„Moody’s stuft Russland herab.“ Notizen zu einer Farce.

Am gestrigen Samstag hat die Ratingagentur Moody’s die Bonitätsnote für Russland gesenkt. Sie liegt jetzt eine Stufe über “Ramschniveau”, das hochspekulative Anleihen mit dem großen Risiko eines Zahlungsausfalls kennzeichnet. Der Ausblick, so die Agentur, sei negativ, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass russische Anleihen bei der nächsten Bewertungsrunde durch Moody’s als Ramsch gelten werden, ist hoch.
Die deutschen Leitmedien reichen die Meldung nahezu wortgleich weiter, einzig die Überschrift variiert. Von einem relativ neutralen “Moody’s stuft Russland herab” (Zeit-online) über die imperiale Geste “Moody’s Ratingagentur senkt Daumen über Russland” (FAZ) bis hin zum gewalttätigen “Moody’s schlägt bei Russland zu” (n-tv) haben sich die Abschreiberlinge zumindest beim Titel etwas einfallen lassen. Nur Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit der Meldung sehen sie offensichtlich nicht.
Dabei wäre nun ausgerechnet die Herabstufung Russlands ein guter Anlass gewesen, um über die Urteilsfähigkeit der Bonitätswächter nachzudenken, und sich zu fragen, ob man sich deren Urteil wirklich ausliefern sollte.
Ein zentrales Kriterium für Bonität von Staaten, das meist der Aufhänger für eine zirkuläre Argumentation ist, ist die Staatsschuldenquote. Wenn die Staatsschulden hoch sind, verunsichert das die Märkte, diese Verunsicherung spiegelt sich unter anderem in hohen Zinsen und den Bonitäsnoten der Ratingagenturen wieder. Senkt man den öffentlichen Schuldenstand, gehen nach dieser Logik die Bonitätsnoten nach oben, das Vertrauen der Märkte kehrt zurück, die Zinsen sinken. Unter anderem Finanzminister Schäuble und Bundeskanzlerin Merkel glauben mit fast schon religiöser Inbrunst an diesen Zusammenhang, verabreichen daher Deutschland einen herben Investitionsstopp, fetischisieren die schwarze Null  und zwingen mittels Europäischer Kommission, IWF und EZB andere Länder dazu, durch brutalstmögliches  Sparen die Schuldenquote zu senken, auf dass die Bonitätsnoten steigen. („Brutalstmöglich“: Wortschöpfung von Roland Koch im Zusammenhang mit der hessischen Spendenaffäre der CDU, in die auch Herr Schäuble verwickelt war.)
Das Problem ist nur, Russlands Staatsverschuldung ist mit 13 Prozent eine der niedrigsten der Welt. Auch der Ausblick für die nächsten Jahre ist der, dass die Verschuldung auf diesem niedrigen Niveau verharrt.
Russland ist das beste Beispiel, dass Finanzminister Schäuble mit seinem suggerierten Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Marktvertrauen völlig falsch liegt.
Auch die anderen Indikatoren, die Russland betreffen, sind völlig in Ordnung: Arbeitslosigkeit im September 4,9 Prozent, die Inflation ist mit 5,7 Prozent zwar etwas hoch, im Vergleich über zehn Jahre sinkt sie jedoch kontinuierlich. Russland ist reich an Rohstoffen, an Gas und Öl, die Welt weit davon entfernt, auf diese Energieträger verzichten zu können. Der Absatz ist also mehr als gesichert.
Warum senkt dann die Ratingagentur die Bonitätsnote? Sie argumentiert über die Sanktionen, die wirksam würden. Allerdings anscheinend nur einseitig. Nur Russlands Wirtschaft wird von den Sanktionen getroffen, die westliche prosperiert weiterhin vor sich hin. Ist das nicht herrlich absurd?
Man sieht am Beispiel Russlands deutlich, wie unsinnig die Ratings der Agenturen sind. Und noch etwas wird deutlich: Es handelt sich bei den Einstufungen eben nicht um ein objektives Instrument, mit dem objektive ökonomische Werte gemessen werden. Die Ratings der Agenturen sind ein politisches Instrument, das der Domestizierung nicht nur von Unternehmen, sondern von ganzen Staaten dient. Und domestiziert wird eben nicht im Hinblick auf wirtschafliche Prosperität, sondern im Hinblick auf politische Anpassung und Affirmation bestehender geopolitischer Machtstrukturen.
Will man sich aus der Umklammerung der Bonitätswächter befreien, müsste man sie nur gesetzlich ausklammern und durch andere Verfahren der Bewertung ersetzen. Eigentlich ganz einfach. Dass Herr Schäuble sich dafür nicht einsetzt, sondern die Bonitätsnoten mantraartig beschwört, spricht für sich. Es ist ja nicht so, dass er um diese Zusammenhänge nicht wüsste.
Dass die sogenannten Leitmedien außer hämischen Überschriften zu diesem Thema auch nichts zustande bringen und jede kritische Frage vermeiden, passt auch ins Bild von den systemkonformen, gekauften Redaktionen. Da müssen die Aufklärung eben wieder die Blogs betreiben, wenn der Mainstream erneut so absichtsvoll versagt.

2 Gedanken zu „„Moody’s stuft Russland herab.“ Notizen zu einer Farce.

  1. alarmimweltall

    Meiner Meinung nach „glauben“ Merkel, Schäuble und Konsorten nicht an irgendetwas (das ist nicht ihre Kompetenz) – sie setzen die bis ins kleinste Detail durchkalkulierten Programme der Finanzlobbies in Politik um, die genau „wissen“, was z.B. Ratingagenturen für Dominoeffekte auslösen können. Perversitäten wie scheinbar konkurrierende Wirtschaftskräfte (auch Einzelpersonen/einzelne Großkonzerne), die durch kreative Finanzmarktirritationen gemeinsam – im geheimen Schulterschluß – Gewinne einstreichen, sind mit eingeplant.
    An die Fairneß und Nachhaltigkeit dieser Effekte „glauben“ – das ist eher was fürs geringe Fußvolk.

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  2. Gert Ewen Ungar Autor

    Ich denke auch nicht, dass es gleichsam ein falscher Glaube ist. Es ist volle Absicht. Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, das in Elite und Fußvolk unterteilt. Man könnte auch sagen in Herrenmensch und Untertan. Es hat sich nicht grundlegend was geändert in Deutschland.

    Antwort

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