Strukturelle Gewalt

In einem Artikel, den ich im Vorfeld des Eurovision Song Contestes geschrieben habe, behaupte ich, in Russland gebe es keine strukturelle Gewalt gegen Schwule. Dafür musste ich massive Kritik einstecken, was ich allerdings auch nicht anders erwartet hatte. Ich wurde mit einer großen Zahl von Beispielen konfrontiert, die zeigen sollten, dass in Russland tatsächlich Gewalt gegen Schwule ausgeübt wird. Doch ganz unabhängig von der oft fragwürdigen Beweiskraft der einzelnen Zeugnisse verfehlten sie in der Gesamtheit meine Argumentation.
Um zu zeigen, was mit dem Begriff der strukturellen Gewalt gemeint ist, möchte ich ein bisschen weiter ausholen und von einer weiteren Reise berichten, die ich unternommen hatte.
Diese Reise führte mich in die USA, unter anderem nach Los Angeles. Ebenso wie mir abgeraten wurde, Moskau zu besuchen, wurde mir in Los Angeles dringend abgeraten ein Viertel mit dem Namen Skid Row aufzusuchen. Es sei zu gefährlich. Nun was soll ich sagen, ich trug mal Iro und bin im Geiste immer noch ein Punk, setzte mich also ins Auto und fuhr los.
Die eindrucksvollsten Erfahrungen habe ich immer dann gemacht, wenn ich soziale Setzungen ignoriert habe. Meine Moskau-Reise ist dafür ein ganz herausragendes Beispiel. Mein Besuch in Skid-Row übrigens auch.
Obwohl ich längere Zeit in einem Schwellenland gelebt habe, habe ich noch nie so viel Armut gesehen wie in Skid Row. Dort leben nicht Hunderte, dort leben Tausende einfach auf der Straße. Sie hausen in Pappkartons, ihre Habseligkeiten schieben sie in Einkaufswagen vor sich her. Skid Row könnte Bilder zu Dawn of the Dead inspiriert haben. Denn wie Zombies irren die Obdachlosen dort umher, völlig isoliert, schließlich ist Solidarität kein amerikanischer Wert, vor allem nicht am unteren Ende der Gesellschaft. Während sich die Reichen ganz solidarisch gegenseitig beim immer reicher Werden helfen, indem sie Politik in ihrem Sinne steuern, erzählen sie nach unten die Geschichte vom Glück, das jeder für sich selbst zu schmieden hat.
Es gab bei meiner Fahrt durch Skid Row beinahe zwei Unfälle, denn Sucht und Drogen beherrschen dort offensichtlich den Alltag. Torkeln, Taumeln und Straucheln ist dort die häufigste Art der Fortbewegung, Gehen ist eine Randerscheinung.
Vermutlich lässt sich das sogar ganz rational erklären. Wer sich keine ärztliche Behandlung leisten kann, greift zu Schmerzmitteln, um Symptome zu bekämpfen. Und Heroin und andere Opiate sind ganz wunderbare Schmerzmittel, hoch potent in der Wirkung. Sie nehmen jeden Schmerz und spenden Wärme für den Moment. Auf den ersten Blick sind sie günstiger als der Gang zum Arzt.
Welche Hautfarbe in Skid Row vorherrscht, muss ich nicht weiter ausführen. Es sind überwiegend Schwarze, denen hier die Tür zu jeglicher Form der gesellschaftlichen Teilhabe zugeschlagen wurde. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel hoffnungsloses Elend gesehen. Luftlinie wenige Kilometer entfernt glitzert Hollywood, das noch immer die Geschichte vom Amerikanischen Traum erzählt. Der Widerspruch ist in seiner Tiefe obszön.
Nachdem ich ein ähnliches Erlebnis in Miami hatte, begann ich, mich mit dem Thema Armut in den USA zu beschäftigen. Das Ergebnis überrascht nicht, es ist weithin bekannt: Schwarze haben ein deutlich höheres Risiko in die Armut abzusinken, Schwarze sind deutlich häufiger im Gefängnis, Schwarze werden häufiger zum Tode verurteilt, Schwarze sind deutlich häufiger Opfer von Polizeigewalt.
Es gibt ein ganzes Ensemble von Gesetzen, gesellschaftlichen Konventionen und Vorschriften, die Schwarze benachteiligen. Die amerikanische Gesellschaft weiß darum, sie kann dieses eklatante Defizit jedoch nicht beheben, sondern weitet es immer weiter aus. Ein ganz großer Teil des War against Drugs beispielsweise lässt sich verstehen als ein Angriff auf Schwarze. Die Haftstrafen für den Besitz von Crack sind ungleich höher als für den Besitz des viel teureren Kokains. Welche Gesellschaftsschicht konsumiert wohl welche Substanz?
Gesetze die den Zugang zum Arbeitsmarkt und tariflichen Schutz regeln, lassen ebenfalls kaum einen anderen Schluss zu, dass hier absichtsvoll Farbige um ihre Teilhabe gebracht und ausgegrenzt werden.
Das ist das, was ich strukturelle Gewalt nenne. Es ist ein tief in die Gesellschaft eingeschriebenes System der Benachteiligung und Diskriminierung. Das, was in Ferguson und Baltimore auch für ganz hart gesottene Transatlantiker sichtbar wurde und nicht mehr zu leugnen ist. Die USA sind ein strukturell rassistisches Land.
Im Falle Russlands gibt es ein solches System der Benachteiligung und Diskrimnierung von Schwulen aber eben nicht. Es gibt sicherlich Gewalt gegen Schwule, wie sie es in Deutschland auch gibt. Aber eben individuelle Gewalt und keine strukturelle.
Homosexualität ist in Russland nicht verboten, es gibt mehrere schwule Metropolen, Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg beispielsweise, mit funktionierenden, lebendigen Szenen, die in ihrer Existenz nicht bedroht werden. Homosexuelle haben den gleichen, verfassungsmäßig garantierten kostenlosen Zugang zu medizinischer Versorgung, eine Diskriminierung zum Beispiel hinsichtlich der HIV-Medikation besteht nicht. Gleichgeschlechtliche Paare wohnen zusammen, das ebenfalls verfassungsmäßige Recht auf Wohnung schützt auch diese alternativen Formen des Zusammenlebens.
Das viel diskutierte Gesetz, nachdem Werbung für nicht traditionelle Lebensweisen mit Geldstrafen belegt werden kann, ist eben nicht Ausdruck einer lang andauernden, tief in die Gesellschaft eingeschriebenen und daher strukturellen Diskriminierung wie das beim strukturellen Rassismus in den USA der Fall ist.
Das Gesetz lässt sich viel besser und konsistenter verstehen als Suche nach einem Umgang mit aktuellen Phänomenen einer im Aufbruch und Wandel befindlichen Gesellschaft. Das sorgt freilich für Irritationen und Reibungen, vor allem bei denen, die diesen Wandel nicht bereit sind mitzutragen.
Nachdem in den deutschen Medien jedenfalls noch vor einem Jahr behauptet wurde, in Russland würde aufgrund des Gesetzes nun nie eine schwule Parade stattfinden können, die queere Bewegung würde in ihrer Entwicklung massiv behindert, fand zum 1.Mai dieses Jahres die erste Gay Pride in St. Petersburg statt. Der Mainstream hat freilich nicht berichtet, hätte er doch seine Position korrigieren müssen. Im Gegenteil wurde einer der Inititoren des Anti-Gay-Propaganda-Gesetzes, der christdemokratische Kommunalpolitiker Vitaly Milonow, von der Polizei zurückgedrängt als er in gewohnt lautstarker Manier gegen das Zeigen der Regenbogenfahnen protestierte.
Meine Aussage wiederhole ich daher nochmals. Es gibt keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Es gibt im Gegenteil einen sehr lebendigen, manchmal auch streitvollen Diskurs um politische Rechte und Teilhabe. Dieser Diskurs ist längst nicht abgeschlossen. Das Anti-Propaganda-Gesetzt ist kein Zeichen einer harten Verkrustung, sondern eben ganz das Gegenteil davon.
Es wäre hilfreicher, diesen Prozess durch Austausch und Diskurs zu befördern, ihn in seiner Diffrenziertheit wahrzunehmen, als mit der verbalen Keule auf Russland als Ganzes einzudreschen. Das evoziert lediglich harsche Abgrenzungsreaktionen. Ich kenne das von mir. Mir wurde auch gesagt, ich solle auf keinen Fall Skid Row besuchen. Und was habe ich als Nächstes getan? Eben!

Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.

Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.

Moskau – Ein Reisebericht

Der Vorlauf zu meinem Besuch im Moskau begann schon 2013. Am 31.08.2013 um genau zu sein. An diesem Tag versammelten sich tausende Demonstranten vor der Russischen Botschaft in Berlin um gegen ein Gesetz zu protestieren, das unter dem Schlagwort Homophobie-Gesetz die deutsche und westliche Öffentlichkeit empörte. Ich hatte mich auch empören lassen und lief mit.
Eine ausgesprochene Dummheit, für die ich mich heute schäme. Ich schäme mich deshalb, weil ich all das, was ich im Nachklang der Demonstration an Recherche unternahm, vorher hätte unternehmen sollen. Hätte ich es getan, wäre ich nicht hingegangen.  Doch immerhin war das der Tag, an dem Russland überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis rückte.
Aus diesem war es unbemerkt Mitte der neunziger Jahre verschwunden. Unter Gorbatschow war ich euphorisch, glaubte an Annäherung und Zusammenarbeit, unter Jelzin wollte ich meine Ausgabe von Marx‘ „Das Kapital“ ins Antiquariat bringen. Dann war es still. Manchmal plätscherte es noch ein bisschen, Georgienkrieg, Tschetschenien, aber das war alles weit weg.
Erst 2013 wurde ich durch Putins perfide Attacke auf die Schwulenrechte aus meinem Schlaf gerissen. Vehement! Ein bisschen zu vehement allerdings.
In der Monate andauernden Berichterstattung über die schwindenden Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Russland sah es nämlich in den deutschen Medien so aus, als würde sich Bundespräsident Gauck schützend vor die queere Community stellen und aus Protest nicht nach Russland zu den Olympischen Spielen nach Sotchi reisen. Das war dann doch zu viel des Guten, in keiner Weise mehr glaubhaft, löste daher bei mir die allergrößte Skepsis aus.
Dass in Russland Schwule und Lesben unter Druck sind, diesen Schritt war ich bereit, ohne Überprüfung mitzumachen, es schien mir plausibel. Dass ein Bundespräsident deshalb ein Land diplomatisch brüskiert, das war doch deutlich zu viel der Solidaritätsbekundung, zumal gleichgeschlechtliche oder, um es in der russischen Diktion zu sagen, nicht traditionelle Lebensentwürfe hier in Deutschland, Europa und dem Westen ebenfalls umstritten sind, sich auch nicht gerade einer langen, jahrhundertealten Tradition erfreuen. Es ist auch hier ziemlich neu, das gleichgeschlechtliche Partnerschaften schützenswert sind.
Also setzte ich mich hin und suchte nach einer deutschen Übersetzung des besagten Gesetzestextes, der fortan die russischen Schwulen und Lesben von jeder Beteiligung am öffentlichen Leben ausgrenzen würde, der sie der Gewalt von Nazi-Schlägern überließ, ohne dass die Polizei eingriff, die einem klerikalen Mob das Recht gab, Homosexuelle zu misshandeln und zu drangsalieren. Ich suchte und ich wurde auf paradoxe Weise fündig, denn ich fand – nichts!
Da braust ein Sturm der Empörung durchs Land, da werden Schreckensszenarien beschworen, wie in Russland Lesben, Schwule und Transsexuelle in grausamster Weise unterdrückt werden, da wird dem Präsidenten der Russischen Föderation unterstellt, er wäre persönlich verantwortlich, würde aufgrund seiner Homophobie einem Monarchen gleich einfach mal so homophobe Gesetze erlassen, da wird die Schwulenfeindlichkeit einer ganzen Nation konstatiert, da wird all dies behauptet und der Stein des Anstoßes, das Gesetz selbst findet sich in den Weiten des Internets nicht in einer Deutschen Übersetzung? Das war ausgesprochen interessant.
Inzwischen bin ich, was das Gesetz angeht schlauer. Es handelt sich um Ergänzungen in einigen Gesetzen des Zivilrechts. Nicht des Strafrechts wohlgemerkt und es geht ausschließlich um Jugendschutz. Das Wort Homosexualität kommt nicht vor. Ich will jetzt nicht in die Tiefe von Gesetzestexten eintauchen, ich bin kein Jurist.
Allerdings ist für mich zu meinem eigenen Erstaunen der Eindruck entstanden, die Gesetzeslage sei in der russischen Föderation trotz des Gesetzes in vielerlei Hinsicht deutlich liberaler als sie es zum Beispiel in zahlreichen Bundesstaaten der USA ist.
Dieses Erlebnis weckte eine größer werdende Skepsis im Hinblick auf unsere Berichterstattung gegenüber Russlands. Diese Skepsis kam keinen Augenblick zu früh, denn inzwischen zog die Ukrainekrise herauf und die Schärfe, die die deutschen Medien gegenüber der Russischen Föderation an den Tag legten, nahm mit jedem Tag ein bisschen zu. Spätestens als der Bürgerkrieg ausbrach, überschlugen sich die deutschen Medien mit Falschmeldungen, die als Lügen zu bezeichnen man kaum vermeiden kann.
Leider, das stellte ich bei dieser Gelegenheit auch fest, konnte man all das Geschreibsel von der angeblich ebenfalls stattfindenden russischen Propaganda nicht überprüfen, ich konnte kein Russisch, war daher darauf angewiesen, dass die Information in der Presse stimmte. Dieser misstraute ich jedoch inzwischen zutiefst, es war einfach in sich nicht schlüssig und evident.
Um dem Abhilfe zu schaffen, buchte ich einen Sprachkurs und suchte per Internet nach Kontakten nach Russland, was erstaunlich leicht gelang.
Die Informationen, die von dort kamen, waren diametral zu denen, die hier in den Medien verbreitet wurden. Natürlich war nicht alles super, wo war es das schon. Außerdem pflegt man in Russland, inzwischen weiß ich das, eine gewisse Larmoyanz. Meine russischen Freunde waren gegenüber ihrem Land viel kritischer als wir es gegenüber unserem sind. Wir sind im Hinblick auf uns selbst recht blind und ungesund selbstzufrieden. Wir sind Exportweltmeister, das ist doch super. Wir sind Wirtschaftslokomotive, wir sind das Modell für Europa.
Die Problematik, die sich hinter all dem verbirgt, übersehen wir mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz.
Der Larmoyanz ungeachtet meinten alle meiner Kontakte, die Freiheit habe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugenommen, erheblich zugenommen. Das war der Tenor, der mir entgegenschlug. Und noch etwas wurde mir deutlich: Im Gegensatz zu unserer Selbstwahrnehmung betrachten uns meine russischen Freunde keineswegs als frei, sondern als am Gängelband der USA gehalten. Aus dieser Perspektive erscheint Russland mit Berechtigung viel freier. Und dieser Anspruch, in vielerlei Hinsicht, vor allem aber politisch freier zu sein als die Menschen in der Bundesrepublik, zog sich wie ein roter Faden durch meine Unterhaltungen. Ein Augenöffner! Eine diskussionswürdige Perspektive.
Spätestens dann wurde mir klar, ich müsste dringend mal nach Russland, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich hatte das Gefühl, keine zwei Flugstunden von hier ist eine Welt, zu der ich keinen Zugang hatte, ein völlig unbekanntes Terrain, eine andere Sicht, die man dringend wahrnehmen muss, denn sie könnte viel erhellen.
Wenn in Florida die Schulkinder aufgrund des Wetters auf ihrem Weg zur Schule einen Schal tragen müssen, wurde ich darüber umfassend bis zur Belästigung informiert. Über Russland – nichts. Nichts über Alltag in Russland, russische Feste, russische Filme, russischen Pop, nichts. Lediglich Informationen zu politischen Themen, denen ich nicht mehr traue, denn sie sind überzogen, einseitig, verstoßen gegen Evidenz, Psychologie, Hermeneutik und Erfahrung, sind offensichtlich dazu gemacht, zu manipulieren, sind hoch aggressiv.
Während ich in meinem Sprachkurs erfuhr, dass Duma, der Name des russischen Parlamentes von dem Verb “dumat”, denken abgeleitet ist, wurden im deutschen Parlament, dessen Name immer wirklichkeitsnaher vom Wort labern abgeleitet werden kann, Sanktionen gegen Russland befürwortet.
Schließlich saß ich dann tatsächlich im Flugzeug nach Moskau. Von meinem Internetkontakt Dmitry wurde ich abgeholt, in seiner Wohnung sollte ich die nächsten Tage verbringen. Ich hatte Schwierigkeiten dieses Angebot anzunehmen, schließlich kannte ich ihn im Grunde nicht. Ich hatte mich dennoch darauf eingelassen. Zur Not, so war mein Plan, würde ich in ein Hotel umziehen.
Dmitry, der in Moskau eine Künstleragentur und einen Kostümverleih betreibt, legte eine mir in diesem Ausmaß unbekannte Gastfreundschaft an den Tag. Ich hatte den Wunsch geäußert, ich wolle die schwule Szene von Moskau sehen. Genau das bekam ich. Wir besuchten Cafés und Bars, besuchten ein Freundespaar, zwei Programmierer, die zusammen in einer Wohnung in einer Moskauer Satellitenstadt lebten, gingen in Discos und sahen diversen Damenimitatoren bei ihren Auftritten zu.
Langer Rede kurzer Sinn, von der in Deutschland an die Wand gemalte Unterdrückung keine Spur. Keine Razzien, keine Übergriffe durch Nazis, keine Attacken orthodoxer Christen. Es gibt in Moskau eine funktionierende Szene, die genauso funktioniert wie die Szene in anderen europäischen Metropolen auch. Mir wurde gesagt, die Szene in St. Petersburg wäre noch viel besser und die in Jekaterinburg müsste ich auch unbedingt mal sehen.
Wir sprachen viel über queere Politik. Ich trug deutsche Argumente vor. Ja, es gab in Moskau keine Gay Pride. Meine Gesprächspartner waren sich aber auch gar nicht sicher, ob das ein Ziel sein sollte. Ein Argument, das immer wieder fiel, war, der Christopher Street Day sei ein durch und durch US-Amerikanisches Fest, es hätte mit Russland und seiner Geschichte gar nichts zu tun. Es hätte da nie die Übergriffe von Polizei auf Bars wie Stonewall-Inn in der New Yorker Christopher Street gegeben, die dann Auslöser für die Proteste in den USA waren. Warum sollte man das feiern? Man hätte eigene Probleme, die eigene Antworten erforderten. Irgendwie schlagend.
Am Morgen des 28. Februar trat jedoch ein ganz anderes Thema in den Vordergrund. Boris Nemzow war in der Nacht erschossen worden.
Dann passierte etwas, das ich mir für Deutschland wünschen würde. Die Meldung machte die Runde und jeder mit dem ich es zu tun hatte, war unmittelbar politisiert. Niemand blieb gleichgültig. Niemand hatte es verpennt, übersehen, wegen Jungle-Camp nicht wahrgenommen. Und das, obwohl der ehemalige Ministerpräsident Nemzow, wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, inzwischen eine politisch völlig unbedeutende Person war. Seine Partei scheiterte regelmäßig an der 5-%-Hürde, und das nicht mal knapp.
Er war nicht sonderlich beliebt. Der Politiker Nemzow steht für den Ausverkauf Russlands und den neoliberalen Durchmarsch unter Jelzin, der zur Verarmung weiter Teile der Bevölkerung führte und das viel kritisierte Oligarchentum ermöglichte.
Entsprechend peinlich war mir dann die Berichterstattung, die aus Deutschland herüberschwappte. Hier glauben wir ja, in Russland wäre alles reine Staatspropaganda. Die Medien werden nicht müde, dies zu suggerieren. Dabei ist die Auswahl an Nachrichtensendern in Russland unglaublich groß, die Meschen, die ich kennen gelernt habe, sind ausgesprochen gut informiert, viel besser als ich es von meinen Freunden hier kenne. Von RT über CNN bis hin zur Deutschen Welle ist das Angebot an Nachrichtenssendern sehr breit.
Im Vergleich hiermit, ist es ganz explizit Deutschland, das unter der Propagandaglocke lebt. Hier wird ein neuer Kanal wie RTDeutsch nicht als Bereicherung des Spektrums begrüßt, wie man das von einem der Meinungsfreiheit und Pluralität verpflichteten Land erwarten könnte. Hier wird diese Alternative, die gerade mal ein paar tausend Klicks pro gestreamter Sendung erhält, erstmal kräftig diffamiert. Ein wirklich schändlicher, jedem Selbstverständnis westlicher Demokratien zuwider laufender Vorgang und deutliches Signal, dass es mit den westlichen Werten nicht zum Besten steht.
Boris Nemzow jedenfalls war noch nicht richtig kalt, da wussten die deutschen Medien schon, wer es war. Putin, der alte KGB-Agent, hatte sich nachts in die Pantoffeln geworfen, Knarre aus dem Schrank geholt und war dann um die Ecken des Kreml geschlichen, um seinen großen Widersacher zu erledigen. Auch in Russland nimmt man gern Einblick in die Vorstellungswelt deutscher Journalisten und … lacht sich kaputt.
Mir war es ausgesprochen peinlich, was da an geistigem Dünnpfiff abgesondert wurde. Mir war es peinlich, wer da als Experte und Expertin befragt wurde. Manch einer und manch eine hatte einen russisch klingenden Namen, doch schon nach kurzer Recherche wurde klar, die Finanzierung kam aus einem transatlantischen Think Tank, wie zum Beispiel die vom Focus als “Expertin” vorgestellte Poltitologin Frau Schewzowa, die vom Carnegie-Institut finanziert wird. Das veranlasst einen deutschen Qualitätsjournalisten jedoch nicht zu einer kritischen Nachfrage. Noch viel peinlicher war mir jedoch, dass man in Russland bestens über die intellektuellen Bankrotterklärungen aus Deutschland informiert ist. Totaler Gesichtsverlust der Dichter und Denker.
Am 1. März versammelten sich dann mehrere tausend Menschen zu einem stillen Gedenken an dem Ort, an dem Nemzow erschossen worden war. Auch dafür hatte der deutsche Qualitätsjournalismus sofort die richtige Einordnung parat. Es waren alles Oppositionelle. Mein Bild war jedoch anders. Die Motiviation zur Teilnahme war vielschichtig. Viele gingen, weil es einfach schrecklich war, dass mitten in Moskau jemand erschossen wurde. Andere gingen hin, weil sie eine Attacke von außen annahmen, die das Ziel hatte, Russland zu destabilisieren. Wieder andere waren da, weil sie Verbundenheit zeigen wollen und dann waren da einige, die waren tatsächlich so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition. Aber es war meiner Einschätzung nach der kleinste Teil.
Ich will hier abschließen und zusammenfassen. Was blieb von meiner Reise außer dem Wunsch, möglichst schnell wieder Russland zu besuchen?
Ich bekam für einige Tage einen Außenblick auf die Bundesrepublik und ihre Selbstwahrnehmung; ich bekam einen sehr eindrucksvollen Realitätscheck.
Wir sind wieder was als Deutsche, lächerlich nämlich. Lächerlich und gefährlich sind wir in unserer Ignoranz und Blödheit. Unsere Medienlandschaft ist ein Desaster gerade angesichts eines Landes wie Russland, auf das wir nur allzu bereit sind hinunter zu gucken. Es gibt in Russland einseitige Berichte, die den Namen Propaganda verdienen mögen, aber es gibt eben auch eine Vielzahl anderer Positionen, die Raum finden. Genau diese Pluralität besitzt die deutsche Medienlandschaft eben nicht. Aus diesem Grund weiß ich auch genau zu beurteilen, welche Nation unter der Glocke umfassender Propaganda hockt. Die Russen sind es nicht.
Die Menschen in Russland sind politisiert und haben vielfältige Ansichten, die kontrovers diskutiert werden. Hier sind die Menschen zur Kontroverse oft gar nicht mehr in der Lage, weder im Politischen noch im persönlichen Umgang. Das ist das Ende jeder Dynamik.
Wir haben das Gefühl, wir hätten alles richtig gemacht und hätten daher das Recht, andere zu belehren. Belehren im Hinblick auf ihr Wirtschaften, die Umsetzung Reformen, von Menschenrechten, die Ausgestaltung von Demokratie. Ein ausgesprochen unangenehmer Zug, der zudem noch in grundlegend falschen Annahmen wurzelt. Wir merken gar nicht, wie lächerlich wir uns damit machen, zumal es um unsere Demokratie, um unsere sozialen und politischen Errungenschaften angesichts von TTIP, Austeritätspolitik und marktkonformer Demokratie keineswegs gut bestellt ist. Jeder weiß das, jeder außerhalb Deutschlands. Nur die Deutschen selbst, die wissen es nicht. Ihnen bleiben die Zusammenhänge verborgen.
Deutschland träumt von seinem Modellcharakter, glaubt, das, was hier gut sei, sei für alle gut, und verpennt dabei, wie Rechte und Freiheiten hier angegriffen und beschnitten werden, wie asymmetrisch und einseitig unsere Wahrnehmung absichtsvoll gehalten wird. Deutschland pennt und glaubt sich wach.
Es ist ein sehr hässliches Bild, das wir inzwischen wieder abgeben. Einige Tage in Moskau brachten dies deutlich und schmerzlich zum Bewusstsein. Es braucht diesen Austausch, das hinausschauen über den eigenen Tellerrand, Vernetzung, um sich entwickeln zu können und auch sich selbst wahrnehmen zu können. Es war übrigens Wladimir Putin, der genau dies für  das Verhältnis von EU und Russland immer wieder vorgeschlagen hat. Austausch, Zusammenarbeit, Vernetzung, Handel. Wir haben das zurückgewiesen.