Die Kapsel 5

Für einen Moment standen die beiden da und betrachteten die Szene. Immer, wenn eine der Wurzeln sich neuen Halt verschafft hatte, bildeten sich an ihren ihrem Ansatz zwei neue Wurzeln, die mit sichtbarer Geschwindigkeit wuchsen. Dadurch wuchs das ganze Gebilde, das war den Jens und Stefan sofort klar, immer schneller und schneller.
„Das ist mir unheimlich“, waren Stefans erste Worte, nachdem er die Sprache wiedergefunden hatte.
„Mir auch. Komm, wir entsorgen das Ding einfach. Ab in den Müll“ Jens machte einen Schritt auf das Spülbecken zu, doch Stefan hielt ihn am Arm zurück.
„Tolle Idee! Du weißt doch, was passiert ist, als du das Ding das letzte Mal angefasst hast. Außerdem: Im Müll findet es wahrscheinlich genau die Nährstoffe, die es braucht und wächst dann noch schneller. Kaffeesatz, Eier- und Obstschalen. Wir müssen es eher verbrennen als wegschmeißen.“
„Wir haben Gummihandschuhe zum Putzen. Lass uns die anziehen. Dann können wir sie gleich anbehalten, wenn die Sauerei hier entfernt ist und die Küche und das Bad sauber machen. Das ist überfällig. Du hast diese Woche deinen Putzdienst nicht gemacht.“ Jens ging zur Besenkammer
„Ja, weil du deinen vorletzte Woche nur ganz oberflächlich gemacht hast. Ich dachte, du seist noch nicht fertig und wollte dir die Chance lassen, dich zu verbessern.“
„Schwätzer! Um auf die Kapsel zurückzukommen: Viele Nährstoffe scheint die nicht zu brauchen. Die hat doch gar nichts. Außer dem Wasser, in dem sie liegt.“ Jens reichte Stefan ein Paar Putzhandschuhe.
„Und du nicht? Warum nur ich?“
„Wir haben nur das eine Paar und du bist mit Putzen dran.“
„Da sind doch noch so Latexhandschuhe zum Wegwerfen. Jetzt sei nicht so und hilf mir. Das ist eine außergewöhnliche Situation“, sagte Stefan.
„Okay, okay. Ich helfe dir, aber nicht, dass das zur Regel wird und ich dir jetzt immer beim Putzen helfen muss, weil die Situation außergewöhnlich ist.“
„Das Außergewöhnliche an dieser Situation ist, dass dieses Ding tatsächlich aus dem Nichts Biomasse zu produzieren scheint. Die hat nur Wasser, sonst nichts.“ Stefan rückte die Kapsel wieder in den Mittelpunkt.
„An dem Wasser allein kann es nicht liegen, dass das Ding so abgeht.“
„An was soll es denn sonst liegen?“
„Das weiß ich auch nicht, aber wenn du dich erinnerst, haben wir das Ding im Wald gefunden. Kurz davor hat es geregnet und alles war klitschnass. Dennoch hat es da keine Wurzeln gezogen oder auch nur sonst auf irgendwas reagiert.“ Jens hatte schon seit einigen Minuten die besseren Argumente, was ihm gut tat. Normalerweise war es anders herum. Stefan mussten die Vorgänge sehr irritieren.
„Gut. Wir machen das Ding jetzt ab und verbrennen es. Es wird wirklich ständig größer. Das ist mir wirklich zu freaky.“
„Wo willst Du das denn verbrennen?“
„Unten im Garten. Auf dem Grill“, sagte Stefan.
„Damit die Nachbarn denken, wir sind jetzt total bekloppt und grillen im Oktober? Herzlichen Dank!“
„Es ist mir im Moment scheißegal was irgendwelche Nachbarn denken. Schau dir mal dieses Ding hier an. Das wird größer und größer und diese Tentakeln oder Wurzeln oder was das sind halten sich überall fest. Los jetzt!“
Die beiden näherten sich dem organischen Gebilde, das unmittelbar reagierte. Alle Wurzeln, die sich noch nicht mit einem Gegenstand der Umgebung verbunden hatten, richteten sich auf Stefan und Jens aus.
„Was für eine Freak-Show!“ Stefan machte einen Schritt zurück.
„Guck mal, das Ding tut dir nichts.“ Jens hatte einer der Wurzeln seinen Finger gereicht. Die Wurzel legte sich sanft um den Finger und wuchs in die Länge.
„Pass bloß auf!“
„Das fühlt sich echt cool an. Ganz sanft.“
Stefan trat heran. Auch seine Hand wurde von einer kleinen Wurzel umschlungen und in der Tat fühlte es sich wunderbar an. Ganz sanft und weich. Stefan wurde es ganz warm und wohlig. Er sah Jens an, sah, wie sich die Wurzel um dessen Arm schlang, sah, wie Jens ihn ansah, sah, wie die Wurzel Jens am Hals berührte, sah Jens weit die Augen öffnen und fühlte, wie auch ihn etwas am Hals berührte. In diesem Moment leuchtete ein Licht von unglaublicher Intensität direkt in seinem Kopf. Und als das Leuchten nachließ, da sah er Konturen, Formen, eine Landschaft, ganz fremd und anders als das, was er kannte. Er sah nach links, sah merkwürdige Pflanzen, sah nach oben, sah einen roten Himmel an dem zwei Sonnen schienen, er sah nach rechts. Er sah Jens.

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