Der Westler

Es gibt in Russland einen Typus Mensch, der mir bisher Rätsel aufgegeben hat. Man begegnet hier zwar nicht oft, aber dennoch regelmäßig Russen, die alles, was mit dem Westen zu tun hat, absolut vergöttern, gleichzeitig die russische Gesellschaft tief verachten. Sie finden Russland rückständig, barbarisch, primitiv.

Die Russen sind ungehobelte Säufer, wurde mir neulich von einem Russen versichert, der an Deutschland das Kultivierte bewundert. Nun fallen mir für Deutschland viele Attribute ein, nur als besonders kultiviert würde ich die aktuelle deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nicht beschreiben. Ich habe ihm das auch so gesagt, aber mir wurde widersprochen. Die Deutschen seien höflich, kultiviert und im Gegensatz zu den Russen hoch gebildet.

Грачёв, Алексей Петрович, Public domain, via Wikimedia Commons

Ich habe einen kurzen Moment überlegt, ob ich auf die PISA-Studien eingehen soll, mich dann aber anders entschieden. Ich fragte ihn, ob er ein Gedicht von Puschkin aufsagen kann. Natürlich konnte er, denn im Grunde kann das jeder Russe. Ich sagte, in Deutschland ist das anders. Wir vergessen gerade unsere Kultur. Du wirst nur selten einen Deutschen treffen, der ein Gedicht von Goethe kennt. Er wischte das Argument mit einer Geste der Verachtung weg, wobei er seinen Standpunkt wiederholte. Russen sind dumme Alkoholiker, der Deutsche hat Kultur.

Unterhaltungen in dieser Art habe ich schon mehrere geführt. Sie ließen mich bisher ratlos zurück. Nun gebe ich zu, dass ich mit der aktuellen Entwicklung der deutschen Gesellschaft mehr als unzufrieden bin. Deutschland wiederholt alle historisch gemachten Fehler. Im Eifer des Gefechts greife ich in Unterhaltungen auch manchmal zum unlauteren „Ihr“, um die Fehlentwicklung Deutschlands zu markieren. Aber spätestens im nächsten Satz bin ich bereit zuzugestehen, dass es sich bei diesem Ihr nicht um die Gesamtheit der Deutschen handelt. 

Ich bin selbst Deutscher und habe an der Entwicklung hin zum Schlechten, zur Wiederholung historisch gemachter Fehler keinen Anteil, sondern kämpfe wie viele andere Deutsche dagegen an. Der Typus Russe, von dem ich hier spreche, ist zu dieser Differenzierung gegenüber seinen Landsleuten und gegenüber der westeuropäischen Kultur nicht bereit.

Gestern fand ich dann allerdings den Schlüssel, der dieses merkwürdige Phänomen aufschließt. Ich lese derzeit einen dicken Wälzer über die russische Geschichte. Das Buch umfasst 1624 Seiten, fängt damit an, dass sich irgendwelche Stämme, von denen man nicht so genau weiß, woher sie kommen, links und rechts der Dnepr ansiedeln. Inzwischen habe ich knapp die Hälfte geschafft und bin bei Alexander I. angelangt. Unter Alexander I. entstand in den literarischen Salons eine Strömung, die sich im Westler verkörpert. Eben jene Figur, die ich beschrieben habe.  Sie setzt sich ab vom Slawianophilen, der die russische Kultur als eigenständig wahrnimmt. Russland geht einen eigenen Weg und setzt sich von den Werten und dem Individualismus in Westeuropa ab.

Mit anderen Worten, es gibt einen Streit über die Nähe und Ferne zu Westeuropa, der in der russischen Gesellschaft seit rund zweihundert Jahren ausgetragen wird. Es geht dabei nicht so sehr um ein tatsächliches Westeuropa, um das real existierende Deutschland, sondern darum, wie Russland sein will, beziehungsweise nach Vorstellung von Teilen der russischen Gesellschaft sein sollte. Eigenständig und autonom oder Teil der europäischen Kultur.

Es war ein kleiner Moment der Erleuchtung, denn dieser Streit manifestiert sich auch in diesen Tagen. Der russische Philosoph und Soziologe Alexander Dugin, nimmt den Gedanken einer eigenen russischen Zivilisation auf. Sie unterscheidet sich von anderen Zivilisationen wie der chinesischen, der islamischen und der nordamerikanischen. In Westeuropa erkennt Dugin übrigens keine Zivilisation. Auch Dugin beschreibt in der Tradition der Slawianophilen einen eigenen, russischen Weg.

Gleichzeitig gibt es all die russischen Dissidenten, deren Horrorgeschichten über Russland und die Russen im Westen gern gehört werden, weil sie den Klischees über Russland entsprechen. Russen, die ihre Gesellschaft als ein Volk schildern, dass sich gern unterdrücken lässt, über das ein kleptokratischer Zar herrscht, ein Volk, dessen Alltag so düster und trostlos ist, wie er nur in Russland sein kann, rennen mit ihrer Schilderung im Westen offene Türen ein. Das russische Volk kann sich nicht aus eigener Kraft befreien und entwickeln. Es braucht die Hilfe des kultivierten Westens, ist ihre These. Man hört sie gern in Westeuropa.

Was man im Westen nicht versteht, ist, dass sich diese Erzählung nicht an den Westen richtet. Die Behauptungen der Westler vom Elend der russischen Gesellschaft sind nachweislich falsch. Jeder, der in den letzten Jahren Russland besucht hat, weiß, dass die russische Lebensrealität den Ausführungen russischer Dissidenten über die dort herrschende Tristesse in keiner Weise entspricht. Ihre Erzählung ist Bestandteil eben dieses gesellschaftlichen Streits über das Wesen des Russischen. Er ist Teil der Selbstversicherung der Russen über sich selbst und ihre Gesellschaft.

Ob sich der Westen bei seinen Versuchen, Russland zu zerschlagen und sich Untertan zu machen, auf diese Dissidenten als willige Helfer verlassen kann, daran sind große Zweifel angebracht. Denn letztlich sind auch sie Patrioten.

4 Kommentare zu „Der Westler

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag . Er hat mich zum Nachdenken gebracht. Ach wenn ich mich für einen gebildeten Menschen halte so kenne ich auch kein Gedicht von Göthe auswendig. Es sind immer nur ein paar Zeilen die hängen geblieben sind. Diese von Heine zum Beispiel: Denke ich an Deutschland in der Nacht….. MfG Frank Hanzlicek

    1. Also ich musste auch kurz überlegen, aber den Osterspaziergang hätte ich ( mit ein paar Lücken) hinbekommen. Und Fausts letzte Worte auch so la, la. Ansonsten finde ich die Texte von Gert immer sehr anregend und wohl überlegt.

Hinterlasse eine Antwort zu Frank Hanzlicek Antwort abbrechen