Javier23

Für seine Mitmenschen wurde Javier in aller Regel zu einer großen, lebenseinschneidenden Enttäuschung. Für seine Assistentinnen Donatella und das Blumenmädchen war er ebenso zu einer geworden wie er für seinen aktuellen Künstler Daniel Mersiowsky zu einer werden würde. Für ihn würde die Begegnung mit Javier genauso enttäuschend verlaufen, wie sie für Timothy Alkohven alias Japanese Goth Kid einst verlaufen war.
Für jeden dieser Menschen war die Begegnung mit Javier in einer Weise genauso negativ prägend wie sie einschneidend war. Und jeder dieser Menschen ging mit der erlittenen Enttäuschung auf eigene Art um.
In Donatella, die ihre Arbeit und ihr Engagement für Javier und seine Galerie brüskierend herabgewürdigt sah, wuchs eine immer rasender werdende Wut heran. Im Fall des Blumenmädchens hatte sich einstige Achtung in vollständige Verachtung gewandelt. Timothy Alkohven tat inzwischen so, als hätte es die Episode mit Javier nie gegeben, als wäre er lediglich für ein paar Jahre auf die schiefe Bahn geraten, aus deren Spur er sich durch eigene Kraft befreit habe.
Die tragischste unter all den Figuren um Javier war jedoch zweifellos Hannes Knecht. Er versuchte, durch Javier erlittene Enttäuschungen beständig umzuinterpretieren, suchte die Schuld bei sich und hoffte darauf, dass sich eines Tages alles zum Guten wenden würde. Hannes Knecht deckte Javiers unsoziales Verhalten und verzweifelte gleichzeitig darüber. Er hasste sich dafür, fand Ausreden, die ihm erlaubten, sich selbst gegenüber das Gesicht zu wahren. Er verlängerte sein Leiden beständig, denn er war nicht bereit Javier preis zu geben, der wiederum von Hannes‘ fast schon masochistischem Beharren in seinem Verhalten stabilisiert wurde.
Hannes hatte genug Therapien gemacht, um zu wissen, hier wiederholte sich etwas, das er als Kind gelernt hatte, um die Launen des Alkoholikers ertragen zu können, der sein Vater war. Er hatte aber noch nicht genug Therapien gemacht, um diese Struktur durchbrechen zu können.
Hannes Knechts Leidensfähigkeit war immens, denn sie war elternseits früh und bestens konditioniert worden. Der Grund für die überdurchschnittlich lange Dauer der Beziehung zwischen Javier und Hannes war hierin zu finden.
Es war aber auch am ehesten Hannes, der von Javiers Makel wusste. Er wusste, woran Javiers Kontakte scheiterten, denn er sah das Muster und die beständige Wiederholung. Er sah das Deviante, das er aber beständig aus seinen Gedanken wischte. Hannes Knecht verlieh Javier nach außen eine Hybris. Anderen Menschen gegenüber machte er Javier zum Gott der Kunstwelt, zum Genie, zum Charismatiker. Seine große Verzweiflung behielt er stets für sich, obwohl er sie beständig fühlte. Sie war zu deutlich, um einfach verdrängt zu werden.
Hannes zwang sich dazu, zu glauben, der unfaire Rausschmiss Donatellas sei wirklich letzte, den er auszuführen hatte, denn Javier würde sich ändern. Er hatte es ihm doch versprochen. Schließlich, so argumentierte Hannes vor sich hin, habe Javier einen Entzug gemacht, die damit einhergehende Veränderung seiner Persönlichkeit würde einfach noch ein klein bisschen Zeit in Anspruch nehmen. Andere Dinge hätte Javier auch geändert, zum Beispiel ernähre er sich inzwischen besser und mache Sport, entschuldigte Hannes Javier sich selbst gegenüber, obgleich er wusste, wie sehr Javiers sportliche Betätigung mehr ein posttherapeutisches Aufflackern denn eine dauerhafte Wandlung hin zur Einsicht in die Vorteile der körperlichen Ertüchtigung war. Es handelte sich bei Javiers Engagement für den eigenen Körper eher um Wochen als um Monate, was Hannes wiederum wegzuerklären in der Lage war. Nach der nächsten Ausstellungseröffnung würde Javier sein Sportprogramm wieder aufnehmen. Hannes war sich da fast ganz sicher.
Javiers Beziehungen scheiterten alle, was für seine Beziehungen oftmals schmerzlich, für ihn jedoch belanglos war. Er kannte es nicht anders. Sie scheiterten alle auf die gleiche Weise. Genau das machte Javiers Monströsität aus. Javiers Kontakte wussten in aller Regel nicht, wie sehr sie lediglich Wiederholung waren; wie sehr sie die von Javier eröffnete Struktur ihrer Einzigartigkeit beraubte. Javier scheiterte, daraufhin gab es seinerseits keinerlei Nachdenken, keine Veränderung, denn er begriff sein Scheitern nicht als solches. Menschliche Kontakte endeten für Javier immer in katastrophalen Abbrüchen. Das war einfach so.
Aber mit ein bisschen Nachdenken wäre er vielleicht sogar selbst darauf gekommen. Das, woran Javier im Kern immer wieder und wieder scheiterte war Sprache; besser: Die Anforderungen der Sprache an ihn als Sprechenden.
Es ist ein wesentliches Merkmal von Sucht, die Sprache zu deformieren. Zwar sind die Worte, Syntax und Grammatik immer noch intakt, jedoch gerät der Sprache im Verlauf der Erkrankung die Referenz abhanden. Jeder, der Erfahrung mit Süchtigen hat, weiß darum. Es ist ein meist bitterer Erkenntnisprozess. Ein Satz wie “Du kannst dich hundertprozentig auf mein Versprechen verlassen”, hat aus dem Munde eines Suchtkranken keinerlei Bedeutung, die sich aus dem Satz selbst erschließen ließe. Derjenige, der diesen Satz hört, weiß von dieser Entwurzelung der Sprache durch die psychotropen Substanzen jedoch nichts. Hier öffnet sich eine tiefe Kluft des Verstehens, was zu Leiden unermesslichen Ausmaßes führt.
Sucht schafft Inseln aus Floskeln, die sich immer weiter ausbreiten, bis schließlich die ganze Sprache eine einzige Floskel ist, die völlig von ihrem Bezug zur  äußeren Welt abgeschnitten ist.
Javiers Sucht begann in seiner Kindheit, er hatte dementsprechend nie eine andere Sprache gelernt. Die Sprache der Verbindlichkeit, des Worthaltens war ihm völlig fremd. Entsprechend verstand er auch den Zorn nicht, den er oftmals auslöste, weil er irgendeine Absprache eingegangen war, die nur sein Gegenüber als solche genommen hatte. Er hätte auch die Verachtung nicht verstanden, die beispielsweise das Blumenmädchen ihm entgegenbrachte. Er hatte ihr einen herausragenden Arbeitsplatz versprochen, sie hatte ihren auf Javiers Druck und seine Schmeicheleien gekündigt und sah sich im Anschluss mit der Beschaffung von Drogen beauftragt. Sie fühlte sich hintergangen und flüchte sich in die Geringschätzung. Javier wäre der Zusammenhang niemals plausibel zu machen gewesen. Er hatte dem Blumenmädchen damals einfach so von ihren tollen Möglichkeiten bei ihm gesprochen. Daran konnte er jetzt doch unmöglich gemessen werden.
Der Zusammenhang zwischen dem, was er sagte, und dem, was er tat, war für ihn nicht gegeben. Es wäre ihm völlig absurd vorgekommen, etwas zu tun, nur weil er gesagt hatte, er würde es tun. Javier spürte diese Verpflichtung der Worte nicht.
Dabei wäre es falsch zu sagen, Javier würde lügen. Lügen meint, die Wahrheit zu kennen, sie aber absichtsvoll nicht zu benennen und zu ersetzen. Wie alle Süchtigen war Javier zur Wahrheit gar nicht fähig. Er war beständig dem Anbranden unterschiedlichster Gefühle ausgesetzt, die ihn als wehrloses Opfer mal hierhin und mal dorthin spülten. Zu Kontinuität, zu Beständigkeit, zu einer die eigenen Gefühle transzendierenden Haltung als einer Grundvoraussetzung für selbst ganz subjektive Wahrheit war Javier als Opfer seiner Sucht nicht fähig. Sein Umfeld brachte diese Einsicht in die Zusammenhänge der Hirnchemie in aller Regel jedoch nicht mit. Er galt vielen daher als Lügner, Hochstapler, viel häufiger aber einfach nur als Vollidiot.
Dieser Mangel einer Kernkompetenz menschlicher Existenz wiederum war es, der Javier andererseits zu seinem ökonomischen Erfolg verhalf.
Javier lebte immer nur im Augenblick, allerdings nicht in der von Mystikern beschriebenen Bewusstwerdung eines unendlich weiten Momentes, der den gesamten Kosmos beinhaltet, sondern in der unglaublich engen Verjüngung auf einander sich beständig ablösende Phänomene. Javiers Psyche war fragmentiert und brachte dementsprechend auch nur Fragmente hervor. Fragmente von Freundschaft, Fragmente von Verbindlichkeit, Fragmente von Zuneigung. Zusammenhänge erschlossen sich ihm nicht. Er rannte einfach immer weiter, wiederholte sein Verhalten wieder und immer wieder.
In einer von einer marktkonformen Demokratie beschützten Welt unregulierter Investments war dies sogar erfolgversprechend. Javier hielt sich nicht mit Verträgen oder gar der Frage nach Recht und Ethik auf. Er dachte nicht über Verlust und Gewinn nach. Er machte. Er machte immer wieder das Gleiche. Immer schneller das Gleiche, so wie ein Amphetaminjunkie zwanghaft immer wieder die gleiche Mikrohandlung wiederholt, ohne sich daraus befreien zu können.
Javier bewarb die Werke seiner Künstler mit den immer gleichen Phrasen, zahlte eine PR-Agentur dafür, diese Phrasen marketinggerecht zu platzieren. Er wählte Käufer und Künstler für den Augenblick aus und verlor irgendwann, wenn der Rausch und die Begeisterung nachließen, das Interesse an beiden. Dann begann das Spiel mit einem anderen Künstler, anderen Sammlern, anderen Mitarbeitern von Neuem, immer gleich, immer vorhersehbar. Immer abrupt abgebrochen.
Er machte Deals auf die Art der Drogen-Dealer am Kottbusser Tor oder vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, so wie er das schon immer kannte. Seine Kunden bedeuteten ihm nichts, die von ihm vertretenen Künstler waren Mittel zum Zweck. Hätte man ihn gefragt, warum er das alles tat, Javier hätte einige Phrasen und Floskeln als Antwort parat gehabt, mit denen er die Wichtigkeit seines Tuns für die Kunst, die Künstler und die Sammler begründet hätte. Er hätte etwas von Verantwortung für seine Mitarbeiter gefaselt. Doch letztlich wusste er es nicht. Er war völlig leer und einfach nur getrieben. Und als derart Getriebener ohne Gefühl für Verantwortung und Maß passte er in die Ideologie seiner Zeit.

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