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Marija Sacharova und die heuchlerische Empörung der LGBT-Bewegung

 

Die kulturchauvinistische, neokoloniale und in ihrem Kern rassistische LGBT-Bewegung schlug heute wieder zu. Wen traf es wohl? Es wird keinen wundern, es traf Russland. Das Lieblingshassobjekt der neoliberalen, transatlantisch integrierten West-Schwuppe.

Die Schwestern im Westen sind empört. Zutiefst empört. Marija Sacharovoa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, weigerte sich, einem finnischen Journalisten zu seinen Fragen bezüglich angeblicher Schwulenverfolgung in der russischen Republik Tschetschenien Rede und Antwort zu stehen. Sie bittet vielmehr das Oberhaupt der Republik Ramsan Kadyrov öffentlich, den Journalisten bei seinen Recherchen vor Ort zu unterstützen.

Dass Sacharova etwas angenervt wirkt, hat einen guten Grund, denn vor kurzem erst wurde sie von Katie Couric für Yahoo News interviewt.

https://www.yahoo.com/katiecouric/exclusive-russian-spokeswoman-ridiculous-airstrikes-syria-french-election-fake-news-dangers-gays-chechnya-214107526.html

Das Interview ist sehr sehenswert, weniger wegen der gestellten Fragen. Die sind reichlich blöde. Vielmehr wegen der klugen Antworten Sacharovas. Blöde Fragen zum Thema Tschetschenien geht es dann ab Minute 16:34.

Couric stellt nahezu die gleichen Fragen, die der um das Wohlergehen tschetschenischer Schwuler besorgte Journalist des finnischen Staatsfernsehens stellt. Sacharova gibt daher auch praktisch die gleiche Antwort.

Der westliche Qualitätsjournalismus hat ein Problem, denn ihre Repräsentanten sind offensichtlich ganz schlecht ausgebildet. Sie wissen allem Anschein nach nicht, wer wofür zuständig ist.

Sacharova jedenfalls verweist zurecht darauf, dass sie als Sprecherin des Außenministeriums für Außenpolitik zuständig ist. Das ist ihr Fachgebiet. Tschetschenien ist aber eine innere Angelegenheit, denn Tschetschenien liegt in Russland.

Dafür ist daher auch das Innenministerium zuständig. Merkt ihr was? Innere Angelegenheit – Innenministerium; äußere Angelegenheiten – Außenministerium. Es gibt da auch für Qualitätsjournalisten Zusammenhänge zu entdecken.   

Man könnte eventuell noch mal den Regierunssprecher fragen, zum Thema müsste er was sagen können. Der heißt Dmitry Peskow und ist unter dieser Webadresse zu erreichen: www.kremlin.ru

Wahrscheinlich wird er sagen, dass sowohl die russische Menschenrechtsbeauftragte als auch die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe untersuchen, es also alles seinen rechtsstaatlichen Gang geht.

Das ist der westzentrierten, empörungswilligen LGBT-Gemeinde freilich nicht genug. Entsprechend müssen die Berichte über die Vorgänge mit Beifügungen wie “eiskalt”, “zynisch”, “drohend” ausstaffiert werden, damit das Grauen auch auf jeden Fall deutlich wird, mit dem man Russland verbinden möchte. Das hat natürlich mit Journalismus nichts zu tun. Das dient einzig und allein dazu Vorurteile und Rassismen zu züchten und aufrecht zu erhalten.

Man kann Sacharova nur zustimmen: Russland ist nicht die USA und Grosny ist nicht Orlando. Russland ist ein freies und vor allem friedliches Land, in dem noch nicht mal die Streifenpolizisten mit Pistolen bewaffnet sind. Fahrt einfach hin, schaut es euch an und stellt eure Fragen.  

Hier der Bericht, der meinem Artikel zugrunde liegt. Er ist ein Beispiel ganz schlechten Stils.  Es geht aus ihm zudem deutlich hervor, dass es gar nicht um Aufklärung geht. Was in Tschetschenien tatsächlich passiert ist, ist der westlichen Polit-Homolette überhaupt nicht von Interesse. Von Interesse ist nur dieses wundervolle Gefühl, sich moralisch empören zu können, dass das Vorurteil bedient wird, und dass reichlich Spenden nach Russland in obskure NGOs fließen. Was passiert eigentlich mit der ganzen Kohle? Fragt da mal jemand nach?

Russophobie: Über das antirussische und Soros-finanzierte Engagement von Enough is Enough

Es war alles ganz einfach. Im Jahr 2013 gründen aus großer Empörung über das russische Anti-Gay-Propaganda-Gesetz sieben Personen einen Verein, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, gegen Homophobie vorzugehen. Bereits im ersten Monat ihres Bestehens bringt die junge Initiative über zehntausend Menschen auf die Straße, die in Berlin vor der russischen Botschaft gegen Putin, gegen Homophobie in Russland und das gerade verabschiedete Gesetz demonstrieren.

Ein schöner Gründungsmythos, den der Verein Enough is Enough über sich selbst verbreitet und mithilfe dessen er sich als richtige Graswurzelbewegung beschreibt. Ganz an der Basis, ganz menschlich, ganz direkt. Das eigene Entsetzen über die Vorgänge in Russland erfolgreich in Energie für die Aktion umgewandelt. Raus auf die Straße, Mobilisierungsvideos mit bekannten Gesichtern der Szene gedreht, Plakate in einem einheitlichen Design entworfen und in Druck gegeben, in den Kneipen und Bars plakatiert, und, und, und… Von einer Idee beim Spieleabend zur kampagnenstarken Initiative mit großem Medienecho in gerade mal einem Monat.

So schön diese Geschichte ist, so wenig glaubhaft ist sie.

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LGBT-Aktionsbündnis hält Mahnwache wegen mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien

Ein LGBT-Aktionsbündnis hält Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt. Hintergrund sind unbestätigte Berichte über Menschenrechtsverletzungen an Schwulen in der russischen Republik Tschetschenien. Die Aktion richtet sich an die Bundeskanzlerin, die ihren Einfluss auf Putin geltend machen soll.

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„Schwulen-Genozid“ in Tschetschenien – Neues aus der Fake-News-Fabrik

Konzentrationslager für hunderte Schwule, Folter und Mord: Das alles soll sich, glaubt man westlichen Medien und NGOs, in der autonomen russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien zutragen. Einzig die dortige Gay-Community weiß nichts darüber.

 

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Enough is Enough: Verein für LGBT-Rechte agiert als Werkzeug transatlantischer Interessengruppen

Die Sorge um die Einhaltung der Menschenrechte und das Wohl von Minderheiten ist zunächst löblich. Ein herausragendes Anliegen, für das es sich politisches Engagement lohnt. Dass dies aber auch instrumentalisiert werden kann, zeigt sich an der Organisation Enough is Enough, die sich für die Rechte von LGBT stark machen. Weltweit müsste man meinen. Aber genau das tut der Verein nicht.

 

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Die Krim – Ein Jahr danach

Bereits im vergangenen Jahr habe ich die Krim besucht. Damals war ich überrascht von der Situation, die sich vor Ort so ganz anders darstellte als in unseren Medien beschrieben. Jalta war damals im Gegensatz zu den Behauptungen von Golineh Atai und ihren Mainstream-Kollegen gut besucht. Es gab auch keine Engpässe in der Versorgung, Jalta zeigte sich schon im vergangenen Jahr als subtropisches Ferienidyll. In diesem Jahr bin ich wieder nach Jalta gereist. Etwas zog mich hin zu diesem Ort. Ich hatte eigentlich geplant, einen anderen Ort in Russland zu besuchen, Sotchi vielleicht oder den Baikal-See. Russland ist groß, multikulturell, vielgestaltig, bietet daher eine große Auswahl an Orten, die es wert sind, bereist zu werden. Doch ich wollte nochmals auf die Krim. Ich hatte von ihr geträumt, immer wieder in den vergangenen Monaten. Immer wieder war ich nachts in ihre Schönheit eingelassen.

Ich plante eine zweiwöchige Reise. Zur Sommersonnenwende, den weißen Nächten, fuhr ich mit meinem Freund Pawel  nach Sankt Petersburg, anschließend reiste ich über Moskau auf die Krim.

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Krim in diesem Jahr nicht gut besucht, sie war schlicht voll. Es fing schon auf dem Moskauer Flughafen Vnukovo an. Ich hatte es für einen Fehler im Buchungssystem gehalten, als ich es auf meinem Ausdruck zu Hause gelesen hatte. Aber es war tatsächlich so, dass der knapp zweistündige Flug mit einer Boeing 747, dem zweitgrößten Passagierflugzeug der Welt durchgeführt wurde, das eigentlich für Langstreckenflüge ausgelegt ist, nun aber zwischen Moskau und Simferopol im Pendelverkehr eingesetzt wird, um den Andrang bewältigen zu können.

Der Flughafen in Simferopol ist für derart große Maschinen nicht ausgelegt. Das fängt schon beim Ausstieg an. Man verlässt die zweigeschossige Boeing über eine mobile Gangway und wird mit Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Das ist doch sehr ungewöhnlich. Bei den Gepäckbändern geht es weiter, sie sind viel zu kurz, um die große Zahl an Koffern aufzunehmen. Der kleine Flughafen, der im vergangenen Jahr an seiner Belastungsgrenze arbeitete, arbeitet jetzt jenseits davon. Entsprechend groß sind die Verspätungen, zu denen es kommt. Auf meinem Hinflug waren es fünf, auf meinem Rückflug immerhin noch knapp drei.

Die Nachfrage nach Urlaub auf der Krim wurde in diesem Jahr zusätzlich dadurch befeuert, dass für Russland die Urlaubsziele Türkei und Ägypten ausfielen, darüber hinaus bedingt durch einen ungünstigen Rubelkurs Reisen in die Eurozone unverhältnismäßig teuer sind.

Die Sanktionen gegen die Krim, die zu den Russland-Sanktionen die Halbinsel zusätzlich treffen sollen, sind noch in Kraft. Das heißt, die Krim ist noch immer vom SWIFT-Zahlungsverkehr abgeschnitten. Kreditkarten funktionieren daher nicht. Allerdings hat sich die Situation im Vergleich zum vergangenen Jahr doch verbessert. Zumindest für die Russen. Denn angesichts der Drohungen, im Rahmen eines erweiterten Sanktionsregimes Russland vollständig vom SWIFT-System auszuschließen und dem faktischen Ausschluss der Krim hat Russland ein eigenes Zahlungssystem entwickelt, das inzwischen auch in China eingesetzt werden kann. Die Krim-Sanktionen haben diese Entwicklung beschleunigt.

Kommt man aus der EU bedeutet das aber, dass man mit Bargeld anreisen muss. Weitere Sanktionen gegen die Krim sind unter anderem, dass in Reisebüros des Westens keine Reisen auf die Krim angeboten werden dürfen. Weiterhin erhalten die Bewohner der Krim kein Schengen-Visum. Sippenhaft. Ganz primitiv. Falsch abgestimmt, dann müssen alle dran glauben. Kennt man auch aus Griechenland. Der Westen zeigt in seinen Handlungen wenig Souveränität.
An der Haltung der Krimbewohner ändern die Sanktionen freilich nichts. Im Gegenteil erscheint vor Ort das westliche Sanktionsregime als reichlich absurdes Theater. Ich persönlich frage mich, warum westliche Regierungen die Forschungsergebnisse in Psychologie und Pädagogik so vehement ignorieren. Gesetzt den Fall, man hielte es für sinnvoll, und man will eine Verhaltensänderung erreichen, dann sind Stubenarrest und Taschengeldentzug als Mittel gegenüber einer Person völlig ungeeignet, die sich als eigenständig, voll entwickelt und daher auf Augenhöhe sieht. Es wirkt in seiner Unangemessenheit reichlich lächerlich, disqualifiziert daher eher den Sanktionerer als ernst zu nehmendes Subjekt. Das gilt für einzelne Individuen genauso, wie für Gruppen und Nationen.  

Die Krim ist von einer beeindruckenden Schönheit. Wie gesagt, hatte ich ursprünglich geplant, an einem anderen Ort in Russland meine freien Tage zu verbringen. Allerdings war der Drang, wieder auf die Krim zu fahren schließlich übergroß. Es gab da auch noch viel zu entdecken, schließlich hatte ich längst nicht alles gesehen. Es gab da beispielsweise Simeiz, das sich zu Jalta verhält wie Sitges zu Barcelona. Ein kleiner, gayfriendly Badeort, der laut Auskunft von Freunden wohl schon in der Sowjetzeit einschlägig bekannt war. Sowas gibt es in Deutschland nicht, im angeblich homophoben Russland komischerweise schon. Da stimmt wieder mal was mit der hiesigen Wahrnehmung nicht. 

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Der Zugang zum dortigen FKK-Strand ist alles andere als barrierefrei. Man muss schon ein bisschen klettern und braucht feste Schuhe, um den zwar gut ausgeschilderten, aber doch sehr felsigen Weg hinab zu bewältigen. Dafür wird man unten angekommen um so mehr entschädigt. Die kleine Bucht bietet einen schönen Ausblick auf das Schwarze Meer, eingerahmt von Steilküste, die dem ganzen Szenario eine unglaublich ästhetische Dramatik verleiht.

Viele junge Leute sind in Simeiz, nicht nur, weil Europa derzeit teuer ist. Es herrscht hier ein anderes Flair. Obwohl gayfriendly fehlt die im Westen so typische schrille, fast schon hysterische Komponente. Keine Muskelmänner in High Heels, kein zur Schau getragener Fetischismus, außerhalb der Bars keine Drag-Shows. Wem das Schrille einer westlichen Gay Pride nicht liegt, wer aber trotzdem auf die Community nicht verzichten möchte, der wäre hier eigentlich richtig.

In Simeiz wird fühlbar, wie anders eine gay community auch möglich wäre. Allerdings werden diese Alternative die westlichen Vertreter à la Meth-Konsument Beck von den Grünen zu diskreditieren wissen. Unsere Transatlantiker mit emanzipatorischem Anstrich dulden nur eine Form der Darstellung von queerer Emanzipation, und die ist schrill, laut bunt, marktkonform, fokussiert auf die weiße, bürgerliche Mittelschicht, ein bisschen rassistisch und natürlich wenig Kultur sensibel. Es muss überall die gleiche Soße sein, sonst schmeckt es nicht. Diese nicht nur aber vor allem bei den Grünen weit verbreitete Haltung kann man mit einiger Berechtigung auch Kulturchauvinismus oder neokoloniales Denken nennen, zumal es in diesem Fall tatsächlich dazu eingesetzt wird, zu hetzen, zu spalten und eine Aggression gegen Russland zu schüren.

Von unglaublicher Überheblichkeit ist dieses Denken. Völlig verkürzt, auf ganz wenige Indikatoren reduziert, bemessen westliche, allen voran Grüne Politiker die Freiheit von Schwulen und Lesben in anderen Ländern. Gay Pride ja oder nein?  Wir haben das, die nicht. Schwule Ehe ja oder nein? Gibt’s bei uns, bei denen nicht. In ganz wenigen Kategorien erschöpft sich deren Bemessungsgrundlage. Heraus kommt dann, Russland sei ein homophobes Land. Die Unzulänglichkeit dieser Methode ist offensichtlich.  Als gebe es einen objektiven Gradmesser für Homophobie jenseits von so etwas wie offiziellem Verbot und Strafen. Alle Versuche, das zu ermitteln, sind bestenfalls diskussionswürdig, meist aber einfach Humbug.

Es war übrigens die Grüne Europaabgeordnete und Vorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms, die in Kiew aus der Regenbogenfahne eine Symbol westlichen Imperialismus’ gemacht hat. Man kann nur erschrecken über soviel Arroganz.
Mit ihrer fast ausschließlichen Ausrichtung auf kulturethische, liberale Fragen und ihrer Abkehr von der Frage nach Verteilungsgerechtigkeit sind die Grünen eben keine linke, emanzipatorische Partei mehr. Die SPD freilich auch nicht.  Und bei der Linken habe ich nicht erst seit dem Wagenknecht-Bashing große Zweifel. Deutschland ist geistig verarmt. 

Hinzu kommt die Kurzsichtigkeit und mangelnde Reflexion insbesondere der Grünen im Hinblick auf Kultursensibilität, wenn es um Russland geht. Hier herrscht Ignoranz in einem erschreckenden Ausmaß. Man kann hier gerne auch schon mal von blankem Rassismus sprechen. Anders lassen sich zahlreiche Irrationalismen bis hin zum offenen Hass bei Beck Harms und Co meines Erachtens gar nicht mehr erklären. Hier werden ganz offen doppelte Standards angelegt. 

Es ist zu wünschen, das Engagement für Minderheiten und ihre Rechte würden Harms und ihre korrekt gendernden MitstreiterInnen auch auf die USA anwenden. Aber auf die Teilnahme an einer illegalen Demonstration gegen rassistische Polizeigewalt von irgendwelchen Grünen wird man noch lange warten können. Nicht die kleinste Stellungnahme ist hier zu finden, obwohl sich gerade Grüne Politiker damit hervortun, jegliche diplomatische Gepflogenheit unter den Tisch fallen zu lassen und sich kräftig in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber nur, wenn es um Osteuropa geht. 

Unter anderem an dieser Asymmetrie in der Bewertung sieht man, wie unlauter ihr Engagement auch in Sachen Russland gegen den angeblich homophoben russischen Staat ist. Es ist einfach ein ganz gewöhnlicher transatlantischer Imperialismus unter dem Deckmäntelchen des Einsetzens für Minderheiten, der hier stattfindet.

Doch bevor mein Blutdruck weiter steigt, weg von den Grünen, hin zu Angenehmerem, wieder zurück nach Simeiz.
Simeiz wäre das ideale Ziel für alle, die einen idyllischen, ruhigen Strandurlaub in der Community verbringen wollen, aber auf die in den letzten Dekaden etablierten Symbole, das dionysisch Rauschhafte und die Klischees der westlichen gay community verzichten möchten, wären da nicht die Sanktionen, die einen Besuch in Simeiz für westliche Besucher zu einem Abenteuer machen, denn die ganze Reise muss allein organisiert werden. Auf Englisch als Brückensprache kann zudem nicht vertraut werden. Ein Austausch und ein Eindruck wird somit fast unmöglich gemacht. Allerdings ist es dieses Mal der Westen der hier einen zunehmend eiserner werdenden Vorhang errichtet.

Auf der Krim wird viel über Politik gesprochen. Man beschwert sich über steigende Preise, fordert mehr Unterstützung aus Moskau, sieht den Prozess der Integration zu langsam fortschreiten. Die Anbindung an die Ukraine wünscht dabei aber niemand.
Sicherlich: Man sieht auch Aggression und wehrt sich dagegen. Allerdings verortet man den Aggressor ganz woanders als es hier in den Medien dargestellt wird: Es ist die NATO, die auf der Krim als Bedrohung empfunden wird.

Auf dem zentralen Platz der Stadt Jalta vor dem großen Lenin-Denkmal gab es an meinem dritten Aufenthaltstag eine Demonstration gegen die NATO sowie gegen die Präsenz von US-amerikanischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer. In den Reden wurde darauf verwiesen, dass man hier immer wieder gegen die NATO demonstriert hatte, auch zu Zeiten, als die Krim noch zur Ukraine gehörte. Es wurde von früheren Bemühungen um mehr Autonomie und von Abspaltungsverlangen der Krim-Bewohner erzählt, es wurde hervorgehoben, wie dann die NATO immer Präsenz gezeigt und gedroht hätte.

Die Krim hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer wieder für mehr Autonomie gestritten. Schon 1994 fand ein Referendum statt, in dem mit überwältigender Mehrheit von 90 Prozent die Bürger der Krim für einen Anschluss an Russland votierten.

Die Bürger der Krim in ihrer Vielfalt fühlen sich Russland zugehörig. Das jetzige Referendum hat dem erneut Ausdruck verliehen. Ich habe keine Stimme gehört, die sich die Ukraine zurück wünschen würde. Das wäre auch seltsam, denn es ist deutlich, was die Alternative zu subtropischen, wirtschaftlich prosperierenden Ferienidyll wäre: Bürgerkrieg in einem scheiternden Staat, faschistische Bataillone und eine unglaubliche Korruption.

In Sankt Petersburg war ich es selbst, der die NATO als Aggressor empfunden hat. An einem Abend waren wir dort in der Oper, in Don Carlos. Es war ein unglaublich geglückter Abend, eine gute Vorstellung, hochbegabte Sänger, ein Orchester mit einem virtuosen Dirigenten verbunden mit einer interessanten Inszenierung. In der Pause überfiel mich dann der Gedanke an die Übungen der NATO und die Stationierung von unter anderem deutschen Soldaten kaum 160 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, die nichts anderes übten und kein anderes Ziel verfolgten, als all dies hier zu zerstören.

Hier bei uns wird die Meinung vertreten, Russland sei international isoliert. Ein Land, das ausschließlich für sich und seine Interessen kämpft. Wer nur ein bisschen außerhalb des Mainstreams nach Informationen sucht, wird feststellen können, wie schräg und verzerrt dieses Bild ist. Russland ist, oft als treibender Motor, in eine Vielzahl von transnationalen Projekten involviert. Da sind neben BRICS die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit, die Zollunion, die New Development Bank, die Asian Infrastructure Development Bank, usw. usf. Die Liste der Großprojekte, die eine weltweite Vernetzung von Handel, kulturellem Austausch und Zusammenarbeit vorantreiben, an denen Russland maßgeblich beteiligt ist, ließ sich noch weiter fortsetzen.
Allein Europa, die Europäische Union kommt in all diesen weltumspannenden Projekten, die die Weichen für eine Neuordnung der Welt bedeuten, bestenfalls am Rande vor. Es ist der Westen, der sich isoliert hat und den Anschluss verpasst. In Russland und den mit Russland kooperierenden Ländern wird gerade ganz groß und ganz visionär gedacht. Bei uns denkt man an schwarze Nullen, Austerität, Kleinklein und in Trippelschritten, man denkt an das Wohl der großen Konzerne und Banken während die Infrastruktur zerbröckelt.

Muss man sich wirklich überlegen, ob man diese Unterordnung von Politik unter die Ökonomie für alternativlos halten möchte. Ein Blick nach Osten zeigt, dass es nicht so ist. Dort gestaltet Politik Wirtschaft in ganz großem Maßstab.  Unter anderem auf der Krim wird das sicht- und fühlbar. In nur einem Jahr ist der Wohlstand hier deutlich gewachsen. Während er in der Ukraine und der Europäischen Union für die Mehrheit der Bürger sinkt. 

Nachdem durch den Untergang des Römischen Reiches dessen Infrasturktur zerbröselte, hat es übrigens 600 Jahre gedauert, bis wieder mal eine Brücke über den Main gebaut wurde. Die war dann aus Holz.

 

Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.


Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.