Javier 28

Javier öffnete die Augen. Es war nicht die Umgebung, die er erwartet hatte. Er war nicht in seinem Schlafzimmer. Er schloss die Augen wieder. Es fühlte sich komisch an in seinem Innern, so, als hätte er einen schweren Fehler gemacht, als hätte er ein wichtiges Versprechen gebrochen.  In diesem Moment war es noch undeutlich, er hatte noch kein Bild davon, worin der Fehler bestand. Ein undeutliches Grauen war ihn ihm. Javier öffnete die Augen erneut. Er war in einem Hotelzimmer, so viel schien ihm sicher. Er schloss die Augen wieder, wobei ihm war, als fielen seine Lider schwer aufeinander. Etwas war schief gelaufen. Er war sich sicher, etwas war ganz schief gelaufen.
Javier kramte nach Erinnerungen. Die Galerie fiel ihm ein. Der Gedanke an Hannes Knecht versetzte ihm einen Stich ins Herz, als wäre Javier an ihm schuldig geworden. Er erinnerte sich an ein Telefonat mit seinem Dealer und eine Bestellung. Das Grauen in seinem Innern nahm eine Gestalt an. Er versuchte jede weitere Erinnerung zu unterdrücken, indem er die Augen öffnete. Er befand sich in einem Hotelzimmer, gehobenen Klasse. Wenigstens angemessen, dachte er.
Im Gegensatz zu seinem Hotelzimmer war Javier gänzlich unangemessen gekleidet. Er lag angezogen im Bett, wie er nun feststellte. Selbst seine Sneakers trug er noch. Javier wandte den Kopf auf die andere Seite. Dort lag eine leere Wodkaflasche. Javier versuchte eine erneute Flucht aus der Realität, indem er die Augen wieder schloss.
Hinter seinen Augenlidern warteten Bilder einer Bar auf ihn. Er erinnerte sich an bunte Lichter. Er hatte Fremde eingeladen, mit ihm zu trinken. Er hatte wie früher auf der Toilette gekokst. Zunächst allein, später dann mit anderen.
Er erinnerte sich, alles hatte mit einem Bier angefangen. Das eine Bier hatte zu einem weiteren Bier geführt. Was wiederum zu einem drittten Bier geführt hatte. Schließlich konnte er dem Koks nicht widerstehen, um das Gefühl, betrunken zu sein zu unterdrücken, das unangenehm zu werden begann.
Er erinnerte sich daran, wie ihn das beflügelt hatte. Er hatte plötzlich Lust bekommen, unter Menschen zu sein, wollte sich mitteilen.
Javier öffnete die Augen erneut. Er stöhnte gequält. Er suchte nach seinem Handy, denn er wollte wissen, wie spät es sei. Er fand es auf dem Boden liegend, entsperrte es, blickte auf die Anzeige, schloss die Augen wieder. Er legte zusätzlich die Hand auf die geschlossenen Lider, als wolle er jedes Eindringen von Licht in seine eigene Dunkelheit vermeiden.
Es fehlten ihm zwei Tage. Zwei Tage ohne Erinnerung. Er war ausgegangen, versuchte er zu rekonstruieren. Er hatte sich von der ersten Bar mit dem Taxi in eine zweite fahren lassen. Da waren auch noch andere in dem Taxi gewesen, erinnerte er sich jetzt. Vom Rausch gekennzeichnete Gesichter, lachend. Aber dann? Was war dann passiert? Wie war er in das Hotel gekommen? Mit jedem Gedanken fühlte sich Javier elender. Jeder weitere Gedanke spülte eine neue Welle von Schuld in sein Bewusstsein. Jeder neue Gedanke begann ihn zu quälen. Auf dem Tisch vor seinem Bett lagen kleine Plastiktütchen und seine Kreditkarte. Er musste vor dem zu Bett gehen seine Taschen geleert haben. Immerhin, dachte Javier bei sich. Die meisten der Tütchen waren leer. Aber in einem war noch weißes Pulver.
Javier schüttete es auf die Tischplatte, schob es mit seiner Kreditkarte zu einem kleinen Haufen zusammen, bildete dann akkurate Linien und zog sich schließlich das Koks durch die Nase. Die quälenden Gedanken ließen nach. Schließlich wuchs in ihm die Einsicht, wie wenig hilfreich Gefühle der Schuld seien. Er war ein freier Mensch, er war niemandem Rechenschaft schuldig. Er pflegte einen besonderen Lebensstil. Es war völlig okay, sich von Zeit zu Zeit die Birne vollzuballern. Scheiß auf Abstinenz, dachte er bei sich. Er griff zum Hörer des Hoteltelefons, bat den Mitarbeiter an der Rezeption um eine Packung Ibuprofen. Nein, nicht eine Tablette, eine Packung. Es sei ihm egal, gab er dem Rezeptionisten zu verstehen, er solle jemanden losschicken, er brauche eine ganze Packung.
Javier öffnete die Minibar, fand noch eine Flasche Bier, die er öffnete. Er rief seinen Dealer an und gab eine weitere Bestellung auf. Dieser war erfreut, so schnell wieder von Javier zu hören.

 

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