Strukturelle Gewalt

In einem Artikel, den ich im Vorfeld des Eurovision Song Contestes geschrieben habe, behaupte ich, in Russland gebe es keine strukturelle Gewalt gegen Schwule. Dafür musste ich massive Kritik einstecken, was ich allerdings auch nicht anders erwartet hatte. Ich wurde mit einer großen Zahl von Beispielen konfrontiert, die zeigen sollten, dass in Russland tatsächlich Gewalt gegen Schwule ausgeübt wird. Doch ganz unabhängig von der oft fragwürdigen Beweiskraft der einzelnen Zeugnisse verfehlten sie in der Gesamtheit meine Argumentation.
Um zu zeigen, was mit dem Begriff der strukturellen Gewalt gemeint ist, möchte ich ein bisschen weiter ausholen und von einer weiteren Reise berichten, die ich unternommen hatte.
Diese Reise führte mich in die USA, unter anderem nach Los Angeles. Ebenso wie mir abgeraten wurde, Moskau zu besuchen, wurde mir in Los Angeles dringend abgeraten ein Viertel mit dem Namen Skid Row aufzusuchen. Es sei zu gefährlich. Nun was soll ich sagen, ich trug mal Iro und bin im Geiste immer noch ein Punk, setzte mich also ins Auto und fuhr los.
Die eindrucksvollsten Erfahrungen habe ich immer dann gemacht, wenn ich soziale Setzungen ignoriert habe. Meine Moskau-Reise ist dafür ein ganz herausragendes Beispiel. Mein Besuch in Skid-Row übrigens auch.
Obwohl ich längere Zeit in einem Schwellenland gelebt habe, habe ich noch nie so viel Armut gesehen wie in Skid Row. Dort leben nicht Hunderte, dort leben Tausende einfach auf der Straße. Sie hausen in Pappkartons, ihre Habseligkeiten schieben sie in Einkaufswagen vor sich her. Skid Row könnte Bilder zu Dawn of the Dead inspiriert haben. Denn wie Zombies irren die Obdachlosen dort umher, völlig isoliert, schließlich ist Solidarität kein amerikanischer Wert, vor allem nicht am unteren Ende der Gesellschaft. Während sich die Reichen ganz solidarisch gegenseitig beim immer reicher Werden helfen, indem sie Politik in ihrem Sinne steuern, erzählen sie nach unten die Geschichte vom Glück, das jeder für sich selbst zu schmieden hat.
Es gab bei meiner Fahrt durch Skid Row beinahe zwei Unfälle, denn Sucht und Drogen beherrschen dort offensichtlich den Alltag. Torkeln, Taumeln und Straucheln ist dort die häufigste Art der Fortbewegung, Gehen ist eine Randerscheinung.
Vermutlich lässt sich das sogar ganz rational erklären. Wer sich keine ärztliche Behandlung leisten kann, greift zu Schmerzmitteln, um Symptome zu bekämpfen. Und Heroin und andere Opiate sind ganz wunderbare Schmerzmittel, hoch potent in der Wirkung. Sie nehmen jeden Schmerz und spenden Wärme für den Moment. Auf den ersten Blick sind sie günstiger als der Gang zum Arzt.
Welche Hautfarbe in Skid Row vorherrscht, muss ich nicht weiter ausführen. Es sind überwiegend Schwarze, denen hier die Tür zu jeglicher Form der gesellschaftlichen Teilhabe zugeschlagen wurde. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel hoffnungsloses Elend gesehen. Luftlinie wenige Kilometer entfernt glitzert Hollywood, das noch immer die Geschichte vom Amerikanischen Traum erzählt. Der Widerspruch ist in seiner Tiefe obszön.
Nachdem ich ein ähnliches Erlebnis in Miami hatte, begann ich, mich mit dem Thema Armut in den USA zu beschäftigen. Das Ergebnis überrascht nicht, es ist weithin bekannt: Schwarze haben ein deutlich höheres Risiko in die Armut abzusinken, Schwarze sind deutlich häufiger im Gefängnis, Schwarze werden häufiger zum Tode verurteilt, Schwarze sind deutlich häufiger Opfer von Polizeigewalt.
Es gibt ein ganzes Ensemble von Gesetzen, gesellschaftlichen Konventionen und Vorschriften, die Schwarze benachteiligen. Die amerikanische Gesellschaft weiß darum, sie kann dieses eklatante Defizit jedoch nicht beheben, sondern weitet es immer weiter aus. Ein ganz großer Teil des War against Drugs beispielsweise lässt sich verstehen als ein Angriff auf Schwarze. Die Haftstrafen für den Besitz von Crack sind ungleich höher als für den Besitz des viel teureren Kokains. Welche Gesellschaftsschicht konsumiert wohl welche Substanz?
Gesetze die den Zugang zum Arbeitsmarkt und tariflichen Schutz regeln, lassen ebenfalls kaum einen anderen Schluss zu, dass hier absichtsvoll Farbige um ihre Teilhabe gebracht und ausgegrenzt werden.
Das ist das, was ich strukturelle Gewalt nenne. Es ist ein tief in die Gesellschaft eingeschriebenes System der Benachteiligung und Diskriminierung. Das, was in Ferguson und Baltimore auch für ganz hart gesottene Transatlantiker sichtbar wurde und nicht mehr zu leugnen ist. Die USA sind ein strukturell rassistisches Land.
Im Falle Russlands gibt es ein solches System der Benachteiligung und Diskrimnierung von Schwulen aber eben nicht. Es gibt sicherlich Gewalt gegen Schwule, wie sie es in Deutschland auch gibt. Aber eben individuelle Gewalt und keine strukturelle.
Homosexualität ist in Russland nicht verboten, es gibt mehrere schwule Metropolen, Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg beispielsweise, mit funktionierenden, lebendigen Szenen, die in ihrer Existenz nicht bedroht werden. Homosexuelle haben den gleichen, verfassungsmäßig garantierten kostenlosen Zugang zu medizinischer Versorgung, eine Diskriminierung zum Beispiel hinsichtlich der HIV-Medikation besteht nicht. Gleichgeschlechtliche Paare wohnen zusammen, das ebenfalls verfassungsmäßige Recht auf Wohnung schützt auch diese alternativen Formen des Zusammenlebens.
Das viel diskutierte Gesetz, nachdem Werbung für nicht traditionelle Lebensweisen mit Geldstrafen belegt werden kann, ist eben nicht Ausdruck einer lang andauernden, tief in die Gesellschaft eingeschriebenen und daher strukturellen Diskriminierung wie das beim strukturellen Rassismus in den USA der Fall ist.
Das Gesetz lässt sich viel besser und konsistenter verstehen als Suche nach einem Umgang mit aktuellen Phänomenen einer im Aufbruch und Wandel befindlichen Gesellschaft. Das sorgt freilich für Irritationen und Reibungen, vor allem bei denen, die diesen Wandel nicht bereit sind mitzutragen.
Nachdem in den deutschen Medien jedenfalls noch vor einem Jahr behauptet wurde, in Russland würde aufgrund des Gesetzes nun nie eine schwule Parade stattfinden können, die queere Bewegung würde in ihrer Entwicklung massiv behindert, fand zum 1.Mai dieses Jahres die erste Gay Pride in St. Petersburg statt. Der Mainstream hat freilich nicht berichtet, hätte er doch seine Position korrigieren müssen. Im Gegenteil wurde einer der Inititoren des Anti-Gay-Propaganda-Gesetzes, der christdemokratische Kommunalpolitiker Vitaly Milonow, von der Polizei zurückgedrängt als er in gewohnt lautstarker Manier gegen das Zeigen der Regenbogenfahnen protestierte.
Meine Aussage wiederhole ich daher nochmals. Es gibt keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Es gibt im Gegenteil einen sehr lebendigen, manchmal auch streitvollen Diskurs um politische Rechte und Teilhabe. Dieser Diskurs ist längst nicht abgeschlossen. Das Anti-Propaganda-Gesetzt ist kein Zeichen einer harten Verkrustung, sondern eben ganz das Gegenteil davon.
Es wäre hilfreicher, diesen Prozess durch Austausch und Diskurs zu befördern, ihn in seiner Diffrenziertheit wahrzunehmen, als mit der verbalen Keule auf Russland als Ganzes einzudreschen. Das evoziert lediglich harsche Abgrenzungsreaktionen. Ich kenne das von mir. Mir wurde auch gesagt, ich solle auf keinen Fall Skid Row besuchen. Und was habe ich als Nächstes getan? Eben!

14 Gedanken zu „Strukturelle Gewalt

  1. Manfred Ebel

    Herr Ungar, Sie schreiben scheinbar leichtfüßig so gesetzesartige Sätze wie „Der Widerspruch ist in seiner Tiefe obszön.“
    Obwohl ich selbst nie in den USA war, sehe ich den doch geradezu Hype um USA-Reisen. Keiner (!) von denen, die ich davon erzählen hörte, beschreibt so etwas wie Sie. Sämtlich sehen, glauben, erzählen sie „die Geschichte vom Amerikanischen Traum“. Sie halten sich auch geflissentlich an Empfehlungen bezüglich no-go-areas – wohl um der eigenen körperlichen und geistigen Unversehrtheit halber. Anderes hätte unangenehme Konsequenzen. Das ist symptomatisch.
    Der von Ihnen gewählte kategorische Begriff „strukturelle Gewalt“ muss missverstanden, überlesen, unbedacht bleiben. Das menschliche Denken ist wunschgeleitet.
    Schließlich tut auch Ihr Artikel weh, wenn man ihn bedenkt und er wird „massiv kritisiert“, um individuelle heimelig-kuschelige Glaubenskonstrukte aufrecht zu erhalten, eben nicht aktiv zu werden und auch noch in der eigenen peinlichen Einfalt herumzuposieren.
    „… vor allem nicht am unteren Ende der Gesellschaft“ trifft hundertprozentig auch auf unsere zu. Es zählt sich auch keiner dazu. Mindestens „Mittelstand“ muss sein. Der Grad der indoktrinierten Verblendung ist gewaltig, unfassbar.
    Sie schreiben über die USA und Ru und halten uns den Spiegel vor. Wunderbar, elendiglich!

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  2. rechercheuse

    Die Polizei hat in den USA laut einer Erhebung der Washington Post in den ersten fünf Monaten des Jahres 385 Menschen erschossen. Acht von ihnen waren demnach unter 18 Jahren alt. Nur in drei Fällen mussten sich Beamte hinterher wegen einer Straftat verantworten, schreibt die Zeitung.

    Im Schnitt bedeutet dies, dass 2,6 Personen pro Tag durch Schüsse von Polizisten getötet wurden. Der Erhebung zufolge gehörte die Hälfte der Opfer einer Minderheit an. Umgerechnet auf die gesellschaftliche Struktur an den Tatorten seien Afroamerikaner aber drei Mal so häufig getötet worden wie Angehörige anderer Minderheiten oder Weiße.

    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-05/usa-polizeigewalt-zahlen#comments

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  3. Anton Chigurh

    Ich war mehr als zwei Dutzend Mal in der Vereinigten Staaten, im Süden, Südwesten und im Nordwesten. Das war vor UND nach 9/11.
    Oft hielt ich mich von den großen Metropolen fern, aber ich kenne Miami, Atlanta, New Orleans, Houston, Dallas, San Antonio, El Paso, Phoenix und Los Angeles.
    Wegen meines Berufes damals besuchte ich aber auch diese und dort auch die „nicht so feinen“ Stadtviertel und bekam absolut ALLES mit, was der durchschnittliche Tourist normalerweise nicht mitbekommt.
    Und genau das, was Gerd in LA beobachtet hat, konnte ich ebenfalls erleben und damit auch bestätigen. Massive Polizeieinsätze gab es schon bei kleinsten Anlässen und fast immer richteten sich die Aktionen gegen Hispanos, Indianer oder Farbige. Unfassbares Elend und Armut, nur Steinwürfe entfernt von den glanzvollen Hauptstraßen. Ganz besonders groß waren die Unterschiede im Lebensstandard in den großen Städten, aber auch in den Reservaten im Südwesten und Westen, sowie in den grenznahen Bereichen zu Mexico.
    Die Art und Weise, wie sich „Gods Own Country“ produziert, steht in krassestem Gegensatz zur Realität. Offen gelebter Rassismus ist von der Oberschicht gewollte Realität.
    Der Durchschnittsamerikaner aber – so wie ich ihn kennenlernte – hat sich allerdings damit arrangiert. Ich habe sehr, sehr viele Menschen kennengelernt und auch viel von ihnen und über sich gelernt. Ich habe festgestellt, dass die Menschen der unteren Schichten alles andere als rassistisch untereinander sind – man lebt nebeneinander her, weil man das selbe Schicksal teilt. Sobald man aber zu den privilegierteren Schichten kommt, merkt man sogleich die Abschottungsbestrebungen durch z.B. restricted resindental areas, die gern mal durch hohe Zäune und Wachpersonal abgeschottet werden. In diesen Gebieten findet man sehr wohl ein gewisses Elitedenken, das in rassistischen Äußerungen gipfelt.
    Man erfährt auch sehr schnell, dass die Sache mit der Bildung eine sehr knifflige Angelegenheit ist. Die vorherrschende Presselandschaft ist geradezu lächerlich, will man sich global informieren. Man bekommt überall die USA Today, die man bestenfalls als Bodenbedeckung bei Renovierungsarbeiten verwenden kann. Kritische Presse ist absolut nicht vorhanden.
    Der Bürger wird künstlich dumm gehalten, bzw. für dumm verkauft. Noch schlimmer sind die TV-Nachrichten. Wer nicht durch minütliche Werbeunterbrechungen das Kotzen bekommt und abschaltet, wird nach Strich und Faden verarscht.
    „Dokumentationen“ gibt es auch, meist sind es Kriegsdokus (wie immer mehr bei uns auch) – und dort als Dauerwerbesendung für das Militär.
    Quotenhit war aber (zu der Zeit als ich die USA bereist habe) die täglich ausgestrahlte Dokusoap „Cops“ . Darin wird dem burgerfutternden Fernsehkonsumenten der tägliche Feind präsentiert: zu 90% Latinos und Schwarze, die meist auf frischer Tat bei irgendwas ertappt erst ein bisschen flüchten dürfen, aber dann von den tapferen, coolen und übermächtigen Cops gefasst werden. Massenverblödung pur. Panem et circenses in Reinkultur.
    Kritischere Beiträge gibt es ausnahmslos auf Bezahlkanälen.
    Das Perverse daran ist, dass genau dieses System hier schleichend eingeführt wird.

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  4. moritz

    Nachmachen sollte man das aber dennoch nicht. Als ich vor zehn Jahren in Miami falsch abgebogen bin wurde uns schon anders. Matratzen und Sperrmüll wild in Vorgärten und auf der Straße verteilt, einfach ein unsicheres Gefühl. Wer die Armut sehen will kann deutlich sicherer auch übers Land fahren. Auf dem 10k Kilometern habe ich mehr dritte Welt gesehen als mir lieb war. Die Menschen waren aber meist freundlich.

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  5. aussteiger

    es ist das ergebnis eines tief verwurzelten unterdrückungssystems.
    die psychologischen mechanismen die es uns ermöglichen ausgewählten tieren leid zuzufügen finden sich auch menschliche ausbeutungsverhältnissen. wir ordnen menschen auch in gruppen ein, denen wir uns moralisch mehr oder weniger verpflichtet fühlen.

    warum ist es uns egal, dass rinder, schweine, lämmer und geflügel für unseren genuss leiden und getötet werden? vielleicht weil es uns auch egal ist, dass viele andere menschen und rassen in den ärmeren ländern auch für unseren genuss leiden und oft verhungern oder aus ihrer heimat flüchten müssen? warum sind wir so, warum machen wir diese unterschiede?
    https://campogeno.wordpress.com/2013/10/28/usa-arroganz-der-macht/

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  6. Danke für den Link

    Danke für den Link auf den Ausschnitt von RT. Wenn man den kurzen Beitrag zu Ende schaut, bekommt man gleich weitere Beiträge ebenfalls von RT angeboten, auf denen zu sehen ist, wie LGBT-Aktivisten von rechten Schlägern verprügelt werden, worauf nicht etwa die Schläger, sondern die Aktivisten von der Polizei abtransportiert werden.
    Aber klar – es gibt in Russland keine „strukturelle“ Gewalt gegen Schwule…

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  7. Uli H.

    Mir missfällt dieses massive Einmischen in die Innenpolitischen und vor allem auch kulturellen Angelegenheiten von Staaten, die doch die meisten von uns nur aus dem Fernsehen oder Büchern kennen.
    Dieser Vorwurf richtet sich in erster Linie natürlich an die West-Medien die zu reinen Propagandaschleudern verkommen sind und offenbar den Weg bereiten für eine neue Art von Kreuzzügen gegen alles was hier nicht 100% ins Raster passt.
    Haben wir selbst denn nicht reichlich Probleme genug? Gewalt an Schulen und auch gegen Minderheiten gibt es hier direkt vor der Haustür!

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  8. rechercheuse

    ich habe diesen beitrag zuerst in „der freitag“ gelesen und mir heute nochmal die kommentare dazu angeschaut. ich weiß nicht wovor mir mehr gruselt – vor den kommentatoren beim freitag oder vor deren redaktion.

    … ist ja wohl „meinungsfreiheit“, wenn ich nicht wüßte, dass es die dort nicht gibt, sondern eine „willkürliche zensur“ für mich logischerweise eine „willkürliche freiheit“ bedingt, welche für eine „inhaltliche struktur“ spricht, die dann das blogthema wie von selbst erweitert und illustriert

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