Bekenntnis zum Antiamerikanismus

Ich bekenne mich: Ich bin Antiamerikaner. Ich war es nicht immer, ich bin mit den Jahren zu einem geworden. Und ich bin wahrlich nicht allein. Das Gespenst des Antiamerikanismus geht um in Europa.
Ja, die transatlantisch gut vernetzten Leitartikelschreiber bei Zeit, Spiegel, Welt und co. haben recht. Es gibt ein zunehmendes, ganz grundlegendes Misstrauen gegenüber dem großen Bündnispartner im Westen, der angeblich der große Garant für Freiheit, Wohlstand und Frieden ist. Nicht nur bei mir, europaweit.
Und während die transatlantischen Schreiberlinge, die Parlamentarier und Postdemokraten mit Verunglimpfung und Diffamierung gegen die Antiamerikaner anarbeiten, können diese sich auf Argumente und Fakten stützen. Ein ungleicher Kampf, der dazu führt, dass mit jeder veröffentlichten Meinung, dass mit jedem Artikel aus der transatlantisch zugespitzten Feder Joffes, Bittners und wie sie alle heißen, dass mit jeder Rede Gaucks, Merkels und Steinmeiers, die die transatlantische Freundschaft beschwört, die öffentliche Meinung in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt. Zu offensichtlich ist die Diskrepanz zwischen Propaganda und Wirklichkeit. Mit jeder Anrufung einer Bündnispartnerschaft durch die Repräsentanten einer sich selbst hinrichtenden parlamentarischen Demokratie wächst mein Misstrauen und mein Antiamerikanismus. Aus gutem Grund!
Die USA bedrohen den Weltfrieden. Seit Jahrzehnten, permanent. Wenn ich gefragt würde und benennen müsste, wovon die größte Bedrohung für den Frieden ausgeht, dann würde ich nicht die Gruppierung Islamischer Staat nennen. Ich würde auch nicht Russland nennen, auch nicht den Iran. Ich würde auch keine Religion nennen. Ich würde die USA nennen. Das muss nicht mehr im Einzelnen belegt werden, zu vielfältig sind die offenkundigen Verstöße gegen internationale Normen und das Völkerrecht, zu häufig die Lügen und zu groß die Zahl der Toten, als dass es noch geleugnet werden könnte: Die USA sind die weltweit größte Gefahr. Die USA bringen den Terror.
Die USA sind das Böse, wenn man denn in den merkwürdigen holzschnittartigen Jargon US-amerikanischer Politiker verfallen möchte. Denn es sind ohne jeden Zweifel die USA, die seit Dekaden Regionen und Staaten mit Krieg überziehen, die sich unverschämt über internationales Recht hinwegsetzen, die die Vereinten Nationen missachten und in hoch aggressiver Weise, kompromisslos ihre Interessen durchsetzen. Und ihre Interessen sind ausschließlich wirtschaftlicher und machtpolitischer Natur, einhergehend mit der Ausbeutung von Mensch und Natur.
Es sind nicht die Interessen der amerikanischen Bürger, die hier vertreten werden. Es sind die Interessen einer kleinen Machtelite in den USA, die sich schamlos bedient. Es sind die Ultrareichen und die Vorstände in den Konzernen und in der Finanzindustrie, es ist aber auch ein außer Kontrolle geratener Überwachungs- und Militärkomplex, der sich immer weiter dem politischen Einfluss nicht nur entzieht, sondern diesen reguliert und steuert. Es ist angesichts der Gesamtbevölkerung eine verschwindend kleine Gruppe, die gemeinsam mit ihren Kollaborateuren in den europäischen Parlamenten und Medien den Westen umstrukturiert, weg von der Demokratie und Freiheit hin zu einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Diktatur der Konzerne, unterstützt von Militarisierung und überwacht von Geheimdiensten.
In der Schule haben wir alle gelernt, woran man Totalitarismus erkennt. Die Menschen sind nicht frei, werden überwacht, haben wir gelernt. Der Staat nimmt unliebsame Personen einfach ohne jedes Gerichtsverfahren in Haft und hält sie dort beliebig lange fest, haben wir von unseren Lehrern erfahren. In den Medien gibt es keine Meinungsvielfalt, nur die staatsnahe Propaganda, wurden wir unterrichtet. Menschen werden aus Staatsräson einfach erschossen, ohne jeden Prozess, es gibt Geheimgefängnisse und Folter, wurde uns mitgeteilt. Und einen riesigen Etat für Militär und Überwachung haben die Länder des Verbrechens. Diejenigen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, haben vor 1990 bei dieser obligatorischen Schullektion immer mitleidsvoll in Richtung DDR und Sowjetunion geblickt. Wohin sollen wir jetzt unseren Blick wenden?
Ja, entgegen der veröffentlichten Meinung, glaube ich nicht an die Großartigkeit des transatlantischen Bündnisses. Es gibt Massenüberwachung in einem unvorstellbaren Ausmaß, es gibt Guantanamo, Folter und Drohnenkrieg. Die USA haben den mit Abstand höchsten Wehretat. Es gibt absichtsvoll inszenierte Bedrohungen, die in immer neue Kriege führen. Es gibt Verhandlungen zu TTIP, das die nationale Gesetzgebung einschränken wird, da das Abkommen mit privaten Schiedsgerichten eine Gerichtsbarkeit einsetzt, die sich jeder Kontrolle entzieht. Ein Schlag mit der postdemokratischen Abrissbirne gegen jedes Verständnis von Demokratie.
Ja, ich bin Antiamerikaner. Ich bin es, weil Demokratie, Freiheit, Vielfalt, Dialog und Kompromissbereitschaft, kurz, weil Aufklärung für mich einen unhintergehbaren Wert darstellt. Diese ganz zentralen Werte der Aufklärung werden durch das Agieren der US-Regierung und ihrer Administration seit Dekaden hintertrieben. In blinder, antidemokratischer Gefolgschaft, macht die Bundesregierung mit.
Es täte Deutschland und den Ländern der Europäischen Union gut, sich aus dieser furchtbaren Allianz zu lösen, anstatt gehorsam Waffen in instabile Regionen zu liefern. Es täte uns gut, als Europa eigenständig zu werden, bevor aus Europa ein Scherbenhaufen wird. Die USA arbeiten ganz offensichtlich dezidiert darauf hin. Die Destabilisierung der Ukraine, das Forcieren von Sanktionen gegenüber Russland, die gegen alle europäischen Interessen sind, können nur als teuflischer Plan der USA verstanden werden, einen Keil zwischen Europa und Russland, auch zwischen die einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, vor allem aber zwischen alle Europäer zu treiben. Und Europa erstreckt sich vom Atlantik bis zum Ural, das scheint in den Parlamenten und auch im Schloss Bellevue verdrängt zu werden. Moskau liegt in Europa.
Wir müssen nur einen Blick in den Mittleren Osten richten, um zu sehen, welches Schicksal uns bevorsteht, sollten wir uns nicht neu und europäischer orientieren. Nach mehreren Dekaden unter US-Einfluss eine Region des Chaos, der Feindschaft und des Krieges.
Die Aktivität der USA zunächst im Kosovokrieg, wo mehr Luftstreitkräfte eingesetzt wurden als im gesamten Vietnamkrieg, wobei dieser Krieg aus dem Kosovo die ärmste Region Europas gemacht hat, und jetzt das US-amerikanische Engagement in der Ukraine zeugt von deren Willen, Europa Ähnliches angedeihen zu lassen wie dem Mittleren Osten.
Um uns neu auszurichten brauchen wir aber in den zentralen Schnittstellen wirkliche Aufklärer, die sich nicht einfach zu einer Bündnistreue bekennen und lediglich transatlantische Lobbyisten sind. Wir brauchen verantwortungsvolle Demokraten, die sich dem Frieden und der Freiheit in und vor allem aus Europa verpflichtet fühlen. Unsere jetzigen Repräsentanten und Medienvertreter tun das zum großen Teil nicht. Die Tugend des Antiamerikanismus ist ihnen noch fremd.

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