Javier 15

Die Begegnung mit Jannis verlief reibungslos. Javier funktionierte. Er spulte seine Show ab, schmeichelte Jannis, ohne zu dick aufzutragen, machte sich über andere Sammler lustig, ohne allzu konkrete, zitierfähige Aussagen zu machen. Er beließ es bei humorvollen Andeutungen, die in alle Richtungen ausgelegt werden konnten, in dieser Situation aber eine Verbundenheit zwischen ihm und Jannis herstellten. Sie hatten das gleiche, exklusive Kunstverständnis, einfach einen unfehlbaren Geschmack. Die anderen standen dem nach. Nach ganz viel Blabla, wandte sich Javier unter noch mehr Blabla den Werken von Daniel Mersiowsky zu. Er gab an, das Auge Jannis’ für die inhärente Schönheit der Werke Daniels wecken zu wollen, fügte ein paar biographische Details Daniel Merwiowskys hinzu, sprach über den Wasserschaden in Daniels Atelier, der ihn zu seinem Werk inspiriert habe, erzählte etwas von gefüllter Leere und der Bedeutung des Rahmens für das Werk als Umzäunung der Unendlichkeit. Schließlich ging Javier so weit, Jannis zu erläutern, was Daniel Mersiowsky eigentlich sagen wollte.
Jedem Hermeneutiker, jeder der zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens mit Fragen der Ästhetik und der Auslegung konfrontiert worden war, hätten sich bei den wilden, unsystematischen Deutungsversuchen Javiers vor Peinlichkeit die Nägel gekräuselt. Es hatte Unterstufenniveau was Javier hier zum Besten gab, allerdings reichte es für Jannis. Beide waren im Hinblick auf Kunst Autodidakten. Javier hatte sich mal an einem MBA-Studium versucht, Jannis war im weiten Feld des Tourimus, der Logistik, vor allem aber der Korruption zu Geld gekommen. Von Kunstgeschichte, Ästhetik oder auch einem in der Nähe hierzu stehenden Fach hatten beide keine Ahnung, fanden es auch gar nicht notwendig, schließlich ging es nicht um Kunst, sondern um Investments. Dazu brauchte man keine Hermeneutik. Da legte man einfach durch Marktintervention fest, was andere gefälligst für Kunst zu halten hatten. Weniger peinlich wurde Javiers Monolog dadurch nicht.
Nach noch längerem Blabla endete der Besuch von Jannis schließlich damit, dass er verbindlich zusagte, drei Werke von Daniel in seine Sammlung aufzunehmen. Javier war zunächst bereit gewesen, ihm zwei zuzugestehen, Jannis hatte ursprünglich vier gefordert. Drei war dann die Mitte, auf die sie sich einigen konnten.
Unmittelbar im Anschluss an Jannis’ Besuch schrieb Javier eine Mail an Daniel Mersiowsky, in der er ihm mitteilte, wie ergriffen er gerade von einem seiner Werke worden wäre. Er hätte sich daher entschlossen, in seine private Sammlung noch zwei weitere Bilder aufzunehmen. Daniel Mersiowsky antwortete prompt und bedankte sich. Hannes Knecht wurde im Anschluss von Javier angewiesen, in den kommenden Tagen dezent in der Szene zu streuen, Jannis würde jetzt Daniels Werke sammeln. Der Wert würde sich dadurch schlagartig erhöhen, denn ein ganzes Heer an Kunstinvestoren würde auf den an Fahrt gewinnenden Zug aufspringen wollen. Später am Abend würde er Daniel eine weitere Mail schreiben, in der er eine Andeutung von einem bedeutenden Sammler machte, der Interesse signalisiert hätte. Am nächsten Tag würde er ihm dann mitteilen, Jannis würde drei seiner Werke kaufen. Die Bilder, die Javier eben aus vermeintlicher Ergriffenheit in seine Sammlung aufgenommen hat, waren dann vermutlich das doppelte Wert. An den internationalen Börsen ist Insiderhandel verboten. Aber der Kunstmarkt ist völlig unreguliert. Wer sollte hier einschreiten?

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