker aus der Grafik findet es gut. Ansonsten gibt es nichts zu vermelden. Bei dir.”

“Bisher nichts. Bei Gregor und mir ist alles wie immer. Meine Kunden nerven, aber sonst keine besonderen Vorkommnisse. Moment!” Carolina hörte das Geräusch einer heftig zuschlagenden Tür und reckte den Hals. “Der Tietz rennt hier gerade den Korridor lang in Richtung von Schmidts Büro.”

“Dann kommt vermutlich gleich was. Wenn der Geschäftsführer rennt, ist der Chef sauer.”

“Wahrscheinlich hast du recht” Carolina kicherte. “Ich muss Schluss machen. Ich habe wahnsinnig viel zu tun heute. Ich habe vierzig Kunden auf der Liste, die ich heute abtelefonieren muss. Bis später.”

Carolina hängte den Hörer ein und vertiefte sich in ihre Arbeit. Wenige Minuten später wurde eine Tür zugeschlagen und Wolfram Tietz rannte in die Richtung, aus der er vor kurzer Zeit gekommen war. “Tja”, sagte Carolina zu ihrer Kollegin Miriam, “da ist wohl einer stinkig.”

“Ich finde richtig, was ihr tut”, war Miriams Antwort.

Roland Schmidt hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Er war spät zu Bett gegangen und früh wieder aufgewacht. Ideen waren auf ihn eingestürzt und hatten ihm keine Ruhe gegönnt. Angefangen hatte alles mit der Frage, in welcher Richtung der Onlinemarkt noch zu erobern war. Webseiten zu erstellen war ja schön und gut. In Foren Meinungen zu platzieren funktionierte immer noch ganz gut, wurde aber immer häufiger durchschaut. Da war das Ende der Fahnenstange bald erreicht. Pornographie war weitgehend ausgeschöpft, es lohnte sich nicht mehr hier noch aufzuspringen. Aber mit dem Wort Pornographie hatte sich vor seinem geistigen Auge plötzlich ein Tor zu einer ganzen Ideenlandschaft geöffnet. SCHOW GmbH hatten doch eine ganz erhebliche Anzahl an Kunden aus dem Bereich der Prostitution. Bordelle, Domina-Studios, Appartements mit wechselnden Frauen und eine Zahl an Transsexuellen ließen sich in der Agentur Roland Schmidts ihre Webseiten zusammenschustern, kostengünstig und ohne jede Form der Berührungsangst.

Schmidt würde, das war seine Idee, all diese unterschiedlichen Anbieter sexueller Dienstleistungen in einer Suchmaschine zusammenbringen. Eine Suchmaschine, die ausschließlich auf sexuelle Dienstleistungen jeder Art spezialisiert war. Ort eingeben, Vorlieben eingeben und schon würde die Seite eine Übersicht von Sexarbeitern liefern, die genau das anboten, was der Kunde suchte. Mit Fotos, möglichst Videos, Anfahrtsbeschreibung und allem Drum und Dran versteht sich. Roland Schmidt beglückwünschte sich zu seinem genialen Unternehmergeist. Das würde er gleich heute in Angriff nehmen lassen. Positiv gestimmt blickte er dem Tag entgegen.

Roland Schmidt sah sich als Macher. Er war ein junger Unternehmer Anfang vierzig. Steve Jobs war das große Vorbild. Er wollte ebenso unkonventionell wie genial sein, neue Wege gehen, ein Pionier des Internets werden. Die ausgetretenen Pfade klassischen Unternehmertums langweilten ihn. Roland trug das Haar lang, kleidete sich in Flanellhemden, Jeans und Birkenstocksandalen. Er machte nie Urlaub, schlief wenig, war identisch mit seiner Firma und erwartete genau das Gleiche von seinen Mitarbeitern, die ihn alle duzten. Allerdings nur in seiner Gegenwart. War er nicht anwesend, hatte sich die Benennung “der Schmidt” durchgesetzt. Roland Schmidt wusste davon nichts und er wäre maßlos enttäuscht gewesen, wenn er es herausgefunden hätte. Persönlich gekränkt.

Er hatte viel vor an diesem Tag. Gut gelaunt ging er ins Büro und las den Aushang. Eine merkwürdige Mischung der Gefühle stieg in ihm auf. Seine Mitarbeiter engagierten sich und wollten sich treffen. Das war zunächst mal positives Zeichen. Allerdings musste so eine Versammlung selbstverständlich außerhalb der Arbeitszeit stattfinden. Es ging natürlich nicht, hierfür die Firma zuzumachen. Zeit ist schließlich Geld. Die können wählen, was und wen sie wollen, aber nicht auf seine Kosten. Schließlich bezahlen wir die Leute nicht fürs Nichtstun und Reden schwingen. Der Tietz soll das nachher mal erledigen.

Kaum war er in seinem Büro angekommen, klingelte das Telefon. Tietz war am anderen Ende der Leitung. “Wir haben ein Problem”, meinte er.

“Was sollte das für ein Problem sein?”

“Die wollen einen Betriebsrat gründen.” Tietz klang besorgt.

“Was ist das Problem daran?”

Tietz erzählte etwas von Mitbestimmung, Berichtspflichten, Kostenexplosion und Einmischung. Roland Schmidt verstand nicht den gesamten Zusammenhang, verstand aber, es war ernst.

“Schmeiß die raus. Sofort!” Roland Schmidt wurde lauter.

“Das geht nicht”, war Tietz’ Antwort.

“Das ist meine Firma! Was hier geht und was nicht, bestimme ich!”, setzte Schmidt im Crescendo fort. “Feuern! Sofort!” Der coole Chef war ganz unbemerkt verschwunden. Roland Schmidts cholerische Unternehmerseite kam zum Vorschein. “Komm sofort runter in mein Büro und erklär mir, was hier vorgeht, Tietz. Sofort!” Mit rotem Gesicht knallte Schmidt den Hörer auf die Gabel. Seine gute Laune war verflogen. Kurz darauf öffnete Tietz die Tür und trat ein.

Claudia, Wolfram Tietz’ Frau, war für einige Tage verreist. Dieser Reise war ein Streit vorausgegangen, der um Zuneigung, Verantwortung, das Gefühl nicht mehr begehrt, dafür aber allein gelassen zu werden und den Mangel an häuslicher Unterstützung gekreist war. Wolfram Tietz kannte diese Auseinandersetzungen gut. Sie endeten mit einigen Tagen Auszeit für beide. Die Kinder wurden zu Tietz’ Schwiegereltern gebracht, wobei sich alle über die Abwechslung freuten. Claudia Tietz verschwand in irgendeinem Ferienressort, wo sie sich das Gefühl begehrt zu werden und ein für sie befriedigendes Maß an Zuneigung zu verschaffen wusste.

Wolfram Tietz wiederum nutzte Claudias Abwesenheit für ausgedehnte Besuche bei Herrin Katharina, die mit ihm Dinge anstellte, die Claudia nie mit ihm machen würde, weil ihr dafür die Fantasie fehlte. Das nahm Wolfram Tietz zumindest an. Er wäre allerdings überrascht gewesen, wenn er erfahren hätte, zu welchen Ausschweifungen Claudia während ihrer sogenannten Auszeiten in der Lage war.

Doch Tietz interessierte es im Grunde nicht. Zwar hatte er eine Ahnung, dass Claudias Auszeiten nicht nur mit seinem vermeintlichen Fehlverhalten, sondern auch mit ihrem sexuellen Begehren zu tun hatten, aber so lange sie immer wieder zurückkam, die Kinder mitbrachte und er während ihrer Abwesenheit Herrin Katharina zu wilden Rollenspielen besuchen konnte, betrachtete er die alle drei bis sechs Monate auszutragenden Streits mit anschließender einwöchiger Abwesenheit Claudias als Win-win-Situation. Ob und mit wem sie in dieser Woche vögelte war ihm eigentlich schnuppe. Er gab sich in dieser Zeit seiner Herrin Katharina und seinem Faible für bizarre Spiele hin.

Im Moment war Hundehaltung das, worauf Wolfram Tietz stand. Und sein Wunsch, als Hund gehalten zu werden, war es, was er vor wenigen Tagen in aller Intensität ausgelebt hatte. Herrin Katharina hatte ihm Zwingerhaltung vom Feinsten angedeihen lassen, war mit ihm Gassi gegangen, wobei er seine Marken setzen durfte, sie hatte Stöckchen geworfen, die er brav apportierte, und schließlich durfte er zum krönenden Abschluss Herrin Katharinas als Hündin verkleidete Zofe Jaqueline besteigen, während Herrin Katharina ihm den Arsch versohlte.

Wolfram Tietz erwachte an jenem Morgen, um den sich unsere Geschichte immer noch dreht, aus einem Traum, in dem er seinem letzten Besuch bei Herrin Katharina noch einmal durchlebt hatte. Erregt durch diesen Traum holte sich Tietz erst mal einen runter, bevor er zum Pinkeln ging. Er machte Kaffee, guckte ein bisschen Porno und genoss Claudias Abwesenheit, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte.

Als er den Aushang las, schlug seine Laune unmittelbar um. Seine erste Reaktion war, die Einladung zur Betriebsversammlung abzureißen und in den Müll zu werfen. Er hatte schon seine Finger an dem Papier, besann sich dann aber anders. Zum einen ging er davon aus, dass ihn schon eine große Anzahl von Mitarbeitern gesehen hatten, zum anderen war er sich sicher, dass eine Rundmail an alle geschickt worden war, die über die Gründung eines Betriebsrates informierte. Den Aushang abzureißen wäre kindisch erschienen, ein Zeichen von Schwäche. Er zog seine Finger wieder zurück und ging in sein Büro. Sabine Müller, seine rechte Hand, war schon da, der Kaffee war gekocht und sie lächelte.

“Hast du den Aushang gelesen? Die wollen einen Betriebsrat gründen.” Tietz rührte mit einem Löffel in seiner Tasse.

“Ja, habe ich. Ist das nicht schön. Wir werden langsam erwachsen, eine richtige Firma mit Betriebsrat.” Die Müller strahlte über das ganze Gesicht.

“Ja, wir werden wohl langsam erwachsen.” Tietz überlegte, ob er die Müller sofort feuern sollte. Manchmal war sie wirklich eine unglaublich naive und blöde Kuh. Dienstbar zwar, aber total bescheuert. Er griff zum Hörer und rief Roland Schmidt an. Der kapierte auch nicht, was es mit der Betriebsversammlung und der Gründung eines Betriebsrats auf sich hatte. Er machte sich auf den Weg, um es ihm zu erläutern.

Angefangen hatte es vor einigen Monaten im Frühling, an einem der ersten schönen Tage des Jahres. Ein Tag, der Lust macht, nach draußen zu gehen, in der Sonne zu sitzen, ein Tag, der von der Leichtigkeit des Lebens erzählt, ein Tag an dem man nicht in einem Büro vor zwei Monitoren sitzen möchte, an so einem Tag hatten sich spontan sieben Mitarbeiter der SCHOW GmbH am Nachmittag zu einem gemeinsamen Feierabendbier verabredet. Der Abend begann unterhaltsam, die Absonderlichkeiten der nicht anwesenden Kollegen wurden durchgesprochen, es wurde sich lustig gemacht über exzentrische Kunden und es wurden Gerüchte in die Welt gesetzt.

Doch je weiter der Abend fortschritt, desto enger wurde der thematische Fokus, bis schließlich ein einziges Thema die gesamte Unterhaltung dominierte. Das Thema war Roland Schmidt und die Arbeitsbedingungen in der Firma. Wie sich herausstellte, fühlten sich alle in der Runde von ihrem Arbeitgeber betrogen, hintergangen, verarscht und ausgenutzt.

Von den sieben Kollegen konnten drei berichten, dass sie unmittelbar nach ihrer Einstellung wieder gekündigt worden waren. Wie sich herausstellte, war es bei allen das Gleiche Schema gewesen. Zwei Tage nach Arbeitsaufnahme waren sie in die Personalstelle gebeten worden, wo ihnen mitgeteilt worden war, man könne sich eine weitere Zusammenarbeit nicht vorstellen. Auf die Frage nach dem Warum, wurde allen dreien von Sabine Müller mitgeteilt, das wisse sie auch nicht. Es sei eben in der Werbebranche so, ein Kommen und Gehen. Falls Interesse bestünde, den Grund zu erfahren, wäre am Folgetag Wolfram Tietz telefonisch zu sprechen, der könne dann eventuell Auskunft geben.

Alle drei saßen am Tisch und konnten nicht glauben, wie identisch ihre Geschichte war.

“Und dann hast du am nächsten Tag angerufen und der Tietz hat dir gesagt, er könne unter Umständen was für dich tun, man müsse nur noch mal über die Konditionen reden. War das bei dir auch so?”

“Genauso war es, und dann wurden die Konditionen, die so gut erschienen waren, plötzlich ziemlich schlecht, stimmt’s?”

“Die haben mit uns dreien genau das gleiche gemacht. Ich hatte meine alte Stelle gekündigt, weil ich dachte, die Bedingungen und vor allem die Bezahlung sei bei SCHOW so viel besser. Letztlich habe ich dann eingewilligt, für weniger Geld mehr zu arbeiten. Sonst hätte ich überhaupt nichts gehabt.”

Die beiden anderen lachten mit kaum verdeckter Bitterkeit. “Das war bei mir genauso! Ich hätte ja nicht mal zum Arbeitsamt gehen können. Meine alte Stelle hatte ich selbst gekündigt.”

Es war allen sieben Kollegen unmittelbar klar, wer für diese perfide Praktik verantwortlich war.

“Der Schmidt ist echt der letzte Dreck!”

Der Abend endete mit der Idee, sich regelmäßig treffen zu wollen. Es sei nett gewesen und er Austausch hätte auch etwas Heilsames.

“Man fühlt sich nicht wie die letzte Vollidiotin, wenn man weiß, dass es anderen auch so ergangen ist”, meinte Caroline Gottschalk, die eine von den dreien war, die jetzt zu deutlich schlechteren Bedingungen arbeitete als von ihr ursprünglich erwartet. “Lasst uns nächste Woche nach der Arbeit wieder was trinken gehen.”

Der Vormittag im Büro schleppte sich dahin. Caroline war enttäuscht. Sie hatte auf den Aushang und die Rundmail mehr Rückmeldung erwartet. Ganz vereinzelt trafen Emails ein, die das Vorhaben unterstützten. Helena, die junge Russin aus der Grafikabteilung, schickte eine ganz kämpferische Nachricht, die von der Reife der Zeit sprach und vom machtvollen Arm der Kollegen und Rädern, die man zum Stillstand bringen müsste. Caroline antwortete nicht auf diese Mail, denn der Ton traf nicht ihr Befinden. Die Kollegen aus der IT wollten mehr Informationen über den Ablauf, schienen aber angetan von der Idee, einen Betriebsrat zu haben. Aber das, was Caroline erhofft hatte, blieb zunächst aus. Sie hatte erwartet, zu Schmidt bestellt zu werden, nicht allein, mit Olaf und Gregorm den anderen Unterzeichnern. Dort hätten sie darlegen können, warum sie es für notwendig hielten, einen Betriebsrat zu gründen. Schmidt hätte nachgefragt, wäre vielleicht auch ein bisschen ausgetickert, weil es bei Schmidt einfach dazugehört, ein bisschen auszutickern, aber dann wäre es gut gewesen. Die beiden anderen wären dann sicherlich erst mal eine rauchen, sie aber wäre zurück an ihren Arbeitsplatz gegangen, hätte die Kollegen über das Gespräch informiert, hätte mitgeteilt, es sei alles in Ordnung, die Betriebsversammlung würde wie bekannt gegeben abgehalten und man würde bald einen Betriebsrat haben. Die Kollegen hätten sie dann gelobt, den Mut und die Leistung anerkannt und sich bei Caroline für das Engagement bedankt. Etwa in der Art hatte sie sich den Vormittag vorgestellt. Doch nichts von dem passierte. Es passierte eigentlich gar nichts. Alle schienen Abzuwarten. Nur der Tietz, der rannte jetzt schon wieder in Schmidts Büro.

Roland Schmidt hatte ein bisschen gegoogelt. Dabei war ihm schnell klar geworden, wie wenig er einen Betriebsrat in seiner Firma wollte. Was bildeten sich diese drei Hanswürste eigentlich ein. Mitbestimmung! Die haben doch einen Knall. Es lief doch alles super, da braucht es doch keine beschissenen Überwachungsrat. Das würde alles nur verlangsamen.

Eben hatte Schmidt gelesen, so ein Betriebsrat müsse bei Einstellungen und Entlassungen grundsätzlich informiert werden. Vor seinem geistigen Auge ließ Schmidt die Einstellungen und Entlassungen der letzten Wochen Revue passieren. Er konnte sich für die vergangenen 14 Tagen an zehn Rausschmisse und elf Einstellungen erinnern. Also wurde pro Arbeitstag einer gefeuert und einer kam neu. Man kann doch unmöglich erwarten, dass das jedes Mal erst besprochen wird. “Wer macht denn so dämliche Gesetze?” Schmidt sprach mit sich selbst.

Er griff zum Hörer. “Tietz, wir müssen die Idioten von ihrem Plan abbringen, komm sofort runter. Und ich rate dir, eine gute Idee mitzubringen, wie wir uns diesen Schwachsinn vom Hals schaffen.”

Wenige Minuten später sah Caroline Gottschalk Wolfram Tietz zum zweiten Mal an diese Tag an ihrem Büro in Richtung Chef vorbei eilen. Er guckte inzwischen etwas gequält. Sonst fiel ihr nichts auf.

Tietz trat ohne zu klopfen ein.

“Manchmal fühle ich mich so allein. Bin ich hier der Einzige, der denkt?” Schmidt hatte Lust auf das ganz große dramatische Repertoire.”Wozu habe ich dich? Schmeiß die drei raus und dann ist gut.”

“Wir können die nicht so ohne weiteres rausschmeißen.” Wann immer Tietz nervös wurde, fing er an zu lispeln. Eigentlich lispelte er immer, hatte es nur besser unter Kontrolle. Sein Trick war es, Wörter mit dem Buchstaben S systematisch zu vermeiden. Wurde er hektisch wie jetzt, versagte diese Kontrolle.

“Ich will nicht hören, was nicht geht, ich will hören, was geht und wie wir diesen Betriebsratschwachsinn unterbinden können.”

“Ich werde mal mit den Dreien reden.” Tietz war ein Satz ohne S gelungen.

“Der Herr Tietz will mal mit denen reden. Das ist schön. Und dann?”

“Das wird, glaub mir. Wir verhindern die Gründung. Ich werde Mittel finden. Am Anfang moderat, danach werden wir wenn notwendig härter.”

“Ich verlasse mich auf dich, Tietz. Ich will so einen Scheiß nicht in meiner Firma. Mitbestimmung! Das ist doch ein Witz!”

“Ich habe einen Anwalt an der Hand, der oft mit derartigen Angelegenheiten betraut wird. Den rufe ich an und erkundige mich.”

“Mach das. Heute Nachmittag ist das Thema erledigt. Verstanden?”

“Geht klar.” Tietz war sich zwar sicher, mehr Zeit als nur ein paar Stunden zu benötigen, um den Betrieb wieder betriebsratsfrei zu kriegen, wusste aber auch, wie sinnlos es wäre, sich jetzt darüber mit Schmidt in eine Diskussion zu stürzen. Er verließ Schmidts Büro, ging den Gang entlang, lächelte freundlich Caroline Gottschalk zu, die hinter der Glaswand ihres Büros an ihrem Schreibtisch saß, dachte so etwas wie “Dich dumme Schlampe mache ich fertig” und benutzte den Aufzug, um auf seine Etage zu gelangen. Beim Hinsetzten brachte sich Herrin Katharina in Erinnerung. Sie hatte seinen Hintern ganz schön versorgt. Tietz bekam eine Erektion.

Das Gespräch mit dem Anwalt verlief nicht ganz nach seinen Vorstellungen. Tietz hatte das Problem geschildert und sein Gesprächspartner hatte vielfach “tststs” gemacht. Das war, da war sich Wolfram Tietz sicher, kein gutes Zeichen. Rauswerfen konnte man die drei nicht. Der Anwalt hatte ihm geraten anders vorzugehen, aus einer ganz anderen Richtung zu denken. Das wollte Tietz später tun. Zunächst wollte er sich mit den dreien unterhalten. Vielleicht war das Problem ganz einfach in einem Gespräch zu lösen. Zumindest versuchen wollte er es.

Am frühen Nachmittag erhielten daher Olaf Graf, Gregor Bauer und Caroline Gottschalk eine Email von Tietz’ Assistentin Sabine Müller, in der sie in die Personalabteilung gerufen wurden.

In dem Moment, als Gregor Bauer und Caroline Gottschalk die Email lasen, war es für sie, als würde sich damit eine Ring lösen, der sich um ihre Brust spannte. Es war ihnen gar nicht aufgefallen, wie sehr ihre Anspannung in den letzten Stunden zugenommen hatte. Endlich tat sich etwas, etwas kam in Bewegung. Dieser ungewisse Zustand, der den ganzen Morgen über angehalten hatte, löste sich nun in Aktion auf. Das war ihnen eine Erleichterung. Bei Olaf Graf war es genau anders herum. Er fühlte, jetzt würde etwas beginnen, das an die Nerven gehen würde. Ihm war die Stille des Morgens lieber, denn er ahnte, von jetzt ab würde es schwer werden.

In der Personalabteilung angekommen, wurden sie von Sabine Müller gebeten, noch einen Moment zu warten. Sie zwinkerte den dreien lächelnd zu und meinte “Tolle Idee! Ihr habt uns alle überrascht.” Irritiert blickte Gregor Bauer zu Olaf und Carolina. Die zuckte mit den Schultern und warf ihr blondes Haar nach hinten.

“Ich traue dem Frieden nicht”, flüsterte Olaf den beiden zu.

“Ach komm schon! Sei nicht so negativ. Das wird alles total easy. Die finden das gut und wir ziehen das Ding durch.” Caroline war überzeugt, auf viel Verständnis, ja sogar auf echte Gegenliebe für das Vorhaben zu stoßen.

Gregor war sich unsicher. “So einfach habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich glaube, da kommt noch was.” Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken und kniff die Augen zusammen.

Auf der anderen Seite der Tür telefonierte Tietz gerade mit Roland Schmidt. Er fasste das Gespräch mit dem Anwalt zusammen. Wie erwartet wurde Schmidt cholerisch. Tietz hörte, wie irgendein Gegenstand gegen die Wand geworfen wurde. Kurz darauf legte er auf. Er brauchte noch einen Moment. Er wollte auf keinen Fall mit dem Gedanken an einen tobenden Schmidt in das Gespräch mit den dreien gehen. Zehn Mal atmete er langsam ein und aus.

Ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… ein… aus… So!

Tietz stand auf, ging zur Tür, zog die Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben, versuchte zu erfühlen, ob es echt aussah, glaubte an sich und öffnete die Tür.

“Pardon, mein Anruf hat einen Moment länger gedauert. Wunderbar, Frau Gottschalk, Herr, Graf, Herr Bauer. Freut mich, alle da”, sagte er. “BItte einen Moment hereinkommen.”

Es entspann sich eine kleine Plauderei. Tietz bot Kaffee an, Gregor Bauer und Olaf Graf lehnten ab, Caroline Gottschalk erbat sich eine Tasse, die sie sich von Wolfram Tietz servieren ließ. Er schien es gern zu tun und sie genoss seine devote Haltung ihr gegenüber.

Es ging dann um ganz allgemeine Themen, das Wetter, die Bundeliga, das Kinoprogramm. Tietz spannte den thematischen Rahmen dann etwas enger, kam auf die Firma zu sprechen, ihre noch recht kurze, aber, wie er fand, durchaus beeindruckende Geschichte. Die genialen Leistungen Schmidts, der es verstand, die SCHOW GmbH immer wieder neu auszurichten und auf aktuelle Trends in der Werbebranche unmittelbar zu reagieren. Von dieser Fertigkeit würden alle Angestellten profitieren, meinte Wolfram Tietz, denn wenn es der Firma gut ginge, dann ginge es selbstverständlich auch allen Mitarbeitern gut. Um das Prosperieren der Firma aber sicher zu stellen, sei es notwendig, die hohe Flexibilität zu erhalten.

Wir nähern und dem eigentlichen Thema, dachte Olaf Graf in dem Moment, als Tietz fortfuhr: “Eine Arbeitnehmervertretung, fürchte ich, hemmt die Veränderungen unnötig und macht die Firma träge.” Tietz war stolz auf sich. Trotz der inneren Anspannung, kein einziger S-Laut.

“Es ist nicht unsere Anliegen, uns ins operative Geschäft einzumischen”, meinte Caroline Gottschalk, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, nippte am Kaffee und schlug ihre Beine übereinander.

Die Gottschalk ist eine geile Sau, dachte Tietz. “Mir war klar, mit ihnen würde man reden können”, sagte er und lächelte die Gottschalk an. “Manchmal hat der Umgang hier, nun wie kann ich ihn nennen, der Umgang hier hat oft etwas Rustikales. Unbenommen. Aber wenn wir darüber reden, können wir wohl eine Möglichkeit finden, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.” Da waren jetzt doch ein paar S dabei. Außerdem klang das jetzt schon ziemlich gestelzt, gab Tietz sich gegenüber zu. Er würde der Einfachheit und der Genauigkeit halber jetzt einfach Klartext reden, Lispeln hin oder her. “Sie haben sich geärgert. Lassen sie uns darüber reden, eine Lösung finden und die Betriebsratssache vergessen.” Tietz war sich sicher, es würde klappen.

Olaf Graf sah zu Caroline und Gregor. Gregor sah zu Olaf und Caroline, Caroline erwiderte die Blicke, Tietz war sich nicht mehr ganz so sicher. Es war Gregor Bauer, der das Wort ergriff. Er sprach vom Wort des Ehrenmannes, das man nicht zurückziehen könne, es sprach von den Erwartungen der Mitarbeiter, die man jetzt nicht enttäuschen könne, er gab seiner Zuversicht Ausdruck, man würde sich auch mit Wolfram Tietz und vor allem Roland Schmidt sicher verständigen können, wobei er betonte, Roland Schmidt als Menschen sehr zu schätzen, weshalb es auch völlig abwegig sei, die Gründung eines Betriebsrates als persönlichen Angriff zu werten. Er würdigte den gegenwärtigen Moment, in dem sie jetzt hier alle beisammen saßen, gab seiner Hoffnung Ausdruck, dieser Mut zum Frieden und zur Verständigung würde auch in Zukunft die Firma beseelen. Gregor Bauer wäre sicherlich auch jetzt noch am sprechen und hätte sich um Kopf und Kragen geredet, hätte ihn Olaf Graf nicht brüsk unterbrochen. “Wir müssen ihren Vorschlag besprechen. Das verstehen sie sicherlich.”

“Auf jeden Fall!”, beeilte sich Tietz zu sagen. “Beraten sie sich. Für heute machen sie Feierabend. Denken sie über meine Idee nach. Und natürlich alles in Frieden, wie Herr Bauer eben so schön sagte.” Noch nie hatten sie ihren Personalchef so fürsorglich und großzügig erlebt. Um 14 Uhr Feierabend machen, unglaublich.

Zum Abschied schüttelte Tietz allen die Hand und geleitete sie  hinaus. Caroline Gottschalk warf im Hinausgehen ihr Haar in den Nacken und lächelte Tietz an. Du verdorbenes, kleines Luder, dachte Tietz, hob die Hand zum Gruß und lächelte zurück.

Vor dem Aufzug fragte Gregor, “sollen wir das jetzt wirklich abblasen?”

“Natürlich nicht! Lasst uns gehen, wir müssen einiges besprechen”, antwortete Olaf Graf.

“Ich müsste noch einige Kunden abtelefonieren”, sagte Caroline.

“Das Abtelefonieren deiner Kunden ist in den nächsten Tagen vermutlich dein kleinstes Problem”, meinte Olaf. “Sagen wir in zehn Minuten vor der Firma? Wir können zu mir. Ich habe Bier im Kühlschrank.”

Nach kurzem Hin und Her verständigten sie sich darauf, sich erst in fünfzehn Minuten zu treffen, weil Caroline eine Kundin auf jeden Fall anrufen wollte, und darauf, unterwegs eine Flasche Prosecco zu besorgen, weil sie kein Bier trank. Als sie vor der Firma standen, sahen sie, wie Wolfram Tietz zum dritten Mal an diesem Tag auf dem Weg in Roland Schmidts Büro war.

“Problem erledigt, nehme ich an.” Roland Schmidt drehte sich in seinem Bürostuhl in die Richtung des Raumes, in der Wolfram Tietz eben Platz genommen hatte.

“Ende naht heran!” Tietz ballte die Faust und richtete den Daumen auf.  “Ab morgen können wir alle wieder normal arbeiten.” Richtig zu lügen war Tietz zuwider, er entschloss sich dafür oft für halbe Wahrheiten. In diesem Fall schien es ihm in jedem Fall besser, Schmidt nicht weiter mit nebensächlichen Fakten zu belästigen. Er war sich sicher, innerhalb des nächsten Tages wäre das Thema “Betriebsrat” zu den Akten gelegt. Schmidt wollte er so weit wie möglich abschirmen.

“Sehr gut. Ich habe auch wirklich Wichtigeres zu tun, als mich mit den Spinnereien von drei Nullnummern auseinander zu setzten. Schmeiße die drei raus und stelle neue ein. Wir brauchen sowieso noch mehr Mitarbeiter. Vor allem Programmierer und Leute in der Aquise. Zudem sollten wir eine Art Rotatationssystem einführen. Ziel sollte sein, dass innerhalb einer Abteilung im Grunde jeder an jedem Arbeitsplatz arbeiten kann. Jeder muss jeden anderen ersetzen können. Wir müssen uns flexibel halten.”

Tietz hatte diesbezüglich einige Fragen. Vor einiger Zeit, eher  Wochen als Monate, war es Schmidts Idee gewesen, jede Abteilung mit einem Projektleiter auszustatten. Nach einem System, von dem Schmidt meinte, es sei dazu angetan, Synergieeffekte zu erzeugen und ganz allgemein die Leistungsbereitschaft zu erhöhen, waren neue und junge Mitarbeiter in den einzelnen Bereichen zu Projektleitern aufgestiegen, was sich freilich nicht auf deren Gehalt auswirkte. Man war übereingekommen, erst nach einer gewissen Bewährungsfrist über das Salär neu zu verhandeln. Die angehenden Projektleiter waren einverstanden, was hätten sie auch tun sollen.

Zu seiner Überraschung fanden einige altgediente Mitarbeiter es gar nicht gut, nun plötzlich einen Vorgesetzten zu haben, der nicht nur jünger war, sondern auch deutlich weniger Erfahrung in der Firma mitbrachte. Das, was von Schmidt als Ansporn zur Erhöhung der Leistung insbesondere der älteren Mitarbeiter gedacht war, empfanden diese zu seiner Überraschung als ausgesprochen frustrierend und daher leistungshemmend. Schmidt sah sich genötigt, einige dieser von ihm als Störer empfundenen Mitarbeiter einzeln zum Gespräch zu laden und ihnen eine Rede zu halten, in der es um die Notwendigkeit ging, Neues zuzulassen und in der Schmidt etwas von “die ausgetretenen Pfade verlassen, unbekanntes Terrain erkunden” faselte. Einzelne der Störer versuchten noch das ein oder andere Argument vorzubringen, gaben jedoch schnell auf. Bei einem dieser Gespräche war aber aufgefallen, dass der allen in der Firma bekannte, weil ausgesprochen sympathische und gut aussehende Herr George immer noch den Status eines Praktikanten hatte. Er war etwas vorschnell, das war Schmidt bereit zuzugeben, zum Vorgesetzten der IT-Abteilung gemacht worden.  Daraufhin hatte sich der gut aussehende Julius George mit all der Naivität eines dreiundzwanzigjährigen gedacht, nach seinem siebten Praktikum wäre endlich die Zeit eines festen Arbeitsvertrages gekommen, denn eine Abteilung im Rahmen eines Praktikums zu leiten, schien ihm doch mehr als ungewöhnlich. Das sah Wolfram Tietz allerdings ähnlich, woraufhin der sympathische Herr George entlassen wurde.

Tietz erinnerte Schmidt an die Vorgänge, die dieser mit einer lapidaren Handbewegung wegwischte. “Flache Hierarchien, Tietz! Flache Hierarchien ist das Zauberwort. Wir müssen neu denken. Und den George soll die Müller mal anrufen. Der war nicht schlecht in seinem Metier. Wenn der noch nichts hat, soll sie ihm ein Praktikum anbieten. Aussicht auf Festanstellung.”

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