Javier 31

Es war zehn Uhr am Morgen, Javier hatte bereits einige Bier getrunken, eine handvoll Schmerzmittel genommen und rief jetzt den Zimmerservice an, der ihm Kaffee bringen und weitere Bier bringen sollte. Javier residierte jetzt seit über einer Woche in dem Hotel unweit seiner Wohnung. Er hatte das Zimmer bisher nicht verlassen. Er bekam alles geliefert, was er benötigte. Jetzt den Kaffee und das Bier, später würde er bei seiner unerschöpflichen Quelle alle möglichen anderen Substanzen ordern.
Die gemeinsame Reise mit Daniel Mersiowsky, dessen Freundin und Hannes Knecht nach New York, die zu unternehmen er so gedrängt hatte, hatte er beinahe vergessen. Von Zeit zu Zeit flog eine Erinnerung heran, die er mit einem kräftigen Schluck, einem Snief oder einer Inhalation zu verdrängen wusste.
Er schrieb wirre Emails an seine Geschäftspartner, bot an, Werke zu horrenden Preisen zurückzukaufen in der Annahme, sie zu noch höheren Preisen weiterverkaufen zu können. Ein wahres Fieber der Spekulation hatte ihn ergriffen. Er war nicht bei sich, war völlig im Rausch, berauscht von Substanzen und berauscht vom Handel. Er schrieb Mails an sich selbst, damit er sich erinnern konnte, denn vieles, von dem was er tat, versank im Vergessen. Neben dem Alkohol waren es besonders die Benzodiazepine, die genau das taten, wozu sie erfunden worden waren. Sie schenkten Vergessen, ganz umfassend. Allerdings kam dieses Vergessen ganz unspezifisch. Die kleinen Tabletten, die Javier in hohen, fast schon toxischen Dosen zu sich nahm, löschten die Erinnerung an all den furchtbaren Missbrauch seiner Kindheit genauso aus, wie sie die Erinnerung an eine gestern gegebene geschäftliche Verabredung im Dunkeln versinken ließen. Und dort, wo immer noch Erinnerung durchdrang, überzogen sie alles mit einer wundervoll dumpfen Gleichgültigkeit.
Javier lag seit Tagen im Bett, schrieb von dort aus seine Mails, die bei ihren Adressaten gelegentlich Verwunderung auslösten, wesentlich häufiger aber die Hoffnung auf ein gutes Geschäft und einen hohen Gewinn weckten. Auf den Zustand des Absenders kam jedoch niemand, denn es stellt eine Überforderung eines jeden Textes dar, von ihm auf die Verfassung seines Autor schließen zu wollen; dieser ist immer die Singularität außerhalb des regelhaft Grammatischen.
Immer wenn die Wirkung nachließ, er in eine Bewusstheit aufzutauchen drohte, legte er nach, narkotisierte sich weiter. Oder er griff zum Koks, das ihn über die Realität hinaus in eine Welt katapultierte, in der er allem überlegen war. Doch die Wirkung war so furchtbar kurz, das Gefühl der eisblauen Klarheit war kaum zu greifen, und schon ging es wieder hinab in die Traurigkeit. Das war das Verhängnisvolle am Koks, es forderte mehr und immer mehr von sich selbst. Auf einem dieser Höhepunkte erinnerte sich Javier an eine Kunstmesse in Mexiko und die unglaublichen Geschäfte, die er dort abgeschlossen hatte. Javier wollte diesen Gedanken halten, weshalb er sich gleich nochmal das Pulver zurecht legte. Was für Idioten ihn doch umgaben. Er zog immer das Beste aus allem und allen, die anderen durften sich mit den Krümeln zufrieden geben. Javier fühlte sich omnipotent, begann eine weitere Email, bevor es mental schon wieder bergab ging. Zeit für noch eine weitere, etwas kräftigere Dosis.

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