Javier 18

Es war in der Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts als Javier von einem Erfolg seiner Galeristen- und von einem Exzess seiner Drogenkarriere zum nächsten taumelte. Es waren in jeder Hinsicht Jahre des Rausches. Die große Umverteilungsmaschine ratterte zugunsten von Javiers Geschäftsmodell. Es war unglaublich viel Geld in den Märkten, das gierig nach Rendite, nach Vermehrung strebte. Javier konnte in diesem Umfeld gar nicht anders, als erfolgreich zu sein.
Wenn er denn überhaupt zum Schlafen gekommen war und nicht mehrere Tage einfach durchmachte, begannen seine Tage immer spät. Und sie begannen immer gleich. Sie begannen immer mit der Frage, “wo bin ich?”. Selten lies sich für Javier die Antwort “zu Hause” finden, denn die Regentschaft der Substanzen entmündigte ihn auch im Hinblick auf die Auswahl seiner Schlafstätte ebenso wie auf die Auswahl seiner Bettgenossen und -genossinnen.
Manchmal gelang es Javier, einzelne Fragmente, Blitzlichter von Erinnertem zu einer erklärenden Geschichte zusammenzusetzen, wesentlich häufiger aber war das nicht der Fall. Die riesigen schwarzen Löcher in seiner Erinnerung machten ihm nichts aus, was ihn jedoch sofort ängstlich werden ließ, war, wenn in unmittelbarer Nähe nicht Alkohol, Tabletten oder Pülverchen zu finden waren. Javier begann den Tag am liebsten damit, eine handvoll Ibuprofen und einige Valium mit einem kräftigen Schluck Wodka runter zu spülen. Der Tanz des Dionysos begann mit diesem Frühstück von Neuem.
Drei Jahre dauerte der Rausch. In diesem Rausch vermarktete Javier Japanese Goth Kid. Wildes schwarzes Haar, weißes Make-up, rote Lippen und fantasievolle Kleidung. Japanese Goth Kids Werke verkauften sich unter dem Label “Pop Art”. Entsprechend war an Japanese Goth Kid alles Fake, alles Inszenierung. Schon die Herkunft war Fake, denn Japanese Goth Kid kam nicht aus Japan, sondern aus Wisconsin und die einzige Verbindung nach Asien war die Mutter, die ursprünglich aus Thailand stammte. Es hatte sich bei einer ganz frühen Gelegenheit ergeben, der Kunstfigur eine japanische Herkunft zu verpassen. Zunächst gab es nur Goth Kid, aber bei einem ersten öffentlichen Auftritt wurde von irgendjemandem nach Goth Kids Herkunft gefragt. Entweder Goth Kid oder Javier sagte “Japan”. Seitdem war das ein wichtiger biografischer Eckpfeiler, mit dem die beiden öffentlichkeitswirksam spielten. Instinktiv und ganz spontan hatten die beiden eine gute Wahl getroffen, da diese Herkunft die Bedürfnisse des irrationalsten aller Märkte am besten bediente. Mit einer Herkunft aus Thailand ließ sich auf dem Kunstmarkt kein müder Cent verdienen. Japan klingt da schon wesentlich interessanter. Wenn man einem asiatischen Gesicht ein funktionsfähiges Marketingkonzept verpassen musste, griff man am besten zu Japan. Alles andere kommt hier im Westen einfach nicht an. So ganz schicht schlägt das westliche Sammlerherz. China geht inzwischen auch, aber nur wenn man mit Unterdrückung und Menschenrechten kokettiert.
Eine geschlechtliche Zuordnung unterließen die beiden zunächst versehentlich, was dann aber schließlich zum Markenzeichen wurde. Japanese Goth Kid bot geschlechtlich unbestimmt noch mehr Fläche für Projektion und Interpretation. Uneindeutig androgyn fand Japanese Goth Kid zügig Eingang in den ästhetischen Diskurs und musste für eine halbe Dekade immer dann herhalten, wenn Kunstgeschichtsstudenten nahezu kostenfrei Content für irgendwelche artigen Kunst-Magazine lieferten und dabei den Geschlechterbegriff munter drauf los dekonstruierten.
Japanese Goth Kid war von Anfang an ein Erfolg. Die beiden tourten durch die Welt, waren auf nahezu allen Kunstmessen und relavanten Parties, zogen Koks auf Flugzeugtoiletten, rauchten Heroin in Hotelzimmern, schmissen Ecstasy zu jedweder Gelegenheit, kauerten elendsvoll zusammen, wenn das Runterkommen grausam wurde.
Sie schienen die Fähigkeit zu haben, überall gleichzeitig zu sein. Die Werke von Japanese Goth Kid wurden in einer Filmwerkstatt hergestellt, die froh um jeden Auftrag war, da die ganz wundervoll fantastischen Filmlandschaften von Computern viel realistischer hergestellt werden konnten, als mit Holz und Pappmache, die Werkstatt daher von Konkurs bedroht war. Für Japanese Goth Kid zu arbeiten half aus dem Gröbsten raus. Javier und Japanese Goth Kid sandten Mails mit Ideen und kurz darauf gab es einen Entwurf. Je nach gerade aktuell konsumierter Substanz wurde der Entwurf abgesegnet oder eine im Ton schon fast unverschämte Email zurückgesandt. Immerhin waren die Arbeitsplätze von fünf Bühnenbildnern so vorläufig gerettet.
Japanese Goth Kids erster Erfolg waren Selbstportraits in Fiberglas. Überlebensgroße Skulpturen. Eine schematische Darstellung des Gesichts in unterschiedlicher Farbgebung. Danach monochrome Panele in einer vielfältigen Varianz an Formen. Das perfekte Investmentvehikel. Völlig bedeutungslos, ohne jede Aussage und dennoch schwer zu imitieren.
Dann wusste Javier das Thema Geschlechteridentiät aufzunehmen, zu verstärken und wirkungsvoll in der Szene zu platzieren. Es ging das absichtsvoll in die Welt gesetzte Gerücht um, Japanese Goth Kid sei ein Mann. Daraufhin gab es eine Ausstellung mit in Formaldehyd eingelegten, gebrauchten Tampons.
Die sich daran anschließende Diskussion um die Authentizität der Tampons diente in wunderbarer Weise der Wertsteigerung.
Es war unter anderem ein Aufsatz von Markus Spiegel, der zu dieser immensen Wertsteigerung beitrug. Dort stellte er die Frage, warum ein gebrauchter Tampon von womöglich zweifelhafter Herkunft 40.000 $ Wert sein sollte und beantwortete die Frage damit, weil er in absehbarer Zeit 70.000 $ Wert sein würde.
Markus Spiegel hatte diesen Artikel zusammen mit Javier und ganz viel Koks geschrieben. Javier verachtete Markus Spiegel dafür, umgekehrt war es ähnlich. Allerdings hatte der Artikel auf Markus Spiegels Karriere beinahe negative Auswirkungen, denn das offene Aussprechen, dass es sich bei bestimmten Formen der zeitgenössischen Kunstproduktion lediglich um Investmentinstrumente handelt, kam in den entsprechenden Kreisen nicht gut an, auch wenn sie dann um so bereitwilliger zu gebrauchten Tampons griffen, was zu einer Verdoppelung des Wertes innerhalb von Jahresfrist führte.
Mit der Finanzkrise jedoch brach der Hype um Japanese Goth Kid zusammen. Javier war rechtzeitig abgesprungen und hatte ein Vermögen gemacht, das allerdings unmittelbar in Drogen, Reisen, Lifestyle umgesetzt worden war. Zu Japanese Goth Kid hatte er schließlich den Kontakt abgebrochen. Aus dem Tal der verfallenen Preise herauszukommen war unglaublich schwer, ein weiterer Kontakt daher nicht lohnenswert.
Japanese Goth Kid bekannte sich zu seinem bürgerlichen Namen und setzt nun unter neonfarbene Darstellungen von Blumen und Bienen den Namen Timothy Alkohven. Die Preise der Darstellungen sind erstaunlich erschwinglich.

Ein Gedanke zu „Javier 18

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