Conchita Wurst dreht schwer am Rad

Conchita Wurst hat 1000 Arme und zahlreiche Gesichter. Also nicht Conchita Wurst, sondern die Person, die sie in ihrem Clip Heroes darstellt. Oder vielleicht doch das Wesen? Oder das Prinzip? Hier kommen unsere Begriffe an ihre Grenze, denn das, was hier darstellt wird, entstammt einem ganz anderen kulturellen Kontext, einem anderen Denken. Dennoch, hat das, was hier dargestellt wird, einen Namen, nicht nur einen, sondern sogar viele. Es ist Kannon, der Buddha des Mitgefühls. An einer anderen Stelle habe ich mich schon zu Conchita Wurst Clip “Heroes” geäußert. Es ging mir dort um einen anderen Zusammenhang, weshalb ich nur angedeutet habe, das Video sei voll von buddhistischer Ikonographie. Ich erntete Widerspruch. Daher will ich nun nochmal ansetzen.
Ich werde belegen, dass “Heroes” ein durch und durch religiöses Werk ist, sofern man Buddhismus zu den Religionen zählt. Das kann man tun, man kann aber auch Gründe finden, die dagegen sprechen, denn was was bleibt vom Begriff Religion übrig, wenn man ihn ohne Gott und ohne religio, ohne Glauben denkt. Beides ist aber in zahlreichen Schulen des Buddhismus der Fall, wenn freilich auch nicht in allen. Für mich ist die Lehre des Buddha und sind viele Schulen in seiner Nachfolge weit näher an unserer Idee der Aufklärung als an unserer Idee der Religion.
Für meinen Blog ungewöhnlich werde ich hier viele Bilder zeigen, um meine Deutung zu untermauern. Ich möchte gleich auf die Figur des Kannon kommen, die in dem Clip Heroes dargestellt wird, ohne lange in die komplexe Vorstellungswelt des Buddhismus einzuführen.
Dennoch sei mir zur Einführung ein Fremdwort erlaubt. Bodhisattva bezeichnet jemanden, der nach höchster Erkenntnis strebt und sich in Tugend vervollkommnet. Es ist ein ethisches Lebenskonzept, das hier zugrunde liegt.
Es gibt zahllose Bodhisattvas, 108 sind in der buddhistischen Lehre besonders wichtig, der wichtigste unter diesen 108 ist Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls. Im Herz-Sutra, dem Hannya Shingyo, einem zentralen Text des Buddhismus, spricht Avalokiteshvara zu Sariputra und unterrichtet ihn über die Essenz der buddhistischen Lehre. “Alle Erscheinungsform ist Leerheit. Leerheit ist Form.”
Weil er so wichtig ist, gibt es zahllose Darstellungen von Avalokiteshvara. Häufig wird er mit zahlreichen Armen und mehreren Köpfen dargestellt. 1000 Hände, die helfen, und zahlreiche Gesichter, die alles Leid der Welt sehen.
Interessant in unserem Zusammenhang ist, dass Avalokiteshvara in der Rezeptionsgeschichte nicht nur unterschiedliche Namen bekommt, sondern auch das Geschlecht wechselt. Weitere Namen sind zum Beispiel Kannon, Kanjizaj und Guanyin. Wird er anfänglich als junger Mann dargestellt, bekommt er immer mehr weibliche Attribute, bis er schließlich überwiegend weiblich dargestellt wird. Dies ist im Lotos-Sutra bereits angelegt, denn Avalokiteshvara kann zahlreiche und daher eben auch weibliche Erscheinungsformen annehmen; er tut dies immer mit dem gleichen Ziel, um zur Erkenntnis zu führen und aus dem Leid zu lösen. Kulturen außerhalb der westlichen Hemisphäre sind im Hinblick auf Geschlechterfragen weit weniger binär als wir, und damit wahrscheinlich deutlich näher an den Fakten.
Für einen Zugang zu Heroes sind die Darstellungen von Kannon, Guanyin, der weiblichen Erscheinungsform wichtig. Ich zeige hier einige Bilder von Guanyin, sowohl zeitgenössisch als auch historische.


Guanying ist traditionell mit einem weißen Gewand bekleidet. Sie wird häufig mit Wasser als Essenz der Reinheit in Verbindung gebracht. Sie schwebt über den Meer oder trägt eine kleine Amphore mit reinem Wasser. Es gibt auch Darstellungen mit Kind. Sie wird bei Kinderwunsch angerufen. Auffallend sind die Handhaltungen, Mudras, die ihre je eigene Bedeutung haben. Diese Mudras werden im Clip umgesetzt:


Es sind noch viel mehr Mudras enthalten, Entschlüsselungsfetischisten können sich das ganze nochmal hier angucken.

(jaja, das Urheberrecht. Dieser Link funktioniert.)

Conchita trägt hier übrigens keinen überladend-tuntigen Stirnschmuck. Es ist das Auge des Erwachens, das hier lidförmig in die Stirn ragt. Fragt mal euren aus dem ostasiatischen Raum stammenden Nachbarn, der wird das bestätigen.
Zweifelsfrei stellt Conchita Wurst hier, tja, welchen Namen soll ich wählen: Guanyin, Kannjizai-Bosatsu, Kannon, Avalokiteshvara, auf jeden Fall den Buddha des Mitgefühls dar.
Auffallend sind noch ein zahllose weitere Zutaten in der Bildersprache des Clips. Der Blitz des Erwachens, der Ring des Weges, und so weiter und so fort. Ich könnte hier noch tagelang vor mich hinschreiben und würde wohl kein Ende finden, all die Verweise aufzuführen. Mit anderen Worten, Conchita schmiert ihren Zuschauern den Buddhismus kräftig in die Augen, doch bisher hat ihn niemand gesehen. Es gehört tatsächlich mehr zum Sehen, als dass Licht auf eine Netzhaut fällt, denn man muss es mit Wissen verbinden, um erkennen und verstehen zu können. Auch das ist im Video dargestellt.
Doch warum macht sie das? Warum greift Conchita Wurst auf diese Figur zurück. Weil genau dies ist das Thema. Verstehen. Verstehen und der Wille dazu ist der Schlüssel. Weil es ohne Verstehen kein Mitgefühl gibt. Weil es ohne Verstehen keinen Frieden geben kann. Und Verstehen ist letztlich reziprok. Es geht nicht um ein forderndes „Du musst mich verstehen!“, sondern wir müssen uns darum bemühen, einander zu verstehen. Kannon, der Bodhisattva des Mitgefühls bemüht sich aus einem Geist der Unvoreingenommenheit um Verstehen. Nur so lassen sich Konflikte lösen, Aggressionen laufen ins Leere und Masken können fallen gelassen werden, Versöhnung stellt sich her.
Conchita Wurst dreht tatsächlich heftig am Rad, am Rad des Dharma, der Lehre. Gleichzeitig zeigt sie mit ihrem Verweis auf die Figur Kannon, wie einseitig und singulär in der Menschheitsgeschichte binäre Vorstellungen über Geschlecht sind, vor allem aber, wie sinnlos der Streit und der Hass ist, der aus dieser Ideologie der Zweigeschlechtlichkeit erwächst. Sie zeigt aber auch, wie einfach es ist, zum Frieden zu kommen, wenn alle Ideen und Ideologien fallen gelassen werden, wenn wir gemeinsam unsere Tugend vervollkommnen. Denn es gilt tatsächlich: „We can be so beautiful.“ Wir müssen nur alle unsere Ideen und Ideologien aufgeben, wie die Welt und unser Gegenüber zu sein habe.

4 Gedanken zu „Conchita Wurst dreht schwer am Rad

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