Die Kapsel 4

„Meinst du wirklich, das ist gut? Wir wissen doch gar nichts über dieses Ding.“ Stefan war skeptisch.
„Es macht nichts, es ist nicht giftig oder sowas. Im Gegenteil. Mir geht es sehr gut. Ich war noch nie so wach und vor allem noch nie so klar.“
„Du weißt doch gar nicht, wie sich das langfristig auswirkt. Es kann doch zu Spätfolgen oder sowas kommen. Ich finde, wir sollten das nochmal untersuchen.“
„Unsinn! Das macht nichts. Es ist einfach wundervoll und tief beeindruckend.“ Jens war noch immer überwältigt von seinem Erlebnis.
„Du sagst, das Ding macht nichts und erzählst dann davon, was es alles gemacht hat. Das ist doch überhaupt nicht stimmig. Ich finde, wir sollten da wirklich vorsichtig sein. Das Ding macht nämlich ganz deutlich etwas, es hat dich innerhalb von wenigen Sekunden davon überzeugt, das es total harmlos ist, obwohl es dich eine ganz außergewöhnliche Erfahrung machen ließ.“
„Okay, ich verstehe, was du meinst. Möglicherweise hast du recht mit deinem Misstrauen. Wir können vielleicht nochmal recherchieren, wir wissen jetzt ein bisschen mehr.“
„Was wissen wir denn jetzt mehr als vorhin? Das Ding ist eine Kapsel, die aus Quadraten und Dreiecken gebildet wird und zieht Wurzeln, wenn sie im Wasser liegt.“
„Mensch, Stefan, manchmal stehst du wirklich auf dem Schlauch. Wir wissen, dass dieses Ding Visionen auslöst. Halluzinationen hast du gesagt. Ich würde es nicht halluzinieren nennen, denn die Erfahrung war absolut real. Aber wir können in dieser Richtung nochmal das Internet heranziehen. Das liefert jetzt bestimmt bessere Ergebnisse.“
Sie verbrachten den ganzen Nachmittag und Abend mit Recherche in Stefans Zimmer, tranken Bier, aßen Chips und entdeckten eine ihnen bis dahin völlig unbekannte Welt. Sie lasen über halluzinogene Pilze, einen Tee aus einer Lilianenart und Blättern mit halluzinogener Wirkung, über einen Naturstoffchemiker namens Albert Hofmann und seine Entdeckung des LSD. Sie entdeckten Foren, Podcast und Filme zum Thema Halluzinogene. Sie waren fasziniert und irritiert zugleich.
„Es gibt eine weltumspannende Community, die sich ausschließlich mit halluzinogenen Substanzen beschäftigt, austauscht, Meetings und Kongresse abhält, die forschen und nach Einsatzmöglichkeiten suchen und wir wussten davon nichts? Das ist echt erstaunlich. Eine ganze Subkultur, völlig offen im Internet zugänglich und genau dadurch verborgen“, sagte Jens.
„Das ist es in der Tat. Faszinierendes Thema. Wirklich hochspannend. Aber richtig weiter hat uns das jetzt trotzdem nicht gebracht. Was das Ding in unserer Küche ist, wissen wir immer noch nicht. Es ist keine Liliane und kein Pilz. So viel ist sicher.“
„Lass uns mal nachsehen. Vielleicht sehen wir dieses Mal mehr.“ Stefan schloss das Notebook und stand auf. Als die beiden die Küche betraten, bekamen sie wirklich mehr zu sehen. Die Kapsel hatte in den vergangenen Stunden eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Ihre Wurzeln hatten sowohl an Anzahl als auch an Länge enorm zugelegt. Sie waren weit über den Becher, der in der Spüle stand, hinaus gewachsen, hatten sich am Beckenrand festgekrallt, hielten den Wasserhahn umschlungen, wuchsen bereits an der Wand entlang und eine große Zahl der Wurzeln suchte ganz aktiv nach Halt, indem sie sich wie Tentakeln hin und her bewegten. Die Kapsel selbst war gewachsen. In ihrer Mitte pulsierte Licht, sanft und regelmäßig, deutlich sichtbar.
„Wow!“ Jens traute seinen Augen nicht. „Das haut mich jetzt echt um.“
Stefan hatte es vor Staunen völlig die Sprache verschlagen.

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