Javier 29

Daniel Mersiowsky wartete gemeinsam mit seiner Freundin und Hannes Knecht in der Galerie auf Javier, der, das wusste keiner der Anwesenden, in einem Hotelzimmer gerade dabei war, in den nächsten Rausch hinabzutauchen.
Hannes Knecht versuchte über seine zunehmende Verunsicherung mit Späßen und Zoten aus der Kunstwelt hinwegzutäuschen. Er hatte Javier seit drei Tagen nicht gesehen und nur eine Email erhalten, die sein Wegbleiben völlig unzureichend erklärte. Er sei krank, hieß es darin, und er bitte, nicht gestört zu werden, ließ Javier wissen.
Bis gerade hatte sich Hannes Knecht an diese Anweisung gehalten, jetzt allerdings sandte er eine Mail an ihn ab, während er sich weiter mit Daniel Mersiowsky unterhielt, der ihm mit seiner Freundin gegenüber saß. Daniel sprach viel, seine Freundin beschränkte sich darauf, zu lächeln und gut auszusehen. Bis eben hatte Hannes Javier gegen alle Anliegen und Anfragen abgeschirmt. Er statt Javier hatte Daniel Mersiowsky in Empfang genommen, der am Vorabend mit seiner Freundin aus Frankfurt angekommen war, damit sie heute gemeinsam mit Javier nach New York weiter fliegen konnten. Ursprünglich war dieses Treffen von Javier geplant gewesen. Er hatte darauf bestanden, dass sie vor dem Flug nach New York zusammen kommen. Es sollte um Daniels Leben als Künstler gehen, er hätte ihm Wichtiges mitzuteilen, was er als aufsteigender Stern am Himmel der Kunst zu beachten hätte. So emphatisch hatte Javier es benannt, allerdings war es ihm auch damals schon mehr um seine Einnahmen und nur an zweiter Stelle um Daniels Karriere gegangen.
Dem Treffen, auf das Javier so insistiert hatte, war eine Bemerkung Daniels vorausgegangen, wonach er neulich ein Bild nachsigniert hatte. Javiers Herzschlag setzte bei dieser von Daniel für ganz belanglos gehaltenen Mitteilung für einen Moment aus. Eine unglaubliche Wut wuchs in Javier heran. Am liebsten hätte er Daniel Mersiowsky aufs heftigste beschimpft, ihm mit dem Fuß in den Bauch getreten und das Gesicht gegen die Wand geschlagen.
Javier hatte sich jedoch zügeln und seine Wut kontrollieren können. So meinte er dann lediglich, derartiges sei sehr unüblich. Daraufhin erklärte ihm Daniel, er habe damals, als er noch studiert habe, eine Kneipenrechnung mit einem Bild bezahlt. Das Bild würde seitdem im hinteren Teil der Kneipe hängen, an der Treppe, die zur Toilette führte. Mit zunehmender Bekanntheit Daniels hätte der Kneipenwirt, ein wirklich guter Freund,  immer häufiger auf das Bild verwiesen, wobei einem Gast aufgefallen war, dass es nicht signiert sei. Der Wirt habe daraufhin Daniel gebeten, die Unterschrift nachzuholen, was er bereitwillig und gern getan habe. So die naive Schilderung Daniels, die Javier die Zornesröte ins Gesicht trieb. Denn damit war das Bild mit einem Schlag im Preis von nahezu wertlos auf etwa zwölftausend Euro gestiegen. Und das an Javier vorbei.
Javier hatte daraufhin das Treffen anberaumt, zu dem er nun nicht erschien. Die Rollenverteilung hatten sie schon vor einer Woche abgesprochen. Vor allem Hannes sollte auf Daniel einreden, sollt ihm den schweren Fehler verdeutlichen. Für sich selbst hatte Javier die Rolle des milden Gönners ausgedacht, der bei aller Schärfe des von Hannes Gesagten, die Richtigkeit unterstrich aber den Ton abmilderte. Ziel war es, Daniel unbedingt dazu zu bringen, nichts, nicht das feinste Härchen eines von ihm benutzten Pinsels freiwillig, umsonst und vor allem nicht an der Galerie vorbei herauszurücken. Alles hatte seinen Preis zu haben, der zudem steigen müsse.
Das Angebot war knapp zu halten. Nur knappe Güter bildeten eine gute Grundlage für Spekulation. Und um Spekulation ging es Javier, nicht um Kunst. Natürlich hätte Daniel Mersiowsky viel mehr produzieren können, als er jetzt tat. Nur wären die Werke dann eben auch nichts mehr wert.
Javier schuf Nachfrage, wo vorher keine war, einfach nur dadurch, dass er einen Wertzuwachs garantierte.
Dummerweise musste auf der Leinwand, die er verkaufte, irgendwas drauf und ein Name darunter sein. Javier hätte auf die Zusammenarbeit mit Künstlern gern verzichtet, hielt er sie doch alle für manipulierbare Volltrottel, die von der Natur ihres Geschäfts keine Ahnung hatten. Mit letzterem hatte er im Falle Daniels sogar recht. Daniel glaubte wirklich daran, der Erfolg seiner Werke hätte etwas damit zu tun, was er auf die Leinwand pinselte. Dass sein Erfolg im wesentlichen damit zu tun hatte, was sich hinter der Leinwand abspielte, was Javier dort inszenierte, hätte ihn mehr als nur verstört.
Jetzt saß Daniel bei Hannes Knecht im Büro und wusste nicht recht, was er hier sollte. Sie lästerten über Sammler, Künstler und die Kunstszene, tranken dabei Wein und wussten beide nicht genau, was nun als nächstes zu passieren hatte.
Javier hatte gerade seinen Dealer bezahlt und war jetzt dabei eine Line zu legen, als sein Handy den Eingang einer Email anzeigte. Sie war von Hannes Knecht, der dringend um Rückruf bat. Javier würde sich jetzt erstmal den Kopf frei machen, in dem er das Koks durch die Nase zog. Im Anschluss würde er dann eine Mail an Hannes Knecht schreiben.
Als Hannes Knechts Handy schließlich anfing zu blinken, atmete er hörbar auf. Allerdings enttäuschte ihn dann der Inhalt der Mail, die er erhalten hatte. Javier teilte mit, er sei noch krank. Er würde morgen nachkommen. Hannes solle ihm ein Ticket besorgen und sich für Daniel ein Programm ausdenken.
In diesem Moment wurde Hannes Knecht klar, dass Javier rückfällig war. Die spontanen Änderungen aus vorgeschobenen Gründen waren ihm allzu deutlich in unguter Erinnerung.
Er erdichtete eine Geschichte, die einen möglichst großen Umweg um seinen Verdacht machte, konnte allerdings nicht verhindern, dass ihn Daniel Mersiowsky völlig ungläubig ansah.

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