Javier 11

Javier saß mit seinem Assistenten Hannes Knecht zusammen. Sie besprachen, wie mit Donatella weiter zu verfahren sei. Javier fühlte sich von ihr beleidigt, hatte keine Lust mehr auf sie, er wollte sie nicht mehr sehen, wurde wütend bei dem Gedanken, sie könne ihm nachher über den Weg laufen. Er unterdrückte seine Wut und knabberte an seinen Fingernägeln. Dennoch wollte er sie noch nicht direkt rauswerfen. Das wäre stillos gewesen. Er hatte die Idee, sie ins Lager zu versetzen. Es soll, so führte er gegenüber Hannes Knecht aus, ihre letzte Chance sein, zu beweisen, was sie könne. Luca Bartiromo, der jetzt dort arbeitete, würde er einfach entlassen. Er hatte in Javiers Augen völlig versagt. Keine in ihn gesteckte Hoffnung hatte er erfüllt.
Vor einem Jahr noch war Javier von Luca völlig angetan gewesen. Er hatte sein elegantes Englisch mit dem feinen italienischen Akzent ebenso bewundert wie seine profunden Deutschkenntnisse, war ganz allgemein von seinen Umgangsformen tief beeindruckt gewesen, fast ehrfurchtsvoll war er geworden vor so viel Grazie und Eleganz. Javier hatte einige Monate nur mit größter Begeisterung von Luca gesprochen. Wie ein so junger Mensch, so perfekt sein konnte, das war ihm völlig schleierhaft, weshalb seine Bewunderung umso größer war. Dann war etwas gekippt. Plötzlich empfand Javier Lucas Umgangsformen nicht mehr als stilvoll, sondern als tuntig. Sein Englisch war plötzlich nicht mehr elegant, sondern dümmlich geschraubt. Er hatte auch von anderen gehört, Lucas Deutsch sei voller Fehler. Für Javier war klar, Luca hatte sich zum Negativen entwickelt, hatte abgebaut, nachgelassen. An einer veränderten Wahrnehmung unveränderter Sachverhalte, konnte es nicht liegen. Daran dachte Javier nicht den Bruchteil einer Sekunde. Für ihn war nur klar, er konnte diesen tuntigen Luca unmöglich weiter in seiner Galerie seinen Kunden präsentieren. Er hatte ihn dann mit der Aufgabe ins Lager versetzt, dieses besser zu strukturieren, da Lucas Vorgänger auf diesem Posten in Javiers Augen kläglich gescheitert war. Dessen Schicksal hatte sich in Luca und Lucas Schicksal  würde sich jetzt in Donatella wiederholen. Zu Javiers Überraschung war Hannes Knecht gegen diesen Plan.
“Sind jetzt alle gegen mich?”, wollte Javier wissen.
“Nein, aber Luca ist gerade dabei, das Lager neu zu ordnen. Wenn wir ihn jetzt rauswerfen und Donatella damit beauftragen, wird das Chaos noch größer.”
“Das ist doch ihre große Chance zu beweisen, was sie kann. Sie soll sich einarbeiten und die Arbeit fortsetzen.” Javier sagte im Wortlaut exakt den gleichen Satz, mit dem er vor einem halben Jahr Lucas Versetzung begründet hatte. Er wusste das nicht mehr. Hannes Knecht dagegen hatte das Gefühl eines Dejavu. Javier hätte jetzt gern einen Drink genommen. Irgendwas mit Wodka.
“Das haben wir damals Luca auch schon gesagt, als wir den anderen, wie hieß der nochmal, seinen Vorgänger meine ich, gefeuert haben. Der hatte ein System entwickelt und halb fertig gestellt, Luca hat ein neues System entwickelt und halb fertig gestellt und jetzt soll Donatella das übernehmen. Irgendwann blickt doch niemand mehr durch.”
Javiers Lust auf einen guten Longdrink wurde größer. Er sah Hannes Knecht an, der sich dadurch aufgefordert fühlte, weiterzusprechen.
“Die Fehler häufen sich. Wir haben Regina Ludovic ein falsches Werk geschickt. Du erinnerst dich? Sie hat es zum Glück nicht gemerkt.”
Javier erinnerte sich nicht. Der jahrelange neurotoxische Mix aus Kokain, MDMA, Alkohol und Benzodiazepinen hatten tiefe Schneisen der Dunkelheit in Javiers Erinnerungsvermögen geschlagen. Er konnte sich oft auch an zentrale Erlebnisse nicht erinnern. Manchmal kam mit Unterstützung von außen etwas Licht und die Erinnerung zurück. Hannes Knecht versuchte es, aber in diesem Fall half es nichts. Es blieb dunkel. Javier hasste es, wenn er sich darauf verlassen musste, was andere sagten. Er fühlte sich manipulierbar.
Tatsächlich hatte sich durch die sich ausschließlich an Javiers Befinden und Launen orientierende Personalpolitik ein ziemliches Durcheinander im Galerie eigenen Lager ergeben. Hannes Knecht untertrieb, denn es war nicht nur einmal, sondern mehrfach vorgekommen, dass Werke falsch ausgeliefert worden waren.
Andere Werke, die von ihren Besitzern bei Javier eingelagert blieben, waren durch die ständig wechselnden Versuche, neue Systeme der Ordnung zu etablieren und das damit einhergehende Räumen, beschädigt worden. Selbst wenn die Information Javier erreicht hatte, hat dieser sie nicht an die Eigentümer weiter gegeben. Er hatte die Hoffnung, die Werke würden einfach aus dem Lager unbesehen den Besitzer wechseln. Wenn es den Eigentümern lediglich um Wertsteigerungen aber nicht um die Werke selbst ging, war die Chance groß, dass es nicht aufflog. Außerdem waren ein paar Kratzer und Schrammen im Grunde auch egal, dachte Javier bei sich.
Obwohl Hannes Knecht gute Argumente gegen den Rauswurf von Luca und die Versetzung von Donatella vorgebracht hatte, blieb es dabei. Javier war der Gedanke unerträglich, Donatella weiter um sich haben zu müssen. Er wies Hannes darauf hin, wie klar er seinen Wunsch gemacht habe und dass diese Galerie seine war. Er wies Hannes weiterhin darauf hin, wie sehr ihn dessen Widerspruch verletzt habe. Hannes Knecht lächelte.
Hannes Knecht und Javier waren ein eingespieltes Team. In der Beziehung mit Javier wiederholte Hannes das, was er seit frühester Kindheit kannte. Hannes stammte aus Minneapolis, war in der dritten Generation das Kind deutscher Einwanderer, die in den Staaten versucht hatten, ihr Glück zu finden, es aber nicht finden konnten. Hannes Vater war Alkoholiker, inzwischen trocken. Nachdem die Zerstörungswut seiner Sucht drei Ehen und sämtliche Kontakte außerhalb einer kleinen Gruppe von Saufkumpanen verschlissen hatte, sie dabei Hannes durch eine höllische Kindheit geschickt und ihn zum perfekten Koabhängigen gemacht hatte, war Hannes Vater schließlich in der Lage gewesen, sich mit therapeutischer Hilfe und den Anonymen Alkoholikern aus der Umklammerung des Alkohols zu befreien. Viel freier wurde er dadurch allerdings nicht, denn seitdem tat er Buße für die Verfehlungen seines früheren Lebens. Diese Kehrtwende seines Vaters allerdings gab Hannes Hoffnung in Bezug auf Javier.
Hannes war ursprünglich zum Studium nach Deutschland gekommen, hatte dies jedoch schnell abgebrochen. Er hatte nach drei Monaten Aufenthalt Javier kennen gelernt. Sofort war klar, sie passten zusammen, wie Schlüssel und Schloss. Wie er es schon früh gelernt hatte, deckte er Javiers Sucht, ließ über das Blumenmädchen Stoff besorgen, vertröstete Kunden mit immer verzweifelteren Ausreden, hasste Javier für das, was er ihm antat, fühlte jedoch auch, wie notwendig Javier ihn brauchte. Javier, der knapp zwanzig Jahre älter war als Hannes, war der ideale Typ, um die gesamte Vater-Sohn-Geschichte, die Hannes in seiner Kindheit widerfahren war, mit aller Inbrunst zu wiederholen.
Als Hannes Javier schließlich vor etwas mehr als zwei Jahren völlig zusammengebrochen in der eigenen Kotze und Scheiße liegend, beinahe tot in einem Hotelzimmer fand, verfrachtete Hannes Knecht Javier kurzerhand in einen Entzugsklinik. Leider auf dem falschen Kontinent. Eine Suchttherapie in den USA dauert sechs Wochen und kostet 80.000 $. Das Pendant dazu in Deutschland dauert 18 Monate und wird von der Rentenversicherung bezahlt, denn Sucht gilt hierzulande als schwere psychiatrische Diagnose, dort drüben gilt sie als gute Einnahmequelle für irgendwelche Edelkliniken. Javier landete ganz ungünstig in den USA. Nach sechs Wochen Wunderheilung wurde ihm empfohlen, regelmäßig Selbsthilfegruppen zu besuchen, Sport zu machen, auf gesunde Ernährung zu achten und sich nicht zu überlasten. Jeden Morgen landete seitdem eine Email mit einem Tagesmotto und einem klugen Spruch in Javiers Posteingang. Mehr an Nachsorge war im Preis nicht drin. Mit ihrem Programm konnte die amerikanische Klinik relativ sicher sein, auch in zwei, spätestens in drei Jahren wieder 80.000 $ kassieren zu können, denn länger hielt das von den dortigen Therapeuten verpasste Erweckungserlebnis nicht an. Es geht nichts über eine gute Kundenbindung.
Javier kämpfte einen aussichtslosen Kampf. Denn noch, das muss man fairer Weise sagen, kämpfte er. Er kämpfte jeden Tag. Gegen die Sucht, verzweifelt. Aber sein Kampf war ebenso aussichtslos, wie Donatella gegen ihre Entlassung kämpfte, nachdem ihr Hannes schließlich gesagt hatte, welche großartige Chancen und Möglichkeiten sich im Lager für sie auftaten. Es schien eine Möglichkeit der Beeinflussung und Veränderung zu geben. Es schien so zu sein, als könne man das Schicksal selbst in die Hand nehmen, wenn man nur hart genug arbeitete.  Aber faktisch gab es diese Möglichkeit nicht. Weder für Donatella noch für Javier.

 

Ein Gedanke zu „Javier 11

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