Javier 32

Die Geschichte um den suchtkranken Galeristen Javier geht nach einer ungeplanten Pause nun weiter. Die Pause hat sich nicht ergeben, weil ich das Interesse an der Erforschung der Figur Javiers verloren hätte, die einerseits wirtschaftlich erfolgreich ist, andererseits aber von einer unglaublichen geistigen und seelischen Armut geprägt wird, wodurch Javier sowohl sozial als auch im Erleben von Glück und Zufriedenheit massiv eingeschränkt ist. Die Pause ergab sich, weil so viel andere Dinge anstanden, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Ich folge ganz aufmerksam den Nachrichten und es scheint inzwischen täglich etwas mehr so zu sein, als fiele die bestehende Weltordnung auseinander.
Die Krisen toben immer zahlreicher und immer heftiger, die Erzählung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten wird immer unglaubwürdiger und hat aus dem Mund einiger Protagonisten einen inzwischen durch und durch zynischen Klang.
Doch im Grunde gehören die beiden Phänomene zusammen. Javiers Aufstieg ist ohne eine Entfesselung der Märkte nicht zu denken, sein Untergang ist mehr als nur ein zufälliges zeitgleiches Zusammentreffen mit dem Abstieg des Westens. In seiner ganzen geistigen Schlichtheit, mit all seinen panikartigen Ängsten, seiner maßlosen Gier, dem Glauben an seine eigene Überlegenheit und den damit verbundenen Anspruch, ein Recht auf mehr als alle anderen zu haben, mit all diesen Eigenschaften steht Javier als Emblem für die letzte Epoche eines an den eigenen Widersprüchen zugrunde gehenden Kapitalismus. Beiden gemeinsam ist, wie sie in ihren Wucherungen zu einem nicht in der Lage sind: zu leben.
Als kleiner Einschub sei mir erlaubt, von einem Ausstellungsbesuch zu berichten. Ich wurde mir selbst gegenüber wortbrüchig, denn ich hatte mir vorgenommen, bis auf Weiteres nicht an den Events der Kunstszene teilzunehmen. „Bis auf Weiteres“ meint, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich zeitgenössische Kunst aus der Umklammerung der Finanzmärkte befreit hat und sich nicht mehr zu einem bloßen Investment Tool erniedrigen lässt, sie nicht vor dem Reichtum ihrer Sammler auf die Knie geht, sie sich wieder auf ihre gesellschaftliche Relevanz besinnt.
Die Produktion von Kunst wurde mal als soziale Praxis gefasst, heute muss dies umgeschrieben werden. Die Produktion von Kunst ist asoziale Praxis, dient sie doch degradiert zum reinen Spekulationsobjekt inzwischen nur noch der Umverteilung von Geld von unten nach oben.
Die zeitgenössische Kunst hat ihre Würde verloren, denn sie ist nicht für sich selbst, sie ist ein Werkzeug geworden für andere, deren Reichtum sie mehrt. Ich wollte von diesem traurigen Schauspiel nicht über Gebühr Zeuge werden, denn es deprimiert mich zutiefst.
Dennoch fand ich mich auf einer Ausstellungseröffnung wieder. Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte und gehört nicht hier her. Nur soviel sei gesagt, es handelte sich um einen Freundschaftsdienst, was ich mir selbst gegenüber als Entschuldigung für meinen Wortbruch gelten lasse.
Im chiceren Teil der Stadt fand ich mich also zur Ausstellungseröffnung ein. Schon beim Betreten ergriff mich dieses deprimierende Gefühl von Sinnlosigkeit. Es gab ein paar Viedeoinstallationen und ein paar Bilder an der Wand. Es wurde Wein gereicht, der Künstler stand umringt von einer kleinen Gruppe von Leuten, die der Galerist ihm eben vorgestellt hatte. Ich verzichtete auf den Wein und besah mir das Werk.
Wohlwollend könnte man sagen, es blieb hermetisch, weniger wohlwollend könnte man sagen, da war nichts, was Interesse erregte. Müsste ich wählen, würde ich mich für die weniger wohlwollende Variante entscheiden, denn die Beschreibung als hermetisch würde bedeuten, es hat sich zumindest etwas gezeigt, das in dem Werk etwas angelegt war, das über sich selbst hinaus ging, sich aber nicht erschloss und nicht in Worte zu fassen war. Dem war allerdings nicht so.
Ich nahm die kleine, ausgelegte Broschüre zur Hand, in der Näheres zu Werk und Künstler gesagt wurde.
Das Werk oszilliere zwischen Privatem und Politischen. Der Künstler verstünde sich als politischen Künstler, ohne jedoch Partei zu nehmen. Das Werk selbst hielt sich im Spalt zwischen Leere und Form auf, erfuhr ich. Es sei erzählend, ohne sich jedoch im Konkreten zu verlieren. Es spiele mit der Wahrnehmung und sei Ausdruck einer hochkomplexen theoretischen Auseinandersetzung des Künstlers mit Welt, weshalb es sich im Bereich des Konzeptionellen aufhielt.
Ich war nahe daran, zu weinen, ob des ganzen Schwachsinns, der hier geäußert wurde. Ich wünschte mir eine Sprache, in der die Worte sich gegen ihre Entleerung zur Wehr setzen können.
Am Ende des Textes erfuhr der Leser noch, dass das Werk Eingang in Regina Ludovics Sammlung gefunden hat, die auch gern bei Javier einkaufte. Vermutlich war das die einzig wichtige Information für potentielle Käufer, denn sie gab Auskunft über eine künftige Wertsteigerung der dort ausgestellten Aussageverweigerung.
Ich verließ den Ort der Tristesse. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an Javier. Ich dachte daran wie er noch zur Zeit seiner Drogenabstinenz auf einer Kunstmesse in Mexiko saß, das freundliche Lächeln ins Gesicht genagelt, beständig grüßend und zuwinkend, sich bis zur Selbsterniedrigung andienernd. Ich dachte daran, wie er sich über den enormen Erfolg gefreut hat. Er war nach nur zwei Tagen ausverkauft. Ich erinnerte mich, wie ihm ein Anruf die Laune verdorben hatte. Javier war empört. Dass er mit seinem Kunsthandel der Geldwäsche mexikanischer Drogenkartelle diene, wies er vehement zurück. Es waren alles ehrenwerte Geschäftsleute, die ein reges Interesse an zeitgenössischer Kunst und einen erlesenen Geschmack hatten. In dem Moment, in dem er es aussprach, wusste Javier, wie sehr es gelogen war. Er bekam sofort Lust auf eine Valium.

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