Javier 17

Sucht und Geld sind zwei Themenkreise, die erstaunlich nahe beieinander liegen. Nicht nur, weil man das eine braucht, um das andere für einen Moment zu befrieden. Alle Süchtigen haben ein besonderes Verhältnis zu Geld, ein Verhältnis, das über das eines Mittels zum Tausch weit hinausgeht. Es ist viel eindringlicher fokussiert, geprägt von Gier, Neid und vielfach begleitet von Missgunst und Streit. Nicht nur auf den Plätzen in den großen Städten, wo sich die Junkies öffentlich sichtbar versammeln und Passanten beiwohnen können, wie beispielsweise um das Eigentumsrecht an einer läppischen Pfandflasche ein heftiger Streit ausbricht. Denn ganz analog verhalten sich die Kokser und Amphetaminjunkies in den Investmentabteilungen der Banken, die karriersüchtigen, ständig schniefenden Rechtsanwälte in den Beraterkanzleien, die pharmakologisch stromlinienförmig zugerichteten Lobbyisten in den politischen Gremien, kurz all jene Junkies, die an ganz zentralen Stellen den Blick substantiell verjüngt haben auf Geld und Gewinn, wobei Geld und Gewinn zu gar nichts anderem mehr gebraucht werden als ausschließlich dazu, Ausgangspunkt zu noch mehr Geld und noch mehr Gewinn zu sein. Diese Protagonisten der großen Sucht des Kapitals fangen dann lauthals an zu schreien, zu zetern und medienwirkam zu heulen, wenn es darum geht, dass eine klitzekleine Solidarabgabe von den unermesslichen Gewinnen ein guter Beitrag zu einer harmonischeren, gerechteren Gesellschaft sein könnte. Sie könnten diesen Beitrag leisten, aber sie wollen nicht, weil es um einen Fetisch geht. Das Symbol gewordene Ding an sich: Geld!
Ganz grundsätzlich scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen, zwischen bestimmten, aufputschenden, dabei gleichzeitig narkotisierenden Substanzen, deren Gebrauch in bestimmten Kreisen und dem merkwürdigen Überleben neoliberaler Ideen, die gegen jeden klaren, nüchternen Menschenverstand verstoßen.
Auch Javiers Verhältnis zum Geld war ganz zentral von seiner Sucht geprägt. Auch bei ihm zeigte sich jene Gier nach mehr und immer mehr, ohne dass Geld in der Lage gewesen wäre, sein Wohlbefinden zu verbessern oder seinem im Kern recht armseligen, angstvollen Leben eine besondere Qualität zu verleihen. Wie auch alle anderen Protagonisten eines gesteigerten Wachstumswahns, trieb Javier die Angst vor Verarmung und nicht die Frage, was mit all dem Geld denn Sinnvolles, die Welt Verbesserndes anzustellen wäre.
Javier saß in einer Metropole in einer Wohnung mit sieben Zimmern und gierte nach einer mit mindestens zwölf. Dabei hatte er nichts, womit die Zimmer zu füllen wären, nicht einmal eine hinreichend groß angelegte Persönlichkeit. Er selbst schlief in einem Zimmer und glotzte in dem anderen niveaulose Realityshows, die ihm den Eindruck vermittelten, er selbst sei noch nicht ganz in blanker Einfalt versunken, weil dort Menschen gezeigt wurden, überwiegend Frauen interessanterweise, die sich noch einfältiger gaben.
Auch jetzt, in der relativ kurzen Phase der Abstinenz, die gerade dabei war zu Ende zu gehen, gierte Javier nach Geld. Er gab es aus, wie es ihm zufloss. Es ging ihm um diesen kurzen Moment vermeintlicher Freiheit, wenn er konsumierte.
In Bangkok, in dass er anlässlich einer Kunstmesse gereist war, hatte er sich Hemden anfertigen lassen. Sechzehn Stück. Bei dem thailändischen Schneider war er fasziniert gewesen von der Auswahl an Stoffen, den unterschiedlichen Mustern und der Vielfalt der Schnitte. Er wollte sich zunächst zwei Hemden anfertigen lassen, konnte sich aber nicht entscheiden. Er ließ sich von dem Schneider zu einem dritten überreden, dann entschied er sich noch für ein viertes mit Taille. Der Schneider und seine Angestellten wurden immer höflicher und emsiger, boten Whiskey an, den Javier nach kurzem Zögern ablehnte, den dann angebotenen Tee nahm er an. Javier genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, ließ sich weiter zu Stoffen beraten und bestellte noch vier weitere Hemden aus dem selben Material allerdings in unterschiedlichen Schnitten. Er fühlte sich großartig; er deutete auf einen Stoffballen, er wurde aus dem Regal geholt und ihm zur Prüfung vorgelegt. Alles sorgte sich um ihn. Javier wurde für seinen Geschmack gelobt, was zu einer weiteren Bestellung führte. Er geriet in einen Rauschzustand, alles drehte sich um ihn, in jeder Hinsicht. Als er nach drei Stunden die Schneiderei verließ, blendete ihn die Sonne, als wäre er nach durchzechter Nacht aus irgendeiner dunklen Spelunke in den Tag getreten.
Als die Hemden einige Wochen später geliefert worden waren, hatte er sie in das Zimmer gehängt, das er sein Ankleidezimmer nannte, obwohl er sich darin nie ankleidete. Sie hingen da noch heute, getragen hatte er keins davon auch nur ein einziges Mal. Für die drei Stunden seiner Bestellung aber hatte er sich Achtung, Freundlichkeit, Zustimmung erkauft. Diese Ebene des Handels durchblickte er noch.
Eine ganz knapp darunter liegende Ebene des Verstehens blieb Javier bereits verschlossen. Auf dieser vorbewussten Ebene hatte Javier sich nicht nur freundlichen Umgang erkauft. Er hatte sich auch von jeder weitergehenden Verpflichtung freigekauft. Das war noch entscheidender als das Gefühl, ganz im Mittelpunkt aller Freundlichkeit und Sorge zu stehen. Er konnte die Hemden bestellen und bezahlen. Mit der Bezahlung war er freigekauft. Nichts konnte ihn dazu verpflichten, die Hemden ihrer Bestimmung gemäß zu verwenden. Er konnte sie, wie er es auch mit den Menschen um ihn herum tat, denen er Geld gab, einfach hängen lassen.
Geld war für Javier das Mittel, sich von jeder sozialen Verbindlichkeit, von Freundschaft, Liebe und Solidarität, aber auch von Hass und Abneigung loszukaufen. Zu den Personen, mit denen Javier Handel betrieb, bestand über diesen Handel hinaus keinerlei Verpflichtung. Alles war mit dem Austausch von Geld gegen Ware oder Dienstleistung abgegolten.
Die Vorstellung, er könnte auf die Freundlichkeit, auf die Solidarität, die Gnade von anderen angewiesen sein, gruselte ihn, die Möglichkeit, Abneigung mit einem satten Trinkgeld nicht in Zuneigung oder zumindest Neutralität wandeln zu können, verunsicherte ihn, aber mehr noch bereitete ihm die Idee eine ganz tiefe Angst, andere könnten sich mit Recht an ihn wenden und Verbindlichkeit einfordern.
Geld, dieser merkwürdige Fetisch nicht nur der Süchtigen, gab ihm das Gefühl, ganz allein zurecht zu kommen, ohne auch nur auf einen einzigen Menschen angewiesen zu sein. Geld gab ihm das Gefühl, frei zu sein. Wobei diese Freiheit eine ganz merkwürdige war. Anderen wäre Javiers Vorstellung von Freiheit als Einsamkeit oder Verlorenheit vorgekommen, denn sie bestand in nichts anderem als diesem Gefühl, im Austausch von Geld anderen Menschen nichts Wahres, nichts Echtes, vor allem nichts von sich selbst preis geben zu müssen.
So sah das Leben von Javier auf den ersten Blick interessant aus, er handelte mit Kunst, stieg in teuren Hotels ab, reiste durch die Welt. Aber auf den zweiten Blick wurde schon ersichtlich, in den teuren Hotels sah sich Javier die gleichen unterentwickelten Shows an, die er sich zu Hause auch ansah, er verließ das Zimmer nicht, bestellte Room-Service und hatte sich mit dem Preis für die Übernachtung die Freiheit erkauft, keinerlei soziale Kontakte eingehen zu müssen.
Er stieg zur Biennale in Venedig, die er sich verpflichtet sah, zu besuchen, in unmittelbarer Nähe des Markusplatzes ab, um auf den Platz hinunter zu sehen, was eine wohliges Schauern in ihm auslöste. Er bekam Angst, all die Menschen könnten zu ihm hinauf wollen und war sich gleichzeitig sicher, jeder Hotelangestellte würde alles dafür tun, ihn hier abzuschirmen. Schließlich hatte er bezahlt.
Seinen Besuch auf der Biennale verkürzte er auf ein Minimum. Ein grober Eindruck genügte. Er ging nur hin, um sich ein paar passende Floskeln bereit zu legen, mit denen er zu gegebener Zeit unterhalten konnte. Er hatte sich sehen lassen, das reichte aus. Ein Interesse an den ausgestellten Werken hatte er nicht, denn sie drehten sich nicht um ihn.
Geld, das war das Mittel, die Welt auf Abstand zu halten. Der Konsum von Drogen, für den Javier Unsummen ausgegeben hatte, war dafür nur ein Symptom. All die Drogen, die Javier präferiert hatte und in ein paar Wochen wieder präferieren würde, hielten die Welt auf Abstand, entrückten sie, fokussierten auf Teilaspekte und machten ein angenehmes Gefühl bei weitreichenden Entscheidungen.
All die Drogen, das Ritalin, die anderen Amphetamine und das Koks, die nicht nur von Javier, sondern auch in den Vorstandsetagen und den Gremien genommen werden, halten die Welt draußen, verkürzen, auf einen einfach zu handhabenden Aspekt, der sich leicht in scharfe Worte fassen lässt. Sicherlich nicht der einzige, aber mit ein Grund für die einfältigen Entscheidungen, die unsere Welt zunehmend auseinander brechen lassen, da Welt in den Köpfen der Akteure substanzbedingt schon längst fragmentiert ist.
Geld benutzte Javier aber auch in der kurzen Phase seiner Abstinenz immer nur um sich in einen Rausch zu versetzen oder um Welt, andere Menschen, Freundschaft, Liebe und soziale Verpflichtung, aus seinem Leben auszuklammern.
Eine der größten Verletzungen der letzten Jahre war, als ihm jemand, der das soziopathische im Wesen Javiers einige Zeit nicht erkannt hatte, kurz nach seiner Entzugsbehandlung sagte: “Behalt dein scheiß Geld. Du bist doch einfach nur ein Loser!” Die Verletzung und Irritation war so tief gegangen, dass Javier sich für einige Wochen in den Wahn zurückziehen musste, um nicht vollständig zusammenzubrechen. Er fühlte sich bedroht, fürchtete um sein Leben. Er hatte panische Angst, fühlte sich verfolgt, glaubte fest daran, er solle ermordet werden. Das nackte Grauen lauerte hinter jeder Ecke und in jedem Winkel. Es trieb ihn so weit, dass Javier seine Wohnung verließ und sich in einem Hotel einmietete. Das schützte ihn, er konnte hier alles mit Kreditkarte bezahlen. Das gab ihm etwas Freiraum zurück.
Dennoch: Die Wand, die sein Geld zwischen ihm und den anderen errichtet hatte, war für einen Moment brüchig geworden. Die Panik, die Javier erreichte, die Furcht vor dem Versagen der Macht des Geldes, konnte mit seinem Verstand kaum im Zaum gehalten werden. Drei Wochen nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Drogenwunderklinik drohte er bereits rückfällig zu werden, da er sich nach der beruhigenden Wirkung von Valium und Tavor sehnte. Schutz vor sich selbst wurde ihm von einem Bekannten der Narcotic Anonymous geboten. Kostenlos, motiviert von Mitgefühl und Solidarität blieb dieser Freund in der Not in Javiers schwersten Tagen bei ihm. Wie ein sich immer nur leicht variierendes muskialisches Thema durch eine romantische Oper zog sich als beruhigender harmonischer Klang durch Javiers Leben, dass immer dann, wenn seine Not am größten war, er aus dieser Not durch pures Mitgefühl und nicht durch Bezahlung gerettet wurde. Irgendjemand sah das Menschliche in diesem armseligen Haufen namens Javier und nahm sich seiner an. Wenn er mit dem Gesicht in der eigenen Kotze lag, drehte ihn jemand auf die Seite und rief den Rettungsdienst. Ganz anonym. Wenn er kaum gehen konnte vor Suff und Drogen, stütze ihn einer und brachte ihn zu seiner Wohnung. Selbstlos. Wenn er sich eingeschissen und vollgepisst hatte im Rausch, überwand jemand den Ekel und half ihm heraus aus der Peinlichkeit. Mitfühlend. Allerdings war Javier nicht in der Lage, dieses vielfach variierte Thema seines Lebens zu hören. Gerade er benötigte die Solidarität anderer Menschen in genau dem umgekehrten Verhältnis zu seiner Illusion, durch sein Geld auf keinerlei Solidarität angewiesen zu sein, weil er für jede Dienstleistung bezahlen würde. Für die wirklich wichtigen Dienstleistungen, die an ihm erbracht worden waren, hatte er nichts bezahlt. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern.

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