Ida Bauer

„Ach, Mensch! Ida!“ hätte er am liebsten ausgerufen. Angeschrien hätte er sie gern, hätte sie gerne gepackt, an den Schultern gepackt und geschüttelt. Doch das würde alles nichts helfen. Ihm nicht und ihr nicht. Aus einer Eule macht man keine Nachtigall und aus Ida keine Frau, die in Strukturen und Relationen denkt.

Er beneidete sie manchmal. Für Ida Bauer war immer alles klar. Sie war hier, die Welt war dort, sie glotzte drauf und sah, was Sache war. Nicht der leiseste Hauch von Zweifel. Fehler machten immer nur die anderen. So auch eben. „Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen, dass man anderer Meinung ist. Ich habe ein Recht auf meine Meinung. Reg dich wieder ab.“

„Ja, Ida, du hast ein Recht auf eine eigene Meinung“ (so du denn über die Instrumente verfügst, dir eine zu bilden, wollte er da gehässig hinzufügen, unterließ es aber, weil man ja nicht gemein sein soll.) „Aber musst Du die denn ausgerechnet vor der Klasse kundtun? Auch noch bei so einem heiklen Thema? Und muss die denn unbedingt konträr zu dem stehen, was wir im Kollegium besprochen haben, das mich beauftragt hat, die Klasse darüber zu informieren, dass die von ihnen gepflanzten Büsche weg müssen, weil die Feuerwehr etwas dagegen hat, da sie die Zufahrt blockieren?“

„Man könnte im Notfall um die Büsche drumrum fahren oder sogar einfach drüber. So hoch sind die doch noch gar nicht. Die Klasse hat ein Recht auf ihre Büsche, finde ich.“

„Ida!“ Schütteln! Die blöde Kuh einfach nur schütteln!

In ihrer Schlichtheit, das muss man zu ihrer Verteidigung sagen, war die Gedankenwelt Idas ergreifend schön. Allerdings nur in der Anschauung, in der alltäglichen Praxis war Idas Halsstarrigkeit, ihre Ignoranz und ihre Unfähigkeit, ihr eigenes Handeln zu reflektieren, nur schwer zu ertragen. Als Kollegin war sie eine Katastrophe. Man konnte sicher sein, immer, wenn etwas aus dem Ruder lief, immer, wenn Dissonanzen im Kollegium herrschten, hatte Ida ihre Finger im Spiel, wusch aber ihre Hände in Unschuld. In ihrer Selbstwahrnehmung war Mutter Theresa im Vergleich mit ihr die letzte Schlampe.

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