Fin de siècle 1

Wir sehnten uns nicht nach der Veranstaltung, zu der wir eingeladen waren. Im Gegenteil waren es zahlreiche Befürchtungen, die wir uns bunt und immer bunter ausmalten, bis aus den Befürchtungen erheiternde Fragmente einer von uns beiden fortgeschriebenen Erzählung wurden, mit der wir versuchten, uns vom Bevorstehenden abzulenken und uns gleichzeitig auf es einzustimmen. Wir erwarteten Skurriles. Schon die Auswahl des Ortes war für mich unverständlich. Doch auch die Nachfrage bei Sebastian, warum sein Freund seine Hochzeit ausgerechnet auf Teneriffa begehen wollte, erbrachte zwar viel Text, der mir zu hören aufgegeben wurde, erklärte aber nichts, denn er musste schließlich zugeben, es ebenfalls nicht zu wissen. Wir hatten es dabei noch gut getroffen, denn unsere Flugzeit zum Ort der Festlichkeit betrug von unserem Wohnort aus etwa vier Stunden, die der anderen geladenen Gäste betrug geschätzt das dreifache, denn viele mussten aus Kalifornien, einige aus dem Staat New York und ein kleiner Teil aus anderen Bundesstaaten der USA anreisen, mit Zwischenstops, Verspätungen, Jetlag und allen sonstigen Unannehmlichkeiten, die eine zeitgemäße Interkontinentalreise so zu bieten hat. Unsere Anreise war im Vergleich zu derartigen Strapazen ein Kinderspiel, einfach und schlicht. S-Bahn, Flugzeug, Taxi, da.
Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten, war, dass unsere Irrfahrt über die kanarische Insel am kommenden Hochzeitstag nochmals in etwa die Flugzeit betragen würde, denn die Finka, in der die Zerermonie mit anschließender Feier abgehalten werden sollte, lag zwar idyllisch, aber von versteckt zu reden, käme einer unglaublichen Beschönigung gleich. Davon ahnten wir am Anreisetag noch nichts, was gut war, denn so konnten wir etwas entspannen und unsere heitere Geschichte mit dem Titel „Kommende Ereignisse“ am Hotelpool fortstricken. Doch die Teile, die Sebastian beitrug wurden immer ernster, das Heitere und Skurrile war ihm abhanden gekommen, bis er schließlich zu erzählen begann, was ihn besorgte. Er würde, so fürchtete er, auf ein früheres Leben treffen, auf eines, dessen Sinn und Bedeutung ihm inzwischen aber abhanden gekommen, ja, von dem er nun verstand, dass da niemals Sinn und Bedeutung vorhanden gewesen war. Er war sich unschlüssig, ob er an diesen Lebensstil erinnert werden wollte. Sein am kommenden Tag zu verehelichender Freund Andrew war 29, Vater von zwei Kindern, die er mit unterschiedlichen Partnerinnen gezeugt hatte, wobei er sich beim zweiten nicht allzu sicher war, ob die Vaterschaft tatsächlich ihm zuzuschreiben war, denn einhergehend mit einem nicht nur sexuell ausschweifendem Leben war sein Konsum von psychotropen Substanzen, insbesondere Kokain, Alkohol und Ecstasy enorm hoch. Besonders erinnerungsfördernd waren diese Substanzen nicht, insbesondere der Alkohol riss von Zeit zu Zeit Löcher enormen Ausmaßes in Andrews Gedächtnis. Seinen ausschweifenden Lebensstil finanzierte Andrew mit dem Bemalen von Gesichtern. Er war einer der gefragtestenn Visagisten in einem bestimmten Segment des Unterhaltungsgeschäftes. Keine Pop-Ikone, kein Pop-Ikönchen und kein sonstiges Produkt der popproduzierenden Industrie der inzwischen nicht mehr ganz so neuen Welt, das nicht durch sein Bepinseln zu einem gewissen Strahlen gebracht worden wäre. Das ließ sich Andrew gut bezahlen, wobei das Geld, so wie es ihm zufloss, auch wieder abfloss. Andrew besaß eigentlich nichts außer seinem Lebensstil. Eine allerdings sehr angenehme Form der Armut.
Andrews künftige Ehefrau Susan, so erzählte Sebastian weiter, habe sich die Ehe unter andrerem durch das Vortäuschen eines psychischen Zusamenbruchs in Zusammenhang mit dem vermeintlichen Tode ihrer Mutter erschlichen. Andrew hatte sie wegen irgendeinem Produkt der Pop-Industrie mit weiblicher Erscheinung sitzen lassen, Susan hatte den Tod ihrer Mutter ersonnen, ein Dramulett höchster Qualität mit Suizidversuch und allem Drum und Dran inszeniert, Andrew dadurch zurückerobert, woraufhin sie ihre Mutter auf wunderbare Weise von ihrem Tode auferstehen ließ. Zur unmittelbaren Stärkung ihrer Bindung hatte Susan im Anschluss heimlich die Pille abgesetzt und sich von Andrew schwängern lassen. Für diesen wurde Susans Schwangerschaft so das zweite medizinische Wunder innerhalb weniger Wochen, das er zu verkraften hatte. Er hatte allerdings Substanzen zur Hand, die ihm bei der Verarbeitung halfen. Nach einigen Tagen heftigen Substanzgebrauchs war es ihm eigentlich egal, was die Wahrheit war. Es schien ihm viel zu mühsam, sich mit so etwas Lapidarem wie Fakten beschäftigen zu müssen. Vielleicht war ja was dran und sein Sohn wäre so etwas wie eine Art unbefleckter Empfängnis mit Pille und er der liebe Gott. Und kurz bevor seine Serotoninvorräte durch MDMA komplett zur Neige gegangen waren, fühlte er bedingt durch eine letzte, verzweifelte Ausschüttung des Transmitters die tiefe, warme und ganz weich sich anfühlende Verpflichtung Susan zu heiraten.
Sebastian schloss seinen Bericht über das Zustandekommen des Eheschlusses, dem wir morgen beizuwohnen hatten, damit, dass Andrews Leben schon immer derart chaotisch verlaufen war, dass auch seines in seiner Zeit, als er engen Kontakt pflegte, diesem nicht unähnlich war, dass er aber, seit er sich davon abgewandt hatte, möglichst wenig daran erinnert werden wollte. Er sei nach Europa gekommen, um genau diesem Chaos zu entfliehen und sein Leben in geordnetere Bahnen zu lenken. Eine möglichst große geographische Distanz schien im dazu unabdingbar. Dass der lose Kontakt, den er via Email und diversen sozialen Netzwerken zu Andrew und einigen anderen vormaligen Freunden aufrecht erhalten hatte, eine Einladung nach sich ziehen würde, die er nach gründlicher Abwägung nicht ausschlagen konnte, hatte er einfach nicht erwartet.
Meine Situation war demgegenüber viel einfacher. ich hatte zwar ursprünglich zugesagt, Sebastian zu begleiten, verspürte dann aber keine Lust, ein verlängertes Wochenende mit mehreren Stunden Flug und einer Hochzeit zu füllen, auf der ich niemanden kannte, auch wenn die Wetterverhältisse auf Tenereiffa mich ursprünglich sehr gelockt hatten. Sebastian hatte es dann doch verstanden, mich zu überzeugen, ihn zu begleiten. Zumal er wieder und wieder deutlich machte, wie wenig ihm selbst an der Reise gelgen war. Gemeinsames Leid ist geteiltes Leid, und geteiltes schönes Wetter ist doppelte Freude. Das war der Beschluss, den die Reise für uns beide dann doch reizvoll machte.

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