Vintage – Mein russischer Favorit für den ESC

Ich war mir so unglaublich sicher. Als ich den neuen Clip von Vintage gesehen hatte, war ich mir absolut sicher. Das, was ich hier sehe, das ist der russische Beitrag zum Eurovision Song Contest 2016 in Schweden. Garantiert!

Es war einfach alles drin, was es für eine gute Aufstellung brauchte. Eingänglich komponierte Musik, ein leichter Text, doch vor allem waren es die Bilder des Clips, die mich ganz sicher sein ließen. Ganz professionell aufgemacht richtet sich die Bildersprache eindeutig an ein internationales Publikum, spielt ESC-typisch mit Homoerotik und einer fast schon kitschigen Friedenssymbolik. Katzenbild fehlt auch nicht.

Darüber hinaus visualisiert das Video die Party-Drogenerfahrung von inzwischen zwei Generationen nicht nur durch die halluzinogenen Effekte mit Nachbildern und Verfremdung, sondern ganz direkt auch in der Erzählung des Clips selbst.

Und glauben wir nicht alle an die Liebe, wie es im Refrain heißt?

Ich war mir sicher, da würden sich ganz viele Menschen wiederfinden können, es war eine vollende Marketingstrategie, die es hier zu bewundern gab. Vintage, von der sich auch Conchita Wurst schon hat inspirieren lasssen, hätte mit der queeren Aktivistin Anna Plyetnova als Frontfrau eigentlich alles, was es zum Erfolg beim ESC braucht. Ich war mir sicher, das hier, das ist der russische Beitrag zum ESC.

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Ich hatte mich absolut getäuscht. Vintage fährt nicht nach Stockholm.

Im Gegenteil, der professionelle und in der Herstellung sicherlich auch nicht ganz billige Beitrag dümpelt bei ein paar tausend Klicks auf youtube vor sich hin, den User mit deutscher IP-Adresse schützt darüber hinaus die GEMA wieder mal vor allzuviel Konfrontation mit russischer Popkultur.

Sergey Lazarev wird Russland in diesem Jahr vertreten. Das ist zwar auch keine schlechte Wahl, aber eben doch deutlich konservativer und weit weniger ESC-nah, wie es Vintage gewesen wären.

Dennoch, Vintage hat das Potential für den ESC. Ich drücke schon jetzt für das kommende Jahr ganz fest die Daumen.

Conchita und die Russen – Eine Geschichte vom Kopieren

Ich habe lange überlegt, ob es nicht einen grundlegend falschen Eindruck erweckt, wenn ich in einem ersten Artikel über eine herausragende russische Band im Zusammenhang mit Kopieren und Übernehmen von Ideen schreibe.
Bei der herausragenden Band handelt es sich nämlich um Винтаж, was sich Vintage liest. Die attraktive Frontfrau der Band heißt Anna Pletnyova und ist ohne Übertreibung ein Megastar. Der Grund dafür, dass Vintage nicht außerhalb Russlands und den ehemaligen Sowjetrepubliken bekannt ist, liegt vermutlich an der Sprache, denn Anna singt auf Russisch.
Dennoch zögere ich, Vintage bei einer ersten größeren Besprechung gleich mit dem Thema Kopieren und Ideendiebstahl in Verbindung zu bringen. Es entspricht zu sehr einem Klischee, das wir hier in einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Russland  und vielfach zu Unrecht pflegen.
Zudem hat Vintage mit ganz vielen Produktionen aufzuwarten, die ebenso völlig genuin sind wie sie genial sind. Sex und Geschlecht ist das große Thema, das das Werk von Vintage durchzieht.
Doch vielleicht lenkt diese nun folgende Auseinandersetzung mit Vintage über Ideendiebstahl auch das Augenmerk auf eine in Deutschland völlig verquer geführte Diskussion.

Ich fange daher einfach mal an. In dem 2011 veröffentlichten Video-Clip zum Musiktitel деревья (Bäume) zitieren Vintage ganz offensichtlich Madonna und Kylie Minogue.

Hier die zitierten Quellen: 


Unverforen, mag an dieser Stelle der naive Betrachter sagen, Russen eben, die können es nicht anders und schmücken sich mit dem geistigen Eigentum westlicher Pop-Ikonen. Doch ist jedem Mitglied der schwulen Community auch in Russland die Kopiererei sofort ersichtlich. Es ist daher kein Diebstahl, sondern ein Zitat. Es markiert sich unmittelbar als übernommen.

Weil das Zitat aber auch so super ersichtlich ist, ist es offensichtlich Absicht. Diebstahl geistigen Eigentums wäre es nur, wenn das Zitat absichtsvoll verborgen bleiben würde, so wie in der Doktorarbeit von zu Guttenberg oder von Schawan zum Beispiel.
Aber das Zitat ist bei деревья in jeder Sekunde offensichtlich. Jeder, der ein bisschen Popkultur verfolgt und das Video sieht, sagt sofort “geklaut”. Dabei geht es genau um die Frage, ob eine Idee geklaut genannt werden kann, wenn die ursprüngliche Quelle so bekannt ist, dass sie jeder sofort erkennt.
Geklaut wäre es, wenn Vintage ihre Fan-Gemeinde glauben machen wollte, es wären originär ihre Ideen, die auf die Zuschauer einprasseln. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall, denn es muss davon ausgegangen werden, dass gerade das Publikum von Vintage ganz genau weiß, was es hier sieht, schließlich positioniert sich Vintage ganz eindeutig in einem Segment, zu dem auch Madonna und Kylie Minogue gehören. Vintage sind eine queere Band, die ihre Solidarität für Schwule und Lesben öffentlich zeigen. Hier beispielsweise lassen Vintage bei einem Livekonzert die Regenbogenfahne über Russland wehen. Der Titel, den Vintage hier singt heißt schlicht „Jungs“.

Reduziert man den Video-Clip jedoch nur auf das, was er kopiert, erkennt man nicht, was er in der Kopie erweitert.
Es gibt ein Motiv, das bei Kylie Minogue und Madonna nicht vorkommt, die sitzende Figur, der weibliche Buddha, Guanyin, Kannon, der Buddha des Mitgefühls.
Der Tanz auf dem Vulkan zwischen Buddha und Mara, dem Prinzip, das Leiden verursacht, ist sowohl bei Kylie als auch Madonna nicht enthalten. Was in deren Videos allerdings schon ganz deutlich enthalten ist, ist das Thema Religion und Glaube. Kylie tänzelt ausstaffiert mit den Insignien der griechischen Göttin Aphrodite auf einem Haufen sich vor Begehren verzehrender Leiber vor sich hin; für Madonna war in der Zeit des Albums Ray of Light die jüdische Mystik in Form der Kabbala lebensbestimmend, wie sie nicht müde wurde zu verlautbaren. Das hat sich in Frozen niedergeschlagen. 

Ein Thema, das Vintage bei allem Zitat neu einführt, ist das Thema Buddhismus. 
Begreift man die Geschichte des Clips als Erzählung, überdauern die Bäume, die Natur. Anna wird in der zentralen Szene eine Mischung aus Baum und tausendarmigem Buddha. 

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Das hat man allerdings so ähnlich auch schon mal irgendwo gesehen. Wo war das doch gleich? Das Bild erinnert an einen anderen Clip, der sich ebenfalls versucht dem Thema Buddhismus zu nähern, und von Avalokiteshvara Buddha handelt. Da stand doch schon mal ein Buddha in der endlosen weite des Nirvana. 

Kannon
Kannon

Stimmt, es war Conchita Wurst mit Heros, in der die Ideen von Vintage wieder auftauchen: 

Screenshot (1)

Über dieses geniale Video habe ich hier schon geschrieben. Dass es sich nun in seiner Kernidee als Kopie erweist, tut ihm keinen Abbruch. Im Gegenteil, es gewinnt, denn es ist plötzlich Teil eines internationalen Dialogs, der hier geführt wird.
Doch wieso kommt Conchita dazu, sich bei Vintage inspirieren zu lassen?
Keine Ahnung ehrlich gesagt, ich kann da nur spekulieren und ein bisschen fantasieren. In dieser Fantasie stelle ich mir das dann in etwa so vor: Die Wurst hat ein neues Lied, Heroes, da muss jetzt ein Videoclip dazu gedreht werden. Es soll natürlich toll werden, was Außergewöhnliches, aber schon auch was Queeres, was für die LGBT-Szene. Und Putin soll natürlich auch drin vorkommen wegen dem Gesetz und überhaupt die schwulen Rechte und so. Es gibt Prosecco.
Weil es um Putin gehen soll hangelt sich Frau Wurst mit ihrer Crew so aus Spaß bei youtube ein bisschen durch die russische Popkultur. Mal gucken, zu was die Russen so tanzen. Eine weitere Proseccoflasche macht plöp. Mit den Suchbegriffen „Madonna + Kylie + Russland“ kommen sie bei Vintage raus. 

Conchita und ihr Team  machen sich erstmal ein bisschen über die Kopiererei lustig. Es ist ja auf den ersten Blick auch sehr witzig. Die Russen klauen bei Madonna und Kylie. Die dritte Flasche Prosecco ist inzwischen auch schon leer, da ist die Stimmung deutlich gelockert.
Dann schaut sich Conchita mit ihrer Crew das Video nochmal an und vielleicht nochmal, denn es hat was. Und dann spricht es einer aus. “Das ist eigentlich scheiße, aber es hat was.” Man muss es erst mal ein bisschen abwerten, bevor man es loben kann, denn schließlich ist es eine russische Produktion.
Doch damit ist auch der Damm gebrochen und  vom Prosecco beflügelt beginnen die Ideen zu kreisen. Cool findet einer die Idee, mit den Panzern und den Waffen, die da aufschlagen. Gut gemacht die Erlöseridee, die dem Clip innewohnt. Und schließlich merkt einer an, dass es auch irgendwie um Buddha geht. Und schwupp ist es nach weiteren Flaschen Proseccos passiert. Conchita Wurst kopiert bei den Russen.  

Das ist allerdings nicht weiter schlimm. Wir leben innerhalb des gleichen kulturellen Horizonts, da beflügelt man sich gegenseitig einfach gern mit Ideen. Dies negativ zu sehen, ist historisch ein sehr junges Phänomen, früher galt es als Bereicherung. Dass sich Conchita ausgerechnet bei der großartigen Anna bedient ist sogar ein Glücksfall. Wurst hätte in Russland vermutlich keine bessere Freundin im Geiste finden können.  

Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.

Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.

Conchita Wurst dreht schwer am Rad

Conchita Wurst hat 1000 Arme und zahlreiche Gesichter. Also nicht Conchita Wurst, sondern die Person, die sie in ihrem Clip Heroes darstellt. Oder vielleicht doch das Wesen? Oder das Prinzip? Hier kommen unsere Begriffe an ihre Grenze, denn das, was hier darstellt wird, entstammt einem ganz anderen kulturellen Kontext, einem anderen Denken. Dennoch, hat das, was hier dargestellt wird, einen Namen, nicht nur einen, sondern sogar viele. Es ist Kannon, der Buddha des Mitgefühls. An einer anderen Stelle habe ich mich schon zu Conchita Wurst Clip “Heroes” geäußert. Es ging mir dort um einen anderen Zusammenhang, weshalb ich nur angedeutet habe, das Video sei voll von buddhistischer Ikonographie. Ich erntete Widerspruch. Daher will ich nun nochmal ansetzen.
Ich werde belegen, dass “Heroes” ein durch und durch religiöses Werk ist, sofern man Buddhismus zu den Religionen zählt. Das kann man tun, man kann aber auch Gründe finden, die dagegen sprechen, denn was was bleibt vom Begriff Religion übrig, wenn man ihn ohne Gott und ohne religio, ohne Glauben denkt. Beides ist aber in zahlreichen Schulen des Buddhismus der Fall, wenn freilich auch nicht in allen. Für mich ist die Lehre des Buddha und sind viele Schulen in seiner Nachfolge weit näher an unserer Idee der Aufklärung als an unserer Idee der Religion.
Für meinen Blog ungewöhnlich werde ich hier viele Bilder zeigen, um meine Deutung zu untermauern. Ich möchte gleich auf die Figur des Kannon kommen, die in dem Clip Heroes dargestellt wird, ohne lange in die komplexe Vorstellungswelt des Buddhismus einzuführen.
Dennoch sei mir zur Einführung ein Fremdwort erlaubt. Bodhisattva bezeichnet jemanden, der nach höchster Erkenntnis strebt und sich in Tugend vervollkommnet. Es ist ein ethisches Lebenskonzept, das hier zugrunde liegt.
Es gibt zahllose Bodhisattvas, 108 sind in der buddhistischen Lehre besonders wichtig, der wichtigste unter diesen 108 ist Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls. Im Herz-Sutra, dem Hannya Shingyo, einem zentralen Text des Buddhismus, spricht Avalokiteshvara zu Sariputra und unterrichtet ihn über die Essenz der buddhistischen Lehre. “Alle Erscheinungsform ist Leerheit. Leerheit ist Form.”
Weil er so wichtig ist, gibt es zahllose Darstellungen von Avalokiteshvara. Häufig wird er mit zahlreichen Armen und mehreren Köpfen dargestellt. 1000 Hände, die helfen, und zahlreiche Gesichter, die alles Leid der Welt sehen.
Interessant in unserem Zusammenhang ist, dass Avalokiteshvara in der Rezeptionsgeschichte nicht nur unterschiedliche Namen bekommt, sondern auch das Geschlecht wechselt. Weitere Namen sind zum Beispiel Kannon, Kanjizaj und Guanyin. Wird er anfänglich als junger Mann dargestellt, bekommt er immer mehr weibliche Attribute, bis er schließlich überwiegend weiblich dargestellt wird. Dies ist im Lotos-Sutra bereits angelegt, denn Avalokiteshvara kann zahlreiche und daher eben auch weibliche Erscheinungsformen annehmen; er tut dies immer mit dem gleichen Ziel, um zur Erkenntnis zu führen und aus dem Leid zu lösen. Kulturen außerhalb der westlichen Hemisphäre sind im Hinblick auf Geschlechterfragen weit weniger binär als wir, und damit wahrscheinlich deutlich näher an den Fakten.
Für einen Zugang zu Heroes sind die Darstellungen von Kannon, Guanyin, der weiblichen Erscheinungsform wichtig. Ich zeige hier einige Bilder von Guanyin, sowohl zeitgenössisch als auch historische.


Guanying ist traditionell mit einem weißen Gewand bekleidet. Sie wird häufig mit Wasser als Essenz der Reinheit in Verbindung gebracht. Sie schwebt über den Meer oder trägt eine kleine Amphore mit reinem Wasser. Es gibt auch Darstellungen mit Kind. Sie wird bei Kinderwunsch angerufen. Auffallend sind die Handhaltungen, Mudras, die ihre je eigene Bedeutung haben. Diese Mudras werden im Clip umgesetzt:


Es sind noch viel mehr Mudras enthalten, Entschlüsselungsfetischisten können sich das ganze nochmal hier angucken.

(jaja, das Urheberrecht. Dieser Link funktioniert.)

Conchita trägt hier übrigens keinen überladend-tuntigen Stirnschmuck. Es ist das Auge des Erwachens, das hier lidförmig in die Stirn ragt. Fragt mal euren aus dem ostasiatischen Raum stammenden Nachbarn, der wird das bestätigen.
Zweifelsfrei stellt Conchita Wurst hier, tja, welchen Namen soll ich wählen: Guanyin, Kannjizai-Bosatsu, Kannon, Avalokiteshvara, auf jeden Fall den Buddha des Mitgefühls dar.
Auffallend sind noch ein zahllose weitere Zutaten in der Bildersprache des Clips. Der Blitz des Erwachens, der Ring des Weges, und so weiter und so fort. Ich könnte hier noch tagelang vor mich hinschreiben und würde wohl kein Ende finden, all die Verweise aufzuführen. Mit anderen Worten, Conchita schmiert ihren Zuschauern den Buddhismus kräftig in die Augen, doch bisher hat ihn niemand gesehen. Es gehört tatsächlich mehr zum Sehen, als dass Licht auf eine Netzhaut fällt, denn man muss es mit Wissen verbinden, um erkennen und verstehen zu können. Auch das ist im Video dargestellt.
Doch warum macht sie das? Warum greift Conchita Wurst auf diese Figur zurück. Weil genau dies ist das Thema. Verstehen. Verstehen und der Wille dazu ist der Schlüssel. Weil es ohne Verstehen kein Mitgefühl gibt. Weil es ohne Verstehen keinen Frieden geben kann. Und Verstehen ist letztlich reziprok. Es geht nicht um ein forderndes „Du musst mich verstehen!“, sondern wir müssen uns darum bemühen, einander zu verstehen. Kannon, der Bodhisattva des Mitgefühls bemüht sich aus einem Geist der Unvoreingenommenheit um Verstehen. Nur so lassen sich Konflikte lösen, Aggressionen laufen ins Leere und Masken können fallen gelassen werden, Versöhnung stellt sich her.
Conchita Wurst dreht tatsächlich heftig am Rad, am Rad des Dharma, der Lehre. Gleichzeitig zeigt sie mit ihrem Verweis auf die Figur Kannon, wie einseitig und singulär in der Menschheitsgeschichte binäre Vorstellungen über Geschlecht sind, vor allem aber, wie sinnlos der Streit und der Hass ist, der aus dieser Ideologie der Zweigeschlechtlichkeit erwächst. Sie zeigt aber auch, wie einfach es ist, zum Frieden zu kommen, wenn alle Ideen und Ideologien fallen gelassen werden, wenn wir gemeinsam unsere Tugend vervollkommnen. Denn es gilt tatsächlich: „We can be so beautiful.“ Wir müssen nur alle unsere Ideen und Ideologien aufgeben, wie die Welt und unser Gegenüber zu sein habe.

Drag! – Ein Versuch über die Politik der Gegenwart aus der Pop-Kultur heraus

Seitdem sich eine Lesart des Diskriminierungsverbots der Europäischen Menschenrechtskonvention etabliert hat, die auch die sexuelle Orientierung umfasst, sind deutsche Politiker und Journalisten plötzlich Feuer und Flamme für die Verteidigung der Rechte von Schwulen und Lesben weniger im In- vor allem aber im Ausland.
Da sich Politiker wie Gauck und Merkel seit kurzem dem Schutz der Homosexuellen in aller Welt verpflichtet fühlen, wäre es schön, sie würden das nicht nur für andere Länder anmahnen, sondern auch zu Hause das 12. Protokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention aus dem Jahr 2000 endlich ratifizieren. Neben Deutschland hat es nur Österreich und Liechtenstein noch nicht getan. Selbst Polen, auf das der deutsche Qualitätsjournalismus gerne mal wegen seiner angeblichen Homophobie eindrischt, hat das Protokoll unterzeichnet.
Schade, dass Recherche in den transatlantischen Schreibstuben so klein geschrieben wird, man gern mit dem Finger auf andere weist und gar nicht merkt, wie miserabel schlecht es um die Zustände hier bestellt ist.
Es wirkt jedenfalls unglaublich geheuchelt und billig in anderen Ländern lautstark Rechte einzuklagen, die man hierzulande eben auch nicht so ohne weiteres zu gewähren gewillt ist. In Polen, um beim Beispiel zu bleiben, hat sich in den vergangen Jahren viel getan, in Deutschland seit 2000 offensichtlich nichts.
Dennoch frage ich mich, was hat sich in der jüngsten Geschichte Europas geändert, dass aus einem Kontinent, auf dem gegen Homosexuelle eigentlich alle Untaten und Grausamkeiten begangen wurden, die man sich vorstellen kann, dass aus diesem Kontinent der Intoleranz gegenüber nicht traditionellen Lebensweisen plötzlich so ein Hort der Aufgeschlossenheit und der Akzeptanz wurde.
Zumindest auf den ersten Blick, denn diese Toleranz wirkt merkwürdig verordnet. Natürlich gewachsen ist sie in keinem Fall wie Massenproteste in Frankreich und auch Protestbewegungen hierzulande deutlich machen. Die Mittelschicht fühlt sich durch die Andersartigkeit des Lebensstils von insbesondere männlichen Homosexuellen noch immer oder vielleicht auch immer mehr bedroht. Aus meiner Sicht völlig zu unrecht, denn ich würde meinen Lebensstil in keinem Fall gegen die Tristesse des Lebensstils einer Mittelschichtshete eintauschen wollen.
Vielleicht macht aber auch gerade das die Bedrohung aus, die dort gefühlt wird. Ich weiß es letztlich nicht zu sagen, denn es gibt keinen wirklichen Dialog, nur eben seit einigen Jahren die verordnete Toleranz von oben.
Warum aber fühlen sich Politiker dem schwulen Lebenstil näher als der Mittelschicht, die sie wählt? Eine These dazu habe ich. Um sie zu verdeutlichen, ist es notwendig ein wenig auszuholen.
Wir gehen für einen kurzen Moment zurück in das Jahr 2013. Edward Snowden ist es gelungen, aus Hongkong nach Russland zu fliehen. Dort sitzt er am Flughafen fest. Der bolivianische Präsident Evo Morales ist gerade ebenfalls in Russland. Er nimmt dort an einer Konferenz teil. Bolivien lässt verlauten, es könne sich vorstellen, Snowden Asyl zu gewähren. Die Konferenz ist zu Ende, Evo Morales will nach Bolivien zurück, das bolivianische Präsidentenflugzeug hebt ab. Wenige Stunden später werden für einen Moment die Gestelle der geopolitischen Machtverhältnisse sichtbar. Spanien, Frankreich und andere europäische Länder verweigern der Präsidentenmaschine entgegen aller Verträge und Übereinkünfte die Überflugsrechte. Die Maschine wird in Österreich zur Landung gezwungen, zwölf Stunden festgehalten und vermutlich auch durchsucht.
Für einen Moment wird deutlich, was europäische Politik ist. Sie ist drag, Travestie, zelebrierter Fake, eine Darstellung von etwas, das nicht echt ist.
Die Politiker und Beamten der Europäischen Union sind wie auch ihre nationalen Pendants Drags. Sie imitieren etwas, das sie nicht sind. Sie imitieren politische Autonomie, ohne politisch autonom zu sein, sie imitieren, politische Diskurse zu führen, ohne im Ergebnis offen zu sein, sie imitieren, frei in ihrer Entscheidung zu sein, sie imitieren, lediglich dem Volk verpflichtet zu sein. Sie imitieren dies alles, ohne etwas davon tatsächlich zu sein. Sie liefern eine Show, eine Drag-Show. Doch an manchen Stellen wird die Show durchsichtig, unabsichtlich fällt eine Perücke und die Verkleidung wird sichtbar, wie im Falle der Präsidentenmaschine, die auf Geheiß der USA von den europäischen Politik-Drags zur Landung gezwungen wurde. Dieses Beispiel ist so wunderbar, weil es so einfach, so offensichtlich ist. Man könnte noch andere heranziehen, Snowdens Asylantrag in Deutschland, unsere Unterstützung für die Ukraine, die Sanktionen gegen Russland, wobei all diese Vorgänge deutlich komplexer sind. Im Fall des zur Landung gezwungenen Präsidenten Boliviens ist es ganz eindeutig. Washington hat interveniert, Europa hat exekutiert. Für den Bruchteil einer historischen Sekunde wurden die Gestelle der westlichen Politikinszenierung sichtbar. Die Bühnenmechanik eurpäischer Politik hat sich gezeigt, die Inszenierung wurde durchbrochen.
Natürlich entgeht es den Protagonisten der dekadent gewordenen Politik nicht, wie wenig sie die Inszenierung beeinflussen können. Natürlich ist ihnen klar, dass sie nur eine Rolle spielen, wobei der Text von einem Geflecht aus Struktur der Macht festgelegt ist.
Sigmar Gabriel vollzieht dies überdeutlich im Hinblick auf das Freihandelsabkommen TTIP. TTIP wird kommen, ganz gleichgültig, was die Bürger Europas wollen. Es ist längst beschlossen Jede Diskussion bis dahin ist drag, ein So-tun-als-ob. Die Einlassungen Gabriels auf dem World Economic Forum lassen daran wenig Zweifel und wer sie dennoch hat, der wird durch die EU-Kommissarin Cecilia Malmström überrascht werden, die einfach die nationalen Parlamente umgehen möchte. Unsere Politiker folgen einem Drehbuch, sie exekutieren, sie füllen Rollen aus, sie sind Klischee als Entertainment. Sie sind drag.
Drag ist auch die merkelsche Politik gegenüber Russland. Das inszenierte Abkanzeln und die Verweigerung. Das Beharren auf völlig unsinnigen Sanktionen, die Europa und ebenso Russland nur schaden, ohne etwas zu nützen. Gestern wartete die Kanzlerin mit der Idee einer Freihandelszone bis Wladiwostok auf und wurde dafür von der deutschen Presse gelobt. Verschwiegen wurde hierbei, dass Putin diesen Vorschlag schon vor Jahren unterbreitet hatte, dabei aber auf taube Ohren stieß. Auch dies eine Inszenierung, auch dies drag.
Vermutlich kommt daher dieses neue Verständnis gegenüber den Schwulen. Politik ist inzwischen nichts anderes als das, was jedem dahergelaufenen Hetero zum Wort schwul einfällt: eine Dragshow.
Dort wo es herkommt, dort wächst das Rettende auch, möchte ich hier Hölderlin abwandeln. Denn wer kennt sich besser mit Inszenierungen aus als Dragqueens? Wer könnte es besser durchschauen, als eine politisch aktive Dragqueen?
Es ist die vielgescholtene, allerdings auch völlig unterschätzte Conchita Wurst, die hier ansetzt. Ihr Clip Heroes ist ein Werk der Aufklärung, das entgegen allen politischen Inszenierungen eines Ost-West-Konflikts, der sich ganz merkwürdig unter anderem an den Rechten von Schwulen und Lesben entlang hangelt, eine queere Versöhnungsgeste in Richtung Russland schickt.

Das Video zu Heroes ist ein ikonographisches Meisterwerk, das Politik als Maskenspiel entlarvt.
Es sind drei Politikergestalten, die als Putin, der Präsident Ugandas Yoweri Museweni und ein texanischer Republikaner in der Erscheinung eines George Bush welcher Generation auch immer indentifiziert werden können. Sie sind es, die aus dem Himmel ihrer Macht fallen.
Es mag nicht nur westliche Politiker überraschen, dass jetzt eben kein Putin-Bashing einsetzt. Der ganze Clip zeigt ein Bemühen um Annäherung und Verstehen. Er ist aufgeladen mit buddhistischer Ikonographie: die geschlossenen Hände, die das Gute festhalten, die vom Körper abweisenden Handflächen, die das Schlechte zurückweisen. Und schließlich zum Schluss, die sich öffnenden Hände, die in diesem Fall ein christliches Kreuz als Symbol jeglicher Ideologie preisgeben, um das Sein in seiner Vielfalt zu zuzulassen.

Der Clip fordert ein, genau hinzusehen, um unsere Sehgewohnheiten zu befragen, um Inszenierungen zu durchbrechen. Schon die zweite Szene ist absichtsvoll auf Irritation angelegt. Sie wirkt zunächst wie die Nachstellung einer Pietà, die Darstellung der Mutter Gottes mit dem vom Kreuze genommenen Jesus. Doch dann wird deutlich, hier sitzt keine Tranny, die ein Werk der Kunstgeschichte parodiert. Viel zu männlich und markant sind die Züge der sonst so femininen Conchita. Hier sitzt ist ein Mann in einem Kleid, mit einer Perücke, einem graumelierten Bart und einem merkwürdigen Kopfschmuck, einem umgekehrten Nimbus vielleicht, der einen Jungen hält. Es sind Abgründe von Inszenierungen, die hier eben nicht verdeckt, sondern aufgebrochen werden. Die Inszenierung durchbricht sich selbst, verweist so darauf, dass wir immer nur Inszenierungen sehen, nur unter großer aufklärerischer Kraft dringen wir durch zu Welt.
Der Clip setzt dieses Spiel um verborgenes Selbst, Maske und Demaskierung konsequent fort, zeigt eine Welt, in der alle, die Macht ausüben, Masken tragen. Mit dem Fall aus der Macht, aus der Ideologie lösen sich diese Verzerrungen des Selbst auf; Waffen werden zu Staub, Versöhnung wird möglich.
Und es ist sicherlich kein Zufall, dass am Ende des Clips die Begegnung zwischen Conchita Wurst und der Figur stattfindet, die eine Referenz zu Putin zulässt. Nach einem Moment der Übertragung entledigen sie sich ihrer Maske und erkennen sich in ihrem So-Sein an. “We can be so beautiful”.
Thomas Neuwirth zeigt damit, wie politisch durchdrungen die von ihm geschaffene Figur der Conchita Wurst ist. Sie bemüht sich im Gegensatz zur Politik vor allem der westlichen Welt nicht um eine Eskalation von Konflikten mit dem Verweis auf zu verteidigende westliche Werte, ein Begriff der selbst schon längst zu drag geworden ist.
Conchita Wurst bemüht sich vielmehr darum, einen Raum zu stiften, in dem Masken gefahrlos abgelegt werden können, indem Verstehen hergestellt wird.
Die wunderbare Ästhetik, das Schönste daran ist, dass nun ausgerechnet aus der queeren Ecke, die von den politischen Eliten immer wieder als dasjenige ins Feld geführt wurde, an dem sich Menschenrechte wirklich messen lassen müssen, eine politische Ikonographie entfaltet wird, die sich gegen diese Instrumentalisierung nicht nur verweigert, die sie sogar noch entlarvt. Bravo!