Fin de siècle 6

Irgend etwas war gerade schief gelaufen. Sebastian erzählte unglaublichen Unsinn und ich ärgerte mich nicht nur darüber, sondern fühlte ein beklemmendes Gefühl von Scham in mir aufsteigen. Ich schämte mich für ihn, wusste aber nicht zu sagen warum. Wenn er Mist erzählt, ist das doch eigentlich sein Problem. Natürlich lag er mir am Herzen, uns verband eine intensive Freundschaft und natürlich war mir in den Jahren der Freundschaft nicht entgangen, dass der Erwerb von interkultureller Kompetenz nicht gerade Sebastians Hobby war. Sebastian war ein Amerikaner, der in Deutschland wohnte und in von ihm als pitoresk empfundenen europäischen Ambiente seine Gepflogenheiten lebte, ohne sich um irgendeine Form der Verständigung oder des Zugangs zu bemühen. Im Gegenteil war er unglaublich stolz darauf, auch nach Jahren in Deutschland, nicht ein Wort Deutsch zu können. Ich fand diese Form der Ignoranz und Selbstbeschneidung des Intellekts in der Regel ebenso kurios wie sympathisch, doch in eben diesem Moment hatte sie einen merkwürdig tiefen Schnitt hinterlassen, aus dem es merkwürdig heftig blutete. Sebastian war, das wusste ich, ein Fachmann auf seinem Gebiet. Und Sebastian war, das wusste ich auch, außerhalb dieses Gebietes an der Grenze zur Naivität unwissend. Außer ein paar Fachzeitschriften gab es in Sebastians Leben, keine Zeitung, keine Nachrichten, keine Informationsquellen außerhalb von Facebook. Doch dass er jetzt auf seinen Aufenthalt in Deutschland befragt nur ein paar Naziklischees zusammenzutragen wusste, schockierte mich.

Ich nahm auf einer gepolsterten Gartenbank platz. Der schöne Ausblick in die Landschaft sollte mich ablenken. Ich wollte auf andere Gedanken kommen. Einen Moment später kamen zwei Hochzeitsgäste, Anfang zwanzig vielleicht, setzten sich ungefragt zu mir und bauten einen Joint. Nachdem er ein paar mal zwischen ihnen hin und her gewechselt war, wandten sie sich an mich. Ob ich auch mal wollte? Ich wollte nicht.

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