Überarbeitung 2

Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten, war, dass unsere Irrfahrt über die kanarische Insel am kommenden Hochzeitstag nochmals in etwa die Flugzeit betragen würde. Die Finka, in der die Feier stattfinden sollte, lag zwar idyllisch, aber von versteckt zu reden, käme einer unglaublichen Beschönigung gleich. Davon ahnten wir am Anreisetag noch nichts, was gut war, denn so konnten wir etwas entspannen und unsere heitere Geschichte mit dem Titel “Kommende Ereignisse” am Hotelpool fortstricken. Doch die Teile, die Sebastian beitrug wurden immer ernster, das Heitere und Skurrile war ihm abhanden gekommen, bis er schließlich zu erzählen begann, was ihn besorgte. Er würde, so fürchtete er, auf ein früheres Leben treffen. Er wollte nicht an diesen Lebensstil erinnert werden. Zu viel Party, zu viel Fame und Glam Glam, zu viel Sinnlosigkeit.
Sein am kommenden Tag zu verehelichender Freund Andrew war 29, Vater von zwei Kindern, die er mit unterschiedlichen Partnerinnen gezeugt hatte, wobei er sich beim zweiten nicht allzu sicher war, ob die Vaterschaft tatsächlich ihm zuzuschreiben war, denn einhergehend mit einem nicht nur sexuell ausschweifendem Leben war sein Konsum von psychotropen Substanzen, insbesondere Kokain, Alkohol und Ecstasy enorm hoch. Besonders erinnerungsfördernd waren diese Substanzen nicht, insbesondere der Alkohol riss von Zeit zu Zeit Löcher enormen Ausmaßes in Andrews Gedächtnis.

“Das klingt jetzt aber sehr nach moralischem Unterton”, meinte Volkmar. “Bist du jetzt plötzlich für Monogamie und Abstinenz? So kennt man dich gar nicht.”
“Stimmt!”, pflichtete ihm Olaf bei. “Lasst uns das Bier ins Klo kippen, die Zigaretten ausdrücken, hier hat einer einen ganz starken Sinneswandel! Nie mehr Pilze, nicht mal Champignons!” Die ganze Runde grinste, nur ich ich nicht.
“Ach Quatsch! Ich habe keinen Sinneswandel. Aber ich kenne auch das Ende der Geschichte schon, ihr noch nicht. Wartet mal ab.”
“Klingt auf jeden Fall komisch, wenn ausgerechnet du anmerkst, dass der Kinder von mehreren Frauen hat und sich irgendwelches Zeug reinfährt. Wie böse! Wäre irgendwie typischer gewesen, wenn du gesagt hättest, heiraten sei spießig, deshalb sei die ganze Reise scheiße gewesen.” Volkmar hatte recht mit dem, was er sagte. Im Prinzip wäre das die mir naheliegende Position gewesen.
“Das, was mir Sebastian über Andrew erzählte hatte, klang einfach nicht nach ausprobieren, Grenzen ertasten und überschreiten, das klang nicht nach Experiment und Suche. Das klang einfach nach: In irgendwas reingelatscht und drin kleben geblieben. Versteht ihr, was ich meine?”
Ich wurde nicht verstanden. Wir waren zu fünft. Es gab daher fünf unterschiedliche Interpretationen. Klar war uns allen, es ging um das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung. Es war auch klar, dass ich meinte, unsere Weise zu leben, wäre selbstbestimmt, die Andrews aber fremdbestimmt. Doch wie ich darauf kam, so etwas zu behaupten, das blieb für alle dunkel. Mir selbst wurde immer unklarer, wie ich darauf kam, so etwas zu behaupten. Es hatte den Geruch des Überheblichen.
Markus meinte, jedes Lebensereignis ließe sich auf zweierlei Weise verkaufen. Einmal als Triumph des Selbst über die Umstände und einmal als Triumph der Umstände über das Selbst. Es sei einfach eine Frage des Marketings und der Verpackung.
Dietmar dagegen vertrat die Position, an den wichtigen und zentralen Wendepunkten seines Lebens immer die Zügel fest in der Hand gehalten, seinem Leben die Richtung vorgegeben zu haben. Olaf und Volkmar dagegen meinten, es würden einfach Dinge passieren, die Außerhalb des Kontrollierbaren lägen und darauf müsste man eben reagieren. Das hätte wiederum eine Rückwirkung auf das Selbst.
“Wie geht denn die Geschichte jetzt weiter? Woher bekommt Andrew eigentlich das ganze Geld, mit dem er das alles finanziert?” wollte Markus wissen.

Seinen ausschweifenden Lebensstil finanzierte Andrew mit dem Bemalen von Gesichtern. Er war einer der gefragtestenn Visagisten in einem bestimmten Segment des Unterhaltungsgeschäftes. Keine Pop-Ikone, kein Pop-Ikönchen und kein sonstiges Produkt der popproduzierenden Industrie der inzwischen nicht mehr ganz so neuen Welt, das nicht durch sein Bepinseln zu einem gewissen Strahlen gebracht worden wäre. Das ließ sich Andrew gut bezahlen, wobei das Geld, so wie es ihm zufloss, auch wieder abfloss. Andrew besaß eigentlich nichts außer seinem Lebensstil. Eine allerdings sehr angenehme Form der Armut.

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