Javier 25

Aus eigenem Antrieb hat sich Javier nie prostituiert. Zwar hat seine Mutter ihn für finanzielle Gegenleistung ihren Männerbekanntschaften zugeführt, jedoch geschah dies vor aller Befähigung zur Freiwilligkeit. Javier war viel zu jung, sieben oder acht Jahre mag er gewesen sein, als es zum ersten Mal geschah. Doch wurde damit damals eine Struktur festgelegt, in der sich Javiers Leben aufhalten sollte. Zu einschneidend war das frühe Erlebnis des Missbrauchs. Als Kind verfügte Javier in keiner Weise über die Ressourcen es zu verarbeiten. Aus seinem familiären Umfeld konnte er keine Hilfe erwarten. Also wurde schon ganz früh für Javier die Vielfalt menschlichen Handlungsspektrums im Umgang mit anderen begrenzt. Er konnte in Beziehungen zu anderen Menschen nur zwei einander ausschließende Haltungen einnehmen: Entweder war er Freier, derjenige, der bezahlte und dafür einen Service und Dank erwartete, ohne auf die Gefühle seines Gegenübers Rücksicht nehmen zu müssen. Oder er war in der Rolle der Hure, die einen Service anbot, um unter Rückstellung ihrer eigenen Bedürfnisse und unter Vorspielen von Lust eben dafür entlohnt zu werden, wobei dieser Lohn der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und dem Lustgewinn diente. Je älter er wurde und je mehr Substanzen er konsumierte, um so mehr kamen ihm anfänglich noch zart vorhandene Schattierungen abhanden. Javier lebte in dieser Zweiteilung.
Mit diesem Minimum an Handlungsvarianten ausgestattet war es Javier kurz nach der High School dennoch gelungen seinem Ghetto zu entkommen. Ein reicher Gönner war fasziniert von dem jungen, umtriebigen, oft unabsehbar launischen Latino und bereit, ihn in seinem Haus aufzunehmen, die Studiengebühren zu bezahlen, Javier mit Kreditkarte und Statussymbolen auszustatten. Als Gegenleistung erwartete er vor allem einen getreuen Zuhörer, einen vorzeigbaren Partner, mit dem er sich in einer schwulen Öffentlichkeit zeigen konnte, einen verständnisvollen Partner, der ohne Murren zu Hause blieb, wenn die zu besuchende Öffentlichkeit nicht ganz so liberal war. Ach ja; von Zeit zu Zeit etwas väterliches Kuscheln erwartete Will auch noch von Javier, was diesem aufgrund seiner frühen Prägung nicht allzu viel abverlangte.
In seiner Familie fiel die Abwesenheit Javiers kaum auf. Kurz nach seinem Auszug starb sein Vater an einer langen, schweren Krankheit, die seinen Bewegungsradius immer weiter einschränkte, bis sie selbst das Atmen begrenzte. Seine Mutter war nach wie vor von ihren Männerbekanntschaften fasziniert, seine Großmutter mit Valium ruhig gestellt und seine beiden Brüder waren im Alter und in ihrer Entwicklung so weit von Javier entfernt, dass sie sich nicht für dessen Angelegenheiten interessierten.
Will hatte viel Geld geerbt, musste nicht arbeiten und war in der Lage, seinen Lebensstil auf großem Fuß zu führen, interessierte sich für Philosophie, vor allem aber für Kunst, wodurch Javier ein Zugang eröffnetet wurde, der ihm familiär verschlossen geblieben war.
Die beiden reisten viel, besuchten zahllose Ausstellungen und Vernissagen, waren mal in New York, weil ein angesagter Künstler dort gezeigt wurde, mal in L.A. oder Paris, weil dort gerade etwas stattfand, was man nicht auslassen konnte. Javier hatte das Gefühl, endlich zu bekommen, was er verdiente: Luxus, Geld, ein bequemes Leben. Javier wurde von Will finanziell bestens ausgestattet. Es gelang Javier, nahezu unbemerkt beträchtliche Summen beiseite zu schaffen. Wenn es doch bemerkt wurde, dann wurde Javier nur mit freundlichem Zwinkern bedacht. Will war sich der geschäftsmäßigen Ausrichtung seiner Beziehung zu Javier wohl bewusst, auch wenn es das Kriterium der Prostitution sicherlich nicht erfüllte. Es dauerte dafür schlicht zu lange. Für Javier jedoch sollte das beiseite geschaffte Geld die Grundlage für seine erste Galerie werden.
Javier schaffte mit viel Mühe, Geduld und ein bisschen Beischlaf mit einem Dozenten trotz seiner damals schon ausgeprägten Sucht einen Hochschulabschluss. Es war ihm gelungen, eine Substansverlagerung von den lähmenden und betäubenden Benzodiazepinen, dem Valium und Rohypnol hin zu Amphetamin und Koks hinzubekommen, wodurch er leistungsfähiger wurde. Abends drei, vier Valium zum Einschlafen, morgens etwas Koks oder Speed zum Wachwerden. Sein väterlicher Freund Will wusste von gelegentlichem Konsum, dem er selbst fröhnte. Es war daher immer was im Haus. Von dem wirklichen Ausmaß ahnte er nichts. Er hätte es aber auch nicht weiter schlimm gefunden. Ihren Alkoholkonsum schätzte Will fast schon realistisch als weit mehr als risikoreich ein, aber es war ihm egal. Er hielt es für ein Mitbringsel seines Lebensstils. Wer morgens nicht raus musste, konnte auch tagsüber viel trinken. Alkoholiker war für Will eine Erkrankung der arbeitenden Bevölkerung, weil es dort auffiel, wenn jemand seine Leistungen nicht mehr erbringen konnte. Er hatte diese These in seinem Kreis schon häufiger mit viel Erfolg vertreten. Javier übernahm diese Sicht bereitwillig. Er war neunzehn als er zum ersten Mal abfällig über die Süchte der Arbeiter herzog, denen er niemals ausgesetzt sein würde, weil er einer anderen Klasse angehörte. Es war ihm applaudiert worden, wobei die Claqueure mindestens ebenso viel Koks in der Birne hatten wie Javier.
Als Javier nach Abschluss des College die Beziehung mit Will infrage stellte, war es für ihn eine große Überraschung, mit wie wenig Dramatik alles vonstatten ging. Javier hatte lange Diskussionen, eine Eskalation, Tränen und Geschrei erwartet. Er wollte Intrigen und viel Aufhebens im gemeinsamen Freundeskreis, so wie es in seinen Lieblings-Soaps gezeigt wurde. Doch es passierte etwas ganz anders. Will sagte, es sei kein Problem, gab ihm zwei Wochen Zeit, auszuziehen und zog sich in der Zeit auf die Bahamas zurück. Javier stellte fest, wie wenig es einen gemeinsamen Freundeskreis gegeben hatte. Alle gemeinsamen Bekannte waren Wills Freunde, die ihre Türen für Javier nun geschlossen hielten, ihm ganz höflich mit ganz fadenscheinigen Begründungen lächelnd absagten.
Javier beauftragte einen Makler, der sich für ihn nach einer standesgemäßen Unterkunft umsehen sollte. Schon am darauffolgenden Tag hätte Javier umziehen können. Als er jedoch erste Auslagen bezahlen wollte, stellte er fest, dass seine Kreditkarte nicht mehr funktionierte. Will hatte sie gesperrt. Javier sah sich gezwungen, zu günstigerem Wohnraum zu greifen. Dies und die Tatsache, einen Job annehmen zu müssen, empfand er als Demütigung. Er erhöhte daraufhin seinen Benzodiazepinkonsum und reduzierte das Koks. Javier nahm sich vor, seine Beziehungen künftig aus der Position des Freiers heraus zu gestalten. Das bot den Vorteil der Unversehrtheit. Er konnte geben, wenn er zu geben gedachte und konnte wegnehmen, wenn es ihm an der Zeit schien. Die Möglichkeit menschliche Beziehung durch Nähe, Teilnahme und Miteinander zu gestalten, kam Javier nicht, er hatte so etwas nie erfahren.

Javier 24

Regina Ludovic öffnete die Arme weit, ließ Javier dabei  wissen, wie gut es wäre, ihn zu sehen, schloss die Arme und drückte Javiers Kopf gegen ihre üppige Brust. Javier immitierte ein Lächeln, was ihm bedingt gelang. Er versuchte aus Reginas Verhalten zu erschließen, welche Substanzen ihr Psychiater gerade in der Verschreibung favorisierte. Er tippte auf Ritalin in Verbindung mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer gegen Depressionen. So wie sie roch, hatte sie obendrauf sicherlich noch ein paar Glas Rotwein gekippt, dachte er bei sich, während die Wärme von Reginas Busen sich auf Javiers Wange abzuzeichnen begann.
Javier ging ungern zu Vernissagen anderer Galerien, der heutigen konnte er jedoch nicht ausweichen. Nicht zuletzt deshalb, weil Regina Ludovic ihr Kommen angekündigt hatte. Gegenüber Hannes Knecht hatte er vor wenigen Stunden noch  behauptet, er ginge deshalb ungern zu Vernissagen, weil ihn das Getue und die Bussi-Bussi-Kultur anwidere, er es auch leid wäre, als einziger nüchterner Mensch einen Kreis von Besoffenen beobachten zu müssen. Sein Entzug in den Staaten hätte ihn dafür sensibilisiert, wie ekelerregend das alles sei. Bei den Vernissagen im eigenen Haus würde es künftig nur noch Säfte geben, legte Javier bei dieser Gelgenheit fest. Die Eigenmarke von Edeka. Die sei qualitativ ausreichend gut, reichte daher für den Zweck. Hannes Knecht unterdrückte ein Stöhnen.
Dass Javier das Vernissagen-Getue anwiderte war natürlich nicht die Wahrheit, auch wenn Javier für den Moment selbst daran glaubte. Er ging deshalb nicht gern zu Vernissagen anderer Galeristen, weil er dann nicht selbst im Aufmerksamkeitszentrum der Bussi-Bussi-Kultur stand. Es kränkte sein narzistisches Ego zutiefst, denn er empfand in diesem Momenten, ihm würde nicht das gebührende Maß an Achtung zugebilligt. Es blieb ihm dann keine andere Wahl, als im Gegenzug für alle Anwesenden Verachtung zu empfinden. Stand er selbst im Mittelpunkt, dann kannte sein Genuss kaum Grenzen, wenn ihn nicht gerade irgendeine Angst gefangen hielt.
Javier bemühte sich in diesem Moment, das aufkommende Gefühl der Verachtung nicht auf Regina Ludovic auszudehnen, denn er hoffte auf einen umfangreichen Einkauf ihrerseits. Javier war sich sicher, sie hatte gerade Mittel zur Verfügung, denn in Nahost tobte wieder einmal ein Krieg, der jede Verhältnismäßigkeit sprengte, falls man denn bei Krieg überhaupt von Verhältnismäßigkeit sprechen möchte.
Reginas Mann, der nicht nur mit zahllosen Immobilien und Spielcasinos, sondern vor allem als Waffenmakler sein Geld verdiente, kam durch die kürzlich von der Israelischen Regierung angeordnete Operation Protective Edge in den Genuss von hohen Provisionen fürs Waffen Makeln, die angelegt werden wollten.
Der Markt für zeitgenössische Kunst lockte mit seinen exorbitanten Renditen zur Investition, versprach er doch, aus viel Geld noch viel mehr Geld zu machen, es dabei gleichzeitig von der zeitweise durchaus noch wahrgenommenen Anrüchigkeit seiner Herkunft rein zu waschen. Regina und ihr Mann jedenfalls ließen sich lieber als bedeutende Sammler und Kunstförderer denn als Waffenlieferanten und Kriegstreiber feiern, wobei der Schwerpunkt ihrer Existenz sicherlich auf Letzterem lag.
Regina wurde gattenseitig immer wieder mit stattlichen Summen ausgestattet, die sie unter das geldaffine Galeristenvolk zu bringen hatte, zu dem Javier gehörte. Was Regina an Kunst kaufte, war ihrem Mann völlig egal, Hauptsache das investierte Vermögen vermehrte sich in einer deutlich über jeder Inflationsrate liegenden Weise. Das war Javier bereit, zu garantieren.
Dass die Kunstkäufe Reginas in nahezu unmittelbarer Weise mit dem Tod von Menschen verbunden war, war wiederum Javier völlig schnuppe. Hätte er für einen Moment darüber nachgedacht, wären ihm im Gegenteil zahllose Argumente eingefallen, warum sein Leben mehr Wert war als das irgendeines Palästinensers. Ja, Javier wäre es nicht zynisch vorgekommen, zu behaupten, es wäre bei genauer Hinblicknahme sogar ein sinnstiftendes Lebensende für so einen dahergelaufenen, ungebildeten, religiösen Fanatiker, wie sie da in Palästina zuhauf rumlaufen. Für so etwas Erhabenes wie die Kunst, das Schöne, für einen Galeristen mit so erlesenem Geschmack wie er ihn hatte, sein primitives Leben lassen zu dürfen, setzte einem schlichten Leben in einem abgesperrten Wüstenstreifen eine durchaus edle Krone auf. Die entsprechenden Kriegsopfer würden dadurch gleichsam in ihrer Existenz erhoben, ihrer wahren Bestimmung zugeführt.
Regina Ludovic entließ Javier aus ihrer Umarmung und fasste Javier bei den Händen: “Darling, du musst mir unbedingt von Daniel Mersiowsky erzählen. Die ganze Artworld spricht von ihm”, sagte sie, ohne ein Klischee in Intonation, Gestik und Mimik auszulassen. Javier war sich sicher, er würde schöne Preise erzielen können. Scheiß doch auf so ein paar Menschenleben. Ein Bier und etwas Koks wären ihm jetzt wirklich gut reingelaufen.

Javier23

Für seine Mitmenschen wurde Javier in aller Regel zu einer großen, lebenseinschneidenden Enttäuschung. Für seine Assistentinnen Donatella und das Blumenmädchen war er ebenso zu einer geworden wie er für seinen aktuellen Künstler Daniel Mersiowsky zu einer werden würde. Für ihn würde die Begegnung mit Javier genauso enttäuschend verlaufen, wie sie für Timothy Alkohven alias Japanese Goth Kid einst verlaufen war.
Für jeden dieser Menschen war die Begegnung mit Javier in einer Weise genauso negativ prägend wie sie einschneidend war. Und jeder dieser Menschen ging mit der erlittenen Enttäuschung auf eigene Art um.
In Donatella, die ihre Arbeit und ihr Engagement für Javier und seine Galerie brüskierend herabgewürdigt sah, wuchs eine immer rasender werdende Wut heran. Im Fall des Blumenmädchens hatte sich einstige Achtung in vollständige Verachtung gewandelt. Timothy Alkohven tat inzwischen so, als hätte es die Episode mit Javier nie gegeben, als wäre er lediglich für ein paar Jahre auf die schiefe Bahn geraten, aus deren Spur er sich durch eigene Kraft befreit habe.
Die tragischste unter all den Figuren um Javier war jedoch zweifellos Hannes Knecht. Er versuchte, durch Javier erlittene Enttäuschungen beständig umzuinterpretieren, suchte die Schuld bei sich und hoffte darauf, dass sich eines Tages alles zum Guten wenden würde. Hannes Knecht deckte Javiers unsoziales Verhalten und verzweifelte gleichzeitig darüber. Er hasste sich dafür, fand Ausreden, die ihm erlaubten, sich selbst gegenüber das Gesicht zu wahren. Er verlängerte sein Leiden beständig, denn er war nicht bereit Javier preis zu geben, der wiederum von Hannes‘ fast schon masochistischem Beharren in seinem Verhalten stabilisiert wurde.
Hannes hatte genug Therapien gemacht, um zu wissen, hier wiederholte sich etwas, das er als Kind gelernt hatte, um die Launen des Alkoholikers ertragen zu können, der sein Vater war. Er hatte aber noch nicht genug Therapien gemacht, um diese Struktur durchbrechen zu können.
Hannes Knechts Leidensfähigkeit war immens, denn sie war elternseits früh und bestens konditioniert worden. Der Grund für die überdurchschnittlich lange Dauer der Beziehung zwischen Javier und Hannes war hierin zu finden.
Es war aber auch am ehesten Hannes, der von Javiers Makel wusste. Er wusste, woran Javiers Kontakte scheiterten, denn er sah das Muster und die beständige Wiederholung. Er sah das Deviante, das er aber beständig aus seinen Gedanken wischte. Hannes Knecht verlieh Javier nach außen eine Hybris. Anderen Menschen gegenüber machte er Javier zum Gott der Kunstwelt, zum Genie, zum Charismatiker. Seine große Verzweiflung behielt er stets für sich, obwohl er sie beständig fühlte. Sie war zu deutlich, um einfach verdrängt zu werden.
Hannes zwang sich dazu, zu glauben, der unfaire Rausschmiss Donatellas sei wirklich letzte, den er auszuführen hatte, denn Javier würde sich ändern. Er hatte es ihm doch versprochen. Schließlich, so argumentierte Hannes vor sich hin, habe Javier einen Entzug gemacht, die damit einhergehende Veränderung seiner Persönlichkeit würde einfach noch ein klein bisschen Zeit in Anspruch nehmen. Andere Dinge hätte Javier auch geändert, zum Beispiel ernähre er sich inzwischen besser und mache Sport, entschuldigte Hannes Javier sich selbst gegenüber, obgleich er wusste, wie sehr Javiers sportliche Betätigung mehr ein posttherapeutisches Aufflackern denn eine dauerhafte Wandlung hin zur Einsicht in die Vorteile der körperlichen Ertüchtigung war. Es handelte sich bei Javiers Engagement für den eigenen Körper eher um Wochen als um Monate, was Hannes wiederum wegzuerklären in der Lage war. Nach der nächsten Ausstellungseröffnung würde Javier sein Sportprogramm wieder aufnehmen. Hannes war sich da fast ganz sicher.
Javiers Beziehungen scheiterten alle, was für seine Beziehungen oftmals schmerzlich, für ihn jedoch belanglos war. Er kannte es nicht anders. Sie scheiterten alle auf die gleiche Weise. Genau das machte Javiers Monströsität aus. Javiers Kontakte wussten in aller Regel nicht, wie sehr sie lediglich Wiederholung waren; wie sehr sie die von Javier eröffnete Struktur ihrer Einzigartigkeit beraubte. Javier scheiterte, daraufhin gab es seinerseits keinerlei Nachdenken, keine Veränderung, denn er begriff sein Scheitern nicht als solches. Menschliche Kontakte endeten für Javier immer in katastrophalen Abbrüchen. Das war einfach so.
Aber mit ein bisschen Nachdenken wäre er vielleicht sogar selbst darauf gekommen. Das, woran Javier im Kern immer wieder und wieder scheiterte war Sprache; besser: Die Anforderungen der Sprache an ihn als Sprechenden.
Es ist ein wesentliches Merkmal von Sucht, die Sprache zu deformieren. Zwar sind die Worte, Syntax und Grammatik immer noch intakt, jedoch gerät der Sprache im Verlauf der Erkrankung die Referenz abhanden. Jeder, der Erfahrung mit Süchtigen hat, weiß darum. Es ist ein meist bitterer Erkenntnisprozess. Ein Satz wie “Du kannst dich hundertprozentig auf mein Versprechen verlassen”, hat aus dem Munde eines Suchtkranken keinerlei Bedeutung, die sich aus dem Satz selbst erschließen ließe. Derjenige, der diesen Satz hört, weiß von dieser Entwurzelung der Sprache durch die psychotropen Substanzen jedoch nichts. Hier öffnet sich eine tiefe Kluft des Verstehens, was zu Leiden unermesslichen Ausmaßes führt.
Sucht schafft Inseln aus Floskeln, die sich immer weiter ausbreiten, bis schließlich die ganze Sprache eine einzige Floskel ist, die völlig von ihrem Bezug zur  äußeren Welt abgeschnitten ist.
Javiers Sucht begann in seiner Kindheit, er hatte dementsprechend nie eine andere Sprache gelernt. Die Sprache der Verbindlichkeit, des Worthaltens war ihm völlig fremd. Entsprechend verstand er auch den Zorn nicht, den er oftmals auslöste, weil er irgendeine Absprache eingegangen war, die nur sein Gegenüber als solche genommen hatte. Er hätte auch die Verachtung nicht verstanden, die beispielsweise das Blumenmädchen ihm entgegenbrachte. Er hatte ihr einen herausragenden Arbeitsplatz versprochen, sie hatte ihren auf Javiers Druck und seine Schmeicheleien gekündigt und sah sich im Anschluss mit der Beschaffung von Drogen beauftragt. Sie fühlte sich hintergangen und flüchte sich in die Geringschätzung. Javier wäre der Zusammenhang niemals plausibel zu machen gewesen. Er hatte dem Blumenmädchen damals einfach so von ihren tollen Möglichkeiten bei ihm gesprochen. Daran konnte er jetzt doch unmöglich gemessen werden.
Der Zusammenhang zwischen dem, was er sagte, und dem, was er tat, war für ihn nicht gegeben. Es wäre ihm völlig absurd vorgekommen, etwas zu tun, nur weil er gesagt hatte, er würde es tun. Javier spürte diese Verpflichtung der Worte nicht.
Dabei wäre es falsch zu sagen, Javier würde lügen. Lügen meint, die Wahrheit zu kennen, sie aber absichtsvoll nicht zu benennen und zu ersetzen. Wie alle Süchtigen war Javier zur Wahrheit gar nicht fähig. Er war beständig dem Anbranden unterschiedlichster Gefühle ausgesetzt, die ihn als wehrloses Opfer mal hierhin und mal dorthin spülten. Zu Kontinuität, zu Beständigkeit, zu einer die eigenen Gefühle transzendierenden Haltung als einer Grundvoraussetzung für selbst ganz subjektive Wahrheit war Javier als Opfer seiner Sucht nicht fähig. Sein Umfeld brachte diese Einsicht in die Zusammenhänge der Hirnchemie in aller Regel jedoch nicht mit. Er galt vielen daher als Lügner, Hochstapler, viel häufiger aber einfach nur als Vollidiot.
Dieser Mangel einer Kernkompetenz menschlicher Existenz wiederum war es, der Javier andererseits zu seinem ökonomischen Erfolg verhalf.
Javier lebte immer nur im Augenblick, allerdings nicht in der von Mystikern beschriebenen Bewusstwerdung eines unendlich weiten Momentes, der den gesamten Kosmos beinhaltet, sondern in der unglaublich engen Verjüngung auf einander sich beständig ablösende Phänomene. Javiers Psyche war fragmentiert und brachte dementsprechend auch nur Fragmente hervor. Fragmente von Freundschaft, Fragmente von Verbindlichkeit, Fragmente von Zuneigung. Zusammenhänge erschlossen sich ihm nicht. Er rannte einfach immer weiter, wiederholte sein Verhalten wieder und immer wieder.
In einer von einer marktkonformen Demokratie beschützten Welt unregulierter Investments war dies sogar erfolgversprechend. Javier hielt sich nicht mit Verträgen oder gar der Frage nach Recht und Ethik auf. Er dachte nicht über Verlust und Gewinn nach. Er machte. Er machte immer wieder das Gleiche. Immer schneller das Gleiche, so wie ein Amphetaminjunkie zwanghaft immer wieder die gleiche Mikrohandlung wiederholt, ohne sich daraus befreien zu können.
Javier bewarb die Werke seiner Künstler mit den immer gleichen Phrasen, zahlte eine PR-Agentur dafür, diese Phrasen marketinggerecht zu platzieren. Er wählte Käufer und Künstler für den Augenblick aus und verlor irgendwann, wenn der Rausch und die Begeisterung nachließen, das Interesse an beiden. Dann begann das Spiel mit einem anderen Künstler, anderen Sammlern, anderen Mitarbeitern von Neuem, immer gleich, immer vorhersehbar. Immer abrupt abgebrochen.
Er machte Deals auf die Art der Drogen-Dealer am Kottbusser Tor oder vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, so wie er das schon immer kannte. Seine Kunden bedeuteten ihm nichts, die von ihm vertretenen Künstler waren Mittel zum Zweck. Hätte man ihn gefragt, warum er das alles tat, Javier hätte einige Phrasen und Floskeln als Antwort parat gehabt, mit denen er die Wichtigkeit seines Tuns für die Kunst, die Künstler und die Sammler begründet hätte. Er hätte etwas von Verantwortung für seine Mitarbeiter gefaselt. Doch letztlich wusste er es nicht. Er war völlig leer und einfach nur getrieben. Und als derart Getriebener ohne Gefühl für Verantwortung und Maß passte er in die Ideologie seiner Zeit.

Javier 22

Javiers Haushaltshilfe Johanna hatte es eilig. Zum einen hatte sie die Anweisung, noch vor Javiers Eintreffen das Haus zu verlassen, da dieser es nicht schätzte, dem Personal zu begegnen. Andererseits war ihr ganz besonders heute wenig daran gelegen auf Javier zu treffen, der gerne mal unerwartet früh nach Hause kam, denn sie hatte Zahnschmerzen. Sie wollte daher heute nicht von ihm aufgehalten werden, was er aber gerne tat, wenn er sie antraf. Er behandelte sie dann nicht wie eine professionelle Reinigungskraft, sondern wie ein Dienstmädchen, betraute sie mit Aufgaben, wie “Bring mir mal den Schirm”, “Hilf mir aus dem Mantel” oder “Nimm mal die Kleiderbürste und gehe hier mal über meine Ärmel.”
Johanna ärgerte das, wollte ihren Chef aber auch nicht vergraulen und ließ sich daher auf das Spiel ein, zumal es immer nur um wenige Minuten ging, bis sie schließlich Javiers ungastliche Räume verlassen konnte. Schließlich zahlte er halbwegs gut, auch deshalb, weil sie zweisprachig war und er sie auf Englisch anweisen konnte. Das brachte ihr zwei Euro pro Stunde mehr als durchschnittlich für Reinigungsarbeiten gezahlt wurde. Allerdings empfand sie ihr Salär als deutlich zu niedrig, um von einem neureichen Nichtsnutz wie Javier einer war als Dienstmädchen behandelt zu werden. Um seine Allüren zu ertragen, würde er noch mal mindestens einen Zehner drauflegen müssen, sagte sie sich, war sich aber gleichzeitig sicher, sie würde sich auch für ein enormes Gehalt nicht zum Menschen zweiter Klasse degradieren lassen.
Im Grunde war es absurd, dachte sie bei sich. Javier hätte gerne eine Art Magd, kann sich das aber nicht leisten und ist auch nicht in der Lage die damit einhergehende Verantwortung zu tragen. Er bezahlte alles Cash, bar auf die Hand, ohne Unterschrift, ohne Steuern, ohne Sozialversicherung, erwartet aber eine Ergebenheit als würde er lebenslang für einen sorgen. Sie schob ihrem Gedankengang ein “Vollidiot” hinterher, während sie gleichzeitig ihre Handtasche griff, um kurz darauf die Tür hinter sich zu schließen. Wie angewiesen benutzte sie den Hintereingang, damit Javier, der standesgemäß den Vordereingang benutzte, nicht gezwungen sei, ihr zu begegnen.
Heute war ihr die verschrobene Standesdünkelei Javiers recht. Sie hatte auf eine Begegnung mit Javier absolut gar keine Lust, denn sie hatte bevor sie Javiers Wohnung in Ordnung brachte, bereits einen Zahnartztermin gehabt. Jetzt ließ die Betäubung nach und sie sehnte sich nach Hause. Das viele Bücken und wieder Aufrichten waren der schnellen Heilung sicherlich abträglich, war sie sich sicher. Es pochte in ihrer Wange. Warum hat sie nicht einfach frei gemacht, dachte sie jetzt bei sich. “Ach ja, wegen der Kohle!”, war die unmittelbare Antwort, die sie sich gab.
Zu Hause angekommen setzte sie sich an den Küchentisch und öffnete ihre Handtasche, um ihr die Schachtel Ibuprofen zu entnehmen, die sie nach dem Zahnarzt auf dessen Anweisung und Rezept in der Apotheke geholt hatte. Doch sie fand sie nicht. Sie musste sie entweder in der U-Bahn oder bei Javier liegen lassen haben. Sie versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihr nicht. Anscheinend vernebelte die Betäubung doch ihr Gehirn.
Nach einigem Zögern griff sie schließlich zum Telefon und wählte Javiers Nummer. In sevilem, fast unterwürfigen Ton entschuldigte sie zahllose Male für die Störung und schilderte ihr Anliegen. Javier, der eben nach Hause gekommen war, nutzte die Gelegenheit für eine gönnerhafte Geste, indem er sagte, sie könne sich selbstverständlich mit ihren Problemen und Fragen jederzeit an ihn wenden und ja, er würde jetzt ihr zuliebe in die Küche gehen und nachsehen, ob da eine Packung Ibuprofen 400 stand.
Als er die Packung auf dem Tisch stehen sah,sagte er, “Nein, hier ist nichts. Tut mir wirklich leid.” Das Gespräch wurde daraufhin zügig beendet.
Javier nahm die Packung, öffnete sie, entnahm ihr einen Blister und schluckte kurz darauf zehn Ibuprofen. Warum er es tat, wusste er nicht, er erwartete keinen Kick, es war nur Ibuprofen. Ebenso wusste er nicht, warum er gelogen hatte. Er würde Johanna demnächst ein Trinkgeld geben, dachte er. Sie würde sicherlich verstehen wofür.
Ein altes Verhalten hatte ihn überfallen. Es würde sich in den nächsten Tagen verstärken, ihn fester packen. Er war fiel zurück in die Sucht. Später würde auch genau wissen, wer an seinem Rückfall Schuld habe: Johanna und ihre dämlichen Zahnschmerzen.

Javier 21

Daniel Mersiowsky hielt zwei Flugtickets in der Hand, die ihm ein Bote gerade zugestellt hatte. Daniel wusste nicht, ob er sich freuen oder wütend werden sollte. Etwas in ihm tendierte zur Wut, denn er meinte, gegenüber Javier mehr als nur deutlich gemacht zu haben, dass er im Moment an New York kein Interesse habe. Jetzt würde er sich bei Javier für etwas bedanken müssen, das er nicht haben wollte. Oder sollte er die Tickets einfach zurückschicken?
Durch das Gespräch mit seiner aktuellen Freundin Eva fühlte Daniel sich weiter in die Ecke gedrängt. Eva war von dem Gedanken, zwei Wochen auf Javiers Kosten in New York zu verbringen, mehr als nur angetan, sie war Feuer und Flamme.
Daniel ließ für einen Moment den Gedanken in sich aufsteigen, den Kontakt sowohl zu Eva als auch zu Javier sofort abzubrechen. Er wischte ihn beiseite. Dennoch! Er konnte sich durchaus vorstellen, ein paar Tage mit Eva in New York zu verbringen. Nur eben nicht auf dieser Grundlage. Das Geschenk Javiers war vergiftet, denn es war ganz offensichtlich mit Hintergedanken versehen. Daniel wusste, wie sehr Javier ein Umzug von ihm nach New York wichtig war. Er wusste nur nicht warum. Auf die Idee, jeder Widerstand seinerseits würde Javiers Engagement in dieser Sache erhöhen, weil er sich gleichsam davon nährte, wenn es ihm gelang, andere Menschen zu etwas zu bewegen, was sie im Grunde ihres Herzens nicht tun wollten, auf diese Idee wäre Daniel nie gekommen. Solches Denken war ihm fremd. Im Gegenteil, es hätte ihn zutiefst erschreckt, hätte er darum gewusst.
Erst vor einigen Tagen hatte Daniel mit Javier lange darüber gesprochen, wie sehr er an Frankfurt hing, an seinen Freunden, seiner Familie und auch darüber, wie wichtig ihm sein Engagement hier vor Ort war. Er hatte hier Wurzeln.
Die Argumente, die Javier ins Feld führte, blieben ausgesprochen schwammig, dessen ungeachtet wurden sie wortreich vorgebracht. Ein Umzug in eine internationale Metropole würde Daniels Karriere beflügeln. Es wäre adäquat. Javier könne in New York mehr für ihn tun. Es wäre einfach wichtig.
Die Metapher vom ins Felde führen schien Daniel ausgesprochen treffend. Es war ihm, als würden sie eine Schlacht austragen, eine Schlacht um seinen Wohnort, wobei nicht das bessere Argument zählte, sondern schlicht, wer den längeren Atem hatte. Javier redete ihn in Grund und Boden.
Freunde?, frage Javier. Freunde könne er in New York als erfolgreicher internationler Künstler haben so viele er wollte, entgegnete Javier auf Daniels Einwand, in Frankfurt einen festen Freundeskreis zu haben, der er vermissen würde.
Und mit dem Geld, das er verdienen würde, könne er sich seine Frankfurter Freunde jederzeit einladen. Die fänden es sicherlich toll, aus dem miefigen Frankfurt mal rauszukommen und eine richtige Metropole sehen zu können. Er selbst habe in New York unglaublich viele Freunde, sehr gute Freunde, wichtige und bedeutende Sammler, Museumsdirektoren und international anerkannte Kuratoren, die würde er Daniel alle vorstellen, hatte Javier gesagt und selbst daran geglaubt, dass all die flüchtigen, ausschließlich zweckdienlichen Geschäftskontakte, die er nach New York unterhielt, tatsächlich innige Freundschaften seien. Er hatte sich während des Gesprächs sogar dazu entschlossen ein paar freundliche Mails nach New York zu schicken, um Kontakte zu pflegen. Heraus kamen schließlich drei Emails an Sammler, die schon einmal bei Javier gekauft hatten, denen er ein Angebot unterbreitete. Javier war zu so etwas wie Freundschaft nicht fähig.
Daniel war still geworden, denn er fühlte das Vergebliche an dem Unternehmen, Javier den Begriff von Freundschaft zugänglich zu machen, der für ihn galt. Er war sich sicher, sie benutzen zwar das gleiche Wort, meinten aber nicht dasselbe. Zwischen dem, was Javier und er mit dem gleichen Wort Freundschaft meinten, das wurde Daniel mit einem Schlag bewusst, klafften unüberbrückbare Distanzen.
Das Ergebnis des damaligen Telefonats war, dass Daniel Mersiowsky Javier mitteilte, er könne sich in absehbarer Zeit nicht vorstellen, nach New York zu ziehen, was Javier absichtsvoll überhörte.
Jetzt hielt Daniel Mersiowsky die beiden Flugtickets in der Hand und hätte sie am liebsten zerrissen und in den Müll geworfen. Er hatte ein Gefühl, als säße er in der Falle. Er griff zum Telefon und wählte Javiers Nummer, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit Hannes Knecht in der Galerie saß und über einige Scripted reality Shows sprach, die sie beide gesehen hatten.
In dem Moment, in dem Javier Daniels Nummer im Display aufleuchten sah, reichte er das Handy an Hannes weiter und machte eine verneinende Geste.
Hannes Knecht nahm das Gespräch an.
“Nein, Javier ist im Moment nicht da.”

“Nein, ich weiß auch nicht, wo er hingegangen ist.”

“Die Tickets? Javier hat das gern gemacht.”
… …
“Eva freut sich? Das ist aber sehr schön.”
… … … … …
“Es würde Javier sicher kränken, wenn du die Tickets nicht annimmst.”
… … … … … … … … … … …
“Ich verstehe was du meinst, aber das ist nicht, wie Javier denkt.”
… … … … …
“Nein, er meint es wirklich nur gut.”
… … … … … …
Javier folgte dem Gespräch nicht weiter, denn er sah, wie Donatella mit einem Block in der Hand durch die Galerie lief. Javier verstand nicht, warum sie überhaupt noch da war. Nach ihrem letzten Gespräch hatte er erwartet, dass sie nie wieder auftauchen würde. Warum ging die nicht einfach zurück in ihr rückständiges Bergland zu all den Kühen, die aussahen wie sie, dachte er bei sich. Warum belästigt die mich mit ihrer Anwesenheit? Merkt die nicht, wie sehr ich leide, wenn ich sie sehen muss?
Noch während Hannes Knecht mit Daniel Mersiowsky telefonierte, gab Javier Hannes zu verstehen, Donatella sei jetzt zu feuern. Nachdem er Hannes Aufmerksamkeit hatte, deutete er auf Donatella, legte dann die Hand an seinen Hals und machte eine Geste, als würde er mit einem Messer die Halsschlagader durchtrennen. Hannes signalisierte, er habe verstanden.
Nachdem Hannes aufgelegt hatte, sagte er zu Javier: “Daniel ist angepisst wegen der Tickets, aber wir kriegen das schon hin. Um Donatella kümmere ich mich gleich.” Javier atmete auf.

Fühlte ich mich als Erzähler dem religiösen Jargon verpflichtet, würde ich bei der Beschreibung Javiers sicherlich zur Kategorie des Bösen greifen. Glaubt man an Gott als das unendlich Gute, dann glaubt man zweifelsohne auch an dessen Widerpart, das Böse. Und wenn Javier sicherlich nicht das Zeug dazu hat, für den Satan selbst zu gelten, so manifestieren sich ihn ihm doch dessen Aspekte, das Zerstörerische, das Unbarmherzige, das Fehlen jeder Form von Nächstenliebe.
Allerdings geht es hier nicht um eine moralische Wertung. Das Interessante an Javier ist seine unglaubliche destruktive Kraft. Javier zerstört alles, was ihm in die Finger kommt. Er löst die Menschen aus ihrer Umgebung, wirft sie hoch und lässt sie dann auf den Boden aufprallen, so dass sie zerbersten. Es bereitet ihm keine Freude. Er hat daran keinen Genuss. Javier ist kein Sadist. Monströs ist er, ein Monster, ein Zerrbild, das ja. Aber eben nicht böse im moralischen Sinne, denn Javier kann nicht anders. Javier interessiert mich als psychiatrisches, aber nicht als moralisches Phänomen. Er hat vermutlich keine Wahl. Er ist einfach nur destruktiv. Selbst gegen sich selbst kann er nicht anders, denn auch alles, was er gegen sich selbst tut, läuft auf die eigene Vernichtung hinaus. Mit dieser psychischen Konstitution ist er das perfekte Kind des späten Kapitalismus.

Javier 20

Mit seinen Charaktereigenschaften, seinem Mangel an Empathie, seinem tiefen Bedürfnis, andere Menschen zu manipulieren, und mit seiner Gier nach Materiellem und Konsum war Javier der perfekte Protagonist auf einem sich nur an Angebot und Nachfrage ausrichtenden Kunstmarkt, der immer weniger die Kunst und immer mehr den Markt im Blick hatte.
Noch immer hält sich das Gerücht hartnäckig, es ginge bei zeitgenössischer Kunst um das, was man beispielsweise auf einer Leinwand zu sehen bekommt. Selbst Javier glaubte oft daran, zumal dann, wenn er von irgendwelchen Substanzen völlig zu in der Birne war. Er glaubte an seinen Geschmack und daran, einen Instinkt für Kunst zu haben. In nüchternen Momenten wurde ihm dann deutlich, wie wenig es um das Sichtbare geht. Es geht vielmehr darum, was sich hinter der Leinwand abspielt, welche Marketingstrategie gefahren wird, wer wem welche Renditen auf welcher Grundlage verspricht, es geht ausschließlich um Netzwerken, Public Relations, Gewinn und Spekulation. Das Sichtbare nimmt in der zeitgenössischen Kunst eine all dem untergeordnete Rolle ein.
Das ist spätestens seit der Entfesselung der Finanzmärkte so, die ziemlich zügig Kunst als hochspekultative Investmentmöglichkeit entdeckt hatten. Seitdem explodieren die Preise, werden Unsummen gezahlt, werden Künstler in den einschlägigen Hochglanzblättern hochgeschrieben, um sie dann zielgerichtet fallen zu lassen, wenn die Erträge eingefahren worden sind. Es bildeten sich zwei unterschiedliche Karrierelaufbahnen von Künstlern. Ganz grob gesagt, eine Art von Künstlern, mit denen hohe Preise erzielt werden, deren Werke aber nie in den Museen, sondern bestenfalls in Tresoren von Banken landen, und die Künstler, die auf den Biennalen und in den staatlichen Museen rund um die Welt gezeigt werden, die aber immer nur mittlere Preise erzielen.
Mit den Reagonomics ging diese unsinnige Entwicklung los, erst zaghaft, dann immer schneller. Als Javier um das Jahr 2000 sich selbst zum Kunstkenner ernannte, war die Hysterie schon im vollen Gange und ein Charakter wie Javier ein willkommener Teilhaber an der großen Party des Geldes. Zusammen mit Japanese Goth Kid gab Javier den Entertainer, den Kunst-Clown für die Reichen und Ultrareichen und wurde dafür mit einem Teil deren Geldes überhäuft.
Javier war in dieser Zeit so sehr auf Koks, dass er nicht eine Minute an daran dachte, sein Erfolg könnte nicht seinem unfehlbaren Geschmack zu verdanken sein, sondern an einem ausgesprochen günstigen Umfeld liegen, das für die Vermehrung von Geld auch kuriose Anlagemöglichkeiten in Betracht zieht. Er tänzelte mit einem goldenen Shirt und dem Aufdruck “MOMs best boy” auf Parties, gab zugekokst den Grüßaugust bei Empfängen, fand es total cool Dollarscheine auf eine tanzende Menge regnen und sich für diese Primitivität in Kunstmagazinen euphorisch besprechen zu lassen. Javier glaubte an sich, je mehr Koks er durch die Nase gezogen hatte, desto stärker wurde dieser Glaube. Woran er auf keinen Fall glaubte, war, dass ein System, eine politisch-ideologische Entscheidung ihn nach oben gespült hatte, er an seinem Erfolg daher weitgehend unschuldig war. Und an noch etwas anderes glaubte er nicht. Nämlich daran, dass all dies, was er da tat, völlig sinnleer war. Javier rechnete tatsächlich damit, eines Tages eine herausragende Position in den Lehrbüchern der Kunstgeschichte einnehmen zu können. Wie wenig wahrscheinlich das war, konnte er sich gar nicht ausmalen.

Javier 19

Das Monströse an Javier war seine Unfähigkeit zu jedweder Form der Empathie. Javier hatte durchaus Gefühle, allerdings nur solche, die sich auf ihn selbst bezogen. Angst um sich selbst war beispielsweise ein Gefühl, das ganz dunkel sein Leben bestimmte. In dieser Angst spielte das Außen, spielten die Anderen, seine Mitmenschen eine große Rolle, jedoch nur als Gefahr und Bedrohung, nie aber als Objekte der Zuwendung, Ort des Mitgefühls oder gar als Verbundenheit. In Javiers Welt gab es keine Solidarität, keine Freundschaft oder Verantwortung für andere. In Javiers Welt tauchten andere Menschen nur als Unbehagen auf, das sich mit zunehmender Nähe bis hin zur Panik steigerte. Daher gab es für Javier auch keine moralische Verpflichtung, keine Ethik im Angesicht des Anderen. Javier konnte ohne jede Rücksicht alles tun, was anderen schadete. Sie waren Feinde.
Und was das Monströse an Javier zusätzlich fütterte und wachsen ließ, war ein gesellschaftliches Umfeld, in dem genau dieses Fehlverhalten, das in allen anderen Epochen streng gemaßregelt und kontrolliert worden wäre, zur Tugend erhoben worden war. In einer geographisch eindeutig zu bestimmender Region, die sich “der Westen” nennt und die mit dieser Umdeutung der Werte in ihre dekadente Phase getreten war und auf ihr kulturelles Ende zusteuerte, war Javier mit seiner Disposition vom Erfolg verfolgt.
Je unsozialer, je egozentrischer und radikaler auf den eigenen Vorteil bedacht sich Javier gerierte, desto erfolgreicher wurde er. Allerdings nur in ökonomischer Hinsicht. Eine Zunahme von Glück konnte er freilich nicht verspüren, im Gegenteil. Zwar hatte Javier die Idee Ziel der Existenz sei individuelles Glück von nicht allzu intellektuellen Kreisen übernommen, und ließ sich diese primitive Botschaft täglich durch seine scripted realtity Shows ins Unterbewusstsein hämmern. Lebensglück verspürte er jedoch nicht. Das führte jedoch nicht zu Innehalten, Nachdenken und einer Neuausrichtung des Lebensweges. Es führte lediglich zu einer Erhöhung der Dosis. Dann musste eben mehr Geld her, bessere, das meinte in Javiers Welt, teurere Restaurants, teurere Hotels, teureres Zeugs von dem nichts blieb. Doch eine glückliche Existenz zur führen, blieb Javier verwehrt. Allerdings gab es da einen Ausweg.
Jetzt gerade beauftragte Javier seinen Assistenten Hannes Knecht damit, drei Flugtickets nach New York zu organisieren. Er würde Daniel Mersiowsky zeigen, wo er künftig arbeiten würde. Das dritte Ticket war für Daniels Freundin. Javier empfand sie als dümmlich und tussihaft, allerdings konnte sie noch dienlich werden, wenn es darum ging, Daniel von den Annehmlichkeiten eines standesgemäßen Künstlerlebens in New York zu überzeugen.
Zehn Tage sollte die Reise dauern. Javier war überzeugt, er würde schon rechtzeitig einen wichtigen Reisegrund anzugeben wissen. Irgendein bedeutender Sammler, der Daniel Mersiowsky persönlich begegnen wollte, ein Museum, das sich interessiert, irgendetwas würde sich finden lassen. Er würde schon eine Begegnung inszenieren, die für Daniel einen hinreichenden Grund für die Reise über den Atlantik darstellte.
Daniel würde einen eigenen Fahrer haben, der ihn durch die Stadt chauffierte, Javier würde für Daniels Freundin Shopping-Orgien auf der 5th Avenue organisieren, sie würden sich Lofts und Ateliers angucken, er würde beide mit Schnickschnack überhäufen und Daniel würde schließlich zu der Erkenntnis kommen, dass er seine beginnende Karriere als internationaler Star der Kunstszene unbedingt in New York fortsetzten musste. Davon war Javier fest überzeugt. Daniel würde lernen, auf seine Mutter, seine Familie und Freunde zu scheißen. Wegen ihm, wegen des Erfolgs, den Javier bereit war zu inszenieren. Ein Schauer der Erregung ergriff Javier. An seinen Armen stellten sich die Härchen auf bei dem Gedanken.
Dies war es einer der grauenerregendsten Züge an Javier. Die Welt des Glücks und der Freude war ihm verschlossen. Als Ersatz fungierte die Manipulation. Andere zu manipulieren, war es, was in Javier positive Gefühle auslöste. Es war unter anderem dieses Gefühl der Machthabe, das ihn trieb. Und er fühlte es immer dann ganz und gar, wenn er es vermochte, eine andere Existenz zu vernichten. Es versetzte Javier in Euphorie. Das Grauen, das vom Anderen ausging, war dann gebrochen. Es wurde dann für einen Moment still in Javier.

Javier 18

Es war in der Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts als Javier von einem Erfolg seiner Galeristen- und von einem Exzess seiner Drogenkarriere zum nächsten taumelte. Es waren in jeder Hinsicht Jahre des Rausches. Die große Umverteilungsmaschine ratterte zugunsten von Javiers Geschäftsmodell. Es war unglaublich viel Geld in den Märkten, das gierig nach Rendite, nach Vermehrung strebte. Javier konnte in diesem Umfeld gar nicht anders, als erfolgreich zu sein.
Wenn er denn überhaupt zum Schlafen gekommen war und nicht mehrere Tage einfach durchmachte, begannen seine Tage immer spät. Und sie begannen immer gleich. Sie begannen immer mit der Frage, “wo bin ich?”. Selten lies sich für Javier die Antwort “zu Hause” finden, denn die Regentschaft der Substanzen entmündigte ihn auch im Hinblick auf die Auswahl seiner Schlafstätte ebenso wie auf die Auswahl seiner Bettgenossen und -genossinnen.
Manchmal gelang es Javier, einzelne Fragmente, Blitzlichter von Erinnertem zu einer erklärenden Geschichte zusammenzusetzen, wesentlich häufiger aber war das nicht der Fall. Die riesigen schwarzen Löcher in seiner Erinnerung machten ihm nichts aus, was ihn jedoch sofort ängstlich werden ließ, war, wenn in unmittelbarer Nähe nicht Alkohol, Tabletten oder Pülverchen zu finden waren. Javier begann den Tag am liebsten damit, eine handvoll Ibuprofen und einige Valium mit einem kräftigen Schluck Wodka runter zu spülen. Der Tanz des Dionysos begann mit diesem Frühstück von Neuem.
Drei Jahre dauerte der Rausch. In diesem Rausch vermarktete Javier Japanese Goth Kid. Wildes schwarzes Haar, weißes Make-up, rote Lippen und fantasievolle Kleidung. Japanese Goth Kids Werke verkauften sich unter dem Label “Pop Art”. Entsprechend war an Japanese Goth Kid alles Fake, alles Inszenierung. Schon die Herkunft war Fake, denn Japanese Goth Kid kam nicht aus Japan, sondern aus Wisconsin und die einzige Verbindung nach Asien war die Mutter, die ursprünglich aus Thailand stammte. Es hatte sich bei einer ganz frühen Gelegenheit ergeben, der Kunstfigur eine japanische Herkunft zu verpassen. Zunächst gab es nur Goth Kid, aber bei einem ersten öffentlichen Auftritt wurde von irgendjemandem nach Goth Kids Herkunft gefragt. Entweder Goth Kid oder Javier sagte “Japan”. Seitdem war das ein wichtiger biografischer Eckpfeiler, mit dem die beiden öffentlichkeitswirksam spielten. Instinktiv und ganz spontan hatten die beiden eine gute Wahl getroffen, da diese Herkunft die Bedürfnisse des irrationalsten aller Märkte am besten bediente. Mit einer Herkunft aus Thailand ließ sich auf dem Kunstmarkt kein müder Cent verdienen. Japan klingt da schon wesentlich interessanter. Wenn man einem asiatischen Gesicht ein funktionsfähiges Marketingkonzept verpassen musste, griff man am besten zu Japan. Alles andere kommt hier im Westen einfach nicht an. So ganz schicht schlägt das westliche Sammlerherz. China geht inzwischen auch, aber nur wenn man mit Unterdrückung und Menschenrechten kokettiert.
Eine geschlechtliche Zuordnung unterließen die beiden zunächst versehentlich, was dann aber schließlich zum Markenzeichen wurde. Japanese Goth Kid bot geschlechtlich unbestimmt noch mehr Fläche für Projektion und Interpretation. Uneindeutig androgyn fand Japanese Goth Kid zügig Eingang in den ästhetischen Diskurs und musste für eine halbe Dekade immer dann herhalten, wenn Kunstgeschichtsstudenten nahezu kostenfrei Content für irgendwelche artigen Kunst-Magazine lieferten und dabei den Geschlechterbegriff munter drauf los dekonstruierten.
Japanese Goth Kid war von Anfang an ein Erfolg. Die beiden tourten durch die Welt, waren auf nahezu allen Kunstmessen und relavanten Parties, zogen Koks auf Flugzeugtoiletten, rauchten Heroin in Hotelzimmern, schmissen Ecstasy zu jedweder Gelegenheit, kauerten elendsvoll zusammen, wenn das Runterkommen grausam wurde.
Sie schienen die Fähigkeit zu haben, überall gleichzeitig zu sein. Die Werke von Japanese Goth Kid wurden in einer Filmwerkstatt hergestellt, die froh um jeden Auftrag war, da die ganz wundervoll fantastischen Filmlandschaften von Computern viel realistischer hergestellt werden konnten, als mit Holz und Pappmache, die Werkstatt daher von Konkurs bedroht war. Für Japanese Goth Kid zu arbeiten half aus dem Gröbsten raus. Javier und Japanese Goth Kid sandten Mails mit Ideen und kurz darauf gab es einen Entwurf. Je nach gerade aktuell konsumierter Substanz wurde der Entwurf abgesegnet oder eine im Ton schon fast unverschämte Email zurückgesandt. Immerhin waren die Arbeitsplätze von fünf Bühnenbildnern so vorläufig gerettet.
Japanese Goth Kids erster Erfolg waren Selbstportraits in Fiberglas. Überlebensgroße Skulpturen. Eine schematische Darstellung des Gesichts in unterschiedlicher Farbgebung. Danach monochrome Panele in einer vielfältigen Varianz an Formen. Das perfekte Investmentvehikel. Völlig bedeutungslos, ohne jede Aussage und dennoch schwer zu imitieren.
Dann wusste Javier das Thema Geschlechteridentiät aufzunehmen, zu verstärken und wirkungsvoll in der Szene zu platzieren. Es ging das absichtsvoll in die Welt gesetzte Gerücht um, Japanese Goth Kid sei ein Mann. Daraufhin gab es eine Ausstellung mit in Formaldehyd eingelegten, gebrauchten Tampons.
Die sich daran anschließende Diskussion um die Authentizität der Tampons diente in wunderbarer Weise der Wertsteigerung.
Es war unter anderem ein Aufsatz von Markus Spiegel, der zu dieser immensen Wertsteigerung beitrug. Dort stellte er die Frage, warum ein gebrauchter Tampon von womöglich zweifelhafter Herkunft 40.000 $ Wert sein sollte und beantwortete die Frage damit, weil er in absehbarer Zeit 70.000 $ Wert sein würde.
Markus Spiegel hatte diesen Artikel zusammen mit Javier und ganz viel Koks geschrieben. Javier verachtete Markus Spiegel dafür, umgekehrt war es ähnlich. Allerdings hatte der Artikel auf Markus Spiegels Karriere beinahe negative Auswirkungen, denn das offene Aussprechen, dass es sich bei bestimmten Formen der zeitgenössischen Kunstproduktion lediglich um Investmentinstrumente handelt, kam in den entsprechenden Kreisen nicht gut an, auch wenn sie dann um so bereitwilliger zu gebrauchten Tampons griffen, was zu einer Verdoppelung des Wertes innerhalb von Jahresfrist führte.
Mit der Finanzkrise jedoch brach der Hype um Japanese Goth Kid zusammen. Javier war rechtzeitig abgesprungen und hatte ein Vermögen gemacht, das allerdings unmittelbar in Drogen, Reisen, Lifestyle umgesetzt worden war. Zu Japanese Goth Kid hatte er schließlich den Kontakt abgebrochen. Aus dem Tal der verfallenen Preise herauszukommen war unglaublich schwer, ein weiterer Kontakt daher nicht lohnenswert.
Japanese Goth Kid bekannte sich zu seinem bürgerlichen Namen und setzt nun unter neonfarbene Darstellungen von Blumen und Bienen den Namen Timothy Alkohven. Die Preise der Darstellungen sind erstaunlich erschwinglich.

Javier 17

Sucht und Geld sind zwei Themenkreise, die erstaunlich nahe beieinander liegen. Nicht nur, weil man das eine braucht, um das andere für einen Moment zu befrieden. Alle Süchtigen haben ein besonderes Verhältnis zu Geld, ein Verhältnis, das über das eines Mittels zum Tausch weit hinausgeht. Es ist viel eindringlicher fokussiert, geprägt von Gier, Neid und vielfach begleitet von Missgunst und Streit. Nicht nur auf den Plätzen in den großen Städten, wo sich die Junkies öffentlich sichtbar versammeln und Passanten beiwohnen können, wie beispielsweise um das Eigentumsrecht an einer läppischen Pfandflasche ein heftiger Streit ausbricht. Denn ganz analog verhalten sich die Kokser und Amphetaminjunkies in den Investmentabteilungen der Banken, die karriersüchtigen, ständig schniefenden Rechtsanwälte in den Beraterkanzleien, die pharmakologisch stromlinienförmig zugerichteten Lobbyisten in den politischen Gremien, kurz all jene Junkies, die an ganz zentralen Stellen den Blick substantiell verjüngt haben auf Geld und Gewinn, wobei Geld und Gewinn zu gar nichts anderem mehr gebraucht werden als ausschließlich dazu, Ausgangspunkt zu noch mehr Geld und noch mehr Gewinn zu sein. Diese Protagonisten der großen Sucht des Kapitals fangen dann lauthals an zu schreien, zu zetern und medienwirkam zu heulen, wenn es darum geht, dass eine klitzekleine Solidarabgabe von den unermesslichen Gewinnen ein guter Beitrag zu einer harmonischeren, gerechteren Gesellschaft sein könnte. Sie könnten diesen Beitrag leisten, aber sie wollen nicht, weil es um einen Fetisch geht. Das Symbol gewordene Ding an sich: Geld!
Ganz grundsätzlich scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen, zwischen bestimmten, aufputschenden, dabei gleichzeitig narkotisierenden Substanzen, deren Gebrauch in bestimmten Kreisen und dem merkwürdigen Überleben neoliberaler Ideen, die gegen jeden klaren, nüchternen Menschenverstand verstoßen.
Auch Javiers Verhältnis zum Geld war ganz zentral von seiner Sucht geprägt. Auch bei ihm zeigte sich jene Gier nach mehr und immer mehr, ohne dass Geld in der Lage gewesen wäre, sein Wohlbefinden zu verbessern oder seinem im Kern recht armseligen, angstvollen Leben eine besondere Qualität zu verleihen. Wie auch alle anderen Protagonisten eines gesteigerten Wachstumswahns, trieb Javier die Angst vor Verarmung und nicht die Frage, was mit all dem Geld denn Sinnvolles, die Welt Verbesserndes anzustellen wäre.
Javier saß in einer Metropole in einer Wohnung mit sieben Zimmern und gierte nach einer mit mindestens zwölf. Dabei hatte er nichts, womit die Zimmer zu füllen wären, nicht einmal eine hinreichend groß angelegte Persönlichkeit. Er selbst schlief in einem Zimmer und glotzte in dem anderen niveaulose Realityshows, die ihm den Eindruck vermittelten, er selbst sei noch nicht ganz in blanker Einfalt versunken, weil dort Menschen gezeigt wurden, überwiegend Frauen interessanterweise, die sich noch einfältiger gaben.
Auch jetzt, in der relativ kurzen Phase der Abstinenz, die gerade dabei war zu Ende zu gehen, gierte Javier nach Geld. Er gab es aus, wie es ihm zufloss. Es ging ihm um diesen kurzen Moment vermeintlicher Freiheit, wenn er konsumierte.
In Bangkok, in dass er anlässlich einer Kunstmesse gereist war, hatte er sich Hemden anfertigen lassen. Sechzehn Stück. Bei dem thailändischen Schneider war er fasziniert gewesen von der Auswahl an Stoffen, den unterschiedlichen Mustern und der Vielfalt der Schnitte. Er wollte sich zunächst zwei Hemden anfertigen lassen, konnte sich aber nicht entscheiden. Er ließ sich von dem Schneider zu einem dritten überreden, dann entschied er sich noch für ein viertes mit Taille. Der Schneider und seine Angestellten wurden immer höflicher und emsiger, boten Whiskey an, den Javier nach kurzem Zögern ablehnte, den dann angebotenen Tee nahm er an. Javier genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, ließ sich weiter zu Stoffen beraten und bestellte noch vier weitere Hemden aus dem selben Material allerdings in unterschiedlichen Schnitten. Er fühlte sich großartig; er deutete auf einen Stoffballen, er wurde aus dem Regal geholt und ihm zur Prüfung vorgelegt. Alles sorgte sich um ihn. Javier wurde für seinen Geschmack gelobt, was zu einer weiteren Bestellung führte. Er geriet in einen Rauschzustand, alles drehte sich um ihn, in jeder Hinsicht. Als er nach drei Stunden die Schneiderei verließ, blendete ihn die Sonne, als wäre er nach durchzechter Nacht aus irgendeiner dunklen Spelunke in den Tag getreten.
Als die Hemden einige Wochen später geliefert worden waren, hatte er sie in das Zimmer gehängt, das er sein Ankleidezimmer nannte, obwohl er sich darin nie ankleidete. Sie hingen da noch heute, getragen hatte er keins davon auch nur ein einziges Mal. Für die drei Stunden seiner Bestellung aber hatte er sich Achtung, Freundlichkeit, Zustimmung erkauft. Diese Ebene des Handels durchblickte er noch.
Eine ganz knapp darunter liegende Ebene des Verstehens blieb Javier bereits verschlossen. Auf dieser vorbewussten Ebene hatte Javier sich nicht nur freundlichen Umgang erkauft. Er hatte sich auch von jeder weitergehenden Verpflichtung freigekauft. Das war noch entscheidender als das Gefühl, ganz im Mittelpunkt aller Freundlichkeit und Sorge zu stehen. Er konnte die Hemden bestellen und bezahlen. Mit der Bezahlung war er freigekauft. Nichts konnte ihn dazu verpflichten, die Hemden ihrer Bestimmung gemäß zu verwenden. Er konnte sie, wie er es auch mit den Menschen um ihn herum tat, denen er Geld gab, einfach hängen lassen.
Geld war für Javier das Mittel, sich von jeder sozialen Verbindlichkeit, von Freundschaft, Liebe und Solidarität, aber auch von Hass und Abneigung loszukaufen. Zu den Personen, mit denen Javier Handel betrieb, bestand über diesen Handel hinaus keinerlei Verpflichtung. Alles war mit dem Austausch von Geld gegen Ware oder Dienstleistung abgegolten.
Die Vorstellung, er könnte auf die Freundlichkeit, auf die Solidarität, die Gnade von anderen angewiesen sein, gruselte ihn, die Möglichkeit, Abneigung mit einem satten Trinkgeld nicht in Zuneigung oder zumindest Neutralität wandeln zu können, verunsicherte ihn, aber mehr noch bereitete ihm die Idee eine ganz tiefe Angst, andere könnten sich mit Recht an ihn wenden und Verbindlichkeit einfordern.
Geld, dieser merkwürdige Fetisch nicht nur der Süchtigen, gab ihm das Gefühl, ganz allein zurecht zu kommen, ohne auch nur auf einen einzigen Menschen angewiesen zu sein. Geld gab ihm das Gefühl, frei zu sein. Wobei diese Freiheit eine ganz merkwürdige war. Anderen wäre Javiers Vorstellung von Freiheit als Einsamkeit oder Verlorenheit vorgekommen, denn sie bestand in nichts anderem als diesem Gefühl, im Austausch von Geld anderen Menschen nichts Wahres, nichts Echtes, vor allem nichts von sich selbst preis geben zu müssen.
So sah das Leben von Javier auf den ersten Blick interessant aus, er handelte mit Kunst, stieg in teuren Hotels ab, reiste durch die Welt. Aber auf den zweiten Blick wurde schon ersichtlich, in den teuren Hotels sah sich Javier die gleichen unterentwickelten Shows an, die er sich zu Hause auch ansah, er verließ das Zimmer nicht, bestellte Room-Service und hatte sich mit dem Preis für die Übernachtung die Freiheit erkauft, keinerlei soziale Kontakte eingehen zu müssen.
Er stieg zur Biennale in Venedig, die er sich verpflichtet sah, zu besuchen, in unmittelbarer Nähe des Markusplatzes ab, um auf den Platz hinunter zu sehen, was eine wohliges Schauern in ihm auslöste. Er bekam Angst, all die Menschen könnten zu ihm hinauf wollen und war sich gleichzeitig sicher, jeder Hotelangestellte würde alles dafür tun, ihn hier abzuschirmen. Schließlich hatte er bezahlt.
Seinen Besuch auf der Biennale verkürzte er auf ein Minimum. Ein grober Eindruck genügte. Er ging nur hin, um sich ein paar passende Floskeln bereit zu legen, mit denen er zu gegebener Zeit unterhalten konnte. Er hatte sich sehen lassen, das reichte aus. Ein Interesse an den ausgestellten Werken hatte er nicht, denn sie drehten sich nicht um ihn.
Geld, das war das Mittel, die Welt auf Abstand zu halten. Der Konsum von Drogen, für den Javier Unsummen ausgegeben hatte, war dafür nur ein Symptom. All die Drogen, die Javier präferiert hatte und in ein paar Wochen wieder präferieren würde, hielten die Welt auf Abstand, entrückten sie, fokussierten auf Teilaspekte und machten ein angenehmes Gefühl bei weitreichenden Entscheidungen.
All die Drogen, das Ritalin, die anderen Amphetamine und das Koks, die nicht nur von Javier, sondern auch in den Vorstandsetagen und den Gremien genommen werden, halten die Welt draußen, verkürzen, auf einen einfach zu handhabenden Aspekt, der sich leicht in scharfe Worte fassen lässt. Sicherlich nicht der einzige, aber mit ein Grund für die einfältigen Entscheidungen, die unsere Welt zunehmend auseinander brechen lassen, da Welt in den Köpfen der Akteure substanzbedingt schon längst fragmentiert ist.
Geld benutzte Javier aber auch in der kurzen Phase seiner Abstinenz immer nur um sich in einen Rausch zu versetzen oder um Welt, andere Menschen, Freundschaft, Liebe und soziale Verpflichtung, aus seinem Leben auszuklammern.
Eine der größten Verletzungen der letzten Jahre war, als ihm jemand, der das soziopathische im Wesen Javiers einige Zeit nicht erkannt hatte, kurz nach seiner Entzugsbehandlung sagte: “Behalt dein scheiß Geld. Du bist doch einfach nur ein Loser!” Die Verletzung und Irritation war so tief gegangen, dass Javier sich für einige Wochen in den Wahn zurückziehen musste, um nicht vollständig zusammenzubrechen. Er fühlte sich bedroht, fürchtete um sein Leben. Er hatte panische Angst, fühlte sich verfolgt, glaubte fest daran, er solle ermordet werden. Das nackte Grauen lauerte hinter jeder Ecke und in jedem Winkel. Es trieb ihn so weit, dass Javier seine Wohnung verließ und sich in einem Hotel einmietete. Das schützte ihn, er konnte hier alles mit Kreditkarte bezahlen. Das gab ihm etwas Freiraum zurück.
Dennoch: Die Wand, die sein Geld zwischen ihm und den anderen errichtet hatte, war für einen Moment brüchig geworden. Die Panik, die Javier erreichte, die Furcht vor dem Versagen der Macht des Geldes, konnte mit seinem Verstand kaum im Zaum gehalten werden. Drei Wochen nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Drogenwunderklinik drohte er bereits rückfällig zu werden, da er sich nach der beruhigenden Wirkung von Valium und Tavor sehnte. Schutz vor sich selbst wurde ihm von einem Bekannten der Narcotic Anonymous geboten. Kostenlos, motiviert von Mitgefühl und Solidarität blieb dieser Freund in der Not in Javiers schwersten Tagen bei ihm. Wie ein sich immer nur leicht variierendes muskialisches Thema durch eine romantische Oper zog sich als beruhigender harmonischer Klang durch Javiers Leben, dass immer dann, wenn seine Not am größten war, er aus dieser Not durch pures Mitgefühl und nicht durch Bezahlung gerettet wurde. Irgendjemand sah das Menschliche in diesem armseligen Haufen namens Javier und nahm sich seiner an. Wenn er mit dem Gesicht in der eigenen Kotze lag, drehte ihn jemand auf die Seite und rief den Rettungsdienst. Ganz anonym. Wenn er kaum gehen konnte vor Suff und Drogen, stütze ihn einer und brachte ihn zu seiner Wohnung. Selbstlos. Wenn er sich eingeschissen und vollgepisst hatte im Rausch, überwand jemand den Ekel und half ihm heraus aus der Peinlichkeit. Mitfühlend. Allerdings war Javier nicht in der Lage, dieses vielfach variierte Thema seines Lebens zu hören. Gerade er benötigte die Solidarität anderer Menschen in genau dem umgekehrten Verhältnis zu seiner Illusion, durch sein Geld auf keinerlei Solidarität angewiesen zu sein, weil er für jede Dienstleistung bezahlen würde. Für die wirklich wichtigen Dienstleistungen, die an ihm erbracht worden waren, hatte er nichts bezahlt. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern.

Javier 16

Javier saß zu Hause. Der Erfolg, den der heutige Tag gebracht hatte, das Gespräch mit Jannis, der zwei Werke Daniel Mersiowskys in seine Sammlung aufgenommen hatte, wodurch zweifelsohne eine Wertsteigerung erreicht würde, interessierte Javier nicht mehr. In dem Moment, in dem er sein Ziel erreicht hatte, wurde es für ihn belanglos.  Selbst für Hannes Knecht war dieses Verhalten, befremdlich, zu Zeiten litt er darunter. Denn wenn Javier sich so verhielt, wie er sich verhalten wollte und nicht so, wie er dachte, dass es von ihm erwartet würde, dann hielt er Hannes Knecht bei derartigen Gelegenheiten eine lange Rede, darüber, was noch ausstünde, was noch zu verbessern sei und dass jetzt nicht der Moment sei, sich auszuruhen oder gar in der Bemühung nachzulassen. Javier kannte keine Freude, nur das Gefühl des Getriebenseins. Und so war selbst dann, wenn Javier sich so verhielt, wie er meinte, dass es von ihm erwartet würde und er ein erfolgreiches Bemühen Hannes Knechts mit “Ja, goßartig” quittierte, so kam dieses unautenthische Lob mehr einem Zynismus denn einer Anerkennung gleich.
Javier war süchtig, gierig, er kannte keine Erfüllung. So saß er jetzt nach einem Arbeitstag, der zahlreiche Wendungen genommen hatte, der Angst gebracht und der diese in Wohlgefallen aufgelöst hatte, der letztlich vollkommen erfolgreich war, vor dem Fernseher. Das Internet brachte alle Folgen von The Real Housewives of Beverly Hills direkt aus den Staaten ins Haus. Javier hatte das ganze Paket gekauft. Seit er vom Alkohol, vom Kokain und all den anderen Substanzen Abstand gewonnen hatte, war Fernsehen seine neue Droge. Er betrieb binge watching, Koma glotzen. Beim Glotzen beantwortete er noch Emails, blätterte in Bildbänden, kurz er sorgte für ein Höchstmaß an Reizüberflutung. Javier ertrug den Zustand eines klaren Geistes nicht. Er musste sich zu machen. Zu, zu, zu! Alle Kanäle dicht. Zwölf Scripted-Reality-Folgen über die Beverly-Hills-Hausfrauen würden es heute schaffen. Irgendwann würde er auf seinem Sofa einfach hinüberwechseln in einen schlafähnlichen Zustand. Inmitten des Gekreisches über unterschiedliche Ansichten zu Haarfarben, Brustvergrößerungen und künstlichen Fingernägeln, in dem sich die amerikanische Serie weitgehend erschöpfte, würde er wegdämmern. Der Kopf würde ihm nach vorne fallen, das Buch aus der Hand gleiten und für ein paar Stunden würde Javier in Bewusstlosigkeit versinken. Wie tot würde er daliegen. Ein Zustand, nach dem sich Javier sehnte. Nichtsein. Totsein. Das war für ihn wesentlich erstrebenswerter als alles Lebendige, das ihm widerwärtig war mit seinen Anforderungen. Das Destruktive zog ihn an, alles Schöpferische, alles Kreative war ihm Ekel.
Am nächsten Tag würde Javier das Wenige, was ihm noch erinnerlich war, mit Hannes Knecht diskutieren. Ob er auch schon jene Folge gesehen hätte, wo die eine der anderen die gelbe Handtasche ins Gesicht knallt und die andere dabei so blöd guckt? Ja, hatte er. Auch geil war, wie die dritte sich dabei ins Haar gefasst und die vierte ihr das Glas Wein ins Gesicht geschüttet hatte. Unglaublich! Wahnsinn! Zum Schreien komisch! Javier konnte nicht lachen, nur auslachen. Und dieses Bedürfnis wurde ihm hier befriedigt. Und nicht nur das. Wenn ihm die unglaublich schlichten, mehr als nur holzschnittartigen Figuren, die sich nicht einmal mehr Charaktere nennen lassen können, wenn ihm diese ihr Leben vorspielten, dann fühlte sich Javier in seiner Schlichtheit fast schon reich, denn ein Gefühl der Überlegenheit erfüllte ihn. Zu ein bisschen mehr als diese Weiber war er in der Lage, dachte er. Und dieses Gefühl, ein kleines bisschen mehr zu sein, verschaffte ihm für einen Moment das wahnhafte Gefühl der Vollständigkeit.