Archiv der Kategorie: Javier – Eine Psychogrammatik

Javier 35

Javier schob es auf den Ort. Die Nachfrage nach Werken von Daniel Mersiowsky war hier in Mexiko deutlich geringer als erwartet. Dabei, so schien es Javier, waren hier eigentlich genau die gleichen Leute unterwegs, wie er sie auch aus Miami oder sonstwoher auf dieser Welt kannte. Zwar hielt sich Javier wie auch viele seiner Kunden für einen ausgemachten Kosmopoliten, doch nichts könnte von der Realtität weiter entfernt liegen als diese Annahme.

All diese Menschen, die sich als Art-People und Art-World verstanden, wären in ihrer Mehrheit gar nicht in der Lage, mit Vielfalt umzugehen. Es war gerade eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren des zeitgenössischen Kunstmarktes, dass er jede Form kultureller Vielfalt ausklammerte. Sicherlich gab es feine Unterschiede, doch ein Kunstmarkt, der ohnehin nur noch ein Teil des globalen Finanzmarktes war, konnte es sich gar nicht leisten, Vielfalt außerhalb den Grenzen des Vermarktbaren zuzulassen. Kulturelle Vielfalt schon mal gar nicht, das war alles viel zu zeitraubend und kostspielig. Schließlich konnte man von den Akteuren nicht erwarten, dass sie sich erst mal lange mit unterschiedlichen Gewohnheiten und Traditionen auseinandersetzten. Es ging schließlich um Handel und Markt und nicht um Auseinandersetzen und Verstehen.
Eine Börse funktioniert in Hong-Kong schließlich auch nicht anders als die in London. Es mussten internationale Standards gelten und diese Standards verhinderten alles, was mit so etwas wie Weltbürgertum auch  nur im Geringsten zu tun hatte.

Im Gegenteil: Die internationalen Kunstmessen standen miteinander in Konkurrenz und diese Konkurrenz sorgte im Widerspruch zur herrschenden ökonomischen Theorie dafür, dass sie eben nicht vielfältiger, sondern einander immer ähnlicher wurden. Die Art-World war eben viel weniger eine Welt als vielmehr ein kleines, mobiles Kuh-Kaff mit immer einfältiger werdenden Sitten und Gebräuchen, das diese Einfalt mal in Europa, mal in Asien und mal in Amerika zelebrierte.

Javier fühlte sich in diesem Rahmen wohl, denn die Reduktion der sozialen Kontakte auf eine überschaubare Anzahl an Codes war etwas, das ihm Sicherheit gab, wobei er diese Codes auch noch in volltrunkenem Zustand dechiffrieren, wenn auch nicht immer adäquat reproduzieren konnte. Er galt deshalb vielen als Enfant terrible.

Auf dem Weg zur Toilette, wo er sich eine Nase gönnen wollte, dachte Javier daher für einen Moment, er sei in Köln. Erst die Qualität des Kokses machte ihn auf seinen Irrtum aufmerksam. Es war hier in Mexiko an der Quelle sozusagen tatsächlich besser.

Erfrischt ging er zurück zu seinem Stand. Hannes saß gelangweilt vor einem Werk Daniel Mersiowskys, für das sich im Moment niemand interessierte. Dabei war die Messe gut besucht und der Andrang am Stand ein bisschen weiter unten im Gang war recht groß.

Javier beauftragte Hannes dort mal vorbei zu schlendern, denn er wollte keinesfalls dabei beobachtet werden, wie er seine Neugier befriedigte. Hannes zog los, Javier nahm an seiner Stelle Platz, hielt sich das Handy ans Ohr und grüßte von Zeit zu Zeit ein halb bekanntes Gesicht, um nicht den Anschein von Gelangweiltsein entstehen zu lassen.

Hannes kam zurück und berichtete, dort würde ein belgischer Künstler ausgestellt. Skulpturen aus Skarabäen und bronzene Selbstporträts mit Hörnern. Javier googlete den Namen und war überrascht über die Vielzahl der Einträge unter dem Namen, den Nick ihm nannte. Fabre… hatte er noch nie gehört. Doch noch viel schneller als Google ein Ergebnis liefern konnte, wusste Javier seinen Mangel an Wissen weg zu erklären. Schließlich stand er für amerikanische Kunst, konnte daher nicht jeden dahergelaufenen Europäer kennen. Es war überhaupt nicht sein Markt.
Das Koks sorgte dafür, dass er sich eben nicht weiter interessierte, sondern mit einer arroganten Geste den von ihm unmittelbar mit einem abwertenden Begriff belegten Künstler wegwischte, von dem er sich gerade persönlich angegriffen fühlt.

Die Bereitschaft und Fähigkeit zu lernen, ist mit das erste, was bei intensivem Gebrauch psychotroper Substanzen verloren geht. Javier jedenfalls wollte nicht weiter von den Einträgen irgendeines perversen Belgiers mit einem Käfer-Fetisch von Google belästigt werden, weshalb er eine andere Seite aufrief. Doch das, was er dort sah, schockierte ihn noch mehr. Daniel Mersiowsky war im Ranking der Künstler seiner Preisklasse plötzlich in eine andere Kategorie einsortiert worden. Von Kaufempfehlung auf Verkaufsempfehlung, weil der Peak der Wertsteigerung bereits erreicht und der Markt übersättigt sei, wie es dort hieß.

Javier wurde panisch. Die einzige Quelle für den Markt war er. Hatte er Fehler gemacht? Hatte er zu viel verkauft? Er wusste es ehrlich gesagt gar nicht mehr genau. Er fühlte, wie ein Messer ihm im aller Kraft in den Rücken gestochen wurde.

Warum drohte das alles so frühzeitig zu platzen? Der Stich wuchs an zu einem lähmenden Schmerz in Rücken und Arm. Er würde jetzt endgültig Schluss machen mit dem ganzen Koks und Zeug.
Die Enge, die sich auf seine Brust gelegt hatte, verstärkte die Panik. Er musste jetzt irgendwas nehmen, irgendwas, was helfen würde, dachte Javier. Er wollte es mit Valium versuchen, weshalb er an seiner Jackentasche nestelte. Seine Panik wurde immer größer, dunkler, grausamer. Sie packte ihn mit eiserner Hand direkt am Herzen. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er suchte noch nach seinen Tranquilizern als Hannes in fragte, ob alles in Ordnung sei. Javier verneinte, versuchte aufzustehen, woraufhin er bewusstlos zu Boden fiel. Er fiel nicht tief, denn er war nicht sehr groß.

Javier 34

Auch in diesem Jahr war es Javier nicht gelungen Markus Spiegel davon zu überzeugen, wie wichtig es sei, dass gerade Javier mit seiner Galerie auf der großen Liechtensteiner Kunstmesse vertreten sein müsse. Wieder würde er sich damit abfinden müssen, Rahmenprogramm sein zu müssen, wieder würde er, da er unter dem Titel “Junge Kunst” zu firmieren hatte, vom ganz großen Geld ausgeschlossen bleiben. Aus Wut darüber, vor allem aber, weil er Angst vor Verarmung hatte er beschlossen, an einer Kunstmesse in Mexiko City teilzunehmen.

Als er Regina Ludovic davon berichtete, hatte sie ihm zu seiner großen Überraschung zugeraten. Es seien so viele interessante Menschen und außergewöhnliche Werke dort zu sehen. Außerdem würden die Geschäfte Bobs, ihres Mannes, es inzwischen notwendige machen, ab und an in Mexiko Präsenz zu zeigen. Sie würde dann die Gelegenheit nutzen, ihre Sammlung um außergewöhnliche Werke zu erweitern. Sie würde dabei die volle Unterstützung Bobs genießen. Die Förderung junger, lateinamerikanischer Künstler sei ihm inzwischen ein großes Anliegen. Sie würde sich jedenfalls freuen, Javier dort zu sehen.

So saß Javier die Augen weit aufgerissen mit einer Mischung aus Koks, Meth und Alkohol in der Birne jetzt in Mexiko und verscherbelte Kunst. Sein Kopfweh unter dem er hier aufgrund der Höhenlage litt, war durch die brisante Mischung inzwischen verschwunden. Methamphetamin war eine Substanz, die er für sich ganz neu entdeckt hatte. Zwar hatte er Crystal Meth auch früher schon immer mal genommen, wenn es da war, aber es war nie seine primäre Substanz gewesen. Früher war es das Koks. Das hatte sich inzwischen verschoben. Heute liebte er Crystal. Es machte so wach, so klar, die Gedanken scharf wie eine Klinge.

Er unterhielt sich mit einem Sammler, dessen Namen er wissen müsste, denn er hatte schon viel Geld bei ihm ausgegeben, doch er fiel im partout nicht ein. Hannes Knecht besorgte gerade Nachschub von weißem Pulver. Hannes war inzwischen eingeweiht und wusste von  Javiers massivem Rückfall, den zu beenden Javier im Moment nicht den Hauch einer Neigung verspürte. Hannes Knecht machte Javier manchmal Vorwürfe, Javier gelobte Besserung,  und so erfüllte Hannes brav alles, was Javier von ihm wollte.

Wie hieß dieser Vollidiot doch gleich, der da gerade auf ihn einredete und von der großen Kunst faselte? Er würde einfach improvisieren. In diesem Moment konnte es, denn er war total drauf. Seine Angst vor Menschen war vor zwei Stunden von ihm abgefallen und ihre Rückkehr würde noch eine Weile dauern. Er schnappte das Wort “Vision” auf, das ihm sein Gegenüber gerade zuspielte.
Er habe keine Visionen mehr, antwortete Javier, und ohne auch nur Atem zu holen fuhr er fort, er brauche keine Vision mehr, seit er mit den Drogen abgeschlossen hatte und abstinent lebe. Visionen, das sei ihm aufgegangen, wären alle schal. Leere Gebilde der Fantasie.
Realität, das wäre sein großer, lebenseinscheidender Flash gewesen. Seine neue Droge wäre Realität. Jetzt würde Realität durch seine Venen fließen. Die Dinge selbst, die Welt wie sie ist, So-Sein, alles jenseits von Vision, das wäre seine große Entdeckung.
Die Mischung aus Meth, Koks und Alkohol trug ihn von einem Wort zum anderen. Er glaubte an jedes davon. Und sein Gegenüber glaubte Javier.

 

Javier 33 1/3

Es ist lange her, seit ich den letzten Beitrag der als Fortsetzungserzählung geplanten Geschichte über Javier hier eingestellt habe. Das liegt nicht daran, dass ich mein erzählerisches Interesse an der Figur des drogensüchtigen Galeristen Javiers verloren hätte. Im Gegenteil. Javier ist immer bei mir. Es haben sich jedoch andere Themen immer wieder in den Vordergrund gedrängt, die ebenfalls Aufmerksamkeit haben wollten.

Dabei haben nahezu alle Beiträge, die ich hier auf meinem Blog einstelle, so sehr sie sich auf den ersten Blick auch von der Erzählung über Javier unterscheiden mögen, einen gemeinsamen Kern. Bis auf meine Beiträge zum russischen Pop, die ich mir gleichsam als Entspannung gönne, kreist alles um  die ökonomische Schieflage, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Weltregion breit gemacht hat, die man den Westen nennt. Über diese Schieflage schreibe ich. Vor allem über die sich daraus ergebenden Konsequenzen, von denen die Medienkrise, die Kriege, die wir meinen führen zu müssen, unser immer weiter sinkender Lebensstandard, der Werteverfall, die Instabilität der Welt, wie wir sie heute erleben, zentrale Symptome sind.

Die Ausrichtung auf eine einzige ökonomische Ideologie und ihr Durchpeitschen gegen alle Vernunft und Interessen der Bürger in der westlichen Hemisphäre, soziale Ausgrenzung, die Rückkehr von Hunger nach Europa, gesellschaftliche Verwerfungen bis hin zu Bürgerkriegen, sinken der Lebenserwartung und ein beständiges Absinken des Lebensstandards für den Großteil von uns sind die Begleiterscheinungen dieses Irrsinns, der alle Bereiche der Gesellschaft erfasst hat.

Auch Javier wurde von dieser Neuausrichtung wie der Rest der Menschheit getroffen, gehört allerdings materiell zu den Gewinnern dieser Entwicklung.  

Es war eine winzige Änderung der Steuergesetzgebung unter dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, die Javiers ökonomischen Höhenflug veranlasst hatte. Ronald Reagan hatte ganz dem Dogma der Neoklassik, dem er ebenso angehörte wie damals Margret Thatcher in deren Tradition heute Angela Merkel, Sigmar Gabriel, Wolfgang Schäuble und eben auch die nicht sehr Alternative Frauke Petry wie auch unzählige weitere Protagonisten der deutschen und internationalen Politik stehen, damals also hatte Ronald Reagan die Steuern für Reiche massiv gesenkt und die Steuer auf Verkäufe von Kunstwerken einfach ganz gestrichen, wenn von den Einnahmen aus den Veräußerungen wieder neue Kunstwerke gekauft werden. Aus Kunst wurde Spekulation.

Genau das ist die Grundlage für Javiers wirtschaftlichen Erfolg. Javier hat weder ein besonderes Auge, noch verfügt er über einen exklusiven Zugang zum Begriff der Kunst. Er ist einfach, ganz instinktiv auf einen fahrenden Zug aufgesprungen, hat erkannt, dass die immensen Wertsteigerungen im Bereich der zeitgenössischen Kunst wenig mit dem Inhalt, aber alles mit der Form zu tun haben. Mit dem gesellschaftlichen Rahmen, in dem diese Gewinne ermöglicht werden.
Javier selbst hat einen völlig gewöhnlichen Geschmack und auch kein besonders geschultes Auge für Ästhetik. Hermeneutik und Reflexion ist ihm zuwider. Er findet die Vorstellung, ein Werk der Kunst könnte mehre Ebenen haben, die sich nach und nach erschließen und sich gegenseitig ergänzen eher beängstigend als faszinierend. Er liebt die glatte Oberfläche.

Javier steht für eine Idee von Kunst, der jedes Künstlerische geraubt und die zum bloßen Spekulationsobjekt degradiert wurde. Kunst ist das, was sich handeln lässt, so stellt es sich für Javier, seine Kollegen und das Heer der Sammler dar, die diese Umtriebe befeuern. 

Der Kunstmarkt, den Javier selbst im größten Suff und mit Unmengen weißen Pulvers in der Nase so wunderbar zu manipulieren weiß, ist ein völlig ungeregelter Markt, auf dem er und andere es verstehen, beständig Blasen zu erzeugen, die Javier dann für seine guten Kunden halbwegs kontrolliert zum Platzen bringt. Einsteigen, Wertsteigerung beobachten, rechtzeitig aussteigen, weiterziehen, sich nach Möglichkeit ein bisschen auf Kunstevents als Förderer der Kunst feiern lassen. In seiner Fetischstruktur ein gänzlich absurdes Spektakel, das sich den Teilnehmern, das ist der Charakter des Fetisch‘, in keiner Weise erschließt.

Jenseits der Inszenierung und des Fetisch ist er Kunstmarkt für zeitgenössisches Kunst eine gigantische Umverteilungsmaschine, die Geld von unten nach oben schaufelt und die Teil einer noch viel größeren Umverteilungsmaschine mit dem selben Zweck ist, die sich Finanzmarkt nennt.

Öffentliche Sammlungen, staatliche Galerien, der öffentliche Sektor sind aus diesem Geschäft längst ausgestiegen. Sie sind dank der Steuersenkungspolitik, der in einer logischen Gegenbewegung zu dem gigantischen Reichtum geführt hat, der die Preise für Kunst in  die Höhe trieb, gar nicht mehr in der Lage, die exorbitanten Preise zu bezahlen, die Trader wie Javier zu erzeugen wissen. Private Spekulanten, die sich in den Feuilletons  immer noch Sammler nennen lassen, sind es, die hier das Spiel bestimmen.

In meinem Freundeskreis musste ich versprechen, die Geschichte von Javier weiter zu erzählen. Sie sei relevant, werfe ein Licht auf den Zustand unserer Gesellschaft und lasse ihre Bruchstellen deutlich aufscheinen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, dennoch ist es mir ebenfalls wichtig, Javier nicht aus den Augen zu verlieren, nicht nur, weil er als Akteur das Treiben des Kunstmarktes beleuchtet. Mein Interesse an Javier ist zudem soziologischer und psychologischer Natur. Hier ist Javier gerade in seiner phänotypischen Einzigartigkeit in der dieser Einzigartigkeit zugrunde liegenden Struktur von unglaublicher Gewöhnlichkeit.

Bei allem wirtschaftlichem Erfolg fehlen Javier zahlreiche Eigenschaften, die ihm diese Erfolg mit Sinn erfüllen könnten, wobei er diesen Mangel dringend benötigt, um wirtschaftlich erfolgreich sein zu können. 

Javier fehlt unter anderem gänzlich die Fähigkeit, Glück zu empfinden. Und es fehlt ihm daher auch die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Um weitere Aspekte herauszuarbeiten, dafür schreibe ich diese Geschichte.

Aber diese paradoxe Struktur macht ihn vielleicht gerade so typisch für unsere Zeit. Ein tragikomischer Protagonist, der nie gelernt hat, zu leben. Materiell steht ihm alles zur Verfügung, doch er kann es weder für sich und schon gar nicht für zum Guten nutzen.

Meine Figur Javier ist spätestens seit seinem 13. Lebensjahr abhängig und von seiner Abhängigkeit getrieben. Wie das so ist beim Gebrauch psychotroper Substanzen, ist die persönliche Reifung mit dem Einsetzen exzessiven Gebrauchs abgeschlossen. Das Belohnungssystem, das wir zum sozialen Lernen brauchen, ist außer Kraft gesetzt. Entsprechend ist Javier auf dem Stand eines 13-jährigen stehen geblieben und passt damit wunderbar in die Subkultur des Kunstmarktes, des Tradens und der Spekulation.

Dass Javier mit dieser Disposition wunderbar ergänzend in die Mechanik eines sich völlig entgrenzten Marktes passt, ist einer genaueren Analyse Wert. Was passiert, wenn Gier Gier befeuert, ist eine der Fragen, die diese Erzählung treibt.

Aber noch ein Drittes ist von Interesse, die Kunst nämlich. Was passiert, wenn Kunst ihres Charakters als soziale Praxis beraubt wird? Zugespitzt lässt sich fragen, was passiert, wenn aus Kunst als sozialer Praxis eine asoziale Praxis gemacht wird? Wie wirkt das auf sie und ihr Umfeld zurück.

Ich lade alle meine Leser ein, am Entstehen der Erzählung über Javier teilzunehmen. Unter “Lange Texte” findet sich “Javier. Eine Psychogrammatik”, wo die bisherigen Kapitel in ihrer Rohversion vorliegen.

Es würde mich nicht nur freuen, wenn ich Leser zur Teilnahme an diesem Experiment eines öffentlich entstehenden Romans bewegen könnte. Es ist gerade diese Form sozialer Kontrolle und Vernetzung die wir brauchen, um uns wechselseitig zu ergänzen und zu unterstützen. Genau dem entzieht sich Javier und eine ins Neoliberale gewendete Gesellschaft befördert diesen Entzug und diesen Rückzug aus Gemeinschaft immer weiter.  

Javier 32

Die Geschichte um den suchtkranken Galeristen Javier geht nach einer ungeplanten Pause nun weiter. Die Pause hat sich nicht ergeben, weil ich das Interesse an der Erforschung der Figur Javiers verloren hätte, die einerseits wirtschaftlich erfolgreich ist, andererseits aber von einer unglaublichen geistigen und seelischen Armut geprägt wird, wodurch Javier sowohl sozial als auch im Erleben von Glück und Zufriedenheit massiv eingeschränkt ist. Die Pause ergab sich, weil so viel andere Dinge anstanden, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Ich folge ganz aufmerksam den Nachrichten und es scheint inzwischen täglich etwas mehr so zu sein, als fiele die bestehende Weltordnung auseinander.
Die Krisen toben immer zahlreicher und immer heftiger, die Erzählung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten wird immer unglaubwürdiger und hat aus dem Mund einiger Protagonisten einen inzwischen durch und durch zynischen Klang.
Doch im Grunde gehören die beiden Phänomene zusammen. Javiers Aufstieg ist ohne eine Entfesselung der Märkte nicht zu denken, sein Untergang ist mehr als nur ein zufälliges zeitgleiches Zusammentreffen mit dem Abstieg des Westens. In seiner ganzen geistigen Schlichtheit, mit all seinen panikartigen Ängsten, seiner maßlosen Gier, dem Glauben an seine eigene Überlegenheit und den damit verbundenen Anspruch, ein Recht auf mehr als alle anderen zu haben, mit all diesen Eigenschaften steht Javier als Emblem für die letzte Epoche eines an den eigenen Widersprüchen zugrunde gehenden Kapitalismus. Beiden gemeinsam ist, wie sie in ihren Wucherungen zu einem nicht in der Lage sind: zu leben.
Als kleiner Einschub sei mir erlaubt, von einem Ausstellungsbesuch zu berichten. Ich wurde mir selbst gegenüber wortbrüchig, denn ich hatte mir vorgenommen, bis auf Weiteres nicht an den Events der Kunstszene teilzunehmen. „Bis auf Weiteres“ meint, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich zeitgenössische Kunst aus der Umklammerung der Finanzmärkte befreit hat und sich nicht mehr zu einem bloßen Investment Tool erniedrigen lässt, sie nicht vor dem Reichtum ihrer Sammler auf die Knie geht, sie sich wieder auf ihre gesellschaftliche Relevanz besinnt.
Die Produktion von Kunst wurde mal als soziale Praxis gefasst, heute muss dies umgeschrieben werden. Die Produktion von Kunst ist asoziale Praxis, dient sie doch degradiert zum reinen Spekulationsobjekt inzwischen nur noch der Umverteilung von Geld von unten nach oben.
Die zeitgenössische Kunst hat ihre Würde verloren, denn sie ist nicht für sich selbst, sie ist ein Werkzeug geworden für andere, deren Reichtum sie mehrt. Ich wollte von diesem traurigen Schauspiel nicht über Gebühr Zeuge werden, denn es deprimiert mich zutiefst.
Dennoch fand ich mich auf einer Ausstellungseröffnung wieder. Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte und gehört nicht hier her. Nur soviel sei gesagt, es handelte sich um einen Freundschaftsdienst, was ich mir selbst gegenüber als Entschuldigung für meinen Wortbruch gelten lasse.
Im chiceren Teil der Stadt fand ich mich also zur Ausstellungseröffnung ein. Schon beim Betreten ergriff mich dieses deprimierende Gefühl von Sinnlosigkeit. Es gab ein paar Viedeoinstallationen und ein paar Bilder an der Wand. Es wurde Wein gereicht, der Künstler stand umringt von einer kleinen Gruppe von Leuten, die der Galerist ihm eben vorgestellt hatte. Ich verzichtete auf den Wein und besah mir das Werk.
Wohlwollend könnte man sagen, es blieb hermetisch, weniger wohlwollend könnte man sagen, da war nichts, was Interesse erregte. Müsste ich wählen, würde ich mich für die weniger wohlwollende Variante entscheiden, denn die Beschreibung als hermetisch würde bedeuten, es hat sich zumindest etwas gezeigt, das in dem Werk etwas angelegt war, das über sich selbst hinaus ging, sich aber nicht erschloss und nicht in Worte zu fassen war. Dem war allerdings nicht so.
Ich nahm die kleine, ausgelegte Broschüre zur Hand, in der Näheres zu Werk und Künstler gesagt wurde.
Das Werk oszilliere zwischen Privatem und Politischen. Der Künstler verstünde sich als politischen Künstler, ohne jedoch Partei zu nehmen. Das Werk selbst hielt sich im Spalt zwischen Leere und Form auf, erfuhr ich. Es sei erzählend, ohne sich jedoch im Konkreten zu verlieren. Es spiele mit der Wahrnehmung und sei Ausdruck einer hochkomplexen theoretischen Auseinandersetzung des Künstlers mit Welt, weshalb es sich im Bereich des Konzeptionellen aufhielt.
Ich war nahe daran, zu weinen, ob des ganzen Schwachsinns, der hier geäußert wurde. Ich wünschte mir eine Sprache, in der die Worte sich gegen ihre Entleerung zur Wehr setzen können.
Am Ende des Textes erfuhr der Leser noch, dass das Werk Eingang in Regina Ludovics Sammlung gefunden hat, die auch gern bei Javier einkaufte. Vermutlich war das die einzig wichtige Information für potentielle Käufer, denn sie gab Auskunft über eine künftige Wertsteigerung der dort ausgestellten Aussageverweigerung.
Ich verließ den Ort der Tristesse. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an Javier. Ich dachte daran wie er noch zur Zeit seiner Drogenabstinenz auf einer Kunstmesse in Mexiko saß, das freundliche Lächeln ins Gesicht genagelt, beständig grüßend und zuwinkend, sich bis zur Selbsterniedrigung andienernd. Ich dachte daran, wie er sich über den enormen Erfolg gefreut hat. Er war nach nur zwei Tagen ausverkauft. Ich erinnerte mich, wie ihm ein Anruf die Laune verdorben hatte. Javier war empört. Dass er mit seinem Kunsthandel der Geldwäsche mexikanischer Drogenkartelle diene, wies er vehement zurück. Es waren alles ehrenwerte Geschäftsleute, die ein reges Interesse an zeitgenössischer Kunst und einen erlesenen Geschmack hatten. In dem Moment, in dem er es aussprach, wusste Javier, wie sehr es gelogen war. Er bekam sofort Lust auf eine Valium.

Javier 31

Es war zehn Uhr am Morgen, Javier hatte bereits einige Bier getrunken, eine handvoll Schmerzmittel genommen und rief jetzt den Zimmerservice an, der ihm Kaffee bringen und weitere Bier bringen sollte. Javier residierte jetzt seit über einer Woche in dem Hotel unweit seiner Wohnung. Er hatte das Zimmer bisher nicht verlassen. Er bekam alles geliefert, was er benötigte. Jetzt den Kaffee und das Bier, später würde er bei seiner unerschöpflichen Quelle alle möglichen anderen Substanzen ordern.
Die gemeinsame Reise mit Daniel Mersiowsky, dessen Freundin und Hannes Knecht nach New York, die zu unternehmen er so gedrängt hatte, hatte er beinahe vergessen. Von Zeit zu Zeit flog eine Erinnerung heran, die er mit einem kräftigen Schluck, einem Snief oder einer Inhalation zu verdrängen wusste.
Er schrieb wirre Emails an seine Geschäftspartner, bot an, Werke zu horrenden Preisen zurückzukaufen in der Annahme, sie zu noch höheren Preisen weiterverkaufen zu können. Ein wahres Fieber der Spekulation hatte ihn ergriffen. Er war nicht bei sich, war völlig im Rausch, berauscht von Substanzen und berauscht vom Handel. Er schrieb Mails an sich selbst, damit er sich erinnern konnte, denn vieles, von dem was er tat, versank im Vergessen. Neben dem Alkohol waren es besonders die Benzodiazepine, die genau das taten, wozu sie erfunden worden waren. Sie schenkten Vergessen, ganz umfassend. Allerdings kam dieses Vergessen ganz unspezifisch. Die kleinen Tabletten, die Javier in hohen, fast schon toxischen Dosen zu sich nahm, löschten die Erinnerung an all den furchtbaren Missbrauch seiner Kindheit genauso aus, wie sie die Erinnerung an eine gestern gegebene geschäftliche Verabredung im Dunkeln versinken ließen. Und dort, wo immer noch Erinnerung durchdrang, überzogen sie alles mit einer wundervoll dumpfen Gleichgültigkeit.
Javier lag seit Tagen im Bett, schrieb von dort aus seine Mails, die bei ihren Adressaten gelegentlich Verwunderung auslösten, wesentlich häufiger aber die Hoffnung auf ein gutes Geschäft und einen hohen Gewinn weckten. Auf den Zustand des Absenders kam jedoch niemand, denn es stellt eine Überforderung eines jeden Textes dar, von ihm auf die Verfassung seines Autor schließen zu wollen; dieser ist immer die Singularität außerhalb des regelhaft Grammatischen.
Immer wenn die Wirkung nachließ, er in eine Bewusstheit aufzutauchen drohte, legte er nach, narkotisierte sich weiter. Oder er griff zum Koks, das ihn über die Realität hinaus in eine Welt katapultierte, in der er allem überlegen war. Doch die Wirkung war so furchtbar kurz, das Gefühl der eisblauen Klarheit war kaum zu greifen, und schon ging es wieder hinab in die Traurigkeit. Das war das Verhängnisvolle am Koks, es forderte mehr und immer mehr von sich selbst. Auf einem dieser Höhepunkte erinnerte sich Javier an eine Kunstmesse in Mexiko und die unglaublichen Geschäfte, die er dort abgeschlossen hatte. Javier wollte diesen Gedanken halten, weshalb er sich gleich nochmal das Pulver zurecht legte. Was für Idioten ihn doch umgaben. Er zog immer das Beste aus allem und allen, die anderen durften sich mit den Krümeln zufrieden geben. Javier fühlte sich omnipotent, begann eine weitere Email, bevor es mental schon wieder bergab ging. Zeit für noch eine weitere, etwas kräftigere Dosis.

Javier 30

Wir sind in etwa der Mitte der Erzählung angelangt, auf ihrem Höhepunkt gleichsam, oder aus Javiers Perspektive, ihrem absoluten Tiefpunkt. Javier geht es schlecht. Wirklich richtig schlecht. Von nun an gibt es nur noch Destruktion, vor allem ökonomisch. Javier, dazu bedarf es keiner seherischen Fähigkeiten, wird alles verlieren. Er wird andere mitreißen in den eigenen Abgrund, den er sich selbst schafft, ohne wirklich eine andere Möglichkeit zu haben. Wieder andere werden sich rechtzeitig entziehen können. Sein Niedergang, das mag für den Leser vielleicht ein kleiner, wenn auch bitterer Trost sein, sein Niedergang wird nur ökonomisch sein, denn die Fähigkeit, gut zu leben, hat Javier nie besessen, Hilfe, dies zu erlernen, hat er nie erhalten. Javier kann nur Geld umsetzen, je mehr, desto besser, desto besessener wird er, desto lebendiger fühlt er sich.
Es ist eine merkwürdige Koinzidenz, denn mit dem erzählerischen Wendepunkt fällt die Wahl in Griechenland zusammen. Diese kam mir persönlich vor wie eine Schicksalswahl. Inzwischen ist klar, wer die Wahl gewonnen hat, und es scheint, als würde ein Stoßseufzer durch den Kontinent gehen, als würde nun eine große Hoffnung auf einen Wandel aufkeimen, der wegführt, von einer Politik, die zwar die rasante Karriere Javiers befördert hat, die aber, um unter anderem dessen Reduktion von Kunst auf ein bloßes Investmenttool zu fördern, einen ganzen Kontinent ökonomisch stranguliert hat.
So scheint es möglich, dass Javiers Rückfall, sein ökonomischer Untergang symbolisch für den Untergang eines ganzen Systems steht, das ebenso wie Javier nicht in der Lage war, den Menschen zu dienen, sondern allein sich selbst Zweck genug war.
In seinem Umfeld wird der Niedergang Javiers ein Umdenken herbeiführen, eine Rückbesinnung auf Werte, auf Ethik, auf Themen, über die sich Javier gerne lustig gemacht hat, die er für überkommen gehalten hat, die daher auch von Hannes Knecht, Daniel Mersiowsky, von Donatella und vielen anderen zunächst aus einem Gefühl der Loyalität gegenüber Javier, dann immer mehr aus Überzeugung ebenfalls belächelt wurden. Javiers Karriere zeigte doch, wie erfolgreich es war, auf alle Werte zu scheißen. Moral? Ethik? Mitgefühl? Verantwortung? Wer braucht das schon? Die Kasse muss klingeln, das Image muss stimmen, knallbunt sein, weil es dann eine hohe Reichweite hat. Alles andere ist egal. Wer braucht schon Fachwissen? Eine gute Rhetorik, die auf jede Situation zu reagieren vermag, Kompetenz vortäuscht, reicht völlig aus. Javier fühlte sich mit seinem Unwissen nicht einmal unwohl, fühlte nicht die Notwendigkeit, sich profunde Kenntnisse anzueignen, denn all jene, die sich in dieser Zeit als Elite geben, leben die geistige Einfalt vor. Politische und ökonomische Um- und Weitsicht sind bei denjenigen, die weitreichende Entscheidungen treffen, ebenfalls Fehlanzeige. Sie federn ihr Unwissen rhetorisch ab, rechtlich belangt werden sie ohnehin nicht. Javier fühlte sich daher sicher in seinem Tun, fühlte sich sicher in seiner Ignoranz und in seinem Zynismus gegenüber all jenen, die sich tatsächlich bemühten.
Bisher fühlte sich Javier gesellschaftlich in seiner Haltung bestätigt, schließlich war sie von Erfolg gekrönt, in wirtschaftlicher Hinsicht von Erfolg gekrönt. Jede andere Idee von Erfolg war Javier ohnehin fremd.
Mit dem heutigen Tag nach der Wahl in Griechenland besteht die Möglichkeit, für eine Wende. Eine Hoffnung scheint auf am Himmel über Europa, eine Hoffnung, die andeutet, die Zeit des Systems, für das Javier hier symbolisch steht, könnte zu Ende kommen. Unterhalb der veröffentlichten Meinung äußert sich Erleichterung und Freude, keine Angst und keine Sorge. Wenn das genutzt wird, könnte eine Zeit anbrechen, die Menschen vom Schlage Javiers einen Platz in der Gesellschaft anweist, von dem aus sie wenig Schaden anrichten können, wo ihnen geholfen werden kann und sie eine Form der Unterstützung erfahren, die sie stabil hält. Für den Moment blinkt am Horizont die Geschichte auf, Veränderung zu gestalten und die Dekadenz, die sich in den vergangen Jahren eingeschlichen hat, zu korrigieren, die destruktiven Anreize, die in den letzten beiden Dekaden gesetzt wurden, zu korrigieren. Mit diesem Wunsch schließe ich das heutige Kapitel über Javier, in der Hoffnung, es bei Drucklegung nicht allzu grundlegend überarbeiten zu müssen.

Javier 29

Daniel Mersiowsky wartete gemeinsam mit seiner Freundin und Hannes Knecht in der Galerie auf Javier, der, das wusste keiner der Anwesenden, in einem Hotelzimmer gerade dabei war, in den nächsten Rausch hinabzutauchen.
Hannes Knecht versuchte über seine zunehmende Verunsicherung mit Späßen und Zoten aus der Kunstwelt hinwegzutäuschen. Er hatte Javier seit drei Tagen nicht gesehen und nur eine Email erhalten, die sein Wegbleiben völlig unzureichend erklärte. Er sei krank, hieß es darin, und er bitte, nicht gestört zu werden, ließ Javier wissen.
Bis gerade hatte sich Hannes Knecht an diese Anweisung gehalten, jetzt allerdings sandte er eine Mail an ihn ab, während er sich weiter mit Daniel Mersiowsky unterhielt, der ihm mit seiner Freundin gegenüber saß. Daniel sprach viel, seine Freundin beschränkte sich darauf, zu lächeln und gut auszusehen. Bis eben hatte Hannes Javier gegen alle Anliegen und Anfragen abgeschirmt. Er statt Javier hatte Daniel Mersiowsky in Empfang genommen, der am Vorabend mit seiner Freundin aus Frankfurt angekommen war, damit sie heute gemeinsam mit Javier nach New York weiter fliegen konnten. Ursprünglich war dieses Treffen von Javier geplant gewesen. Er hatte darauf bestanden, dass sie vor dem Flug nach New York zusammen kommen. Es sollte um Daniels Leben als Künstler gehen, er hätte ihm Wichtiges mitzuteilen, was er als aufsteigender Stern am Himmel der Kunst zu beachten hätte. So emphatisch hatte Javier es benannt, allerdings war es ihm auch damals schon mehr um seine Einnahmen und nur an zweiter Stelle um Daniels Karriere gegangen.
Dem Treffen, auf das Javier so insistiert hatte, war eine Bemerkung Daniels vorausgegangen, wonach er neulich ein Bild nachsigniert hatte. Javiers Herzschlag setzte bei dieser von Daniel für ganz belanglos gehaltenen Mitteilung für einen Moment aus. Eine unglaubliche Wut wuchs in Javier heran. Am liebsten hätte er Daniel Mersiowsky aufs heftigste beschimpft, ihm mit dem Fuß in den Bauch getreten und das Gesicht gegen die Wand geschlagen.
Javier hatte sich jedoch zügeln und seine Wut kontrollieren können. So meinte er dann lediglich, derartiges sei sehr unüblich. Daraufhin erklärte ihm Daniel, er habe damals, als er noch studiert habe, eine Kneipenrechnung mit einem Bild bezahlt. Das Bild würde seitdem im hinteren Teil der Kneipe hängen, an der Treppe, die zur Toilette führte. Mit zunehmender Bekanntheit Daniels hätte der Kneipenwirt, ein wirklich guter Freund,  immer häufiger auf das Bild verwiesen, wobei einem Gast aufgefallen war, dass es nicht signiert sei. Der Wirt habe daraufhin Daniel gebeten, die Unterschrift nachzuholen, was er bereitwillig und gern getan habe. So die naive Schilderung Daniels, die Javier die Zornesröte ins Gesicht trieb. Denn damit war das Bild mit einem Schlag im Preis von nahezu wertlos auf etwa zwölftausend Euro gestiegen. Und das an Javier vorbei.
Javier hatte daraufhin das Treffen anberaumt, zu dem er nun nicht erschien. Die Rollenverteilung hatten sie schon vor einer Woche abgesprochen. Vor allem Hannes sollte auf Daniel einreden, sollt ihm den schweren Fehler verdeutlichen. Für sich selbst hatte Javier die Rolle des milden Gönners ausgedacht, der bei aller Schärfe des von Hannes Gesagten, die Richtigkeit unterstrich aber den Ton abmilderte. Ziel war es, Daniel unbedingt dazu zu bringen, nichts, nicht das feinste Härchen eines von ihm benutzten Pinsels freiwillig, umsonst und vor allem nicht an der Galerie vorbei herauszurücken. Alles hatte seinen Preis zu haben, der zudem steigen müsse.
Das Angebot war knapp zu halten. Nur knappe Güter bildeten eine gute Grundlage für Spekulation. Und um Spekulation ging es Javier, nicht um Kunst. Natürlich hätte Daniel Mersiowsky viel mehr produzieren können, als er jetzt tat. Nur wären die Werke dann eben auch nichts mehr wert.
Javier schuf Nachfrage, wo vorher keine war, einfach nur dadurch, dass er einen Wertzuwachs garantierte.
Dummerweise musste auf der Leinwand, die er verkaufte, irgendwas drauf und ein Name darunter sein. Javier hätte auf die Zusammenarbeit mit Künstlern gern verzichtet, hielt er sie doch alle für manipulierbare Volltrottel, die von der Natur ihres Geschäfts keine Ahnung hatten. Mit letzterem hatte er im Falle Daniels sogar recht. Daniel glaubte wirklich daran, der Erfolg seiner Werke hätte etwas damit zu tun, was er auf die Leinwand pinselte. Dass sein Erfolg im wesentlichen damit zu tun hatte, was sich hinter der Leinwand abspielte, was Javier dort inszenierte, hätte ihn mehr als nur verstört.
Jetzt saß Daniel bei Hannes Knecht im Büro und wusste nicht recht, was er hier sollte. Sie lästerten über Sammler, Künstler und die Kunstszene, tranken dabei Wein und wussten beide nicht genau, was nun als nächstes zu passieren hatte.
Javier hatte gerade seinen Dealer bezahlt und war jetzt dabei eine Line zu legen, als sein Handy den Eingang einer Email anzeigte. Sie war von Hannes Knecht, der dringend um Rückruf bat. Javier würde sich jetzt erstmal den Kopf frei machen, in dem er das Koks durch die Nase zog. Im Anschluss würde er dann eine Mail an Hannes Knecht schreiben.
Als Hannes Knechts Handy schließlich anfing zu blinken, atmete er hörbar auf. Allerdings enttäuschte ihn dann der Inhalt der Mail, die er erhalten hatte. Javier teilte mit, er sei noch krank. Er würde morgen nachkommen. Hannes solle ihm ein Ticket besorgen und sich für Daniel ein Programm ausdenken.
In diesem Moment wurde Hannes Knecht klar, dass Javier rückfällig war. Die spontanen Änderungen aus vorgeschobenen Gründen waren ihm allzu deutlich in unguter Erinnerung.
Er erdichtete eine Geschichte, die einen möglichst großen Umweg um seinen Verdacht machte, konnte allerdings nicht verhindern, dass ihn Daniel Mersiowsky völlig ungläubig ansah.