Russische Propaganda 11 – Holgers Mucke mit Pathos

Vor Kurzem habe ich mich in einen Disput verwickeln lassen. Inhaltlich ging es um Russland. Die mir entgegengehaltene These war wieder einmal, dass Russland die Rechte von Schwulen, Lesben, ganz allgemein von LGBT unterdrückt.

Man kann die Reihung der Buchstaben in LGBT sicherlich durch den ein oder anderen ergänzen und das entstandene alphabetische Ensemble zudem noch mit Sternchen oder Herzchen zieren, damit auch die sich angesprochen fühlen können, deren sexuelle Identität mit einem Buchstaben nicht zu erfassen ist. Logozentrismus ist eh scheiße. Diese fundamentale Skepsis gegenüber einer wichtigen Errungenschaft unserer Kultur kann man damit gleichzeitig auch noch zum Ausdruck bringen. Aber ich schweife ab.

Ich jedenfalls hatte wieder mal einen kleinen Disput darüber, wie frei man in Russland seine Homosexualität leben kann. Wir waren zu dritt. Harm, der zwar noch nie in Russland war, aber irgendwie verstanden hat, dass er hierzulande ziemlich verarscht wird, wenn es um Russland und geopolitische Themen geht, Holger von einer Gruppe namens 100% Mensch, der voll auf Linie ist, daher offensichtlich alles glaubt, was ihm irgendwelche westlichen Medien und NGOs unter die Nase halten. Natürlich ist es für ihn jenseits jeder Vorstellung, dass man als Schwuler in Russland irgendwie über die Runden kommen kann. Nur unter tiefer Verleugnung seiner sexuellen Identität und Persönlichkeit, psychisch völlig deformiert und in beständiger Angst lebend.  Also ganz ganz schrecklich auf jeden Fall. Und dann war da noch ich, mit eigener Anschauung, vor Ort gewonnen und einer gewissen Sprachkompetenz hinsichtlich des Russischen.

LGBT-Aktivisten könnte man uns alle nennen, auch wenn ich in den letzten Jahren eine deutliche Abneigung gegen das Kürzel LGBT gewonnen habe und inzwischen bei jeder Regenbogenflagge in Misstrauen verfalle, weil ich denke: “Achtung! Augen und Ohren ganz weit auf! Kein Bier, kein Wodka, kein Gin Tonic mehr, klare Birne, denn man will dich vermutlich für irgendwas Fieses benutzen.”  

Dass ich da nicht so ganz falsch liege, dafür ist das Projekt 100% Mensch eigentlich das beste Beispiel.

Zu einem recht frühen Zeitpunkt der Diskussion musste ich zugeben, dass ich das Oeuvre von Holger nicht kenne, daher eigentlich auch nichts dazu sagen kann. Allerdings ist das Werk zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch recht überschaubar und man kann sich zügig einarbeiten. Das habe ich dann auch getan.

Die erste Produktion mit der Holger und die Seinen an die Öffentlichkeit getreten sind, ist von 2014. Ganz viele Stars haben ihn und sein Projekt unterstützt. Den Text hat er selbst geschrieben. Voll auf Emotion setzt er, von Pathos durchtränkt ist jede Zeile. Er trägt damit auch die Verantwortung für die Textzeile “wir sind illegal … in Russland”.

Was in dem ganzen Pathos ein bisschen untergeht, sind die Fakten, denn das Doofe daran ist nämlich: wir sind nicht illegal in Russland. Es ist eine glatte Lüge.

Homosexualität ist in Russland nicht verboten, im Hinblick auf die Behandlung von Transsexualität folgt Russland den Regeln zur Geschlechtsangleichung nach den Normen der Weltgesundheitsorganisation. Es ist schlicht falsch, was hier gesungen wird. Es ist sogar ein bisschen mehr noch: Es ist Hetze. Es ist Hetze. Er schwimmt gleichsam auf einem breit erzeugten anti-russischen Sentiment, wodurch der Text einerseits getragen wird, das er andererseits mit füttert.

Er hat dann noch ein bisschen auf die Christen drauf, auf die Moralapostel, ohne zu merken, wie sehr er selbst einer ist, auf die Fundamentalisten (dito). So wird das nix mit der Überwindung der Spaltung der Gesellschaft und der Gesellschaften. Dazu muss man kein Psychologiestudium absolviert haben, um das zu erkennen.  Bei 100% Mensch läuft was grundlegend schief. 
Jedenfalls: Wenn man heute in der Szene nach den homophobsten Ländern der Erde fragt, kann man sicher sein, Russland wird mit an erster Stelle genannt. Holger mit seiner Band trägt dafür mit die Verantwortung, denn er bedient dieses Klischee mit seinem Schaffen. Dabei war er weder in Russland, spricht auch die Sprache nicht. Seine Quellen sind westliche NGOs. Er verlässt sich blind darauf, dass das, was die von sich geben den Fakten entspricht und ihn nicht instrumentalisieren. Leider falsch. Völlig falsch. Und ganz objektiv betrachtet, ist Russland in Bezug auf Akzeptanz im internationalen Vergleich ziemlich weit vorne. Es gibt weitaus schlimmere Länder. Litauen zum Beispiel.  

Aber schlimmer geht ja immer. In einem etwas aktuelleren Beitrag verurteilt 100% Mensch den Rechtspopulismus. Allerdings mit etwas merkwürdigen, dem Gegenstand sehr unangemessenen Mitteln. Das Bild, das der Text zeichnet wird, ist vielsagend. Von Angst in der Nacht ist die Rede, von Misstrauen untereinander und Frust über das Nicht-gehört-Werden. Es fällt unmittelbar auf: Die rhetorischen Mittel sind identisch mit den Mitteln, gegen den das kleine Machwerk versucht zu mobilisieren. Es sind die rhetorischen Mittel des Rechtspopulismus.  

Sollte es auch sowas geben wie LGBT-Populismus? Schiere Oberflächlichkeit und Ängste schüren als Mittel um Menschen zu bewegen, politisch in einer bestimmten Weise aktiv zu werden? Ja, klar gibt es das. 100 % Mensch ist genau diesem Populismus verpflichtet.

Natürlich sehe auch ich den Rechtsrutsch. Militarisierung ist wieder groß im Kommen, Grenzen sind wieder groß in Mode, die Verteilungsfrage wird praktisch nicht mehr gestellt, sondern wurde durch die neoliberale Regenbogenfahne ersetzt. 100% Mensch ist daher nicht die Antwort auf den Rechtsrutsch, sondern ein Teil davon.  Es ist reine Gegenaufklärung.

Der Ideologie, der auch 100% Mensch auf den Leim geht, liegt die Annahme zugrunde, wenn jeder nach seiner Art leben kann, dann ist Gesellschaft befriedet. Ökonomische Ungleichheit wird bewusst ausgeklammert, sexuelle Identität akzentuiert. Das ist absolut falsch, völliger Blödsinn. Verteilungsgerechtigkeit muss herrschen, dann folgt nahezu unmittelbar mit nur einem Hauch von breiter gesellschaftlicher politischer Bildung der Gleichmut gegenüber dem (sexuellen) Glück der NachbarInnen.

Die grundlegende Annahme des Projekts ist hoch naiv, glaubt es doch, es ginge dem Westen in seiner zunehmenden Aggression gegen Russland und andere Staaten tatsächlich auch oder sogar ganz zentral um schwule Rechte, um die Rechte von LGBT.

100% Mensch versteht nicht, dass diese nur Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer neoliberalen Ordnung ist. Ist der Zweck erreicht, wird das Mittel fallen gelassen. Es geht in internationaler Politik nie um Freiheit und Menschenrechte, hat Egon Bahr einmal gesagt und hinzugefügt, es geht immer um Interessen von Staaten. Inzwischen muss man hinzufügen und von westlichen Oligarchen.

Die ganze Lächerlichkeit der politischen Diskussion in Deutschland zeigt sich auch darin, dass man inzwischen zudem noch hinzufügen muss, es geht in internationaler Politik auch nicht um schwule Ehe und Gay Prides. Wer das glaubt, hat einfach den Glockenschlag nicht gehört.

Es geht um Verteilung und Zugang zu Ressourcen, um ökonomische Modelle wer in welcher Weise am erwirtschafteten Wohlstand teilhaben darf. Das ist die aktuelle, große Klammer, die alle politischen Themen miteinander verbindet. Gay rights sind dabei ein Instrument, dem sich westliche NGOs gerne bedienen. Es ist wohlfeil, die angesprochene Gruppe fühlt sich gebauchpinselt und die emanzipatorischen Elemente wurden irgendwann in den Neunzigern entsorgt und haben einer Heulsusenmentalität Platz gemacht, die sich im Werk von 100% Mensch wunderbar niederschlägt.

Die Macher mögen sich in der Tradition von Heine sehen, doch faktisch sind sie Biedermeier in seiner schlimmsten Ausprägung. Es hat weder ein emanzipatorisches noch ein aufgeklärtes noch ein versöhnendes Moment, was hier zur Darbietung kommt. Es bedient lediglich Klischees und züchtet Hass. Es trennt und spaltet. Nix mit Dialektik und so. Aber genau das bräuchte man wieder dringend!

Hat Holger das verstanden? Vermutlich nicht. Er hat sich in der Diskussion irgendwann ausgeklinkt.

Russische Propaganda 5 – Schusswaffengebrauch der Moskauer Polizei

Es waren mal wieder anti-russische Wochen in der queeren Community Berlins. Man empörte sich erneut über irgendwas, was in Russland vorgegangen sein sollte, wofür aber wieder mal jeder handfeste Beleg fehlte.
Irgendeine deutsche LGBT-Organisation mit Georg Soros und Human Rights Watch als finanz- und  kampagnenstarke Partner im Rücken hatte zu einer öffentlichen Empörungskundgebung gerufen. Es waren als Redegäste Vertreter von anderen Organisationen geladen, die ebenfalls Georg Soros und Human Rights Watch als finanzstarke Partner ausweisen konnten.
Es empörte sich also eigentlich nur Georg Soros und das US-State Department, aber durch den Wechsel der Redner, die unterschiedliche Unterorganisationen des Soroschen NGO-Imperiums und des US-Empörungsdepartments repräsentierten, entstand der Eindruck von Vielfalt, obendrein noch der Eindruck von Wahrheit. Vermeintlich unterschiedliche Quellen behaupteten Ähnliches. Dann musste was dran sein.
Avaaz  durfte nicht fehlen, war daher auch zur Stelle, um möglichst viele Empörungswillige mit einheitlich gestalteten Plakaten auszustatten, damit das ganze auch ordentlich aussah und nicht wie Kraut und Rüben durcheinander gewürfelt wirkte. Ein schön gestalteter, einheitlicher Aufmarsch macht sich im Fernsehen einfach besser.

Ich stand rum und lauschte den Worten eines Redners, der von den Schrecken des Schwulseins in Russland erzählte, da wurde ich von der Seite angequatscht.
„Heftige Scheiße, was die da mit uns machen in Russland, oder?“
Ich konnte mich über meine Behandlung in Russland eigentlich nicht beschweren, im Gegenteil, entschloss mich aber, das für den Moment für mich zu behalten. Ich drehte mich in Richtung der Stimme und blickte in ein paar sehr junge, braune Augen.
„Warst du denn schon mal in Russland?“, wollte ich von meinem Nachbarn wissen.
„Klar! Voll krass da!“, war die Antwort. „Bin Heitor, bin DJ.“ Er bot mir die Hand dar, ich ergriff sie, nannte meinen Namen.
Ob er vom DJ sein denn leben könne, wollte ich wissen.
Er stünde noch am Anfang seiner Karriere, bekäme daher noch Geld vom Amt. Allerdings hätte er ein paar Clubs an der Hand, da würde er seinen Exotenbonus ausspielen, das ging dann schon alles klar, war sich Heitor sicher.
Seine Mutter sei nämlich Afrobrasilianerin, weswegen er auch diesen Schoko-Teint hätte. Aufgewachsen sei er aber hier. Auf eine Waldorf-Schule sei er gegangen, deswegen hätte er sicher auch was Schräges an sich. „Da bleibt was zurück“, meinte er.
Das waren wirklich sehr viele Informationen auf einmal. Das Schräge, das Heitor an sich hatte, schien mir allerdings weniger das Resultat einer anthroposophischen Erziehung, sondern  eher das Ergebnis einer kräftigen Line Speed zu sein, die zu einem ebenso kräftigen Laberflash geführt hatte. „Schoko-Teint“ hätte ich mir niemals erlaubt zu sagen. Hautfarbe ist mir ohnehin schnurz. Aber das sich jemand selbst rassistisch markiert, das war mir neu.
Der Laberflash war noch nicht zu Ende. Es war nämlich so, dass die Abschlussfahrt seiner Klasse an der Waldorfschule ihn nach Russland, genauer nach Moskau geführt hat. Dort gab es nämlich eine große anthroposophische Gemeinde. Seine Schule hätte da guten Kontakt hin. Sie seien da bei den Familien russischer Anthroposophen untergekommen….
Ich hinkte in der gedanklichen Verarbeitung des Gehörten jetzt schon ziemlich hinterher. Es ging alles etwas schnell. Von einem Hang der Russen zur Anthroposophie hatte ich noch nie gehört.  Und dass ein Lehrer sich den Mühen unterzieht, für eine ganze Klasse Visa zu beantragen oder die Eltern von der Notwendigkeit zu überzeugen,  es zu tun, schien mir irgendwie merkwürdig. Es ist ja nicht mit einem Antrag getan, man braucht ja auch noch eine entsprechende Auslandskrankenversicherung, eine Einladung, Verdienstbescheinigung. Ob es sowas wie ein Klassenfahrtvisum für die Russische Föderation gab? All das ging mir durch den Kopf da waren wir allerdings schon beim übernächsten Thema.
Auf seiner Klassenfahrt zu den anthroposophischen Russen ist Heitor nämlich der reine russische Rassismus begegnet. Die Gegend erkundend sei er durch die Moskauer Straßen gezogen, als sich plötzlich, ohne dass er irgendwas gemacht hätte, eine Polizeipatrouille vor ihm aufbaute, ihn auf die Knie zwang und ihm eine Knarre an den Kopf hielt. Einfach so, wegen seiner Hautfarbe. Menschen standen um ihn rum, zeigten mit dem Finger auf ihn, lachten ihn aus und applaudierten den Polizisten.
„Aber die Polizei-Patrouillen in Moskau tragen doch gar keine Schusswaffen! Die sind alle höchstens in deinem Alter und haben gerade mal einen Schlagstock dabei. Das ist doch nicht Amiland“, entfuhr es mir.
Ob ich an seinen Worten zweifeln würde, wollte Heitor wissen.
Eigentlich wollte ich so ziemlich ganz genau das, konnte es aber nicht äußern, denn es ging schon weiter.
Die Polizisten jedenfalls zwangen ihn mit auf die Wache zu kommen, mit der Knarre am Kopf. Dort musste er sich ausziehen und stundenlang nackt in einer Zelle stehen, bis ihn seine Gastfamilie abholen kam.
„Und diese Geschichte findet hier in der Community dankbare Zuhörer?“, wollte ich wissen.
„Du behauptest, dass ich lüge? Du hörst doch, dass das wahr ist, was ich erzähle“, meinte Heitor mit dem Fingerzeig auf die Rednerbühne.

Genau das aber ist das Problem. Über Russland kann man ungestraft so ziemlich jeden Unsinn erzählen, von dem man glaubt, er würde einem die Aura von Interessantheit verleihen. Das Gesagte findet garantiert willige Abnehmer. Je grausamer und brutaler, desto mehr Zuhörer. Da können die Geschichten noch so unstimmig sein. Wenn es um Russland geht, wird in den entsprechenden Kreisen jeder Blödsinn bereitwillig geglaubt. Und nach genau diesem Strickmuster waren auch die beständig wiederkehrenden anti-russischen Wochen der queeren Community gestrickt.

Diskriminierungsfrei töten und Völkerrecht brechen

Da hat Donald Trump doch den Schritt seines Vorgängers Obama rückgängig gemacht und nimmt künftig keine weiteren Trans-Menschen in die US-Armee auf.
Der Aufschrei in der queeren Community ist freilich groß und er besteht nur aus einem Wort: Diskrimnierung!
Und sie haben natürlich Recht: Schwule, Lesben, Trans-Menschen, alle sollen das Recht haben, in völkerrechtswidrigen Kriegen zu töten. Sie von diesem Privileg auszuschließen ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht, die Menschenrechte und das Gebot der Mitmenschlichkeit.
Wir sollten auf gar keinen Fall darüber diskutieren, warum die USA einen Angriffskrieg nach dem anderen anfangen und einen Regime-Change nach dem nächsten anzetteln.
Wir sollten uns auch auf gar keinen Fall darüber empören, warum der Militärhaushalt der USA höher ist als die Militärhaushalte der im Ranking nächsten zwölf Länder zusammen.
Unsinnig wäre auch zu überlegen, warum die USA sich das Recht herausnehmen, in anderen Ländern extralegale Tötungen en masse zu exekutieren. Ohne Anhörung, ohne Gerichtsverfahren und ohne Verteidigung versteht sich. Per Drohne und auf Knopfdruck. So leicht wie im Computerspiel. Das kann doch wirklich jede*r.
Wir dürfen uns auch keine Sekunde der Überlegung hingeben, was die USA mit ihrer Politik dazu beitragen, dass das Risiko eines nuklearen Konflikts noch nie so groß war wie zur Stunde.
All dies würde nur in die Irre führen, führt nur hin zu irgendwelchen absurden Verschwörungstheorien.
Die einzig wichtige Frage lautet, warum untersagt Trump Transmenschen in der Armee zu dienen und beraubt sie so des Privilegs legal zu töten? Und es kann nur eine Antwort darauf geben: Weil Trump transphob ist. Und das erlaubt nur eine Reaktion: Trump muss weg!
Darauf muss die Regenbogen-Community hinarbeiten. Das ist heute Emanzipation.
Zum Glück ist die Situation in Deutschland grundlegend anders: Ursula von der Leyen hat sich öffentlich bekannt: In der Bundeswehr ist jeder herzlich willkommen. Egal ob schwul, lesbisch, trans oder hetero. Es zählt nur die fachliche Qualifikation. Und die ist im Soldat*innen-Beruf das Töten anderer Menschen; dieser Vorgang findet freilich völlig frei von Diskriminierung und ganz unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit und  sexueller Identität statt.

Uns ist doch wirklich jeder moralische Kompass abhanden gekommen.

Tschetschenien – Ein Reisebericht

Zu den abenteuerlichsten Storys des westlichen Mainstreams gehörte Anfang des Jahres jene von den angeblichen staatlichen Straflagern für Schwule in Tschetschenien. Gert-Ewen Ungar ging den Darstellungen mit einer Recherche vor Ort nach.

Als sich im April die Nachricht verbreitete, in Tschetschenien würden staatliche Stellen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgen und in Lagern internieren, in denen sie gefoltert würden, war ich irritiert. Aus der Ferne, aus Deutschland heraus betrachtet, ergab die Geschichte in ihren Details überhaupt keinen Sinn. Warum sollten staatliche russische Stellen Homosexuelle verfolgen? Und dann auch noch in Tschetschenien? Da gab es doch gerade wirtschaftliches Wachstum und daher nicht einmal eine Notwendigkeit, irgendeinen Sündenbock an den Pranger zu stellen.

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Marija Sacharova und die heuchlerische Empörung der LGBT-Bewegung

 

Die kulturchauvinistische, neokoloniale und in ihrem Kern rassistische LGBT-Bewegung schlug heute wieder zu. Wen traf es wohl? Es wird keinen wundern, es traf Russland. Das Lieblingshassobjekt der neoliberalen, transatlantisch integrierten West-Schwuppe.

Die Schwestern im Westen sind empört. Zutiefst empört. Marija Sacharovoa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, weigerte sich, einem finnischen Journalisten zu seinen Fragen bezüglich angeblicher Schwulenverfolgung in der russischen Republik Tschetschenien Rede und Antwort zu stehen. Sie bittet vielmehr das Oberhaupt der Republik Ramsan Kadyrov öffentlich, den Journalisten bei seinen Recherchen vor Ort zu unterstützen.

Dass Sacharova etwas angenervt wirkt, hat einen guten Grund, denn vor kurzem erst wurde sie von Katie Couric für Yahoo News interviewt.

https://www.yahoo.com/katiecouric/exclusive-russian-spokeswoman-ridiculous-airstrikes-syria-french-election-fake-news-dangers-gays-chechnya-214107526.html

Das Interview ist sehr sehenswert, weniger wegen der gestellten Fragen. Die sind reichlich blöde. Vielmehr wegen der klugen Antworten Sacharovas. Blöde Fragen zum Thema Tschetschenien geht es dann ab Minute 16:34.

Couric stellt nahezu die gleichen Fragen, die der um das Wohlergehen tschetschenischer Schwuler besorgte Journalist des finnischen Staatsfernsehens stellt. Sacharova gibt daher auch praktisch die gleiche Antwort.

Der westliche Qualitätsjournalismus hat ein Problem, denn ihre Repräsentanten sind offensichtlich ganz schlecht ausgebildet. Sie wissen allem Anschein nach nicht, wer wofür zuständig ist.

Sacharova jedenfalls verweist zurecht darauf, dass sie als Sprecherin des Außenministeriums für Außenpolitik zuständig ist. Das ist ihr Fachgebiet. Tschetschenien ist aber eine innere Angelegenheit, denn Tschetschenien liegt in Russland.

Dafür ist daher auch das Innenministerium zuständig. Merkt ihr was? Innere Angelegenheit – Innenministerium; äußere Angelegenheiten – Außenministerium. Es gibt da auch für Qualitätsjournalisten Zusammenhänge zu entdecken.   

Man könnte eventuell noch mal den Regierunssprecher fragen, zum Thema müsste er was sagen können. Der heißt Dmitry Peskow und ist unter dieser Webadresse zu erreichen: www.kremlin.ru

Wahrscheinlich wird er sagen, dass sowohl die russische Menschenrechtsbeauftragte als auch die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe untersuchen, es also alles seinen rechtsstaatlichen Gang geht.

Das ist der westzentrierten, empörungswilligen LGBT-Gemeinde freilich nicht genug. Entsprechend müssen die Berichte über die Vorgänge mit Beifügungen wie “eiskalt”, “zynisch”, “drohend” ausstaffiert werden, damit das Grauen auch auf jeden Fall deutlich wird, mit dem man Russland verbinden möchte. Das hat natürlich mit Journalismus nichts zu tun. Das dient einzig und allein dazu Vorurteile und Rassismen zu züchten und aufrecht zu erhalten.

Man kann Sacharova nur zustimmen: Russland ist nicht die USA und Grosny ist nicht Orlando. Russland ist ein freies und vor allem friedliches Land, in dem noch nicht mal die Streifenpolizisten mit Pistolen bewaffnet sind. Fahrt einfach hin, schaut es euch an und stellt eure Fragen.  

Hier der Bericht, der meinem Artikel zugrunde liegt. Er ist ein Beispiel ganz schlechten Stils.  Es geht aus ihm zudem deutlich hervor, dass es gar nicht um Aufklärung geht. Was in Tschetschenien tatsächlich passiert ist, ist der westlichen Polit-Homolette überhaupt nicht von Interesse. Von Interesse ist nur dieses wundervolle Gefühl, sich moralisch empören zu können, dass das Vorurteil bedient wird, und dass reichlich Spenden nach Russland in obskure NGOs fließen. Was passiert eigentlich mit der ganzen Kohle? Fragt da mal jemand nach?

Russophobie: Über das antirussische und Soros-finanzierte Engagement von Enough is Enough

Es war alles ganz einfach. Im Jahr 2013 gründen aus großer Empörung über das russische Anti-Gay-Propaganda-Gesetz sieben Personen einen Verein, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, gegen Homophobie vorzugehen. Bereits im ersten Monat ihres Bestehens bringt die junge Initiative über zehntausend Menschen auf die Straße, die in Berlin vor der russischen Botschaft gegen Putin, gegen Homophobie in Russland und das gerade verabschiedete Gesetz demonstrieren.

Ein schöner Gründungsmythos, den der Verein Enough is Enough über sich selbst verbreitet und mithilfe dessen er sich als richtige Graswurzelbewegung beschreibt. Ganz an der Basis, ganz menschlich, ganz direkt. Das eigene Entsetzen über die Vorgänge in Russland erfolgreich in Energie für die Aktion umgewandelt. Raus auf die Straße, Mobilisierungsvideos mit bekannten Gesichtern der Szene gedreht, Plakate in einem einheitlichen Design entworfen und in Druck gegeben, in den Kneipen und Bars plakatiert, und, und, und… Von einer Idee beim Spieleabend zur kampagnenstarken Initiative mit großem Medienecho in gerade mal einem Monat.

So schön diese Geschichte ist, so wenig glaubhaft ist sie.

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LGBT-Aktionsbündnis hält Mahnwache wegen mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien

Ein LGBT-Aktionsbündnis hält Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt. Hintergrund sind unbestätigte Berichte über Menschenrechtsverletzungen an Schwulen in der russischen Republik Tschetschenien. Die Aktion richtet sich an die Bundeskanzlerin, die ihren Einfluss auf Putin geltend machen soll.

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„Schwulen-Genozid“ in Tschetschenien – Neues aus der Fake-News-Fabrik

Konzentrationslager für hunderte Schwule, Folter und Mord: Das alles soll sich, glaubt man westlichen Medien und NGOs, in der autonomen russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien zutragen. Einzig die dortige Gay-Community weiß nichts darüber.

 

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Enough is Enough: Verein für LGBT-Rechte agiert als Werkzeug transatlantischer Interessengruppen

Die Sorge um die Einhaltung der Menschenrechte und das Wohl von Minderheiten ist zunächst löblich. Ein herausragendes Anliegen, für das es sich politisches Engagement lohnt. Dass dies aber auch instrumentalisiert werden kann, zeigt sich an der Organisation Enough is Enough, die sich für die Rechte von LGBT stark machen. Weltweit müsste man meinen. Aber genau das tut der Verein nicht.

 

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Die Krim – Ein Jahr danach

Bereits im vergangenen Jahr habe ich die Krim besucht. Damals war ich überrascht von der Situation, die sich vor Ort so ganz anders darstellte als in unseren Medien beschrieben. Jalta war damals im Gegensatz zu den Behauptungen von Golineh Atai und ihren Mainstream-Kollegen gut besucht. Es gab auch keine Engpässe in der Versorgung, Jalta zeigte sich schon im vergangenen Jahr als subtropisches Ferienidyll. In diesem Jahr bin ich wieder nach Jalta gereist. Etwas zog mich hin zu diesem Ort. Ich hatte eigentlich geplant, einen anderen Ort in Russland zu besuchen, Sotchi vielleicht oder den Baikal-See. Russland ist groß, multikulturell, vielgestaltig, bietet daher eine große Auswahl an Orten, die es wert sind, bereist zu werden. Doch ich wollte nochmals auf die Krim. Ich hatte von ihr geträumt, immer wieder in den vergangenen Monaten. Immer wieder war ich nachts in ihre Schönheit eingelassen.

Ich plante eine zweiwöchige Reise. Zur Sommersonnenwende, den weißen Nächten, fuhr ich mit meinem Freund Pawel  nach Sankt Petersburg, anschließend reiste ich über Moskau auf die Krim.

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Krim in diesem Jahr nicht gut besucht, sie war schlicht voll. Es fing schon auf dem Moskauer Flughafen Vnukovo an. Ich hatte es für einen Fehler im Buchungssystem gehalten, als ich es auf meinem Ausdruck zu Hause gelesen hatte. Aber es war tatsächlich so, dass der knapp zweistündige Flug mit einer Boeing 747, dem zweitgrößten Passagierflugzeug der Welt durchgeführt wurde, das eigentlich für Langstreckenflüge ausgelegt ist, nun aber zwischen Moskau und Simferopol im Pendelverkehr eingesetzt wird, um den Andrang bewältigen zu können.

Der Flughafen in Simferopol ist für derart große Maschinen nicht ausgelegt. Das fängt schon beim Ausstieg an. Man verlässt die zweigeschossige Boeing über eine mobile Gangway und wird mit Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Das ist doch sehr ungewöhnlich. Bei den Gepäckbändern geht es weiter, sie sind viel zu kurz, um die große Zahl an Koffern aufzunehmen. Der kleine Flughafen, der im vergangenen Jahr an seiner Belastungsgrenze arbeitete, arbeitet jetzt jenseits davon. Entsprechend groß sind die Verspätungen, zu denen es kommt. Auf meinem Hinflug waren es fünf, auf meinem Rückflug immerhin noch knapp drei.

Die Nachfrage nach Urlaub auf der Krim wurde in diesem Jahr zusätzlich dadurch befeuert, dass für Russland die Urlaubsziele Türkei und Ägypten ausfielen, darüber hinaus bedingt durch einen ungünstigen Rubelkurs Reisen in die Eurozone unverhältnismäßig teuer sind.

Die Sanktionen gegen die Krim, die zu den Russland-Sanktionen die Halbinsel zusätzlich treffen sollen, sind noch in Kraft. Das heißt, die Krim ist noch immer vom SWIFT-Zahlungsverkehr abgeschnitten. Kreditkarten funktionieren daher nicht. Allerdings hat sich die Situation im Vergleich zum vergangenen Jahr doch verbessert. Zumindest für die Russen. Denn angesichts der Drohungen, im Rahmen eines erweiterten Sanktionsregimes Russland vollständig vom SWIFT-System auszuschließen und dem faktischen Ausschluss der Krim hat Russland ein eigenes Zahlungssystem entwickelt, das inzwischen auch in China eingesetzt werden kann. Die Krim-Sanktionen haben diese Entwicklung beschleunigt.

Kommt man aus der EU bedeutet das aber, dass man mit Bargeld anreisen muss. Weitere Sanktionen gegen die Krim sind unter anderem, dass in Reisebüros des Westens keine Reisen auf die Krim angeboten werden dürfen. Weiterhin erhalten die Bewohner der Krim kein Schengen-Visum. Sippenhaft. Ganz primitiv. Falsch abgestimmt, dann müssen alle dran glauben. Kennt man auch aus Griechenland. Der Westen zeigt in seinen Handlungen wenig Souveränität.
An der Haltung der Krimbewohner ändern die Sanktionen freilich nichts. Im Gegenteil erscheint vor Ort das westliche Sanktionsregime als reichlich absurdes Theater. Ich persönlich frage mich, warum westliche Regierungen die Forschungsergebnisse in Psychologie und Pädagogik so vehement ignorieren. Gesetzt den Fall, man hielte es für sinnvoll, und man will eine Verhaltensänderung erreichen, dann sind Stubenarrest und Taschengeldentzug als Mittel gegenüber einer Person völlig ungeeignet, die sich als eigenständig, voll entwickelt und daher auf Augenhöhe sieht. Es wirkt in seiner Unangemessenheit reichlich lächerlich, disqualifiziert daher eher den Sanktionerer als ernst zu nehmendes Subjekt. Das gilt für einzelne Individuen genauso, wie für Gruppen und Nationen.  

Die Krim ist von einer beeindruckenden Schönheit. Wie gesagt, hatte ich ursprünglich geplant, an einem anderen Ort in Russland meine freien Tage zu verbringen. Allerdings war der Drang, wieder auf die Krim zu fahren schließlich übergroß. Es gab da auch noch viel zu entdecken, schließlich hatte ich längst nicht alles gesehen. Es gab da beispielsweise Simeiz, das sich zu Jalta verhält wie Sitges zu Barcelona. Ein kleiner, gayfriendly Badeort, der laut Auskunft von Freunden wohl schon in der Sowjetzeit einschlägig bekannt war. Sowas gibt es in Deutschland nicht, im angeblich homophoben Russland komischerweise schon. Da stimmt wieder mal was mit der hiesigen Wahrnehmung nicht. 

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Der Zugang zum dortigen FKK-Strand ist alles andere als barrierefrei. Man muss schon ein bisschen klettern und braucht feste Schuhe, um den zwar gut ausgeschilderten, aber doch sehr felsigen Weg hinab zu bewältigen. Dafür wird man unten angekommen um so mehr entschädigt. Die kleine Bucht bietet einen schönen Ausblick auf das Schwarze Meer, eingerahmt von Steilküste, die dem ganzen Szenario eine unglaublich ästhetische Dramatik verleiht.

Viele junge Leute sind in Simeiz, nicht nur, weil Europa derzeit teuer ist. Es herrscht hier ein anderes Flair. Obwohl gayfriendly fehlt die im Westen so typische schrille, fast schon hysterische Komponente. Keine Muskelmänner in High Heels, kein zur Schau getragener Fetischismus, außerhalb der Bars keine Drag-Shows. Wem das Schrille einer westlichen Gay Pride nicht liegt, wer aber trotzdem auf die Community nicht verzichten möchte, der wäre hier eigentlich richtig.

In Simeiz wird fühlbar, wie anders eine gay community auch möglich wäre. Allerdings werden diese Alternative die westlichen Vertreter à la Meth-Konsument Beck von den Grünen zu diskreditieren wissen. Unsere Transatlantiker mit emanzipatorischem Anstrich dulden nur eine Form der Darstellung von queerer Emanzipation, und die ist schrill, laut bunt, marktkonform, fokussiert auf die weiße, bürgerliche Mittelschicht, ein bisschen rassistisch und natürlich wenig Kultur sensibel. Es muss überall die gleiche Soße sein, sonst schmeckt es nicht. Diese nicht nur aber vor allem bei den Grünen weit verbreitete Haltung kann man mit einiger Berechtigung auch Kulturchauvinismus oder neokoloniales Denken nennen, zumal es in diesem Fall tatsächlich dazu eingesetzt wird, zu hetzen, zu spalten und eine Aggression gegen Russland zu schüren.

Von unglaublicher Überheblichkeit ist dieses Denken. Völlig verkürzt, auf ganz wenige Indikatoren reduziert, bemessen westliche, allen voran Grüne Politiker die Freiheit von Schwulen und Lesben in anderen Ländern. Gay Pride ja oder nein?  Wir haben das, die nicht. Schwule Ehe ja oder nein? Gibt’s bei uns, bei denen nicht. In ganz wenigen Kategorien erschöpft sich deren Bemessungsgrundlage. Heraus kommt dann, Russland sei ein homophobes Land. Die Unzulänglichkeit dieser Methode ist offensichtlich.  Als gebe es einen objektiven Gradmesser für Homophobie jenseits von so etwas wie offiziellem Verbot und Strafen. Alle Versuche, das zu ermitteln, sind bestenfalls diskussionswürdig, meist aber einfach Humbug.

Es war übrigens die Grüne Europaabgeordnete und Vorsitzende der Grünen im Europaparlament Rebecca Harms, die in Kiew aus der Regenbogenfahne eine Symbol westlichen Imperialismus’ gemacht hat. Man kann nur erschrecken über soviel Arroganz.
Mit ihrer fast ausschließlichen Ausrichtung auf kulturethische, liberale Fragen und ihrer Abkehr von der Frage nach Verteilungsgerechtigkeit sind die Grünen eben keine linke, emanzipatorische Partei mehr. Die SPD freilich auch nicht.  Und bei der Linken habe ich nicht erst seit dem Wagenknecht-Bashing große Zweifel. Deutschland ist geistig verarmt. 

Hinzu kommt die Kurzsichtigkeit und mangelnde Reflexion insbesondere der Grünen im Hinblick auf Kultursensibilität, wenn es um Russland geht. Hier herrscht Ignoranz in einem erschreckenden Ausmaß. Man kann hier gerne auch schon mal von blankem Rassismus sprechen. Anders lassen sich zahlreiche Irrationalismen bis hin zum offenen Hass bei Beck Harms und Co meines Erachtens gar nicht mehr erklären. Hier werden ganz offen doppelte Standards angelegt. 

Es ist zu wünschen, das Engagement für Minderheiten und ihre Rechte würden Harms und ihre korrekt gendernden MitstreiterInnen auch auf die USA anwenden. Aber auf die Teilnahme an einer illegalen Demonstration gegen rassistische Polizeigewalt von irgendwelchen Grünen wird man noch lange warten können. Nicht die kleinste Stellungnahme ist hier zu finden, obwohl sich gerade Grüne Politiker damit hervortun, jegliche diplomatische Gepflogenheit unter den Tisch fallen zu lassen und sich kräftig in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber nur, wenn es um Osteuropa geht. 

Unter anderem an dieser Asymmetrie in der Bewertung sieht man, wie unlauter ihr Engagement auch in Sachen Russland gegen den angeblich homophoben russischen Staat ist. Es ist einfach ein ganz gewöhnlicher transatlantischer Imperialismus unter dem Deckmäntelchen des Einsetzens für Minderheiten, der hier stattfindet.

Doch bevor mein Blutdruck weiter steigt, weg von den Grünen, hin zu Angenehmerem, wieder zurück nach Simeiz.
Simeiz wäre das ideale Ziel für alle, die einen idyllischen, ruhigen Strandurlaub in der Community verbringen wollen, aber auf die in den letzten Dekaden etablierten Symbole, das dionysisch Rauschhafte und die Klischees der westlichen gay community verzichten möchten, wären da nicht die Sanktionen, die einen Besuch in Simeiz für westliche Besucher zu einem Abenteuer machen, denn die ganze Reise muss allein organisiert werden. Auf Englisch als Brückensprache kann zudem nicht vertraut werden. Ein Austausch und ein Eindruck wird somit fast unmöglich gemacht. Allerdings ist es dieses Mal der Westen der hier einen zunehmend eiserner werdenden Vorhang errichtet.

Auf der Krim wird viel über Politik gesprochen. Man beschwert sich über steigende Preise, fordert mehr Unterstützung aus Moskau, sieht den Prozess der Integration zu langsam fortschreiten. Die Anbindung an die Ukraine wünscht dabei aber niemand.
Sicherlich: Man sieht auch Aggression und wehrt sich dagegen. Allerdings verortet man den Aggressor ganz woanders als es hier in den Medien dargestellt wird: Es ist die NATO, die auf der Krim als Bedrohung empfunden wird.

Auf dem zentralen Platz der Stadt Jalta vor dem großen Lenin-Denkmal gab es an meinem dritten Aufenthaltstag eine Demonstration gegen die NATO sowie gegen die Präsenz von US-amerikanischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer. In den Reden wurde darauf verwiesen, dass man hier immer wieder gegen die NATO demonstriert hatte, auch zu Zeiten, als die Krim noch zur Ukraine gehörte. Es wurde von früheren Bemühungen um mehr Autonomie und von Abspaltungsverlangen der Krim-Bewohner erzählt, es wurde hervorgehoben, wie dann die NATO immer Präsenz gezeigt und gedroht hätte.

Die Krim hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer wieder für mehr Autonomie gestritten. Schon 1994 fand ein Referendum statt, in dem mit überwältigender Mehrheit von 90 Prozent die Bürger der Krim für einen Anschluss an Russland votierten.

Die Bürger der Krim in ihrer Vielfalt fühlen sich Russland zugehörig. Das jetzige Referendum hat dem erneut Ausdruck verliehen. Ich habe keine Stimme gehört, die sich die Ukraine zurück wünschen würde. Das wäre auch seltsam, denn es ist deutlich, was die Alternative zu subtropischen, wirtschaftlich prosperierenden Ferienidyll wäre: Bürgerkrieg in einem scheiternden Staat, faschistische Bataillone und eine unglaubliche Korruption.

In Sankt Petersburg war ich es selbst, der die NATO als Aggressor empfunden hat. An einem Abend waren wir dort in der Oper, in Don Carlos. Es war ein unglaublich geglückter Abend, eine gute Vorstellung, hochbegabte Sänger, ein Orchester mit einem virtuosen Dirigenten verbunden mit einer interessanten Inszenierung. In der Pause überfiel mich dann der Gedanke an die Übungen der NATO und die Stationierung von unter anderem deutschen Soldaten kaum 160 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, die nichts anderes übten und kein anderes Ziel verfolgten, als all dies hier zu zerstören.

Hier bei uns wird die Meinung vertreten, Russland sei international isoliert. Ein Land, das ausschließlich für sich und seine Interessen kämpft. Wer nur ein bisschen außerhalb des Mainstreams nach Informationen sucht, wird feststellen können, wie schräg und verzerrt dieses Bild ist. Russland ist, oft als treibender Motor, in eine Vielzahl von transnationalen Projekten involviert. Da sind neben BRICS die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit, die Zollunion, die New Development Bank, die Asian Infrastructure Development Bank, usw. usf. Die Liste der Großprojekte, die eine weltweite Vernetzung von Handel, kulturellem Austausch und Zusammenarbeit vorantreiben, an denen Russland maßgeblich beteiligt ist, ließ sich noch weiter fortsetzen.
Allein Europa, die Europäische Union kommt in all diesen weltumspannenden Projekten, die die Weichen für eine Neuordnung der Welt bedeuten, bestenfalls am Rande vor. Es ist der Westen, der sich isoliert hat und den Anschluss verpasst. In Russland und den mit Russland kooperierenden Ländern wird gerade ganz groß und ganz visionär gedacht. Bei uns denkt man an schwarze Nullen, Austerität, Kleinklein und in Trippelschritten, man denkt an das Wohl der großen Konzerne und Banken während die Infrastruktur zerbröckelt.

Muss man sich wirklich überlegen, ob man diese Unterordnung von Politik unter die Ökonomie für alternativlos halten möchte. Ein Blick nach Osten zeigt, dass es nicht so ist. Dort gestaltet Politik Wirtschaft in ganz großem Maßstab.  Unter anderem auf der Krim wird das sicht- und fühlbar. In nur einem Jahr ist der Wohlstand hier deutlich gewachsen. Während er in der Ukraine und der Europäischen Union für die Mehrheit der Bürger sinkt. 

Nachdem durch den Untergang des Römischen Reiches dessen Infrasturktur zerbröselte, hat es übrigens 600 Jahre gedauert, bis wieder mal eine Brücke über den Main gebaut wurde. Die war dann aus Holz.