Javier 30

Wir sind in etwa der Mitte der Erzählung angelangt, auf ihrem Höhepunkt gleichsam, oder aus Javiers Perspektive, ihrem absoluten Tiefpunkt. Javier geht es schlecht. Wirklich richtig schlecht. Von nun an gibt es nur noch Destruktion, vor allem ökonomisch. Javier, dazu bedarf es keiner seherischen Fähigkeiten, wird alles verlieren. Er wird andere mitreißen in den eigenen Abgrund, den er sich selbst schafft, ohne wirklich eine andere Möglichkeit zu haben. Wieder andere werden sich rechtzeitig entziehen können. Sein Niedergang, das mag für den Leser vielleicht ein kleiner, wenn auch bitterer Trost sein, sein Niedergang wird nur ökonomisch sein, denn die Fähigkeit, gut zu leben, hat Javier nie besessen, Hilfe, dies zu erlernen, hat er nie erhalten. Javier kann nur Geld umsetzen, je mehr, desto besser, desto besessener wird er, desto lebendiger fühlt er sich.
Es ist eine merkwürdige Koinzidenz, denn mit dem erzählerischen Wendepunkt fällt die Wahl in Griechenland zusammen. Diese kam mir persönlich vor wie eine Schicksalswahl. Inzwischen ist klar, wer die Wahl gewonnen hat, und es scheint, als würde ein Stoßseufzer durch den Kontinent gehen, als würde nun eine große Hoffnung auf einen Wandel aufkeimen, der wegführt, von einer Politik, die zwar die rasante Karriere Javiers befördert hat, die aber, um unter anderem dessen Reduktion von Kunst auf ein bloßes Investmenttool zu fördern, einen ganzen Kontinent ökonomisch stranguliert hat.
So scheint es möglich, dass Javiers Rückfall, sein ökonomischer Untergang symbolisch für den Untergang eines ganzen Systems steht, das ebenso wie Javier nicht in der Lage war, den Menschen zu dienen, sondern allein sich selbst Zweck genug war.
In seinem Umfeld wird der Niedergang Javiers ein Umdenken herbeiführen, eine Rückbesinnung auf Werte, auf Ethik, auf Themen, über die sich Javier gerne lustig gemacht hat, die er für überkommen gehalten hat, die daher auch von Hannes Knecht, Daniel Mersiowsky, von Donatella und vielen anderen zunächst aus einem Gefühl der Loyalität gegenüber Javier, dann immer mehr aus Überzeugung ebenfalls belächelt wurden. Javiers Karriere zeigte doch, wie erfolgreich es war, auf alle Werte zu scheißen. Moral? Ethik? Mitgefühl? Verantwortung? Wer braucht das schon? Die Kasse muss klingeln, das Image muss stimmen, knallbunt sein, weil es dann eine hohe Reichweite hat. Alles andere ist egal. Wer braucht schon Fachwissen? Eine gute Rhetorik, die auf jede Situation zu reagieren vermag, Kompetenz vortäuscht, reicht völlig aus. Javier fühlte sich mit seinem Unwissen nicht einmal unwohl, fühlte nicht die Notwendigkeit, sich profunde Kenntnisse anzueignen, denn all jene, die sich in dieser Zeit als Elite geben, leben die geistige Einfalt vor. Politische und ökonomische Um- und Weitsicht sind bei denjenigen, die weitreichende Entscheidungen treffen, ebenfalls Fehlanzeige. Sie federn ihr Unwissen rhetorisch ab, rechtlich belangt werden sie ohnehin nicht. Javier fühlte sich daher sicher in seinem Tun, fühlte sich sicher in seiner Ignoranz und in seinem Zynismus gegenüber all jenen, die sich tatsächlich bemühten.
Bisher fühlte sich Javier gesellschaftlich in seiner Haltung bestätigt, schließlich war sie von Erfolg gekrönt, in wirtschaftlicher Hinsicht von Erfolg gekrönt. Jede andere Idee von Erfolg war Javier ohnehin fremd.
Mit dem heutigen Tag nach der Wahl in Griechenland besteht die Möglichkeit, für eine Wende. Eine Hoffnung scheint auf am Himmel über Europa, eine Hoffnung, die andeutet, die Zeit des Systems, für das Javier hier symbolisch steht, könnte zu Ende kommen. Unterhalb der veröffentlichten Meinung äußert sich Erleichterung und Freude, keine Angst und keine Sorge. Wenn das genutzt wird, könnte eine Zeit anbrechen, die Menschen vom Schlage Javiers einen Platz in der Gesellschaft anweist, von dem aus sie wenig Schaden anrichten können, wo ihnen geholfen werden kann und sie eine Form der Unterstützung erfahren, die sie stabil hält. Für den Moment blinkt am Horizont die Geschichte auf, Veränderung zu gestalten und die Dekadenz, die sich in den vergangen Jahren eingeschlichen hat, zu korrigieren, die destruktiven Anreize, die in den letzten beiden Dekaden gesetzt wurden, zu korrigieren. Mit diesem Wunsch schließe ich das heutige Kapitel über Javier, in der Hoffnung, es bei Drucklegung nicht allzu grundlegend überarbeiten zu müssen.

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