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Conchita und die Russen – Eine Geschichte vom Kopieren

Ich habe lange überlegt, ob es nicht einen grundlegend falschen Eindruck erweckt, wenn ich in einem ersten Artikel über eine herausragende russische Band im Zusammenhang mit Kopieren und Übernehmen von Ideen schreibe.
Bei der herausragenden Band handelt es sich nämlich um Винтаж, was sich Vintage liest. Die attraktive Frontfrau der Band heißt Anna Pletnyova und ist ohne Übertreibung ein Megastar. Der Grund dafür, dass Vintage nicht außerhalb Russlands und den ehemaligen Sowjetrepubliken bekannt ist, liegt vermutlich an der Sprache, denn Anna singt auf Russisch.
Dennoch zögere ich, Vintage bei einer ersten größeren Besprechung gleich mit dem Thema Kopieren und Ideendiebstahl in Verbindung zu bringen. Es entspricht zu sehr einem Klischee, das wir hier in einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Russland  und vielfach zu Unrecht pflegen.
Zudem hat Vintage mit ganz vielen Produktionen aufzuwarten, die ebenso völlig genuin sind wie sie genial sind. Sex und Geschlecht ist das große Thema, das das Werk von Vintage durchzieht.
Doch vielleicht lenkt diese nun folgende Auseinandersetzung mit Vintage über Ideendiebstahl auch das Augenmerk auf eine in Deutschland völlig verquer geführte Diskussion.

Ich fange daher einfach mal an. In dem 2011 veröffentlichten Video-Clip zum Musiktitel деревья (Bäume) zitieren Vintage ganz offensichtlich Madonna und Kylie Minogue.

Hier die zitierten Quellen: 


Unverforen, mag an dieser Stelle der naive Betrachter sagen, Russen eben, die können es nicht anders und schmücken sich mit dem geistigen Eigentum westlicher Pop-Ikonen. Doch ist jedem Mitglied der schwulen Community auch in Russland die Kopiererei sofort ersichtlich. Es ist daher kein Diebstahl, sondern ein Zitat. Es markiert sich unmittelbar als übernommen.

Weil das Zitat aber auch so super ersichtlich ist, ist es offensichtlich Absicht. Diebstahl geistigen Eigentums wäre es nur, wenn das Zitat absichtsvoll verborgen bleiben würde, so wie in der Doktorarbeit von zu Guttenberg oder von Schawan zum Beispiel.
Aber das Zitat ist bei деревья in jeder Sekunde offensichtlich. Jeder, der ein bisschen Popkultur verfolgt und das Video sieht, sagt sofort “geklaut”. Dabei geht es genau um die Frage, ob eine Idee geklaut genannt werden kann, wenn die ursprüngliche Quelle so bekannt ist, dass sie jeder sofort erkennt.
Geklaut wäre es, wenn Vintage ihre Fan-Gemeinde glauben machen wollte, es wären originär ihre Ideen, die auf die Zuschauer einprasseln. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall, denn es muss davon ausgegangen werden, dass gerade das Publikum von Vintage ganz genau weiß, was es hier sieht, schließlich positioniert sich Vintage ganz eindeutig in einem Segment, zu dem auch Madonna und Kylie Minogue gehören. Vintage sind eine queere Band, die ihre Solidarität für Schwule und Lesben öffentlich zeigen. Hier beispielsweise lassen Vintage bei einem Livekonzert die Regenbogenfahne über Russland wehen. Der Titel, den Vintage hier singt heißt schlicht „Jungs“.

Reduziert man den Video-Clip jedoch nur auf das, was er kopiert, erkennt man nicht, was er in der Kopie erweitert.
Es gibt ein Motiv, das bei Kylie Minogue und Madonna nicht vorkommt, die sitzende Figur, der weibliche Buddha, Guanyin, Kannon, der Buddha des Mitgefühls.
Der Tanz auf dem Vulkan zwischen Buddha und Mara, dem Prinzip, das Leiden verursacht, ist sowohl bei Kylie als auch Madonna nicht enthalten. Was in deren Videos allerdings schon ganz deutlich enthalten ist, ist das Thema Religion und Glaube. Kylie tänzelt ausstaffiert mit den Insignien der griechischen Göttin Aphrodite auf einem Haufen sich vor Begehren verzehrender Leiber vor sich hin; für Madonna war in der Zeit des Albums Ray of Light die jüdische Mystik in Form der Kabbala lebensbestimmend, wie sie nicht müde wurde zu verlautbaren. Das hat sich in Frozen niedergeschlagen. 

Ein Thema, das Vintage bei allem Zitat neu einführt, ist das Thema Buddhismus. 
Begreift man die Geschichte des Clips als Erzählung, überdauern die Bäume, die Natur. Anna wird in der zentralen Szene eine Mischung aus Baum und tausendarmigem Buddha. 

Анна_Плетнёва_Деревья_клип_кадр_2

Das hat man allerdings so ähnlich auch schon mal irgendwo gesehen. Wo war das doch gleich? Das Bild erinnert an einen anderen Clip, der sich ebenfalls versucht dem Thema Buddhismus zu nähern, und von Avalokiteshvara Buddha handelt. Da stand doch schon mal ein Buddha in der endlosen weite des Nirvana. 

Kannon

Kannon

Stimmt, es war Conchita Wurst mit Heros, in der die Ideen von Vintage wieder auftauchen: 

Screenshot (1)

Über dieses geniale Video habe ich hier schon geschrieben. Dass es sich nun in seiner Kernidee als Kopie erweist, tut ihm keinen Abbruch. Im Gegenteil, es gewinnt, denn es ist plötzlich Teil eines internationalen Dialogs, der hier geführt wird.
Doch wieso kommt Conchita dazu, sich bei Vintage inspirieren zu lassen?
Keine Ahnung ehrlich gesagt, ich kann da nur spekulieren und ein bisschen fantasieren. In dieser Fantasie stelle ich mir das dann in etwa so vor: Die Wurst hat ein neues Lied, Heroes, da muss jetzt ein Videoclip dazu gedreht werden. Es soll natürlich toll werden, was Außergewöhnliches, aber schon auch was Queeres, was für die LGBT-Szene. Und Putin soll natürlich auch drin vorkommen wegen dem Gesetz und überhaupt die schwulen Rechte und so. Es gibt Prosecco.
Weil es um Putin gehen soll hangelt sich Frau Wurst mit ihrer Crew so aus Spaß bei youtube ein bisschen durch die russische Popkultur. Mal gucken, zu was die Russen so tanzen. Eine weitere Proseccoflasche macht plöp. Mit den Suchbegriffen „Madonna + Kylie + Russland“ kommen sie bei Vintage raus. 

Conchita und ihr Team  machen sich erstmal ein bisschen über die Kopiererei lustig. Es ist ja auf den ersten Blick auch sehr witzig. Die Russen klauen bei Madonna und Kylie. Die dritte Flasche Prosecco ist inzwischen auch schon leer, da ist die Stimmung deutlich gelockert.
Dann schaut sich Conchita mit ihrer Crew das Video nochmal an und vielleicht nochmal, denn es hat was. Und dann spricht es einer aus. “Das ist eigentlich scheiße, aber es hat was.” Man muss es erst mal ein bisschen abwerten, bevor man es loben kann, denn schließlich ist es eine russische Produktion.
Doch damit ist auch der Damm gebrochen und  vom Prosecco beflügelt beginnen die Ideen zu kreisen. Cool findet einer die Idee, mit den Panzern und den Waffen, die da aufschlagen. Gut gemacht die Erlöseridee, die dem Clip innewohnt. Und schließlich merkt einer an, dass es auch irgendwie um Buddha geht. Und schwupp ist es nach weiteren Flaschen Proseccos passiert. Conchita Wurst kopiert bei den Russen.  

Das ist allerdings nicht weiter schlimm. Wir leben innerhalb des gleichen kulturellen Horizonts, da beflügelt man sich gegenseitig einfach gern mit Ideen. Dies negativ zu sehen, ist historisch ein sehr junges Phänomen, früher galt es als Bereicherung. Dass sich Conchita ausgerechnet bei der großartigen Anna bedient ist sogar ein Glücksfall. Wurst hätte in Russland vermutlich keine bessere Freundin im Geiste finden können.  

2 Gedanken zu „Conchita und die Russen – Eine Geschichte vom Kopieren

  1. Igor

    Meiner Meinung wurde hier doch die Ideen der Videos von Madonna und Kylie kopiert. Habe nie eine Verbindung zu Madonna ua. im Video vermutet, weil es einfach vor 5-10 Jahre keine Musikvideos gezeigt wurden. Ist ja eh nur eine von vielen Kopien.

    Antwort
  2. Pingback: Vintage – Mein russischer Favorit für den ESC | Gert Ewen Ungar

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