Dionysos – Selbstberauscht in den Abgrund

In einem frühen Werk entwirft Friedrich Nietzsche den Gegensatz von Dionysisch und Apollinisch. Zwei widerstreitende Kräfte hätten die antike griechische Kultur bestimmt, so ist Nietzsches zentrale These. Beide sind für sich genommen schöpferisch. Das Apollinische schafft das Helle, Vernünftige und Klare, das Dionysische erschafft das Tragische.

Als Europäer stehen wir in der Tradition des Apollinischen, denken wir. Wir sind der Gegenentwurf zum Slawen, der …

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Der ewige Krieg: Der EU fehlt ein Ausstiegsszenario

Der Krieg in der Ukraine hat sich gewandelt. Er ist zu einem wirtschaftlichen Vernichtungskrieg des Westens gegen Russland geworden. Dass Vernichtung der Leitgedanke ist, wird daran deutlich, dass die EU weder ein Ausstiegsszenario noch konkrete Forderungen hat.

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine diente dem Westen als Anlass für umfassende Sanktionen gegen Russland. Der eigentliche Kriegsschauplatz hat sich längst von der Ukraine wegbewegt. Es wütet ein umfassender und globaler Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland, der die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zieht. Die Auswirkungen sind schon jetzt weltweit zu verzeichnen. Das ist bedrohlich. Was aber noch bedrohlicher ist, ist, dass dem Westen klar formulierte Forderungen an Russland, die Bereitschaft zu Diplomatie und ein konkretes Ausstiegsszenario fehlen. Es geht nicht um Frieden, sondern um Vernichtung.

Neben der Sanktionierung des gesamten russischen Parlaments und Putins selbst war der wohl drastischste Schritt der EU das Einfrieren russischer Devisen. Er hat weitreichende negative Konsequenzen vor allem für den Euro. Natürlich gab es zu Beginn viel Häme gegenüber Russland. Der Wert des Rubel fiel unmittelbar, die russische Zentralbank war in ihren Möglichkeiten beschränkt worden. Russland hatte sein Gas praktisch für Lau in die EU geliefert. Die Schadenfreude war allerdings nur von begrenzter Dauer, denn natürlich gab es eine Antwort. Gasabnehmer aus der EU müssen nun ein Konto bei der Gazprombank eröffnen, können dort in Euro bezahlen, die aber in Rubel getauscht werden. Der Rubelkurs stabilisierte sich sofort.

Den größten Schaden dabei nahm der Euro, denn er kann nicht mehr als sichere Währung gelten. Die EU hat gegen eine Grundregel verstoßen und ihre Währung politisiert. Gleiches gilt für den Dollar. Mit dem Schritt, umfassend die russischen Reserven einzufrieren, beschleunigen die USA die Entdollarisierung. Der Euro als Alternative zum Dollar fällt nun ebenfalls aus. Dabei ist noch anzumerken, dass es keine formulierte Bedingung gibt, durch deren Erfüllung Russland wieder auf seine Reserven zugreifen könnte. Was mit dem Einfrieren der Devisen konkret erreicht werden soll, außer Russland zu schaden, bleibt unklar. Welcher Schritt von Russland gefordert wird, der dazu führt, dass das Land wieder über seine Mittel verfügen kann, wird nicht gesagt. Das Einfrieren der Devisen sieht daher auch weniger nach einer Sanktion zur Erreichung eines konkreten politischen Zwecks als vielmehr nach ganz ordinärem Diebstahl aus. Die EU hat sich in ihrem beispiellosen Sanktionsschritt auf jeden Fall selbst beschädigt und Vertrauen verspielt. Sie hat deutlich gemacht, dass sie den Euro politisch einsetzen wird. Jedes Land mit Handelsbeziehungen zur EU wird sich nun überlegen, ob es nicht das nächste sein könnte, gegen das die EU Strafmaßnahmen ausspricht und Reserven einfriert. Der Effekt ist zwangsläufig der Abzug von in der EU lagernden Devisen.

Auch für die anderen Sanktionen gibt es kein Ausstiegsszenario. Das ist absolut problematisch, denn es zeigt deutlich, dass die EU kein Interesse an einer Beendigung des Konflikts hat. Man spricht nicht miteinander, liefert Waffen und setzt darauf, maximalen Schaden anzurichten. Wer das für Politik hält, hat von Politik nichts verstanden.

Für die These der Vernichtungsabsicht spricht auch, dass man nach der Veröffentlichung der Bilder aus Butscha keine Untersuchung abwartet, sondern unmittelbar weitere Sanktionen verhängt. Wäre die EU an einer diplomatischen Lösung interessiert, würde sie anders, vorsichtiger agieren. Zu viele Fragen sind offen.

Russlands Forderungen sind klar formuliert, die der Ukraine auch. Man verhandelt darüber und nähert sich langsam an. Die Forderungen der EU und Deutschlands sind nicht klar. Das lässt Schlimmes erahnen. Die EU verfolgt allem Anschein nach das Ziel der totalen wirtschaftlichen Vernichtung Russlands. Aussagen der deutschen Außenministerin und des deutschen Kanzlers unterstützen diese Deutung. Der totale Wirtschaftskrieg.

Die Frage, die sich unmittelbar anschließt, ist natürlich, ob die EU diesen von ihr angezettelten Wirtschaftskrieg auch gewinnen kann. Ethische Fragestellungen seien hier zunächst hintan gestellt. Angemerkt sei hier nur, dass der Anspruch der EU, für irgendwelche Werte zu stehen, sich in diesen Tagen für alle Welt sichtbar vollständig in Luft aufgelöst hat. 

Die USA jedenfalls haben ihr Sanktionsregime bereits überdehnt. Um das Ölembargo gegen Russland aufrechterhalten zu können, müssen sie das gegen Venezuela einstellen. Auch das Embargo gegen Düngemittel aus Russland mussten die USA aufheben. Die Zustimmungsraten Bidens unterschreiten inzwischen noch die von Trump. Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Amtszeit schwindet für Biden mit dem Steigen der Preise und dem damit verbundenen Sinken des Wohlstands in den USA.

Zum Glück muss die EU-Kommission keine Wahlen fürchten, mag man da mit zynischem Unterton frohlocken. Diejenigen, die hier für die Sanktionen zuständig sind, können jedenfalls nicht mit dem Wahlzettel abgestraft werden. Sonst hätte man vermutlich die ein oder andere Maßnahme noch mal etwas gründlicher überdacht. Sicher ist allerdings schon jetzt: In der EU und in Deutschland wird der Standard massiv sinken. Deutlicher noch als in den USA, die ihre eigenen Sanktionen unterlaufen. 

Auch die deutschen Medien haben noch nicht genug. Insbesondere von deutschen Journalisten wird immer lauter ein umfassendes Embargo gegen Russland gefordert. Der Wirtschaftskrieg soll ausgedehnt, er soll total werden. Die deutschen Schreiberlinge glauben zu wissen, dass die Deutschen aus Solidarität zur Ukraine zu umfassendem Verzicht bereit seien. Wenn sie da mal keine böse Überraschung erleben.

Die Forderung nach einem generellen Importstopp von russischen Gütern und russischer Energie zeugt auch von einer umfassenden Mangelbildung im Hinblick auf wirtschaftspolitische Themen des deutschen Mainstreams. Deutschland ist auf die Lieferung von Rohstoffen und Vorprodukten aus Russland, aber auch aus der Ukraine wesentlich stärker angewiesen als Russland auf die Lieferung deutscher Güter. Das gilt nicht nur für Sonnenblumenöl und Weizen. Schon jetzt droht die Kfz-Produktion in Deutschland in eine weitere schwere Krise zu rutschen. Die deutschen Hersteller sind auf Vorprodukte aus der Ukraine angewiesen, die kriegsbedingt nicht geliefert werden. Es droht ein Produktionsstopp. Auch andere Branchen sind schon jetzt betroffen. Die hohen Energiepreise treiben die Kosten in die Höhe und heizen die Inflation an. Bei einem tatsächlichen Lieferstopp russischen Gases müssten zahlreiche Betriebe ihre Produktion einstellen. Die Auswirkungen wären enorm. Deutschland würde in eine schwere Rezession rutschen, wobei die steigende Arbeitslosigkeit noch von steigenden Lebenshaltungskosten begleitet würde. Ein Weg in die Armut, definitiv ein Abstieg. Dennoch hat der deutsche Mainstream kein Interesse an Frieden und an Diplomatie. Er schreibt munter die weitere Eskalation herbei.

Aber nicht nur Deutschland wird von den Rückwirkungen der Sanktionen getroffen, auch die anderen Länder der EU und der Währungsunion blieben nicht verschont. In Spanien streiken die Lkw-Fahrer wegen der hohen Spritkosten, auch in Frankreich rumort es kräftig, es gibt EU-weit größer werdenden Mangel in den Supermarktregalen und eine kräftige Inflation.

All die Sanktionen werden nach einer ganzen Kaskade von Krisen erlassen, die die EU in ihrer Entwicklung ohnehin schon gebremst hat. Man muss es deutlich sagen, nach der Finanzkrise, dem Brexit und der Corona-Krise hat die EU aktuell weder die Stabilität noch das wirtschaftliche Potenzial, mit Russland in einen totalen Wirtschaftskrieg einzutreten. Da steht die Verliererin schon von Anfang an fest. Auch diese Krise wird die Bedeutung der EU weiter reduzieren. Sie hat ihren Zenit längst überschritten und trägt immer weniger zum internationalen BIP bei. Die Wirtschaftsmacht EU ist absehbar keine mehr. Ihr Wirtschaftskrieg gegen Russland wird den Abstieg der EU noch beschleunigen, zumal es der EU nicht gelingt, breite Allianzen zu gründen.

Auf der Suche nach Partnern wandte sich Kommissionspräsidentin von der Leyen zuletzt an China und machte eigentlich alles falsch, was man auf der Suche nach Unterstützern falsch machen kann. Sie drohte, mahnte und forderte. Sie bewies damit vor allem, dass sie eines nicht ist: Diplomatin. Entsprechend wurde sie behandelt. Der chinesische Präsident Xi Jinping ließ die EU wissen, sie solle zum einen aufhören, Öl ins Feuer zu gießen, Verhandlungen Raum geben und zudem endlich eine eigenständige China-Politik entwickeln. Xi sagte mit Blick auf die Ukraine, die betreffenden Parteien dürften nicht absichtlich das globale Wirtschaftssystem stören und noch weniger dürften sie das globale Wirtschaftssystem für eigene politische Ziele oder gar als Waffe zur Durchsetzung der eigenen Agenda einsetzen.

Klare Kante. So klingt die deutliche Absage an die EU, die um Unterstützung der westlichen Sanktionen gebeten hatte.

Die überwiegende Mehrheit der Länder dürfte das ähnlich sehen. Die EU scheint aber tatsächlich so von sich überzeugt, dass sie glaubt, sie könne eine weltweite Nahrungsmittelknappheit auslösen und die Nationen der Welt würden sich dennoch solidarisch hinter ihr und ihren längst schon preisgegebenen Werten versammeln.

Die Sanktionen bereiten der EU den Weg in den weiteren Abstieg. Sie hat kein Ausstiegsszenario, und es ist auch nicht klar, welche konkreten Ziele die EU mit ihrem Sanktionsregime verfolgt – außer Schaden anzurichten und verbrannte Erde zu hinterlassen. Es ist der EU dringend zu raten, ihre Position zu überdenken. Was ist das Ziel der Sanktionen? Unter welchen Bedingungen werden sie aufgehoben? Dass sie dies bisher unterlassen hat, disqualifiziert die EU als ernst zu nehmenden politischen Gesprächspartner. Die EU hat keine Vision für einen friedlichen Kontinent Europa, zeigt keine Bereitschaft zum Dialog und zerstört in ihrer wilden Wut alle Grundlagen für den Wohlstand ihrer Bürger. Die EU ist ein Totalausfall.

Dieser Text erschien zuerst auf RT DE

Das „Friedensprojekt“ EU will den Krieg in der Ukraine

Die Ukraine-Krise ist auch eine Krise der EU. Sie hat sich zwar klar an der Seite der Ukraine positioniert, liefert Waffen und Gerät, zu einer diplomatischen Lösung trägt sie jedoch nichts bei. Im Gegenteil: Sie hat keine Idee, wie der Konflikt beendet werden soll.

Vor inzwischen über einem Monat begann die militärische Operation Russlands in der Ukraine. Schon sehr früh wurden die Kampfhandlungen von Verhandlungen begleitet. Unmittelbar nach Beginn des Einmarsches gab es Gesprächsangebote seitens Russlands. Bereits nach drei Tagen fand ein erstes Treffen zwischen der russischen und der ukrainischen Seite statt. Man traf sich in Weißrussland auf Vermittlung des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko.

Noch während die Gespräche liefen, hat die EU der Ukraine weitere, von der EU finanzierte Waffenlieferungen zugesagt. Die EU liefert der Ukraine kostenlos Waffen und goss damit während der laufenden Verhandlung Öl ins Feuer. Ein erstes, sehr deutliches Zeichen, dass die EU an einer Befriedung des militärischen Konflikts kein Interesse hat. 

Inzwischen haben sich weitere Länder als Treffpunkt für Friedensgespräche angeboten. Die Türkei ist engagiert. In Istanbul wurde vor einigen Tagen wieder verhandelt, nachdem am 10. März bereits Gespräche in Antalya stattgefunden hatten. Nun hat auch Serbien angeboten, Treffpunkt für Gespräche zwischen den Parteien zu sein. Eine ähnliche diplomatische Initiative gab es vonseiten der EU bisher nicht. Die aktive Suche nach einer Verhandlungslösung für den Konflikt wird von Weißrussland, der Türkei und Serbien unterstützt. Die EU glänzt beim Thema Vermittlung durch Abwesenheit. Die Friedensnobelpreisträgerin bietet sich nicht als Moderatorin und Mittlerin an. In ihrem Selbstverständnis ist die EU dem Frieden verpflichtet, in der Realität ihrer Handlungen ist sie das nicht.  

Anders sieht es bei Russland aus. Die Bitten um Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen wurden vielfach und klar formuliert. Konsequenzen bei weiterer Nichtbeachtung wurden angedroht. Die Forderungen Russlands liegen auf dem Tisch. Russland fordert von Kiew unter anderem einen neutralen Status der Ukraine, keine NATO-Mitgliedschaft, die Anerkennung der Volksrepubliken im Donbass und der Krim als zu Russland gehörig. Nachdem Russlands Sicherheitsinteressen auch durch die EU seit Jahren übergangen wurden, setzt Russland sie nun militärisch durch. Das mag man brutal finden, das ist aus westlicher Sicht sicherlich völkerrechtswidrig, aber es ist in der Logik und Abfolge der Ereignisse absolut rational. Russland sieht sich bedroht und wehrt sich. 

Das Gegenteil von rationalem Verhalten zeigt die Friedensnobelpreisträgerin EU. Ungeachtet der Tatsache, dass die Ausweitung ihrer Einflusssphäre eine der Grundlagen des Konflikts bildet, sie sich also schon moralisch aufgefordert sehen sollte, eine aktive Rolle zur Beilegung des Konflikts zu spielen, eskaliert sie weiter. Sie liefert Waffen, verhängt umfassende Sanktionen gegen Russland, friert russische Devisen ein, beendet die Zusammenarbeit mit russischen Einrichtungen in den Bereichen Forschung Innovation und sogar Kultur, verbietet russische Medien und unterlässt gleichzeitig jede Suche nach einer diplomatischen Lösung. Die Ukraine trägt dabei die größte Last der aggressiven Expansionspolitik der EU. Zunächst mit vollmundigen Versprechungen angelockt, wird die Ukraine zwar mit Waffen vollgepumpt, mit den Konsequenzen der desaströsen EU-Politik aber allein gelassen. Die EU macht sie zum Schlachtfeld ihrer geopolitischen Interessen. Statt paneuropäische Kooperation setzt die EU auch weiter auf Konfrontation. 

Statt eigenständig zu agieren und in Europa die Interessen der Europäer zu vertreten, baut sie zudem die Abhängigkeit von den USA aus. Sie geht Lieferverträge mit einem wankelmütigen Partner ein. Sie begibt sich freiwillig in Geiselhaft. Wer die EU für eine Friedensmacht, wer die EU für rational gehalten hat, wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Die EU signalisiert der Welt deutlich: Sie ist an Frieden auf dem europäischen Kontinent nicht interessiert, wenn sie dafür ihr Ziel der Expansion aufgeben müsste. Sie hat keinen Friedensplan, keine Idee für ein friedliches Zusammenleben mit Russland.

Die EU hat keine positive Vision von einem in Frieden geeinten Europa. Im Gegenteil werden vielfach Vernichtungsphantasien geäußert, wie zum Beispiel von der deutschen Außenministerin Baerbock, die Russland ruinieren möchte. Die Sprache der Diplomatie spricht man in der EU nicht. All das ist nicht nur hochgradig unprofessionell, es ist auch gefährlich. Was erwartet man eigentlich für Reaktionen auf derartige Äußerungen, die mehr an einen politischen Kindergarten erinnern denn an rationale, vernünftige und vor allem auch umsetzbare Positionen?  

Dabei täte Deeskalation dringend Not, denn wir werden diesen Krieg absehbar verlieren und das Kräfteverhältnis wird sich weiter verschieben. Der von Baerbock angekündigte wirtschaftliche Vernichtungskrieg wird die EU und Deutschland härter treffen als Russland. Jetzt eskalieren die G7 den Streit um die Bezahlung der russischen Gaslieferungen weiter. Der Westen hat russische Devisen eingefroren, Russland reagierte darauf mit der Forderung, Gaslieferungen seien künftig in Rubel zu begleichen. Die EU tut das, was sie am besten kann: Sie empört sich, ist aber faktisch machtlos. Seit der russischen Ankündigung hat sich der Rubel stabilisiert, irgendwo auf der Welt kauft man aktuell massiv Rubel auf. Wo mag das nur sein? 

Die Konzerne, die für die Gasversorgung zuständig sind, sind vermutlich vernünftiger als ihre Regierungen, die ohnehin mit der Zahlungsabwicklung nichts zu tun haben. Die zur Schau gestellte Einheit der G7 hatte bestenfalls symbolischen Charakter, denn es sind nicht die jeweiligen Regierungen, die die Zahlungen abwickeln müssen, sondern die Konzerne. Sollte Russland auf all die Drohungen tatsächlich reagieren und im Gegenzug seine Gaslieferungen aussetzen, stürzt die EU absehbar in eine schwere Rezession. Deutschland würde besonders hart getroffen, denn wir verzichten auf Atomstrom und treiben den Kohleausstieg voran. Wir benötigen russisches Gas eben nicht nur zum Kochen und zum Heizen, wir generieren daraus Strom. Wer dagegen glaubt, in einer Welt mit steigendem Energiebedarf würde Russland seine fossilen Energieträger nicht loswerden, ist hoffnungslos naiv. 

Insgesamt bleibt völlig unklar, was die EU will. Eine Ukraine in der NATO will sie anscheinend nicht und eine EU-Mitgliedschaft ist ebenfalls in weiter Ferne. Was also will die EU? Sie weiß es offenkundig selbst nicht. Was sie aber auf keinen Fall will, ist an ihren Handlungen ablesbar. Die EU will keine Diplomatie. Die EU will keinen Frieden. 

Dieser Text erschien zuerst auf RT DE

Kiew

Die Idee fand ich so bezaubernd schön, dass ich sofort zusagte, als ich die Einladung erhielt. Bob, ein schwuler Aktivist aus Moskau, lud zu einem Treffen nach Kiew ein. Bob organisiert die Events der Moscow Bears und von Zeit zu Zeit auch Treffen in anderen Städten. Das letzte fand in Tallin, der Hauptstadt Estlands statt.
Jetzt also Kiew. Die Idee, ein russischer queerer Aktivist organisiert zusammen mit einer Gruppe ukrainischer Aktivisten ein internationales Treffen, an dem auch Schwule aus der Europäischen Union teilnehmen hatte die Strahlkraft der politischen Schönheit.
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Zwar konnte eine Gay Pride in Kiew Anfang Juni nur unter größtem Polizeiaufgebot abgehalten werden, wobei es trotzdem zu Attacken kam, doch Bobs Bear-Meeting sollte keine Pride werden, welche die Öffentlichkeit suchte, sondern eher ein Treffen des Kennenlernens und der Vernetzung. Ich würde einfach ein Wochenende in Kiew verbringen, neue Leute kennen lernen und mir einen Eindruck verschaffen.
Gebucht hatte ich das Hotel Ukraine, direkt am Maidan. Es ist das Hotel, von dem aus die Schüsse fielen, die sowohl Demonstranten als auch Mitglieder der gegen die Demonstranten vorgehenden Polizei-Spezialeinheit Berkut töteten und so das Chaos bereiteten, das den Putsch gegen den damaligen Präsidenten Janukowitsch ermöglicht hatte. Wer schoss ist bis heute ungeklärt, die Aufklärung verläuft schleppend.
Die halbstündige Fahrt vom Flughafen zum Hotel verlief irritierend. Ein Militärtransport, noch einer und noch einer. Dort vorne Blaulicht; Polizei und ein Notarztwagen stehen in der Mitte der Autobahn, der Taxifahrer drosselt das Tempo bei der Vorbeifahrt, auch die Sanitäter sehen offenbar keinen Grund mehr zur Eile. Sie rauchen, am Boden ein notdürftig von einer Plane abgedeckter Männerkörper. Der Taxifahrer beschleunigt. Wir überholen weitere Militärtransporter, verlassen die Autobahn und erreichen das Zentrum.

Vor dem Hotel Ukraine stehen zur Erinnerung an die Erschossenen mit Bildern, Fahnen, Helmen und Kerzen geschmückte Panzersperren und Ziegelhaufen. Gruppen von Soldaten stehen an jeder Straßenecke rund um das Hotel und den Maidan.  20150712_191332
Ich checke ein und mache mich dann auf den Weg zum Treffpunkt.
Der weitere Abend verläuft in angenehmer, freundschaftlicher Atmosphäre. Als Willkommensgeschenk bekomme ich einen Teddybären. 20150714_170039Dass er ein blau-gelbes Shirt trägt nehme ich einfach hin. Es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein, auch noch den letzten freistehenden Zaunpfahl blau-gelb anpinseln zu müssen.
Es wird viel getrunken und je mehr wir trinken, desto mehr reden wir. Alle Hoffnung meiner neuen Freunde liegt auf Europa, auf der versprochenen Visa-Freiheit, auf die Aufnahme in die Europäische Union, auf vielleicht dann später auch den Euro, wenn sich alles stabilisiert hat. Schwule Rechte, Toleranz und eine offene Gesellschaft, das ist es, was sie sich erhoffen.
Es kommt bei meinen Gesprächpartnern die Idee auf, wenn Griechenland den Euro verlassen würde, könnte dann doch die Ukraine einspringen. Die Idee übersieht derart viel, ist derart naiv, dass ich mich zu einer Erwiderung hinreißen lasse, obwohl ich ein bisschen zu viel getrunken habe.
Ich sage, es wird nichts von all dem geben. Es wird keine Visa-Freiheit kommen, keine Aufnahme in die EU und kein Euro. Was kommen wird, ist die NATO-Mitgliedschaft und eine amerikanische Militärbasis. Der IWF wird installiert, der im Gegenzug für Kredite verlangt, die Renten zu kürzen, die Energiepreise vom Markt bestimmen zu lassen, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, das heißt Arbeitnehmerrechte zu beschneiden und Löhne zu senken. Der IWF wird dafür sorgen, dass alles, was nicht niet- und nagelfest ist, privatisiert wird, sage ich. Eine kleine, korrupte Elite wird noch reicher, als sie schon ist, alle anderen werden ärmer. Und das war dann das Ende der westlichen Unterstützung der Demokratiebestrebungen in der Ukraine. Die Ukraine sei das Opfer in einem geopolitischen Spiel. Um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sei es nie gegangen.
Meine ukrainischen Freunde glauben mir nicht. Sie sehen Zeichen und hören Worte aus Brüssel und der EU, die ihrer Hoffnung Nahrung geben. Ich werde diese fast verzweifelte Hoffnung auf die Europäische Union erst am nächsten Tag verstehen lernen. Bob schweigt zu alledem. Das Thema wird gewechselt, wir überlegen eine deutsch-russisch-ukrainische Präsenz auf einem CSD. Vielleicht lässt sich das realisieren.
Am darauffolgenden Tag bekommen wir Kiew gezeigt. Die Stadt ist schön, keine Frage. Eine erstaunliche Mischung unterschiedlicher Architektur bezeugt eine wechselhafte Geschichte und unterschiedliche kulturelle Einflüsse.
Am späten Nachmittag gehen wir auseinander. Ich mache mich allein auf den Weg.
20150712_140740Auf dem Maidan sind Schautafeln mit Bildern und Erläuterungen zum Maidanprotest aufgestellt. Der Erzählung, die dort verbreitet wird, schließe ich mich nicht an. Sie ist zu sehr völkisch, heldisch und nationalistisch.
Junge Rekruten sammeln allerorten Geld. Einer spricht mich an. Ich will wissen wofür er sammelt. Zur Unterstützung des Kampfes der territorialen Integrität der Ukraine, bekomme ich zur Antwort.
“Ich gebe kein Geld zur Unterstützung eines Bürgerkriegs”, antworte ich.
Es wäre kein Bürgerkrieg. Es sei ein Kampf gegen Terroristen und ein Krieg mit Russland.
“Zu einem Krieg gehören mindestens zwei. Russland weiß nichts von einem Krieg mit der Ukraine”, sage ich.
Es kommen Soldaten hinzu. Ich breche das Gespräch ab. Die Atmosphäre ist aggressiv und gespannt.
Ein Lautsprecherwagen macht Werbung für ein Bataillon, beschwört den Kampf, für die territoriale Integrität der Ukraine. 20150712_190215
Ich gehe die Khreschatyk Straße entlang. Ich sehe eine EU-Fahne. Sie hängt neben der Flagge der Ukraine vor dem Landwirtschaftsministerium, das sich bei seiner Beflaggung offensichtlich nicht von Tatsachen irritieren lässt.
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An jeder Ecke dieser gesteuerte Hass auf Russland. Selbst Klopapier mit dem Konterfei Putins kann man kaufen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite werde ich später eine Bar aufsuchen. Sie wirkte einladend mit ihrer großen Außenterrasse. Innen erstreckte sie sich über mehrere Räume. Das Bier wird selbst gebraut und schmeckt, es gibt Livemusik in der wechselweise die Ukraine und die Liebe besungen werden. Das Lokal ist gut frequentiert. Ich gehe durch die Räume, die für mehrere hundert Gäste Platz bieten und dann sehe ich sie da hängen, die Flaggen des rechten Sektors und des Freiwilligen Bataillons Asow. Offener Faschismus, ganz unverholen, nicht zu übersehen, nicht wegzuerklären.


In diesem Moment verstehe die verzweifelte Hoffnung meiner ukrainischen schwulen Freunde auf Europa, das allerdings nicht kommen wird, um es zum Besseren zu wenden. Im Gegenteil. In Brüssel findet zeitgleich eine Art Machtergreifung statt, die Griechenland in die Knie zwingt und nach deutscher Manier dem ohnehin schon am Boden liegenden Land nochmal kräftig in die Magengrube tritt. Es ist ein offener Putsch, antidemokratisch durch und durch, unter deutscher Federführung. Vermutlich stellt dies den Anfang vom Ende der Europäischen Union dar.
Putin hält ebenfalls fast zeitgleich im Rahmen des BRICS-Treffens vor der Shanghai-Gruppe eine Rede, in der er die Vision der aufstrebenden Länder zeichnet. Es ist Keynesianismus. Ein starker Staat, der einen Ausgleich zwischen den Einzelinteressen zum Wohle aller schafft. Eine positive Vision.

Die EU dagegen wird einem Finanzmarkttotalitarismus ausgeliefert und die Demokratie in erschreckender Weise beschnitten. Der Westen destabilisiert absichtsvoll Länder und Regionen, die in aller Menschenverachtung zu einem Spielball der Geopolitik degradiert werden wie eben die Ukraine. Wir kollaborieren mit Faschisten und installieren Postdemokratie über Freihandelsabkommen.
Aber wir haben auch alle Internet. Es kann dann zumindest niemand sagen, man habe das ja alles gar nicht gewusst.