Javier 21

Daniel Mersiowsky hielt zwei Flugtickets in der Hand, die ihm ein Bote gerade zugestellt hatte. Daniel wusste nicht, ob er sich freuen oder wütend werden sollte. Etwas in ihm tendierte zur Wut, denn er meinte, gegenüber Javier mehr als nur deutlich gemacht zu haben, dass er im Moment an New York kein Interesse habe. Jetzt würde er sich bei Javier für etwas bedanken müssen, das er nicht haben wollte. Oder sollte er die Tickets einfach zurückschicken?
Durch das Gespräch mit seiner aktuellen Freundin Eva fühlte Daniel sich weiter in die Ecke gedrängt. Eva war von dem Gedanken, zwei Wochen auf Javiers Kosten in New York zu verbringen, mehr als nur angetan, sie war Feuer und Flamme.
Daniel ließ für einen Moment den Gedanken in sich aufsteigen, den Kontakt sowohl zu Eva als auch zu Javier sofort abzubrechen. Er wischte ihn beiseite. Dennoch! Er konnte sich durchaus vorstellen, ein paar Tage mit Eva in New York zu verbringen. Nur eben nicht auf dieser Grundlage. Das Geschenk Javiers war vergiftet, denn es war ganz offensichtlich mit Hintergedanken versehen. Daniel wusste, wie sehr Javier ein Umzug von ihm nach New York wichtig war. Er wusste nur nicht warum. Auf die Idee, jeder Widerstand seinerseits würde Javiers Engagement in dieser Sache erhöhen, weil er sich gleichsam davon nährte, wenn es ihm gelang, andere Menschen zu etwas zu bewegen, was sie im Grunde ihres Herzens nicht tun wollten, auf diese Idee wäre Daniel nie gekommen. Solches Denken war ihm fremd. Im Gegenteil, es hätte ihn zutiefst erschreckt, hätte er darum gewusst.
Erst vor einigen Tagen hatte Daniel mit Javier lange darüber gesprochen, wie sehr er an Frankfurt hing, an seinen Freunden, seiner Familie und auch darüber, wie wichtig ihm sein Engagement hier vor Ort war. Er hatte hier Wurzeln.
Die Argumente, die Javier ins Feld führte, blieben ausgesprochen schwammig, dessen ungeachtet wurden sie wortreich vorgebracht. Ein Umzug in eine internationale Metropole würde Daniels Karriere beflügeln. Es wäre adäquat. Javier könne in New York mehr für ihn tun. Es wäre einfach wichtig.
Die Metapher vom ins Felde führen schien Daniel ausgesprochen treffend. Es war ihm, als würden sie eine Schlacht austragen, eine Schlacht um seinen Wohnort, wobei nicht das bessere Argument zählte, sondern schlicht, wer den längeren Atem hatte. Javier redete ihn in Grund und Boden.
Freunde?, frage Javier. Freunde könne er in New York als erfolgreicher internationler Künstler haben so viele er wollte, entgegnete Javier auf Daniels Einwand, in Frankfurt einen festen Freundeskreis zu haben, der er vermissen würde.
Und mit dem Geld, das er verdienen würde, könne er sich seine Frankfurter Freunde jederzeit einladen. Die fänden es sicherlich toll, aus dem miefigen Frankfurt mal rauszukommen und eine richtige Metropole sehen zu können. Er selbst habe in New York unglaublich viele Freunde, sehr gute Freunde, wichtige und bedeutende Sammler, Museumsdirektoren und international anerkannte Kuratoren, die würde er Daniel alle vorstellen, hatte Javier gesagt und selbst daran geglaubt, dass all die flüchtigen, ausschließlich zweckdienlichen Geschäftskontakte, die er nach New York unterhielt, tatsächlich innige Freundschaften seien. Er hatte sich während des Gesprächs sogar dazu entschlossen ein paar freundliche Mails nach New York zu schicken, um Kontakte zu pflegen. Heraus kamen schließlich drei Emails an Sammler, die schon einmal bei Javier gekauft hatten, denen er ein Angebot unterbreitete. Javier war zu so etwas wie Freundschaft nicht fähig.
Daniel war still geworden, denn er fühlte das Vergebliche an dem Unternehmen, Javier den Begriff von Freundschaft zugänglich zu machen, der für ihn galt. Er war sich sicher, sie benutzen zwar das gleiche Wort, meinten aber nicht dasselbe. Zwischen dem, was Javier und er mit dem gleichen Wort Freundschaft meinten, das wurde Daniel mit einem Schlag bewusst, klafften unüberbrückbare Distanzen.
Das Ergebnis des damaligen Telefonats war, dass Daniel Mersiowsky Javier mitteilte, er könne sich in absehbarer Zeit nicht vorstellen, nach New York zu ziehen, was Javier absichtsvoll überhörte.
Jetzt hielt Daniel Mersiowsky die beiden Flugtickets in der Hand und hätte sie am liebsten zerrissen und in den Müll geworfen. Er hatte ein Gefühl, als säße er in der Falle. Er griff zum Telefon und wählte Javiers Nummer, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit Hannes Knecht in der Galerie saß und über einige Scripted reality Shows sprach, die sie beide gesehen hatten.
In dem Moment, in dem Javier Daniels Nummer im Display aufleuchten sah, reichte er das Handy an Hannes weiter und machte eine verneinende Geste.
Hannes Knecht nahm das Gespräch an.
“Nein, Javier ist im Moment nicht da.”

“Nein, ich weiß auch nicht, wo er hingegangen ist.”

“Die Tickets? Javier hat das gern gemacht.”
… …
“Eva freut sich? Das ist aber sehr schön.”
… … … … …
“Es würde Javier sicher kränken, wenn du die Tickets nicht annimmst.”
… … … … … … … … … … …
“Ich verstehe was du meinst, aber das ist nicht, wie Javier denkt.”
… … … … …
“Nein, er meint es wirklich nur gut.”
… … … … … …
Javier folgte dem Gespräch nicht weiter, denn er sah, wie Donatella mit einem Block in der Hand durch die Galerie lief. Javier verstand nicht, warum sie überhaupt noch da war. Nach ihrem letzten Gespräch hatte er erwartet, dass sie nie wieder auftauchen würde. Warum ging die nicht einfach zurück in ihr rückständiges Bergland zu all den Kühen, die aussahen wie sie, dachte er bei sich. Warum belästigt die mich mit ihrer Anwesenheit? Merkt die nicht, wie sehr ich leide, wenn ich sie sehen muss?
Noch während Hannes Knecht mit Daniel Mersiowsky telefonierte, gab Javier Hannes zu verstehen, Donatella sei jetzt zu feuern. Nachdem er Hannes Aufmerksamkeit hatte, deutete er auf Donatella, legte dann die Hand an seinen Hals und machte eine Geste, als würde er mit einem Messer die Halsschlagader durchtrennen. Hannes signalisierte, er habe verstanden.
Nachdem Hannes aufgelegt hatte, sagte er zu Javier: “Daniel ist angepisst wegen der Tickets, aber wir kriegen das schon hin. Um Donatella kümmere ich mich gleich.” Javier atmete auf.

Fühlte ich mich als Erzähler dem religiösen Jargon verpflichtet, würde ich bei der Beschreibung Javiers sicherlich zur Kategorie des Bösen greifen. Glaubt man an Gott als das unendlich Gute, dann glaubt man zweifelsohne auch an dessen Widerpart, das Böse. Und wenn Javier sicherlich nicht das Zeug dazu hat, für den Satan selbst zu gelten, so manifestieren sich ihn ihm doch dessen Aspekte, das Zerstörerische, das Unbarmherzige, das Fehlen jeder Form von Nächstenliebe.
Allerdings geht es hier nicht um eine moralische Wertung. Das Interessante an Javier ist seine unglaubliche destruktive Kraft. Javier zerstört alles, was ihm in die Finger kommt. Er löst die Menschen aus ihrer Umgebung, wirft sie hoch und lässt sie dann auf den Boden aufprallen, so dass sie zerbersten. Es bereitet ihm keine Freude. Er hat daran keinen Genuss. Javier ist kein Sadist. Monströs ist er, ein Monster, ein Zerrbild, das ja. Aber eben nicht böse im moralischen Sinne, denn Javier kann nicht anders. Javier interessiert mich als psychiatrisches, aber nicht als moralisches Phänomen. Er hat vermutlich keine Wahl. Er ist einfach nur destruktiv. Selbst gegen sich selbst kann er nicht anders, denn auch alles, was er gegen sich selbst tut, läuft auf die eigene Vernichtung hinaus. Mit dieser psychischen Konstitution ist er das perfekte Kind des späten Kapitalismus.

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