Mein ESC mit Jurassica Parka und Jan Feddersen

Geplant hatte ich einen lustig-unterhaltsamen Abend, geworden ist daraus ein Desaster und ein einziges, großes Ärgernis. Ich wollte mir den Eurovision Song Contest im Schwuz anschauen. Das hatte ich schon häufiger gemacht, ich wusste so in etwa, auf was ich mich einließ und was mich erwartete. Dass der russische Beitrag und vor allem Russland im Vorfeld auf der Seite eurovision.de von den dortigen Moderatoren kräftig runter gemacht wurde, hatte ich hingenommen. Der über die russsischen Verhältnisse völlig fehlinformierte Jan Feddersen konnte sich kaum bremsen und teilte mit jedem zweiten Satz gegen Russland aus. Er lässt sich in seiner Selbstdarstellung als Mann mit Meinung feiern, dabei hat er gar keine. Er plappert nur nach. Völlig hohl. Peinlich obendrein, denn der Mann hatte von den Vorgängen und Entwicklungen in Russland ganz offensichtlich nicht den Hauch einer Ahnung. Völlig frei von jedweden Fakten blubberte Feddersen die üblichen Stereotype hoch und runter. Er verstieg sich sogar zu der These, Russland würde technisch in seinen Beiträgen beim ESC immer viel auffahren, so ”dass die Russen Stimmen aus dem freien Europa bekommen”. Jan Feddersen wäre sicherlich auch in Nordkorea eine steile journalistische Karriere möglich, denn er ist völlig erbarmungslos, von jeder journalistischen Ethik befreit auf der gerade herrschenden Linie.

542187_a0b4b7cc9af745ccbeb33102dc176291Wie diese Propaganda wirkt, durfte ich dann gestern Abend bestaunen. Im Schwuz nahm Jurassica Parka auf ihrem Sofa platz und kommentierte den Eurovision Song Contest. Sie gab Belanglosigkeiten von sich, echauffierte sich über Frisuren und Outfits, blieb völlig im Klischee stecken.  Alles wunderbar.
Nur ein einziges Mal verließ sie die Rolle der zickigen Transe. Nach dem Beitrag Russlands wandte sie sich mit einem Verbot direkt ans Publikum. “Russland wählt ihr nicht. Die mögen uns nicht und wir mögen die nicht!”

Was soll ich sagen? Meine gute Laune, mein unterhaltsamer Abend waren schlagartig dahin. Was für eine hohle Kuh! Die nahm doch tatsächlich das Geschwätz der Systemmedien für bare Münze.

Hatte die noch nicht mitbekommen, dass wir eine schwere Medienkrise haben, dass im Grunde alles, was da im Hinblick auf Außenpolitik verbreitet wird, mindestens fragwürdig ist? Von Assads Giftgasattacken auf das eigene Volk, über die diversen Farbrevolutionen und die faulen Griechen bis hin zur  Berichterstattung über den US-Wahlkampf ist das alles mit Vorsicht zu genießen, was da medial präsentiert wird. Und im Hinblick auf Russland sowieso.

Das ist ja inzwischen medienkritisches Basiswissen. Wie kann man da noch so einen Blödsinn von sich geben, obendrein noch meinen, man wäre eine queere Aktivistin? Es gehört doch zur Grundausrüstung politischen Aktivismus‘, dass man den Systemmedien nicht ungeprüft Glauben schenkt.

Jurassica Parka tut dies nicht, sonst wüsste sie, dass es in Russland zwar ein fragwürdiges Jugendschutzgesetz aber keine strukturelle Gewalt gegen Schwule und Lesben gibt, wie das hier bei uns immer wieder behauptet wird.
Parka und mit ihr viele andere Pseudoaktivisten lassen sich mit ihrer kritiklosen Übernahme von Anschuldigungen gegen Russland zum Instrument einer Auseinandersetzung machen, in der es um die Rechte von Schwulen und Lesben überhaupt nicht geht. Es geht um schnöde Geopolitik. Und es geht darum, die Bereitschaft in der Bevölkerung für eine zunehmende Aggression gegenüber Russland medial herzustellen. Jurassica Parka und Feddersen machen da schön mit. Wer glaubt, es ginge in der Auseinandersetzung mit Russland um die Regenbogenflagge und wer wann wo Händchen halten darf, der glaubt vermutlich auch, dass der Osterhase Eier legt.

Zum queeren politischen Aktivismus gehört nicht nur, von CSD zu CSD zu tingeln und sich dort volllaufen zu lassen. In Aktivismus steckt das Wort Aktivität. Dazu gehört auch, dass man sich um ein Mindestmaß an Wahrheitsgehalt aktiv bemüht, sich informiert und sich nicht einfach passiv informieren lässt, bevor man irgendwas in die Welt hinaus bläst.

Das hat der queere Aktivismus hierzulande leider völlig vergessen. Hier gilt schon als Aktivist, wer einfach immer nur noch lauter als alle anderen, das, was allen als wahr gilt, schrill heraus plärrt. Das ist allerdings kein Aktivismus, das ist einfach nur spießig systemkonform, im schlimmsten Fall sogar gefährlich.

Nun was soll ich sagen. Wie der Abend endete, weiß heute jeder. Der ukrainische Beitrag gewann mit einem geschichtsklitternden Liedchen, das die Verschleppung der Tataren thematisiert, ihre Kollaboration mit den Nazis aber verschweigt.

Ich bin schon sehr gespannt, wie der meinungsstarke Jan Feddersen im nächsten Jahr den ESC in der Ukraine systemkonform schönreden wird. Sind ja alles Vorbilddemokraten da, die gegen Korruption,  für den Anschluss an die EU und mehr Demokratie auf die Straße gegangen sind. Hab ich mit eigenen Augen gesehen

Da könnte sich im nächsten Jahre dann zum Beispiel die queere Aktivistin Jurassica Parka auf dem Maidan auf ein regenbogenbeflaggtes Sofa setzen, von dem aus sie vor Großbildleinwand unterhaltsame Kommentare zu den Beiträge abgeben könnte. Es wäre tatsächlich interessant zu erfahren, wie lange sie da sitzen würde. Bliebe dann nur noch zu wünschen, dass sie gut rennen kann in ihren High-Heels. 

Sergey Lazarev singt für Russland

Ein musikalischer Höhepunkt des Jahres wirft seine Schatten voraus. Die Teilnehmer des diesjährigen Eurovision Song Contests stehen weitgehend fest.
Für die Russische Föderation wird Sergey Lazarev antreten. Sein Beitrag “You are the only one” ist musikalisch ausgereift und in der Thematik ESC-kompatibel ohne nur seicht zu sein. Er hat daher meines Erachtens gute Chancen. Zudem gelang es dem staatlichen russischen Fernsehen mit Sergey Lazarev einen queeren Interpreten zu finden, mit dem sich auch die schwule Gemeinde identifizieren kann, falls sie denn die Offenheit dazu mitbringt.

Es ist zumindest zu hoffen, dass uns dieses Jahr peinliche Buhrufe aus dieser Ecke erspart bleiben. Diese inzwischen fast schon zum Ritual gewordene Darstellung der Unkenntnis der schwulen Gemeinde über die Vorgänge in Russland ist ja immer zum Fremdschämen.

Trotz Buhrufen von irgendwelchen völlig uninformierten, von westlicher Propaganda fest im Griff gehaltenen Dummköpfen hat es die großartige Polina Gagarina im letzten Jahr fast geschafft. Sogar aus Deutschland, in dem die Berichterstattung über sie unterirdisch unqualifiziert und Peter Urbans Kommentar ihres Beitrags unsäglich dämlich war, bekam sie verdiente zwölf Punkte. Ein Zeichen dafür, dass es  immer mehr Menschen verstehen, sich vom so genannten Qualitäsjournalismus und seiner Einseitigkeit unabhängig zu machen. Für einen Moment schien Polina als Gewinnerin festzustehen.

Um den deutschen Qualitätsjournalismus wieder einmal vor sich selbst zu schützen, daher vorab ein paar Informationen. Sergey Lazarev wurde ebenso wenig wie Polina Gagarina lediglich für den ESC von der Propagandaabteilung des Kreml aufgebaut. Sie sind in Russland seit Jahren fester Bestandteil der lebendigen russischen Pop-Szene. Sprüche wie “Putins Propaganda beim ESC” kann man sich der transatlantisch orientierte Qualitätsjournalist getrost ersparen, denn sie sind schlicht falsch.

Sergey Lazarev ist auch nicht homophob, was ja dem schwedischen Gewinner des Jahres 2015 nachgesagt wird. Im Gegenteil ist Sergey gern gesehener Gast auf der Bühne der Moskauer Schwulendisko Central Station, die ich übrigens sehr empfehlen kann.
Zwei große Tanzflächen, Bühne, Live-Performances und wer sich im Anschluss entspannen möchte, kann nach nebenan in die Sauna. Hier eine Videozusammenfassung seines letzten Auftritts dort. Damals, es war Dezember, wurde er schon als potentieller Kandidat für den ESC gehandelt.

In dem Clip zu seinem Song, in der Sergey die Liebe zu eine Frau besingt, wird diese Liebe am Schluss denn eben auch als Inszenierung sichtbar gemacht. Ein wunderbar aufklärender Beitrag. Der ESC ist einfach durch und durch schwul und tut nur so, als wäre er es nicht.

A propos Aufklärung. Wer sich auch nur ein bisschen in die Nähe der russischen Kultur begeben hat, weiß um deren Hang zum aufgeklärten Hedonismus. Es ist ein durchweg freudvolles Land. Russland hat vor nur zwei Sachen wirklich Angst: vor Krieg und Faschismus. Von dieser Tatsache weiß freilich Peter Urban nichts, der sich im vergangenen Jahr wunderte, warum ausgerechnet Russland mit einem Lied über Frieden antrat und sich lustig machte. Ich hoffe allerdings mit meinem kleinen Beitrag dazu beitragen zu können, dass Peter Urban derartige Peinlichkeiten unterlässt. Es tut mir immer physisch weh, wenn jemand sein Unwissen von sich selbst überzeugt und daher mit großer arroganter Geste in breiter Öffentlichkeit vorführt.

Es ist allerdings auch schreckliche Tatsache, dass medial versucht wird, die Bereitschaft der Europäer zu immer mehr Krieg herzustellen. Dass Europa und der Westen immer weiter nach rechts driften kann auch niemandem mehr verborgen bleiben. Vielleicht könnte Peter Urban das in seinen Kommentaren mitbedenken.

Da sich andere Nationen mit ihrem Beiträgen schon im Vorfeld ins Aus manövriert haben, hat Russland mit seinem Beitrag tatsächlich gute Chancen. Deutschland mit seinem Panik-Casting nach dem Xavier-Naidoo-Desaster hat jedenfalls ebenso wenig Aussichten auf Erfolg wie die Ukraine mit ihrem Krim-Tataren-Liedchen.

Es würde mich jedenfalls ungemein freuen, wenn wir nächstes Jahr zum ESC nach Russland fahren würden. Moskau ist eine faszinierende Stadt. Oder vielleicht könnte man auch die Krim als Austragungsort wählen. Da wäre es neben dem Genuss von Popkultur, historischer Relevanz und Naturschönheit auch gleich noch möglich, sich über die Verhältnisse zu informieren, in denen die Krim-Tartaren leben. Vielleicht hilft das dabei, sie vom Missbrauch als Instrument der politischen Propaganda zu befreien. Dass der Ukraine das Schicksal der Krim-Tataren ausgerechnet in dem Moment am Herzen liegt, in dem sie nichts mehr mit ihnen zu tun hat, ist bezeichnend für den Zustand  der Ukraine.

In jedem Fall drücke ich Sergey Lazarev die Daumen und wünsche ihm von ganzem Herzen viel Erfolg.  

Vintage – Mein russischer Favorit für den ESC

Ich war mir so unglaublich sicher. Als ich den neuen Clip von Vintage gesehen hatte, war ich mir absolut sicher. Das, was ich hier sehe, das ist der russische Beitrag zum Eurovision Song Contest 2016 in Schweden. Garantiert!

Es war einfach alles drin, was es für eine gute Aufstellung brauchte. Eingänglich komponierte Musik, ein leichter Text, doch vor allem waren es die Bilder des Clips, die mich ganz sicher sein ließen. Ganz professionell aufgemacht richtet sich die Bildersprache eindeutig an ein internationales Publikum, spielt ESC-typisch mit Homoerotik und einer fast schon kitschigen Friedenssymbolik. Katzenbild fehlt auch nicht.

Darüber hinaus visualisiert das Video die Party-Drogenerfahrung von inzwischen zwei Generationen nicht nur durch die halluzinogenen Effekte mit Nachbildern und Verfremdung, sondern ganz direkt auch in der Erzählung des Clips selbst.

Und glauben wir nicht alle an die Liebe, wie es im Refrain heißt?

Ich war mir sicher, da würden sich ganz viele Menschen wiederfinden können, es war eine vollende Marketingstrategie, die es hier zu bewundern gab. Vintage, von der sich auch Conchita Wurst schon hat inspirieren lasssen, hätte mit der queeren Aktivistin Anna Plyetnova als Frontfrau eigentlich alles, was es zum Erfolg beim ESC braucht. Ich war mir sicher, das hier, das ist der russische Beitrag zum ESC.

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Ich hatte mich absolut getäuscht. Vintage fährt nicht nach Stockholm.

Im Gegenteil, der professionelle und in der Herstellung sicherlich auch nicht ganz billige Beitrag dümpelt bei ein paar tausend Klicks auf youtube vor sich hin, den User mit deutscher IP-Adresse schützt darüber hinaus die GEMA wieder mal vor allzuviel Konfrontation mit russischer Popkultur.

Sergey Lazarev wird Russland in diesem Jahr vertreten. Das ist zwar auch keine schlechte Wahl, aber eben doch deutlich konservativer und weit weniger ESC-nah, wie es Vintage gewesen wären.

Dennoch, Vintage hat das Potential für den ESC. Ich drücke schon jetzt für das kommende Jahr ganz fest die Daumen.

Polina Gagarina singt über die Schrecken des Krieges

Es waren für die Sowjetunion grausame Jahre. Von 1941 bis 1945 ließen 27 Millionen Sowjetbürger ihr Leben, um die Welt zu verbessern, indem sie den Faschismus besiegten. Schon aus diesem Grund ist die von Stern-Schmierfink Jens Maier gewählte Überschrift “Russland als Weltverbesserer. Zum Kotzen” nur eins: zum Kotzen nämlich, weil sie historische Zusammenhänge leugnet!
Russland hat die Welt verbessert und dafür einen hohen Preis gezahlt. Eine Veranstaltung wie den ESC würde es nach dem Sieg des Faschismus in dieser Form sicher nicht geben und der Lebensstil der queeren Community ließe sich mit wenigen Worten umreißen: Arbeitslager, tot im KZ, duckmäusern und gut versteckt halten.
Jedenfalls wäre er himmelweit von Sex-Urlauben auf Gran Canaria und Sitges, Gay Prides und offen gezeigter queerer Kultur entfernt. Nichts wäre es mit prickelndem Sektchen und veganen Häppchen zu lustig-absurden ESC-Liedchen. Dass es doch anders gekommen ist, verdanken wir unter anderem Russland. Alles andere wäre eine Lüge, die der Leugnung des Holocausts gleichkommt.
Für diese Freiheiten wurden Schlachten geschlagen, die man benennen kann. Neben Stalingrad und Leningrad tobte der Krieg in Sewastopol besonders heftig. Der in diesen Wochen veröffentlichte russische Film „Битва за Севастополь“ “Schlacht um Sewastopol” schildert die Schrecken des Krieges in besonders eindrücklichen Bildern.
Die Titelmusik singt keine Geringere als Polina Gagarina, die mit der Friedenshymne „A Million Voices“ in diesem Jahr für Russland beim ESC antritt und nach Geschitsklitterer Maier auszubuhen sei. Allein das Ansinnen ist eine unglaubliche Frechheit und zeugt von einer historischen Unkenntnis, die gefährlich ist.

Instrailer49023besondere die deutschen Liebhaber des ESC sollten sich das Gagarinas Video zum Lied Film anschauen und dann noch mal gründlich in sich gehen, ob es gerade uns Deutschen geziemt, einen russischen Beitrag welcher Qualität auch immer auszubuhen.
Das Lied кукушка (Kuckuck) ist übrigens eine Coverversion des sowjetischen Punk-Sängers Viktor Zoi, hier zu unrecht völlig unbekannt ist.
Das Orininal findet sich hier.

Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.

Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.

Voll schwule Russen-Mucke

Auf meiner Reise durch die russische Popkultur stieß ich auf die Band Менджи, Man-G. Mir ist es ein besonderes Anliegen und auch ein besonderes Vergnügen, dieses Duo hier vorstellen zu können, denn nach dem Verständnis der deutschen Qualitätsmedien dürfte es Man-G in der homophoben Diktatur Wladimir Putins gar nicht geben.
Man-G sind zwei schwule Aktivisten, die ihre Liebe zueinander im hier eingebetteten Videoclip des Titels „За Углами“ (um die Ecken) ganz offen zeigen.

Dabei würde sie Heidi Klum beide aus einer ihrer zahllosen Modelakquise-Shows hochkant rauswerfen, falls sie es wagen sollten, dort aufzutauchen, denn die beiden Jungs entsprechen nicht dem gängigen Schönheitsideal. Allerdings gibt es in der queeren Szene eine Gruppe, die sich von genau diesem gängigen Schönheitsideal emanzipiert hat. Die beiden Jungs entsprechen daher zwar nicht dem gemeinen Durchschnittsgeschmacks, für den Heidi Klums Name stellvertretend steht, wohl aber meinem und dem der Bear-Community.
Aus diesem Grund hoffe ich auf einen durchschlagenden Erfolg sowohl dieser als auch künftiger Produktionen und hoffe auf eine breite Unterstützung aus der queeren Community. Für eine aktuelle Produktion suchen Man-G übrigens noch Videomaterial.

mangSchwule Paare und Gruppen, die ebenfalls nicht dem Klumschen Schönheitsideal entsprechen, posten ihre Videos bitte hier.
Vielleicht schafft es die queere Community sogar und hebt Man-G auf die Bühne des nächsten Eurovision Song Contest.
Umringt von US-hörigen, völlig friedliebenden NATO-Mitgliedsländern schickt Russland in diesem Jahr ein Lied zum Thema Frieden, Vielfalt und Miteinander an den Start. Zum Glück konnte das gleich als perfide Propaganda Putins enttarnt werden.
Mich würde schon interessieren, zu was sich die deutsche Qualitätsjournaille im Fall einer Präsenz von Man-G hinreißen lassen würde.  Man-G bricht schließlich mit so ziemlich allen Vorurteilen, die man hierzulande im Hinblick auf Russland hat. Wir sollten es wirklich drauf ankommen lassen.

Nyusha glaubt, dass es noch nicht zu spät ist

Gerade noch rechtzeitig vor dem Televoting warnt uns ein deutscher Qualitätsjournalist vor dem russischen Beitrag zum Eurovision Song Contest. Polina Gagarina tritt mit einem Beitrag an, der in perfider Weise versucht das Bild des kriegerischen, homophoben Russland in der öffentlichen Meinung zu verschieben, denn ihn ihrem Lied geht es um Frieden und Vielfalt.  Zum Glück entlarvt ein engagierter Kenner der russischen Musikszene im Stern dieses Lied als Propaganda-Machwerk von… nun ja, man mag es kaum glauben… eigentlich von Putin selbst.
Ein Phänomen, dieser zarengleiche Regent Russlands, der jetzt auch die internationale Schlagerszene für seine selbst ausgedachten Propaganda-Songs instrumentalisiert. Wie macht der Mann das nur, mag sich manch einer fragen, der bereit ist, die geistigen Volten der deutschen Journaille mitzuschlagen.
Tagsüber Waffenlieferung an die Seperatisten in der Ukraine getarnt in Hilfskonvois, nachts komponieren von Propaganda-Liedern und zwischendurch gründet er noch eine Alternative zur Weltbank und eine Zollunion, während er rund um die Uhr das eigene Volk unterdrückt.
An diejenigen, die das glauben, richtet sich mein Beitrag nicht, denn da scheint mir Hopfen und Malz verloren. Aber diejenigen, die das Gefühl haben, da stimmt wohl eher was in der deutschen Berichterstattung als im Kreml nicht, die lade ich ein, Nyusha kennen zu lernen.
Der Clip Tsunami, den ich hier mit englischen Übertiteln verlinke, stammt von 2014 und ist zunächst eine groovige Dance-Nummer, bei der man nur schwer die Füße still halten kann. Dass ich das Video mit Übersetzung gewählt habe, ist Absicht, denn der Text gibt den Bildern eine Bedeutung, die diametral zur deutschen Meinungsmache steht.

Was sieht man im Clip? Eine Russin findet sich ohne Orientierung und verwirrt von der Umgebung in einer Kleinstadt in der US-amerikanischen Wüste wieder. Dass es sich um eine Russin handelt, ist spätestens ab dem Moment klar, an dem sie eine Tür zu einer schäbigen Bar aufstößt und ihr Gesang einsetzt.
Und jetzt wird es interessant, denn während in der realen Welt Victoria Nuland auf dem Maidan Kekse verteilt und der Konflikt auf einen ersten Höhepunkt zusteuert, tanzen die Menschen in der russischen Föderation zu diesem Text:

Es gibt keine Entschuldigung für deine rohe Behandlung
Dennoch ist sie eher eine Herausforderung
Ich bin so einsam geworden in diesen Tagen
Es fühlt sich an, als sei ich eingesperrt.

Du bist nicht mein Feind
Bitte mache einen Schritt auf mich zu
Vielleicht ist es dumm, aber es ist nicht komisch,
Ich denke, du bist an mir interessiert.

Sag nicht, es sei zu spät
Kannst du nicht diese Verbindung zwischen uns fühlen.
Wir wollten es so sehr
Glück kam wie ein Tsunami über uns.

Für sich ist der Text nicht wirklich interessant, doch in Verbindung mit den Bildern wird daraus eine politische Botschaft. Eine Suche der Annäherung an die USA ausgehend von der russischen Föderation.
Die Message wird in ihrer Friedfertigkeit vielleicht auch den ein oder anderen deutschen Qualitätsjournalisten irritieren.
Die Aufforderung jedenfalls, den russischen Beitrag beim ESC auszubuhen, wie sie der stern anrät, wird vor dem Hintergrund hochnotpeinlich, dass es eine vielfach politisierte Pop-Kultur in Russland gibt, die ganz eigenständig, ohne Putins Zutun sich Sorgen um den Zustand der Welt macht. Nyusha und Polina Gagarin sind dafür nur zwei Beispiele, die sich um viele weiter ergänzen lassen und in der Fortschreibung dieses Blogs auch ergänzt werden.
Warum kommt eigentlich aus Deutschland kein Schlager-Beitrag, der die Hand in Richtung Russland öffnet? Es wäre ein ausgleichendes Gegengewicht, wenn sich die Pop-Kultur nicht der Geschichte in der Weise verweigern würde, wie die Politik, wie Frau Merkel es tut, die sich trotz Einladung weigert, an den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Moskau teilzunehmen. Ich persönlich schäme mich dafür übrigens sehr.
Überhaupt sind die Künstler, die Dichter und Denker angesichts der hierzulande zunehmend schriller werdenden Propaganda erstaunlich ruhig. Das war auch mal anders.