Dekadenz

Am Ende einer jeden Epoche gibt es einen Moment der geistigen und kulturellen Erschlaffung, bevor dann schließlich wieder wahrhaft Neues entsteht. So besagt es zumindest die ein oder andere Form der Geschichtsschreibung. Nicht unbedingt die aktuelle, denn der Geschichtsschreibweise der Entfaltung mit anschließendem Niedergang haftet etwas sehr Zielgerichtetes, Teleologisches an und das findet man heute uncool. In den Geschichtsschreibstuben sieht man heute nicht mehr den Ereignisstrom aus einem Anfang hin zu einem Ende sich entwickeln und hat für diese zeitgenössische Sichtweise auf Abläufe hinreichende Belege gefunden; In der Geschichte übrigens. Dass es sich dabei um einen Zirkelschluss handeln könnte, nehmen wir jetzt einfach mal hin, denn es geht hier um was anderes. Um den Begriff der Dekadenz nämlich.

Heute jedenfalls, darauf läuft mein einleitendes Gebabbel raus, ist der Begriff der Dekadenz kein geschichtswissenschaftlicher mehr, was freilich nicht heißt, dass er bedeutungslos geworden ist. Im Gegenteil wird er heute vielfach dazu genutzt, um eine Qualität auszudrücken. Als Selbstbeschreibung rate ich hier allerdings zur Vorsicht, denn der Satz „Ich bin dekadent“ ist gleichbedeutend mit „mir fält nichts Innovatives ein“, was dann meistens ja auch stimmt. Es ist eine gleichsam sich selbst erfüllende Prophezeiung. Der zeitgenössische Dandy geht wie alle seine Vorfahren davon aus, dass ein Ende der Ideen erreicht ist, nichts Neues mehr kommt. Man kann die Musik noch etwas lauter, die Farben noch etwas greller, die Figuren noch etwas bizarrer arrangieren, alles bekommt noch ein Sahnehäubchen an Opulenz, das war’s aber auch schon. Noch ein bisschen Manierismus und Schwulst, mehr geht aber nicht. Allerdings gibt es keinen Beweis dafür, dass der zeitgenössische Decadent dieses Mal im Recht und Geschichte tatsächlich an ihr Ende gekommen sein könnte. Immer ging es nach den verschiedenen Dekadenzbewegungen dann doch irgendwie weiter.

Aber über die Erzeugnisse des Decadents, von denen ich die Finger lassen würde, sagt das natürlich einiges aus. Das Zeug übersteht nämlich die nächste Krise nicht, denn genau dieses Nicht-Überstehen ist sein inhärenter Sinn. Würde es überdauern, wäre es ja nicht dekadent, hätte sein eigenes Thema verfehlt. Das Dekadente arbeitet gleichsam auf sein eigenes Vergessen, seine eigene Überwindung hin. Das ist dann der Kram, von dem man nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr versteht, was man daran gefuden hatte. Und zwar nicht nur auf individueller, sondern auf gesellschaftlicher Ebene. Es ist nur im Moment schön und meist auch schrill, aber von Dauer ist die Faszination eben nicht. So findet der Dandy dann auch maximal als schlechtes Beispiel Einlass in die Geschichtsbücher, wenn überhaupt. Und wer möchte schon einen derart unrühmlichen Platz in der Historie einnehmen?

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