Meine ersten dreißig Jahre mit gendergerechter Sprache

Auf einer Arbeitssitzung fragte ein Kollege, der mit der Aufgabe betreut worden war, einen informativen Text abzufassen, ob das Wort Leser und der vorangestellte Artikel tatsächlich gegendert werden müsse. Das würde den Lesefluss doch ganz schön hemmen, war sein Einwand. Mit entfleuchte ein “Bitte nicht!”, das aber unterging. Es wurde ein bisschen hin und her diskutiert. Schließlich einigte sich der Kollegenkreis darauf, das Wort Leser durch Lesende zu ersetzen und die Ausgangsfrage damit zwar nicht elegant aber grammatisch zulässig zu umgehen. 

Einer neuen, aus Frankreich stammenden Kollegin sagte ich im Anschluss ganz verbindlich: “Ich gendere nicht. Ich kenne diesen Unsinn jetzt seit dreißig Jahren.” “Schon dreißig Jahre?!”, war ihre spontane Antwort. In Frankreich sei dieses Phänomen noch recht jung, teilte sie mir mit. Es sei zudem eher in studentischen Kreisen zu finden, außerhalb davon eher nicht. 

Insgesamt konnte sie verstehen, warum ich mich verweigerte. Ich erklärte ihr noch die besondere deutsche Besessenheit hinsichtlich des Genderns und dass das grammatische Geschlechter selbst von Fachkräften der deutschen Sprache mit dem biologischen Geschlecht verwechselt wird. 

Mit der Forderung nach gendergerechter Sprache wurde ich als Erstsemester konfrontiert. Damals galt das Binnen-I als die Lösung aller diffamierender gesellschaftlicher Probleme. Wir waren nicht Studenten, wir waren StudentInnen. Ich fand das klang komisch, war aber bereit, es mitzumachen, da es anscheinend dem gesellschaftlichen Fortschritt diente. Dieser Beweis wurde in zahllosen Seminaren geführt. Sprache konstruiert Welt. Und ist die Sprache diskriminierend, dann ist auch die von ihr konstruierte Welt eine diskriminierende. Repräsentiert man aber in der Sprache die Geschlechter gleichwertig, dann verschwindet auch in der realen Welt die Ungleichheit. So in etwa ging die damals als letzter Schrei der Geisteswissenschaft anerkannte Lehre.
Einmal fragte ich meine Tutorin Heike, die schon im Hauptstudium war, ob sie sich denn von StudentIn besser repräsentiert fühlte als von Student. Sie antwortete “nein, es klingt nur komisch.” Ich ließ das damals so stehen, denn das Projekt war groß. Mit einer Änderung der Sprache sollte das Patriarchat überwunden werden mit all seinen grausamen Begleiterscheinungen: Kapitalismus, Ausbeutung, Krieg, Unterdrückung. Die Welt sollte wärmer und weiblicher werden. Dieser Slogan hing breit aufgepinselt in einer von mir regelmäßig frequentierten Kneipe. Man war sich insgesamt weitgehend einig: Wer die Sprache ändert, ändert die Welt. Und zwar zum Besseren.

Vom Binnen-I spricht heute niemand mehr. Es war eine Modeerscheinung, mit der sich die Welt nicht retten ließ. Es folgten andere Moden. Es gab mal was mit Unterstrich vorm I, dann gab es das Gendersternchen, jetzt soll der Doppelpunkt vor der grammatisch femininen Form die Welt zum Besseren wenden. Wir sind inzwischen in der vierten Generation der gendergerechten Sprache inniglich verbunden als Brüder:innen und Schwester:innen. Nur wirklich besser wurde es nicht. Im Gegenteil.

Es ist natürlich nicht so, dass sich gesellschaftlich in den vergangenen Dekaden nichts bewegt hätte. Das stimmt nicht. Frauen bekleiden heute höchste Ämter. Schaut man sich die EU an, so ist die Kommissionspräsidentin eine Frau, die wichtigste politische Figur des wichtigsten Landes in der EU ist eine Frau und auch die Zentralbank wird von einer Frau geführt. Von der Leyen, Merkel, Lagarde – ginge es danach müsste man sagen, wir sind längst im Matriarchat angekommen. Nur dann müsste man auch sagen, dass sich an den zugrundeliegenden Strukturen durch Frauen an der Spitze überhaupt nichts geändert hat. Die EU ist aggressiv, der Kapitalismus westlicher Prägung ist nach wie vor expansiv und von wärmer sind wir trotz dem Mehr an Weiblichkeit in maßgebenden Ämtern himmelweit entfernt. Im Gegenteil. Die Kriege und die Zerstörung nehmen zu – und daran sind nicht mehr allein die alten weißen Männer schuld. 

Ob gendergerechte Sprache einen Beitrag dazu geleistet hat, dass auch Frauen inzwischen den Posten der Kriegsminister:in innehaben dürfen ist schwer zu sagen. Vermutlich nicht. Denn auch in Sprachräumen, in denen nicht im religiöser Inbrunst daran geglaubt wird, dass über eine sprachliche Repräsentation Diskrimnierung ausgemerzt werden könnte, sind Frauen inzwischen auf hohen und höchsten Posten zu finden. Und sie exekutieren weitgehend die gleiche Politik wie ihre männlichen Vorgänger, betreiben Machtpolitik wie eh und je. 

Dem Problem von ökonomischer Ungleichheit, Krieg, Ausbeutung kommt man, so weiß ich jetzt, über die Sprache nicht bei. Sie aktiv umformen zu wollen, baut nur einen zusätzliche Hürde für das Verstehen von Texten auf. Deshalb gendere ich nicht.      

3 Kommentare zu „Meine ersten dreißig Jahre mit gendergerechter Sprache

  1. Ein dummer Mensch kann gleichzeitig Transvestitin, ein herzensguter Vater, Farbige und ein schlechter Jurist sein.
    Wie kann ich wissen, wer von denen sich beleidigt fühlt, wenn ich einen Diskussionsbeitrag mit „Du Rindvieh.“ quittiere? Es ist halt unhöflich.

  2. Ich gendere nicht. Es ist eine neue Form von Sexismus. Was geht mich das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung des Angesprochenen an? Ich weigere mich, Menschen nach Hautfarben, Rassen, Geschlecht, Alter, beruflichem Status, sexueller Orientierung, Nationalität, Religion etc pp zu diskriminieren. All das sind nur Attribute des Menschseins. Im übrigen ist das Gendern lächerlich und geradezu provokativ angesichts der gravierenden Menschheitsprobleme.

  3. Dann hoffen wir mal, dass Baerbock im Herbst nicht Kanzlerin wird. Sonst wird Berlin womöglich noch zu Annalen*ingrad.

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