Javier 24

Regina Ludovic öffnete die Arme weit, ließ Javier dabei  wissen, wie gut es wäre, ihn zu sehen, schloss die Arme und drückte Javiers Kopf gegen ihre üppige Brust. Javier immitierte ein Lächeln, was ihm bedingt gelang. Er versuchte aus Reginas Verhalten zu erschließen, welche Substanzen ihr Psychiater gerade in der Verschreibung favorisierte. Er tippte auf Ritalin in Verbindung mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer gegen Depressionen. So wie sie roch, hatte sie obendrauf sicherlich noch ein paar Glas Rotwein gekippt, dachte er bei sich, während die Wärme von Reginas Busen sich auf Javiers Wange abzuzeichnen begann.
Javier ging ungern zu Vernissagen anderer Galerien, der heutigen konnte er jedoch nicht ausweichen. Nicht zuletzt deshalb, weil Regina Ludovic ihr Kommen angekündigt hatte. Gegenüber Hannes Knecht hatte er vor wenigen Stunden noch  behauptet, er ginge deshalb ungern zu Vernissagen, weil ihn das Getue und die Bussi-Bussi-Kultur anwidere, er es auch leid wäre, als einziger nüchterner Mensch einen Kreis von Besoffenen beobachten zu müssen. Sein Entzug in den Staaten hätte ihn dafür sensibilisiert, wie ekelerregend das alles sei. Bei den Vernissagen im eigenen Haus würde es künftig nur noch Säfte geben, legte Javier bei dieser Gelgenheit fest. Die Eigenmarke von Edeka. Die sei qualitativ ausreichend gut, reichte daher für den Zweck. Hannes Knecht unterdrückte ein Stöhnen.
Dass Javier das Vernissagen-Getue anwiderte war natürlich nicht die Wahrheit, auch wenn Javier für den Moment selbst daran glaubte. Er ging deshalb nicht gern zu Vernissagen anderer Galeristen, weil er dann nicht selbst im Aufmerksamkeitszentrum der Bussi-Bussi-Kultur stand. Es kränkte sein narzistisches Ego zutiefst, denn er empfand in diesem Momenten, ihm würde nicht das gebührende Maß an Achtung zugebilligt. Es blieb ihm dann keine andere Wahl, als im Gegenzug für alle Anwesenden Verachtung zu empfinden. Stand er selbst im Mittelpunkt, dann kannte sein Genuss kaum Grenzen, wenn ihn nicht gerade irgendeine Angst gefangen hielt.
Javier bemühte sich in diesem Moment, das aufkommende Gefühl der Verachtung nicht auf Regina Ludovic auszudehnen, denn er hoffte auf einen umfangreichen Einkauf ihrerseits. Javier war sich sicher, sie hatte gerade Mittel zur Verfügung, denn in Nahost tobte wieder einmal ein Krieg, der jede Verhältnismäßigkeit sprengte, falls man denn bei Krieg überhaupt von Verhältnismäßigkeit sprechen möchte.
Reginas Mann, der nicht nur mit zahllosen Immobilien und Spielcasinos, sondern vor allem als Waffenmakler sein Geld verdiente, kam durch die kürzlich von der Israelischen Regierung angeordnete Operation Protective Edge in den Genuss von hohen Provisionen fürs Waffen Makeln, die angelegt werden wollten.
Der Markt für zeitgenössische Kunst lockte mit seinen exorbitanten Renditen zur Investition, versprach er doch, aus viel Geld noch viel mehr Geld zu machen, es dabei gleichzeitig von der zeitweise durchaus noch wahrgenommenen Anrüchigkeit seiner Herkunft rein zu waschen. Regina und ihr Mann jedenfalls ließen sich lieber als bedeutende Sammler und Kunstförderer denn als Waffenlieferanten und Kriegstreiber feiern, wobei der Schwerpunkt ihrer Existenz sicherlich auf Letzterem lag.
Regina wurde gattenseitig immer wieder mit stattlichen Summen ausgestattet, die sie unter das geldaffine Galeristenvolk zu bringen hatte, zu dem Javier gehörte. Was Regina an Kunst kaufte, war ihrem Mann völlig egal, Hauptsache das investierte Vermögen vermehrte sich in einer deutlich über jeder Inflationsrate liegenden Weise. Das war Javier bereit, zu garantieren.
Dass die Kunstkäufe Reginas in nahezu unmittelbarer Weise mit dem Tod von Menschen verbunden war, war wiederum Javier völlig schnuppe. Hätte er für einen Moment darüber nachgedacht, wären ihm im Gegenteil zahllose Argumente eingefallen, warum sein Leben mehr Wert war als das irgendeines Palästinensers. Ja, Javier wäre es nicht zynisch vorgekommen, zu behaupten, es wäre bei genauer Hinblicknahme sogar ein sinnstiftendes Lebensende für so einen dahergelaufenen, ungebildeten, religiösen Fanatiker, wie sie da in Palästina zuhauf rumlaufen. Für so etwas Erhabenes wie die Kunst, das Schöne, für einen Galeristen mit so erlesenem Geschmack wie er ihn hatte, sein primitives Leben lassen zu dürfen, setzte einem schlichten Leben in einem abgesperrten Wüstenstreifen eine durchaus edle Krone auf. Die entsprechenden Kriegsopfer würden dadurch gleichsam in ihrer Existenz erhoben, ihrer wahren Bestimmung zugeführt.
Regina Ludovic entließ Javier aus ihrer Umarmung und fasste Javier bei den Händen: “Darling, du musst mir unbedingt von Daniel Mersiowsky erzählen. Die ganze Artworld spricht von ihm”, sagte sie, ohne ein Klischee in Intonation, Gestik und Mimik auszulassen. Javier war sich sicher, er würde schöne Preise erzielen können. Scheiß doch auf so ein paar Menschenleben. Ein Bier und etwas Koks wären ihm jetzt wirklich gut reingelaufen.

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