Javier 19

Das Monströse an Javier war seine Unfähigkeit zu jedweder Form der Empathie. Javier hatte durchaus Gefühle, allerdings nur solche, die sich auf ihn selbst bezogen. Angst um sich selbst war beispielsweise ein Gefühl, das ganz dunkel sein Leben bestimmte. In dieser Angst spielte das Außen, spielten die Anderen, seine Mitmenschen eine große Rolle, jedoch nur als Gefahr und Bedrohung, nie aber als Objekte der Zuwendung, Ort des Mitgefühls oder gar als Verbundenheit. In Javiers Welt gab es keine Solidarität, keine Freundschaft oder Verantwortung für andere. In Javiers Welt tauchten andere Menschen nur als Unbehagen auf, das sich mit zunehmender Nähe bis hin zur Panik steigerte. Daher gab es für Javier auch keine moralische Verpflichtung, keine Ethik im Angesicht des Anderen. Javier konnte ohne jede Rücksicht alles tun, was anderen schadete. Sie waren Feinde.
Und was das Monströse an Javier zusätzlich fütterte und wachsen ließ, war ein gesellschaftliches Umfeld, in dem genau dieses Fehlverhalten, das in allen anderen Epochen streng gemaßregelt und kontrolliert worden wäre, zur Tugend erhoben worden war. In einer geographisch eindeutig zu bestimmender Region, die sich “der Westen” nennt und die mit dieser Umdeutung der Werte in ihre dekadente Phase getreten war und auf ihr kulturelles Ende zusteuerte, war Javier mit seiner Disposition vom Erfolg verfolgt.
Je unsozialer, je egozentrischer und radikaler auf den eigenen Vorteil bedacht sich Javier gerierte, desto erfolgreicher wurde er. Allerdings nur in ökonomischer Hinsicht. Eine Zunahme von Glück konnte er freilich nicht verspüren, im Gegenteil. Zwar hatte Javier die Idee Ziel der Existenz sei individuelles Glück von nicht allzu intellektuellen Kreisen übernommen, und ließ sich diese primitive Botschaft täglich durch seine scripted realtity Shows ins Unterbewusstsein hämmern. Lebensglück verspürte er jedoch nicht. Das führte jedoch nicht zu Innehalten, Nachdenken und einer Neuausrichtung des Lebensweges. Es führte lediglich zu einer Erhöhung der Dosis. Dann musste eben mehr Geld her, bessere, das meinte in Javiers Welt, teurere Restaurants, teurere Hotels, teureres Zeugs von dem nichts blieb. Doch eine glückliche Existenz zur führen, blieb Javier verwehrt. Allerdings gab es da einen Ausweg.
Jetzt gerade beauftragte Javier seinen Assistenten Hannes Knecht damit, drei Flugtickets nach New York zu organisieren. Er würde Daniel Mersiowsky zeigen, wo er künftig arbeiten würde. Das dritte Ticket war für Daniels Freundin. Javier empfand sie als dümmlich und tussihaft, allerdings konnte sie noch dienlich werden, wenn es darum ging, Daniel von den Annehmlichkeiten eines standesgemäßen Künstlerlebens in New York zu überzeugen.
Zehn Tage sollte die Reise dauern. Javier war überzeugt, er würde schon rechtzeitig einen wichtigen Reisegrund anzugeben wissen. Irgendein bedeutender Sammler, der Daniel Mersiowsky persönlich begegnen wollte, ein Museum, das sich interessiert, irgendetwas würde sich finden lassen. Er würde schon eine Begegnung inszenieren, die für Daniel einen hinreichenden Grund für die Reise über den Atlantik darstellte.
Daniel würde einen eigenen Fahrer haben, der ihn durch die Stadt chauffierte, Javier würde für Daniels Freundin Shopping-Orgien auf der 5th Avenue organisieren, sie würden sich Lofts und Ateliers angucken, er würde beide mit Schnickschnack überhäufen und Daniel würde schließlich zu der Erkenntnis kommen, dass er seine beginnende Karriere als internationaler Star der Kunstszene unbedingt in New York fortsetzten musste. Davon war Javier fest überzeugt. Daniel würde lernen, auf seine Mutter, seine Familie und Freunde zu scheißen. Wegen ihm, wegen des Erfolgs, den Javier bereit war zu inszenieren. Ein Schauer der Erregung ergriff Javier. An seinen Armen stellten sich die Härchen auf bei dem Gedanken.
Dies war es einer der grauenerregendsten Züge an Javier. Die Welt des Glücks und der Freude war ihm verschlossen. Als Ersatz fungierte die Manipulation. Andere zu manipulieren, war es, was in Javier positive Gefühle auslöste. Es war unter anderem dieses Gefühl der Machthabe, das ihn trieb. Und er fühlte es immer dann ganz und gar, wenn er es vermochte, eine andere Existenz zu vernichten. Es versetzte Javier in Euphorie. Das Grauen, das vom Anderen ausging, war dann gebrochen. Es wurde dann für einen Moment still in Javier.

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