Javier 16

Javier saß zu Hause. Der Erfolg, den der heutige Tag gebracht hatte, das Gespräch mit Jannis, der zwei Werke Daniel Mersiowskys in seine Sammlung aufgenommen hatte, wodurch zweifelsohne eine Wertsteigerung erreicht würde, interessierte Javier nicht mehr. In dem Moment, in dem er sein Ziel erreicht hatte, wurde es für ihn belanglos.  Selbst für Hannes Knecht war dieses Verhalten, befremdlich, zu Zeiten litt er darunter. Denn wenn Javier sich so verhielt, wie er sich verhalten wollte und nicht so, wie er dachte, dass es von ihm erwartet würde, dann hielt er Hannes Knecht bei derartigen Gelegenheiten eine lange Rede, darüber, was noch ausstünde, was noch zu verbessern sei und dass jetzt nicht der Moment sei, sich auszuruhen oder gar in der Bemühung nachzulassen. Javier kannte keine Freude, nur das Gefühl des Getriebenseins. Und so war selbst dann, wenn Javier sich so verhielt, wie er meinte, dass es von ihm erwartet würde und er ein erfolgreiches Bemühen Hannes Knechts mit “Ja, goßartig” quittierte, so kam dieses unautenthische Lob mehr einem Zynismus denn einer Anerkennung gleich.
Javier war süchtig, gierig, er kannte keine Erfüllung. So saß er jetzt nach einem Arbeitstag, der zahlreiche Wendungen genommen hatte, der Angst gebracht und der diese in Wohlgefallen aufgelöst hatte, der letztlich vollkommen erfolgreich war, vor dem Fernseher. Das Internet brachte alle Folgen von The Real Housewives of Beverly Hills direkt aus den Staaten ins Haus. Javier hatte das ganze Paket gekauft. Seit er vom Alkohol, vom Kokain und all den anderen Substanzen Abstand gewonnen hatte, war Fernsehen seine neue Droge. Er betrieb binge watching, Koma glotzen. Beim Glotzen beantwortete er noch Emails, blätterte in Bildbänden, kurz er sorgte für ein Höchstmaß an Reizüberflutung. Javier ertrug den Zustand eines klaren Geistes nicht. Er musste sich zu machen. Zu, zu, zu! Alle Kanäle dicht. Zwölf Scripted-Reality-Folgen über die Beverly-Hills-Hausfrauen würden es heute schaffen. Irgendwann würde er auf seinem Sofa einfach hinüberwechseln in einen schlafähnlichen Zustand. Inmitten des Gekreisches über unterschiedliche Ansichten zu Haarfarben, Brustvergrößerungen und künstlichen Fingernägeln, in dem sich die amerikanische Serie weitgehend erschöpfte, würde er wegdämmern. Der Kopf würde ihm nach vorne fallen, das Buch aus der Hand gleiten und für ein paar Stunden würde Javier in Bewusstlosigkeit versinken. Wie tot würde er daliegen. Ein Zustand, nach dem sich Javier sehnte. Nichtsein. Totsein. Das war für ihn wesentlich erstrebenswerter als alles Lebendige, das ihm widerwärtig war mit seinen Anforderungen. Das Destruktive zog ihn an, alles Schöpferische, alles Kreative war ihm Ekel.
Am nächsten Tag würde Javier das Wenige, was ihm noch erinnerlich war, mit Hannes Knecht diskutieren. Ob er auch schon jene Folge gesehen hätte, wo die eine der anderen die gelbe Handtasche ins Gesicht knallt und die andere dabei so blöd guckt? Ja, hatte er. Auch geil war, wie die dritte sich dabei ins Haar gefasst und die vierte ihr das Glas Wein ins Gesicht geschüttet hatte. Unglaublich! Wahnsinn! Zum Schreien komisch! Javier konnte nicht lachen, nur auslachen. Und dieses Bedürfnis wurde ihm hier befriedigt. Und nicht nur das. Wenn ihm die unglaublich schlichten, mehr als nur holzschnittartigen Figuren, die sich nicht einmal mehr Charaktere nennen lassen können, wenn ihm diese ihr Leben vorspielten, dann fühlte sich Javier in seiner Schlichtheit fast schon reich, denn ein Gefühl der Überlegenheit erfüllte ihn. Zu ein bisschen mehr als diese Weiber war er in der Lage, dachte er. Und dieses Gefühl, ein kleines bisschen mehr zu sein, verschaffte ihm für einen Moment das wahnhafte Gefühl der Vollständigkeit.

 

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