Verschiebungen – Wie aus der Regenbogenfahne ein Symbol der Herrschaft wurde

Es geht hier um Verschiebungen. Es geht darum, wie aus einem Symbol für Freiheit, für Vielfalt, Toleranz und Selbstbestimmung ein Symbol imperialer Macht und Gewalt gemacht werden konnte.
Es geht um die Regenbogenfahne.
Und es geht um die Ukraine.

Dort fand am 12.6 eine Gay Pride statt. In der Hauptstadt, in Kiew. Eine schöne Stadt. Die taz vermeldete als Ergebnis der Veranstaltung in einem Kommentar einen Fortschritt. Endlich hatte die Pride gegen den Widerstand von “rechten Dumpfbacken” und dem Klerus, der gegen Homosexuelle hetzt, stattfinden können. Dass der Klerus hetzt, ist sicherlich richtig, dass es rechte Dumpfbacken gibt, sicherlich auch. Die Redaktion der taz ist da auch nicht frei davon.
Jetzt, so geht es sinngemäß in der taz weiter, jetzt  wurde mal gezeigt, wie das mit der Freiheit so funktioniert und wie man das so macht. Und ab hier wird es falsch. Merkwürdig und ganz tief falsch.

Auf der Gay Pride in  Kiew wurden je nach Medienberichten zwischen eintausend und zweitausend Demonstranten von 6500 Sicherheitskräften auf ihrer Wegstrecke von 500 Metern vor Attacken und Gewalt geschützt. Auf diesen 500 Metern transformierte sich  die Regenbogenfahne als Symbol für Freiheit und Vielfalt in ein Symbol herrschaftlicher Macht, ein Symbol der Unterdrückung und eines eurozentrischen Imperialismus.

Der Videoblogger Anatolij Scharij hat diese Transformation in einer kurzen Dokumentation festgehalten. Sie trägt den Titel „Was heute in Kiew passierte“. Die Zwischentitel lauten in deutscher Übersetzung: “Gegner”, “Teilnehmer”, “Rebecca Harms. Seit 11 Jahren kümmert sie sich mehr um die Ukraine als um Deutschland”, “Körper entfernen lassen”, “professioneller Schwätzer”, “Er war dagegen”, “Alles läuft ruhig. Wir sind Europa”, “Der Marsch”, “Ankunft der Hüter der Moral”.

Man kann das Video nicht unkommentiert lassen und man kann es auch nicht unterlassen, auf die besondere Rolle von Rebecca Harms hinzuweisen. Rebecca Harms ist Vorsitzende der Fraktion der Grünen im Europaparlament.

Es ist natürlich kein Zufall, sie hier auf der Kiewer Gay Pride zu sehen. Ihr großes Thema ist tatsächlich die Ukraine und die Maidanbewegung, die sie unterstützt. Freilich beschäftigt sie sich daher auch mit Russland und der Politik der Russischen Föderation, gegen die sie eine tiefe Aversion hegt, die sie nicht müde wird zu äußern.

Entsprechend wurde Rebecca Harms  im Zuge des Sanktions-Ping-Pongs zwischen EU und Russland die Einreise in die Russische Föderation verweigert. (Wir haben angefangen.) Nicht ganz zu Unrecht, denn ihr Treiben dort geht weit über die Äußerung von Kritik hinaus, erfüllt vielmehr den Tatbestand der Hetze und der Anstiftung zu Unruhe.

Aber ebenso, wie sie vorurteilsbeladen mit Russland umgeht, ist sie vorurteilsbeladen im Hinblick auf die Ukraine. Nur eben unter anderen Vorzeichen. Im Hinblick auf die politischen Entwicklungen ist sie in einer gefährlichen Weise naiv und blendet Fakten und Entwicklungen vollständig aus.  

Die Szene, in der ein Gegendemonstrant auf sie zutritt, um ihr Fragen zu stellen, was sie damit beantwortet, dass sie ihn von der Polizei abtransportieren lässt, ist in der Bildersprache treffend. Der Mann wird zu Boden gedrückt, seine Argumente werden nicht gehört, er bekommt keine Antwort. Diese Demonstration von Macht macht aus dem Mann mit Sicherheit keinen glühenden Anhänger europäischer Werte, auch wird die Regenbogenfahne für ihn auf lange Zeit zum Symbol einer erlebten Demütigung werden. Da muss man keine zwölf Semester Psychologie studiert haben, um das zu verstehen.

Man kann das für falsch halten, was er vorbringt. Aber er hat es gewaltfrei vorgebracht. Es verdient eine Antwort. Auf eine Meinungsäußerung mit dem Einsatz von Gewalt zu reagieren, spottet jedem angeblichen Eintreten für Demokratie Hohn. Und diejenige, die hier Gewalt anwendet ist eine hochrangige Euro-Parlamentarierin. Hier verschiebt sich etwas in ganz unguter Weise. Hier wird etwas aufgezwungen. Aufgezwungene Freiheit ist aber keine.   

Und dann sieht man im weiteren Verlauf der Dokumentation noch etwas, vor dem Rebecca Harms und Europa die Augen verschließen. Nach dem letzten Zwischentitel “Ankunft der Hüter der Moral”, da kann man seinen Ohren ruhig trauen. Ja, sie rufen “Sieg Heil” und wenn man den eigenen Ohren weiter traut, hört man “Sieg Heil, Rudolf Heß, Hitlerjugend – SS”. Das ist es, was sie skandieren. Es sind Nazis. Die Existenz einer breiten faschistischen Bewegung in der Ukraine wird bei uns verneint oder schön geredet. Doch sie ist dort massiv und reicht tief hinein in die Strukturen des Staates. Diese Bewegung ist genau so Kind westlicher Politik wie der IS. Sie ist das Ergebnis von Perspektivlosigkeit. 

Die Ukraine wurde durch die Intervention des Westens zu einem gescheiterten Staat mit einer großen, den Staat und die Regierung treibenden faschistischen Bewegung. Wir müssen das sehen und uns dem stellen. Wir müssen begreifen, dass wir das angerichtet haben. Wir müssen verstehen, warum sich dort so viel radikalisiert.

Das große Paradox ist: Es gab vor dem Maidan in Kiew eine funktionierende queere Infrastruktur.  Es gab Bars und Kneipen. Wenn ich den Berichten meiner ukrainischer Freunde Glauben schenken darf, war alles auf einem guten Weg, hin zu mehr Freiheit, langsam aber stetig. Es gab ganz viele funktionierende Infrastrukturen, denn die Ukraine war ein funktionierender Staat.

Diese Infrastruktur wurde durch die vom Westen betriebenen politischen Entwicklungen in der Ukraine zerstört. Die Ukraine ist weit zurückgefallen. Ökonomisch, politisch, freiheitlich. Dass was Harms da tut, wird diese Rückständigkeit manifestieren. Man muss sich nur einen Augenblick hineinversetzen.

Seit dem Maidan ist die Wirtschaft zusammengebrochen. Die Inflation galoppiert, der Staat hat als Bedingung für Kredite des IWF Sozialleistungen und Renten gekürzt. Das ganze neoliberale Programm wird installiert. Die Situation der Bevölkerung verschlechtert sich rapide.

Man muss nicht viel Einfühlungsvermögen mitbringen, um zu verstehen, dass es in den Ohren der Ukrainer wie Hohn klingen muss, wenn es jetzt heißt, die erkämpfte Freiheit sei eine Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung und es gäbe eine Pflicht zur Toleranz, die mit staatlicher Gewalt durchzusetzen sei. Ansonsten nur Nachteile. Mehr als das: Niedergang, Ausverkauf.

Wenn Freiheit nur für eine Gruppe gilt, dann wird Freiheit zu Unrecht. Dann wird aus einem Symbol wie der Regenbogenfahne, einem Symbol das eigentlich für Freiheit, Gleichwertigkeit und Vielfalt stehen möchte, dann wird aus diesem Symbol ein Zeichen der Macht, der Unterdrückung und Gewalt.

Das ist es, was in Kiew bei der Gay Pride passiert ist. Und ich fürchte, die queere Community hat es einfach hingenommen, wenn sie es denn überhaupt bemerkt hat. Wenn ihr etwas an den von ihr postulierten Werten liegt, müsste sie aufstehen und dagegen angehen. Sie müsste aufschreien dagegen, dass in ihrem Namen und mit ihrem Symbol Neo-Kolonialismus und Imperialismus betrieben wird. Sie muss deutlich machen, dass die gemeinte Freiheit etwas anderes ist, als das Frei-Sein von jeder sozialen Sicherheit. Sie muss deutlich machen, dass es Freiheit und Gleichheit eben immer nur für alle gleichzeitig geben kann. 

All das hat die Gay Pride in Kiew nicht getan. Sie  hat daher weder der queeren Community noch der Ukraine einen Gefallen getan. Sie hat niemanden weiter gebracht. Im Gegenteil.  

 

Mein ESC mit Jurassica Parka und Jan Feddersen

Geplant hatte ich einen lustig-unterhaltsamen Abend, geworden ist daraus ein Desaster und ein einziges, großes Ärgernis. Ich wollte mir den Eurovision Song Contest im Schwuz anschauen. Das hatte ich schon häufiger gemacht, ich wusste so in etwa, auf was ich mich einließ und was mich erwartete. Dass der russische Beitrag und vor allem Russland im Vorfeld auf der Seite eurovision.de von den dortigen Moderatoren kräftig runter gemacht wurde, hatte ich hingenommen. Der über die russsischen Verhältnisse völlig fehlinformierte Jan Feddersen konnte sich kaum bremsen und teilte mit jedem zweiten Satz gegen Russland aus. Er lässt sich in seiner Selbstdarstellung als Mann mit Meinung feiern, dabei hat er gar keine. Er plappert nur nach. Völlig hohl. Peinlich obendrein, denn der Mann hatte von den Vorgängen und Entwicklungen in Russland ganz offensichtlich nicht den Hauch einer Ahnung. Völlig frei von jedweden Fakten blubberte Feddersen die üblichen Stereotype hoch und runter. Er verstieg sich sogar zu der These, Russland würde technisch in seinen Beiträgen beim ESC immer viel auffahren, so ”dass die Russen Stimmen aus dem freien Europa bekommen”. Jan Feddersen wäre sicherlich auch in Nordkorea eine steile journalistische Karriere möglich, denn er ist völlig erbarmungslos, von jeder journalistischen Ethik befreit auf der gerade herrschenden Linie.

542187_a0b4b7cc9af745ccbeb33102dc176291Wie diese Propaganda wirkt, durfte ich dann gestern Abend bestaunen. Im Schwuz nahm Jurassica Parka auf ihrem Sofa platz und kommentierte den Eurovision Song Contest. Sie gab Belanglosigkeiten von sich, echauffierte sich über Frisuren und Outfits, blieb völlig im Klischee stecken.  Alles wunderbar.
Nur ein einziges Mal verließ sie die Rolle der zickigen Transe. Nach dem Beitrag Russlands wandte sie sich mit einem Verbot direkt ans Publikum. “Russland wählt ihr nicht. Die mögen uns nicht und wir mögen die nicht!”

Was soll ich sagen? Meine gute Laune, mein unterhaltsamer Abend waren schlagartig dahin. Was für eine hohle Kuh! Die nahm doch tatsächlich das Geschwätz der Systemmedien für bare Münze.

Hatte die noch nicht mitbekommen, dass wir eine schwere Medienkrise haben, dass im Grunde alles, was da im Hinblick auf Außenpolitik verbreitet wird, mindestens fragwürdig ist? Von Assads Giftgasattacken auf das eigene Volk, über die diversen Farbrevolutionen und die faulen Griechen bis hin zur  Berichterstattung über den US-Wahlkampf ist das alles mit Vorsicht zu genießen, was da medial präsentiert wird. Und im Hinblick auf Russland sowieso.

Das ist ja inzwischen medienkritisches Basiswissen. Wie kann man da noch so einen Blödsinn von sich geben, obendrein noch meinen, man wäre eine queere Aktivistin? Es gehört doch zur Grundausrüstung politischen Aktivismus‘, dass man den Systemmedien nicht ungeprüft Glauben schenkt.

Jurassica Parka tut dies nicht, sonst wüsste sie, dass es in Russland zwar ein fragwürdiges Jugendschutzgesetz aber keine strukturelle Gewalt gegen Schwule und Lesben gibt, wie das hier bei uns immer wieder behauptet wird.
Parka und mit ihr viele andere Pseudoaktivisten lassen sich mit ihrer kritiklosen Übernahme von Anschuldigungen gegen Russland zum Instrument einer Auseinandersetzung machen, in der es um die Rechte von Schwulen und Lesben überhaupt nicht geht. Es geht um schnöde Geopolitik. Und es geht darum, die Bereitschaft in der Bevölkerung für eine zunehmende Aggression gegenüber Russland medial herzustellen. Jurassica Parka und Feddersen machen da schön mit. Wer glaubt, es ginge in der Auseinandersetzung mit Russland um die Regenbogenflagge und wer wann wo Händchen halten darf, der glaubt vermutlich auch, dass der Osterhase Eier legt.

Zum queeren politischen Aktivismus gehört nicht nur, von CSD zu CSD zu tingeln und sich dort volllaufen zu lassen. In Aktivismus steckt das Wort Aktivität. Dazu gehört auch, dass man sich um ein Mindestmaß an Wahrheitsgehalt aktiv bemüht, sich informiert und sich nicht einfach passiv informieren lässt, bevor man irgendwas in die Welt hinaus bläst.

Das hat der queere Aktivismus hierzulande leider völlig vergessen. Hier gilt schon als Aktivist, wer einfach immer nur noch lauter als alle anderen, das, was allen als wahr gilt, schrill heraus plärrt. Das ist allerdings kein Aktivismus, das ist einfach nur spießig systemkonform, im schlimmsten Fall sogar gefährlich.

Nun was soll ich sagen. Wie der Abend endete, weiß heute jeder. Der ukrainische Beitrag gewann mit einem geschichtsklitternden Liedchen, das die Verschleppung der Tataren thematisiert, ihre Kollaboration mit den Nazis aber verschweigt.

Ich bin schon sehr gespannt, wie der meinungsstarke Jan Feddersen im nächsten Jahr den ESC in der Ukraine systemkonform schönreden wird. Sind ja alles Vorbilddemokraten da, die gegen Korruption,  für den Anschluss an die EU und mehr Demokratie auf die Straße gegangen sind. Hab ich mit eigenen Augen gesehen

Da könnte sich im nächsten Jahre dann zum Beispiel die queere Aktivistin Jurassica Parka auf dem Maidan auf ein regenbogenbeflaggtes Sofa setzen, von dem aus sie vor Großbildleinwand unterhaltsame Kommentare zu den Beiträge abgeben könnte. Es wäre tatsächlich interessant zu erfahren, wie lange sie da sitzen würde. Bliebe dann nur noch zu wünschen, dass sie gut rennen kann in ihren High-Heels. 

Wer buht ist ein Arschloch

PolinaPolina Gagarina ist eine wunderschöne Frau. An Attraktivität übertrifft sie Paris Hilton bei Weitem, die schnell schnippisch wirkende Heidi Klum schmiert im Vergleich mit der Russin völlig ab.
Darüber hinaus ist Polina nicht nur schön, sie ist vielfach talentiert, Modell, Schauspielerin und Sängerin.
In ihrem Video „Спектакль окончен“, zu deutsch „Das Theater ist vorbei”, stellt sie all diese Talente unter Beweis.

(Tja der Link funktionierte unmittelbar nach der Übertragung des ESC  mit einer deutschen IP-Adresse nicht mehr. Die Gema ist einfach lästig wie eine Filzlaus. Aber gegen Filzläuse kann man ja bekanntlich was tun: Wer das Video sehen möchte, klickt hier: http://rutube.ru/video/788127d5588b287154df947dfb6188b8/ )

Das Video erzählt die Geschichte vom Wandel des Begehrens. Nach einem periodischen Zeitraum ist die Chance vergeben und Verlangen richtet sich neu aus; gleichsam zyklisch. Die Bildersprache ist eindeutig. Auf rote Tücher ist dabei besonders zu achten. Sie sind ein Schlüssel zum Verstehen.

Die Klickzahlen des Videos sprechen eine eigene Sprache.
Über 17 Millionen mal wurde es bis heute auf youtube aufgerufen. Eine Zahl, die selbst Kylie Minogue neidisch machen würde, wüsste sie davon.
Zum Glück gibt es den Eurovision Song Contest, dessen zentrale Aufgabe es ist, über das Schaffen der einzelnen Regionen und Länder mit den Mitteln des Wettbewerbes zu informieren.  In diesem Jahr tritt für Russland Polina Gagarina an. Kylie hat also noch eine Chance, sich bekannt zu machen.
Von Anbeginn war der ESC gedacht als ein Mittel der Völkerverständigung jenseits der Politik, ein pop-kultureller Wettbewerb, der in seiner ganzen intellektuellen Schlichtheit zum Erhalt und Ausbau des Friedens zunächst innerhalb Europas und dann auch darüber hinaus beitragen sollte. Der ESC dient dem Weltfrieden, der Ausbildung von Toleranz, der Vielfalt. Weniger pathetisch formuliert würde das Ansinnen des ESC verfehlt.
Polina Gagarina nimmt mit ihrem Beitrag “A Million Voices” genau dieses Anliegen auf. Es geht ihr um Frieden, um Vielfalt, um Miteinander.

Es war das Boulevard-Blättchen stern, das sich genau darüber empört hat. Unter dem Titel “Russland als Weltverbesserer? Zum Kotzen!” wettert der Kolumnist Jens Maier über den russischen Beitrag, den er in aller Naivität und Verblendung hinsichtlich politischer Prozesse in Russland für ein persönliches Propagandamachwerk Putins hält. Er fordert auf, Polina Gagarina auszubuhen.
Offensichtlich stößt diese ganz archaische Form der Meinungsäußerung bei den Zuschauern des Grand Prix auf große Beliebtheit. Schon im vergangenen Jahr wurde der russische Beitrag ausgebuht. Es ist daher zu erwarten, dass Jens Maier mit seiner Forderung auf große Gegenliebe stößt. Letztes Jahr ging es bei der glutturalen Meinungsäußerung anlässlich des russischen ESC-Beitrags um eine Einfügung in einen russischen Gesetzestext, durch den sich vor allem die schwule Community zur Empörung hinreißen ließ.
Dieses Jahr soll es das Thema Weltfrieden und Vielfalt sein, gegen das man sich zu empören hat, denn nur der Westen ist für Weltfrieden und Vielfalt. Wenn so etwas aus Russland kommt, dann ist es verzerrt, entstellt, zum Kotzen. Unsere Arroganz kennt keine Grenzen.
Die westliche Propaganda gegen Russland wirkt wunderbar. Denn schon zum sechzigsten Jubiläum des Eurovision Song Contest vor einigen Tagen wurde der Beitrag des russischen und darüber hinaus schwulen Preisträgers von 2008 Dima Bilan ausgebuht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die schwule Gemeinde buht einen schwulen Sänger aus, weil ihr die Gesetzgebung in dessen Heimatland nicht passt, von der sie darüber hinaus keinen blassen Schimmer hat.
Es gibt nämlich keine strukturelle Gewalt gegen Schwule in Russland. Auch die Wiederholung der Behauptung macht den Satz nicht wahrer. Aber es gibt westliche Propaganda, die es hervorragend anzustellen weiß, die Gay-Community für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Der Artikel von Jens Maier ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Der Eurovision Song Contest, das ist schon in seinem Titel enthalten, ist eine Vision. Eine Vision über Vielfalt, zum Beispiel. Dafür steht stellvertretend der Sieg der Transsexuellen Dana International im Jahre 1998.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten waren Juden, Christen und Muslime auf dem Gebiete Israels einer Meinung: Dieser Transe keine Bühne! Und doch mussten sie sie gewähren lassen. Für eine Moment wurde die Vision von Toleranz Wirklichkeit.

Der ESC ist aber auch eine Vision des friedfertigen Zusammenseins der Völker und Nationen, von unterschiedlichen Kulturen und Menschen. Wo bitte hätte eine Ballade über den Frieden und Vielfalt einen besseren Ort? Man kann damit sogar gewinnen, wie Nicole 1982 bewiesen hat.

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre es wichtiger, erneut eine Vision von Frieden zu haben? Wann, wenn nicht in diesen Tagen, wäre die Botschaft von „A Million Voices“ würdiger, ein Festival der kitschigen Visionen zu gewinnen, und diese Vision damit für einen Augenblick Wirklichkeit werden zu lassen?
Jeder der buht, zeigt, dass er nichts vom ESC verstanden hat. Jeder, der buht, lässt sich wie Jens Maier für primitive Propaganda in einem geopolitischen Spiel einspannen, zerstört den ganz naiven Glauben, der den ESC hervorgebracht hat; den Glauben an Weltfrieden und das harmonische Zusammensein aller Menschen.
Wer aber glaubt, das ganze Pathos des ESC wäre eine zwar kitschige, nichts desto Trotz eine wichtige Vision, wer meint, Pop-Kultur wäre ein Weg, diese Vision für einen Moment zu verwirklichen, der stimmt in diesem Jahr für Polina Gagarina.
Wer meint, das könne man unmöglich tun, weil es neben Frieden beim Grand Prix auch um queere Kultur und ihre weltweite Durchsetzung ginge, der sollte sich das Abstimmungsergebnis der letzten Jahre ansehen. Da bekam Conchita Wurst aus Deutschland genau so viele Punkte wie aus Russland; sieben nämlich. 2007 vergab Russland für die ukrainische Tunte Verka Serduchtka übrigens zehn Punkte.

Aus Deutschland kam damals nichts, die Performance und der Witz wurde nicht verstanden. Verka Serduchka erfreut sich in Russland übrigens großer Beliebtheit. Hier ein Video mit der russischen Girl-Band виа-гра (Via-Gra):

Ein adäquates Pendant zu diesem Heidenspaß besitzen wir nicht. Conchita Wurst schafft es trotz ihres genialen, tief inspirierten Videos zu „Heroes“ kaum in die Charts.
Also bitte mal die eigenen Maßstäbe überprüfen, die ideologischen Scheuklappen ablegen und nicht von der russophoben Propaganda einwickeln lassen.
Schwule Kultur ist nämlich schwule Kultur in all ihrer Vielfalt. Es gibt uns immer, überall und zu allen Zeiten. Nicht nur auf eine bestimmte Weise in Westeuropas, die das Maß aller Dinge ist. Wir sind mehr als das, was im transatlantischen Bündnis passiert. Und nicht alle queeren Menschen müssen sich genau daran ausrichten.
Die Lektion, die der ESC der Gay-Community lehrt, ist: Queere  Menschen müssen die  Vielfalt ihrer eigenen Kultur erst lernen.  Auf jeden Fall aber gilt: Wer bei Polina buht, ist ein Arschloch, denn er will von Frieden und Vielfalt nichts wissen.

Voll schwule Russen-Mucke

Auf meiner Reise durch die russische Popkultur stieß ich auf die Band Менджи, Man-G. Mir ist es ein besonderes Anliegen und auch ein besonderes Vergnügen, dieses Duo hier vorstellen zu können, denn nach dem Verständnis der deutschen Qualitätsmedien dürfte es Man-G in der homophoben Diktatur Wladimir Putins gar nicht geben.
Man-G sind zwei schwule Aktivisten, die ihre Liebe zueinander im hier eingebetteten Videoclip des Titels „За Углами“ (um die Ecken) ganz offen zeigen.

Dabei würde sie Heidi Klum beide aus einer ihrer zahllosen Modelakquise-Shows hochkant rauswerfen, falls sie es wagen sollten, dort aufzutauchen, denn die beiden Jungs entsprechen nicht dem gängigen Schönheitsideal. Allerdings gibt es in der queeren Szene eine Gruppe, die sich von genau diesem gängigen Schönheitsideal emanzipiert hat. Die beiden Jungs entsprechen daher zwar nicht dem gemeinen Durchschnittsgeschmacks, für den Heidi Klums Name stellvertretend steht, wohl aber meinem und dem der Bear-Community.
Aus diesem Grund hoffe ich auf einen durchschlagenden Erfolg sowohl dieser als auch künftiger Produktionen und hoffe auf eine breite Unterstützung aus der queeren Community. Für eine aktuelle Produktion suchen Man-G übrigens noch Videomaterial.

mangSchwule Paare und Gruppen, die ebenfalls nicht dem Klumschen Schönheitsideal entsprechen, posten ihre Videos bitte hier.
Vielleicht schafft es die queere Community sogar und hebt Man-G auf die Bühne des nächsten Eurovision Song Contest.
Umringt von US-hörigen, völlig friedliebenden NATO-Mitgliedsländern schickt Russland in diesem Jahr ein Lied zum Thema Frieden, Vielfalt und Miteinander an den Start. Zum Glück konnte das gleich als perfide Propaganda Putins enttarnt werden.
Mich würde schon interessieren, zu was sich die deutsche Qualitätsjournaille im Fall einer Präsenz von Man-G hinreißen lassen würde.  Man-G bricht schließlich mit so ziemlich allen Vorurteilen, die man hierzulande im Hinblick auf Russland hat. Wir sollten es wirklich drauf ankommen lassen.

Drag! – Ein Versuch über die Politik der Gegenwart aus der Pop-Kultur heraus

Seitdem sich eine Lesart des Diskriminierungsverbots der Europäischen Menschenrechtskonvention etabliert hat, die auch die sexuelle Orientierung umfasst, sind deutsche Politiker und Journalisten plötzlich Feuer und Flamme für die Verteidigung der Rechte von Schwulen und Lesben weniger im In- vor allem aber im Ausland.
Da sich Politiker wie Gauck und Merkel seit kurzem dem Schutz der Homosexuellen in aller Welt verpflichtet fühlen, wäre es schön, sie würden das nicht nur für andere Länder anmahnen, sondern auch zu Hause das 12. Protokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention aus dem Jahr 2000 endlich ratifizieren. Neben Deutschland hat es nur Österreich und Liechtenstein noch nicht getan. Selbst Polen, auf das der deutsche Qualitätsjournalismus gerne mal wegen seiner angeblichen Homophobie eindrischt, hat das Protokoll unterzeichnet.
Schade, dass Recherche in den transatlantischen Schreibstuben so klein geschrieben wird, man gern mit dem Finger auf andere weist und gar nicht merkt, wie miserabel schlecht es um die Zustände hier bestellt ist.
Es wirkt jedenfalls unglaublich geheuchelt und billig in anderen Ländern lautstark Rechte einzuklagen, die man hierzulande eben auch nicht so ohne weiteres zu gewähren gewillt ist. In Polen, um beim Beispiel zu bleiben, hat sich in den vergangen Jahren viel getan, in Deutschland seit 2000 offensichtlich nichts.
Dennoch frage ich mich, was hat sich in der jüngsten Geschichte Europas geändert, dass aus einem Kontinent, auf dem gegen Homosexuelle eigentlich alle Untaten und Grausamkeiten begangen wurden, die man sich vorstellen kann, dass aus diesem Kontinent der Intoleranz gegenüber nicht traditionellen Lebensweisen plötzlich so ein Hort der Aufgeschlossenheit und der Akzeptanz wurde.
Zumindest auf den ersten Blick, denn diese Toleranz wirkt merkwürdig verordnet. Natürlich gewachsen ist sie in keinem Fall wie Massenproteste in Frankreich und auch Protestbewegungen hierzulande deutlich machen. Die Mittelschicht fühlt sich durch die Andersartigkeit des Lebensstils von insbesondere männlichen Homosexuellen noch immer oder vielleicht auch immer mehr bedroht. Aus meiner Sicht völlig zu unrecht, denn ich würde meinen Lebensstil in keinem Fall gegen die Tristesse des Lebensstils einer Mittelschichtshete eintauschen wollen.
Vielleicht macht aber auch gerade das die Bedrohung aus, die dort gefühlt wird. Ich weiß es letztlich nicht zu sagen, denn es gibt keinen wirklichen Dialog, nur eben seit einigen Jahren die verordnete Toleranz von oben.
Warum aber fühlen sich Politiker dem schwulen Lebenstil näher als der Mittelschicht, die sie wählt? Eine These dazu habe ich. Um sie zu verdeutlichen, ist es notwendig ein wenig auszuholen.
Wir gehen für einen kurzen Moment zurück in das Jahr 2013. Edward Snowden ist es gelungen, aus Hongkong nach Russland zu fliehen. Dort sitzt er am Flughafen fest. Der bolivianische Präsident Evo Morales ist gerade ebenfalls in Russland. Er nimmt dort an einer Konferenz teil. Bolivien lässt verlauten, es könne sich vorstellen, Snowden Asyl zu gewähren. Die Konferenz ist zu Ende, Evo Morales will nach Bolivien zurück, das bolivianische Präsidentenflugzeug hebt ab. Wenige Stunden später werden für einen Moment die Gestelle der geopolitischen Machtverhältnisse sichtbar. Spanien, Frankreich und andere europäische Länder verweigern der Präsidentenmaschine entgegen aller Verträge und Übereinkünfte die Überflugsrechte. Die Maschine wird in Österreich zur Landung gezwungen, zwölf Stunden festgehalten und vermutlich auch durchsucht.
Für einen Moment wird deutlich, was europäische Politik ist. Sie ist drag, Travestie, zelebrierter Fake, eine Darstellung von etwas, das nicht echt ist.
Die Politiker und Beamten der Europäischen Union sind wie auch ihre nationalen Pendants Drags. Sie imitieren etwas, das sie nicht sind. Sie imitieren politische Autonomie, ohne politisch autonom zu sein, sie imitieren, politische Diskurse zu führen, ohne im Ergebnis offen zu sein, sie imitieren, frei in ihrer Entscheidung zu sein, sie imitieren, lediglich dem Volk verpflichtet zu sein. Sie imitieren dies alles, ohne etwas davon tatsächlich zu sein. Sie liefern eine Show, eine Drag-Show. Doch an manchen Stellen wird die Show durchsichtig, unabsichtlich fällt eine Perücke und die Verkleidung wird sichtbar, wie im Falle der Präsidentenmaschine, die auf Geheiß der USA von den europäischen Politik-Drags zur Landung gezwungen wurde. Dieses Beispiel ist so wunderbar, weil es so einfach, so offensichtlich ist. Man könnte noch andere heranziehen, Snowdens Asylantrag in Deutschland, unsere Unterstützung für die Ukraine, die Sanktionen gegen Russland, wobei all diese Vorgänge deutlich komplexer sind. Im Fall des zur Landung gezwungenen Präsidenten Boliviens ist es ganz eindeutig. Washington hat interveniert, Europa hat exekutiert. Für den Bruchteil einer historischen Sekunde wurden die Gestelle der westlichen Politikinszenierung sichtbar. Die Bühnenmechanik eurpäischer Politik hat sich gezeigt, die Inszenierung wurde durchbrochen.
Natürlich entgeht es den Protagonisten der dekadent gewordenen Politik nicht, wie wenig sie die Inszenierung beeinflussen können. Natürlich ist ihnen klar, dass sie nur eine Rolle spielen, wobei der Text von einem Geflecht aus Struktur der Macht festgelegt ist.
Sigmar Gabriel vollzieht dies überdeutlich im Hinblick auf das Freihandelsabkommen TTIP. TTIP wird kommen, ganz gleichgültig, was die Bürger Europas wollen. Es ist längst beschlossen Jede Diskussion bis dahin ist drag, ein So-tun-als-ob. Die Einlassungen Gabriels auf dem World Economic Forum lassen daran wenig Zweifel und wer sie dennoch hat, der wird durch die EU-Kommissarin Cecilia Malmström überrascht werden, die einfach die nationalen Parlamente umgehen möchte. Unsere Politiker folgen einem Drehbuch, sie exekutieren, sie füllen Rollen aus, sie sind Klischee als Entertainment. Sie sind drag.
Drag ist auch die merkelsche Politik gegenüber Russland. Das inszenierte Abkanzeln und die Verweigerung. Das Beharren auf völlig unsinnigen Sanktionen, die Europa und ebenso Russland nur schaden, ohne etwas zu nützen. Gestern wartete die Kanzlerin mit der Idee einer Freihandelszone bis Wladiwostok auf und wurde dafür von der deutschen Presse gelobt. Verschwiegen wurde hierbei, dass Putin diesen Vorschlag schon vor Jahren unterbreitet hatte, dabei aber auf taube Ohren stieß. Auch dies eine Inszenierung, auch dies drag.
Vermutlich kommt daher dieses neue Verständnis gegenüber den Schwulen. Politik ist inzwischen nichts anderes als das, was jedem dahergelaufenen Hetero zum Wort schwul einfällt: eine Dragshow.
Dort wo es herkommt, dort wächst das Rettende auch, möchte ich hier Hölderlin abwandeln. Denn wer kennt sich besser mit Inszenierungen aus als Dragqueens? Wer könnte es besser durchschauen, als eine politisch aktive Dragqueen?
Es ist die vielgescholtene, allerdings auch völlig unterschätzte Conchita Wurst, die hier ansetzt. Ihr Clip Heroes ist ein Werk der Aufklärung, das entgegen allen politischen Inszenierungen eines Ost-West-Konflikts, der sich ganz merkwürdig unter anderem an den Rechten von Schwulen und Lesben entlang hangelt, eine queere Versöhnungsgeste in Richtung Russland schickt.

Das Video zu Heroes ist ein ikonographisches Meisterwerk, das Politik als Maskenspiel entlarvt.
Es sind drei Politikergestalten, die als Putin, der Präsident Ugandas Yoweri Museweni und ein texanischer Republikaner in der Erscheinung eines George Bush welcher Generation auch immer indentifiziert werden können. Sie sind es, die aus dem Himmel ihrer Macht fallen.
Es mag nicht nur westliche Politiker überraschen, dass jetzt eben kein Putin-Bashing einsetzt. Der ganze Clip zeigt ein Bemühen um Annäherung und Verstehen. Er ist aufgeladen mit buddhistischer Ikonographie: die geschlossenen Hände, die das Gute festhalten, die vom Körper abweisenden Handflächen, die das Schlechte zurückweisen. Und schließlich zum Schluss, die sich öffnenden Hände, die in diesem Fall ein christliches Kreuz als Symbol jeglicher Ideologie preisgeben, um das Sein in seiner Vielfalt zu zuzulassen.

Der Clip fordert ein, genau hinzusehen, um unsere Sehgewohnheiten zu befragen, um Inszenierungen zu durchbrechen. Schon die zweite Szene ist absichtsvoll auf Irritation angelegt. Sie wirkt zunächst wie die Nachstellung einer Pietà, die Darstellung der Mutter Gottes mit dem vom Kreuze genommenen Jesus. Doch dann wird deutlich, hier sitzt keine Tranny, die ein Werk der Kunstgeschichte parodiert. Viel zu männlich und markant sind die Züge der sonst so femininen Conchita. Hier sitzt ist ein Mann in einem Kleid, mit einer Perücke, einem graumelierten Bart und einem merkwürdigen Kopfschmuck, einem umgekehrten Nimbus vielleicht, der einen Jungen hält. Es sind Abgründe von Inszenierungen, die hier eben nicht verdeckt, sondern aufgebrochen werden. Die Inszenierung durchbricht sich selbst, verweist so darauf, dass wir immer nur Inszenierungen sehen, nur unter großer aufklärerischer Kraft dringen wir durch zu Welt.
Der Clip setzt dieses Spiel um verborgenes Selbst, Maske und Demaskierung konsequent fort, zeigt eine Welt, in der alle, die Macht ausüben, Masken tragen. Mit dem Fall aus der Macht, aus der Ideologie lösen sich diese Verzerrungen des Selbst auf; Waffen werden zu Staub, Versöhnung wird möglich.
Und es ist sicherlich kein Zufall, dass am Ende des Clips die Begegnung zwischen Conchita Wurst und der Figur stattfindet, die eine Referenz zu Putin zulässt. Nach einem Moment der Übertragung entledigen sie sich ihrer Maske und erkennen sich in ihrem So-Sein an. “We can be so beautiful”.
Thomas Neuwirth zeigt damit, wie politisch durchdrungen die von ihm geschaffene Figur der Conchita Wurst ist. Sie bemüht sich im Gegensatz zur Politik vor allem der westlichen Welt nicht um eine Eskalation von Konflikten mit dem Verweis auf zu verteidigende westliche Werte, ein Begriff der selbst schon längst zu drag geworden ist.
Conchita Wurst bemüht sich vielmehr darum, einen Raum zu stiften, in dem Masken gefahrlos abgelegt werden können, indem Verstehen hergestellt wird.
Die wunderbare Ästhetik, das Schönste daran ist, dass nun ausgerechnet aus der queeren Ecke, die von den politischen Eliten immer wieder als dasjenige ins Feld geführt wurde, an dem sich Menschenrechte wirklich messen lassen müssen, eine politische Ikonographie entfaltet wird, die sich gegen diese Instrumentalisierung nicht nur verweigert, die sie sogar noch entlarvt. Bravo!