Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.


Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.

11 Gedanken zu „Wer buht ist ein Arschloch

  1. Wrzlprz

    Mein Gott, wie tief wollen sie denn noch sinken bei ihrer Russenhatz? Muß jetzt meine Enthaltsamkeit zu Printmedien erweitern. Im Wartezimmer des Zahnarztes werde ich den * genauso behandeln wie den Spiegel: ihn ignorieren (links liegen gelassen werden können die Schmierblätter schon lange nicht mehr).

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  2. Pingback: Weltpolitik und Gartenzwerge » Wer buht ist ein Arschloch

  3. Roger Th

    In der Tat ganz nett und das drumrum beim ESC ist eh nicht meine Welt.
    Wenn Nicole mit ein bißchen Rumgeheule da was reißt, kanns eh damit nicht weit her sein.
    Man instrumentalisiert halt alles mögliche und nichts ist einem zu blöd – siehe Sotchi.

    Aber eine Russin, die mich über 2 Tage musikalisch in ihren Bann gezogen hat – und vom Stil eher mein Fall, ist Pelageja:

    Bessere Botschafter braucht Russland nicht ^^.

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  4. kulinux

    „Scheinheiliger geht es nicht?“ Doch. Noch viel scheinheiliger ist, wenn man als Schreiberling des vom Nazi-Propagandisten Nannen gegründeten „Stern“ (sogar den Namen trug schon sein NS-Blatt!) anderen vorwirft, sich scheinheilig für Frieden einzusetzen, während man selbst wieder und immer noch Teil einer Propagandamaschinerie ist, die Deutschland und Europa wieder in einen Krieg stürzen will. DAS ist ZUM KOTZEN!

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  5. Horst Schulte

    Heidi Klum – Bashing ist ja in. Aber ihr seid verdammt unfair. Die Russin ist 28, Heidi Klum dagegen immerhin schon 41. Aber dafür singt Polina viel besser🙂

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  6. Nie wieder FASCHISMUS

    Der Titel ist gut, der Song ausgezeichnet und die Sängerin Polina Gagarina ist eine Schönheit. Eigentlich beste Voraussetzungen für eine gute Plazierung.
    Trotzdem fürchte ich, die Tatsache, dass sie für Russland antritt, wird von den Kommenatoren sicher negativ und manipulativ bewertet werden und es ist durchaus möglich, dass es im Publikum auch professionelle Buh-Rufer gibt.

    Wie arg man mit russischen Künstlern umgeht, dafür ist die überragende Opernsängerin Anna Netrebko ein Beispiel.

    Anfang Dezember vorigen Jahres wollte sie Gutes tun und spendete für das teilweise zerstörte Donezker Opernhaus und die Donezker Opernsänger 1.000.000 Rubel (ca. 15.000 €)

    Glaubt ihr, dass diese Großzügigkeit Anklang fand? In Donezk sicher, aber bei uns das völlige Gegenteil:

    Anna Netrebko übergab die Spende in Petersburg an den ukrainischen Oppositionspolitiker Oleg Zarjow
    Dadurch setzte sich die Opernsängerin einem SHITSTORM sondergleichen aus. Von Boykottaufrufen ihrer Aufführungen bis hin zum Aufruf des Entzugs ihres österreichischen Passes und gar der österreichischen Staatsbürgerschaft fand man alles. Auch das österreichische Außenministerium hatte sie gerügt (Ich schäme mich für mein Heimatland!), und – obwohl der Werbevertrag mit den Austrian Airlines abgelaufen war – musste sie denen Rede und Antwort stehen.

    Warum?
    a) Weil es eine Spende für Donezk war
    b) Weil man ihr bei der Spendenübergabe einen Zipfel der neurussischen Flagge in die Hand gedrückt hatte
    c) Weil es Oleg Zarjow war, der diese Spende entgegennahm

    http://derstandard.at/2000009193536/Netrebko-will-ahnungslos-neben-Separatistenfuehrer-gestanden-sein

    Zarjow überlebte 2014 mehrere Attentatsversuche und Brandanschläge, Kolomoiski hatte auf ihn 1.000.000 $ Kopfgeld ausgesetzt, in Kiew steht er auf der Fahndungsliste wegen “Kontakt zu Saparatisten”, deshalb steht er auch auf der Sanktionsliste der EU.
    Er ist -entgegen den MSM-Meldungen – KEIN “Separatistenführer”, aber da er in der Ukraine schwerst gefährdet ist, ist er nun im Donbass.

    Da will jemand Gutes tun und spendet dem Donbass 15.000 € und muss sich dann solchen Shitstorm und solche Angriffe gefallen lassen.

    Unsere Medien sind wirklich das Allerletzte!

    Antwort
    1. Alex

      zu den a, b und c Punktenb muss ich sagen, dass die halbe Wahrheite ist gleich halbe Lüge!
      Der fehlende Teil der Wahrheit besteht darin, dass Netrebko bewusst mit der Flage der Donetsk-Terroristen in der Hand vor der Kamera posiert hat. Sie hat bewusst an dieser PR-Aktion der Donetsk-Terrosisten teilgenommen. Sollte sie es unbewusst gemacht haben, dann ist sie schlicht und ergreifend dumm wie ein Sack.

      Die Behauptung „Kolomoiski hatte auf ihn 1.000.000 $ Kopfgeld ausgesetzt“ ist ein exzelenter Beweis für die halbe Lüge in Ihrem Beitrag – Sie haben zu den wahren 500.000 USD erfundene 500.000 USD addiert🙂 – in der Wirklichkeit hat Kolomoisky nur 500.000 USD für die Festnahme und die Auslieferung von Zarjew dem ukrainischen Innenministerium versprochen!

      Antwort
  7. Alex

    Der Autor hat zu wenig Ahnung von der Realität des Alltages in Russland und zu viel rosiger Vorstellung davon. Insbesondere von der Lage um die Schwulen dort.
    Polina (keine Frage, eine sehr gute Sängerin) hat in ihrem Instagram ein Video, wo sie Küßchen „rechts-links“ mit Conchita Wurst macht, am Vorabend der ersten Semifinale platziert. Weiss der Autor, was die Realtion der Russen darauf war? Am besten ein wörtliches Zitat der Antwort von Polina auf die Kommenatare unter dem Video:
    „Warum seid ihr so erbost? Das ist bei ihr nur eine Rolle für die Bühne, die gut ankommt! Sie ist eine tolle Darstellerin und dabei sehr intelligent! Ihr bitte alle auf den Wortwahl aufzupassen!“

    Weiter musste sie das Video durch ein Foto mit ihrem Mann ersetzen (weil ihr selbst die lesbische Neigung unterstellt wurde):
    „Mit diesem Posting will ich eine Antwort auf die oberen unglaublich boshafte Kommentare geben… Ich bin sehr enttäuscht und ich habe nicht erwartet, dass es so viel Untolleranz und Hass in den Menschen stecken können! Ich fordere nicht auf, Conchita zu LIEBEN, ich fordere keinen auf, die Transsexuellen, etc. zu LIEBEN. Ich beschwöre euch nur keinen zu richten und dann werdet ihr nicht gerichtet. Ich beschwöre euch, ihr möget auf Wortwahl unter meines Fotos und Videos aufpassen… Wenn ihr eure Kinder vor allem, was im Fernsehen und im Internet ausgestrahlt wird, beschützen wollt, solltet ihr in die Berge ziehen und Kinder in der Unwissenheit grossziehen! Ich habe einen Sohn, er ist 7, er besucht den Kindergarten für Kinder, die entweder schlecht oder gar nicht sehen können. Der Grund war, dass dieser Kindergarten in unserer Nähe ist. Und er kommt jetzt gar nicht auf den Gedanken mit dem Finder auf einen Gehbehinderten oder einen Blinden zu zeigen! Man kann und soll den Kindern über alles erzählen! Sie sind viel klüger und manchmal viel weiser als wir. Ich habe einen Ehemann, ich habe eine Familie, die ich liebe. Ausserdem gibt es um uns sehr tallentierte Menschen, und viele von ihnen sind schwul! Und dieser Umstand wird nie und auf keine Weise meine gute Einstellung zu ihnen ändern, weil ich für menschliche Kontakte und die Liebe bin!“

    Ja, „Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland.“…solange man sich nicht outet oder sogar seine Sympathie oder seine Akzeptanz für die Schwulen zeigt. Aber sogar so ein kleines Beispiel aus dem Leben von Polina Gagarina zeigt, auf welchen Hass kann man in Russland doch stossen, wenn es um Anderssein geht!!! Nochmals – der Hass kommt nicht von den Russlandhassern, sondern von den Russen selbst.

    Antwort
  8. Pingback: Strukturelle Gewalt | Gert Ewen Ungar

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