Оля Полякова

Попса heißt Popmusik – Über ein russisches Phänomen.

Ein wichtiger Schlüssel für den Zugang zum Verstehen der russischen Gegenwartskultur ist das Wort попса, Popmusik. Im Gegensatz zur westlichen Popkultur, die sich inzwischen auf das Erzielen von hohen Gewinnmargen und Marktanteilen reduzieren lässt, wodurch dementsprechend die Formulierung politisch korrekter und am besten beliebiger Botschaften gefordert ist, ist die russische Popkultur in weiten Teilen emanzipatorisch, fordernd und visionär, dabei aber gleichzeitig in erheiternder Weise hedonistisch.
Hierbei spreche ich nicht von einer Subkultur des Pop, sondern vom Mainstream. Ein verbindendes Thema in nahezu allen Zeugnissen des russischen Pop ist das Ausbrechen und Überwinden von gesellschaftlichen Grenzen, weniger durch Konfrontation als durch spielerischen Umgang und Unterwanderung. Das Konfrontative von der in Deutschland als Opositionell wahrgenommenen Gruppe Pussy Riot fehlt, wird vielfach sogar persifliert, wie das erste Beispiel dieses Textes zeigt. Loboda heißt die Sängerin,  Пора домой, Zeit nach Hause zu gehen, ist der Titel. Ob es dann nach dem dritten Mal Kotzen tatsächlich nach Hause geht, ist angesichts des Vorlaufes fraglich.

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Schön trashig, oder? Allerdings nicht nur, ein bisschen was steckt schon dahinter. Der Schlüssel ist der Fahrer. Wer möchte darf gern Dionysos und Mänaden googeln und dann noch einmal nachschauen, welche Attribute in dem Video verbraten werden. Dass unglaublich viel gesoffen wird, ist jedenfalls nur ein erster Hinweis auf die Richtigkeit dieser Andeutung eines Interpretationsansatzes.
Loboda war früher bei der Girlgroup ВИА Гра (VIA-Gra). An ВИА Гра führt kein Weg vorbei, wenn man sich mit der aktuellen russischen Musikszene auseinander setzt. Ähnlich trashig, selbstbewusst und lustvoll emanzipiert wie Loboda setzen sie sich in Szene. Hier in einer Persiflage auf spießige Samstagabend-Unterhaltung.

Und noch ein letztes Beispiel für frechen Pop, bevor es ein bisschen intellektueller weiter geht. Die sämtliche russischen Klischees persiflierende Sängerin heißt Olia Poliakowa und löst mit dem, was sie tut, Diskussionen aus, da sie sich stets am Rande des noch Zulässigen bewegt.

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Natürlich lässt sich einwenden, die bisherigen Beispiele seien alle Trash. Das ist richtig und schwer zu leugnen. Wer aber meint, Trash sei einfach nur im eigentlichen Wortsinne Müll, der irrt sich.
Trash als Genre hat eine eigene Bedeutung, ist eine Gradwanderung mit der Absicht der Grenzverschiebung. Mit seiner Ausrichtung auf Schrilles, mit seiner Impertinenz und permanenten Grenzüberschreitung ist Trash politisch, auch wenn er von sich selbst behauptet genau das nicht zu sein. Doch mit dem Bestehen auf impertinente Ausdrucksformen erweitert er die Grenzen des Zumutbaren.
Die Akzeptanz einer Gesellschaft, Trash als Kulturprodukt zu rezipieren, sagt etwas über deren Willen zur Veränderung und Grenzerweiterung aus. In Deutschland, mit seiner Rückkehr zum Biedermeier, ist dieser Wille verschwunden, Trash ist nicht mehr präsent, zurückgedrängt in die Subkultur, vielfach sogar diskreditiert. Das war mal anders, wie die Rezeptionsgeschichte von beispielsweise Divine zeigt, die nicht nur in Deutschland Tophits landen konnte:

Ein vielleicht noch prägnanteres Beispiel ist Walter Bockmayers Geierwally, GEZ-finanzierter und im zdf ausgestrahlter Trash der achtziger Jahre. Unglaublich schräg, schrill und provokativ. Leider aber auch vergangen in dieser Form.

Divine und Walter Bockmayer haben mit ihrer Impertinenz nicht nur für die LGBT-Bewegung, sondern für die Freiheit der gesamten Gesellschaft mehr getan als jeder Vortrag und jeder Politiker es je hätte tun können, denn durch ihre Impertinenz haben sie die Grenzen des Zumutbaren einfach erweitert.
In Russland ist dieser Wille offensichtlich vorhanden, denn all die oben angeführten Zeugnisse sind fester Bestandteil der dortigen Popkultur. Hierzulande lässt dieser Wille deutlich nach.

Dem Stilmittel der Überzeichnung bedienen sich in ihren Klips gerne auch die Gruppe винтаж (Vintage). Dessen ungeachtet sind sie kein Trash, da sie thematisch gebunden sind. Es ist das Thema Geschlechterdifferenz und Geschlechterkonstruktion, das sich wie ein roter Faden durch die musikalische Produktion von винтаж.
Als Beispiel dafür hier das Video Одиночество любви (Einsame Liebe).

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Das gibt es auch in einer gehackten Version mit eingebauter Transe, die der Sängerin Anna Pletnyova größere Brüste zur Problemlösung empfiehlt. винтаж habe sich gegen diese Impertinenz übrigens nie zur Wehr gesetzt. Im Gegenteil.

Die Frage nach Geschlechterrollen und Identitäten spielt bei Monatik ebenfalls eine zentrale Rolle.
In прости verschwinden Geschlechtergrenzen völlig, der Clip zelebriert ein großes dionysisches Crescendo der Lust und des Begehrens jenseits von Konventionen und Setzungen.
Die Bildersprache in тише muss nicht gedeutet werden. Sie erschließt sich von selbst:

Ebenfalls dem Mainstream zugehörig ist die Gruppe Nikita, die es aufgrund ihrer provokanten Ästhetik und der sexuellen Radikalität nie in irgendwelche Deutschen oder gar US-Amerikanischen Charts schaffen würden.
Für Deutsche ein besonderer Genuss: Hier besingen Nikita Gemüse und machen dabei die Merkel-Raute:

Dieser kleine und ganz vorläufige Überblick über den russischen Mainstream ist hier zu Ende, wenngleich natürlich nicht abgeschlossen.
Was hier versucht wurde zu zeigen, ist, wie vielfältig, lebendig und kreativ sich die russische Popkultur im Gegensatz zur unsrigen an gesellschaftliche Paradigmen und Konventionen reibt. Der Mainstream wohlgemerkt, auf Subkulturen komme ich ein anderes Mal zu sprechen. Was dabei hoffentlich auch erlebbar wurde, ist die Stimmung des Aufbruchs, die in Russland herrscht.
Während in Deutschland in einer biedermeierlichen Wende auf traditionelle, heteronormative Modelle zurückgegriffen wird, zieht es die russische Gesellschaft zur Freiheit und Grenzerweiterung.
Dass dies Gegenbewegungen in konservativen und klerikalen Kreisen auslöst, ist verständlich. Dass sich diese durchsetzen werden ist jedoch unwahrscheinlich.

Ein kleiner Nachsatz sei mir noch erlaubt. Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land der Welt, in dem sich die Menschen so frei fühlen wie in Deutschland, wobei ihnen gleichzeitig die Freiheiten unter dem Hintern wegzensiert werden. Der überwiegende Teil der hier verlinkten Beiträge ist über youtube nicht erhältlich, weil sich google und die GEMA nicht einigen konnten. Über die Rechte an Musik, wohlgemerkt, deren Interpreten hierzulande kein Mensch kennt. Aber wenn wir an Zensur denken, dann denken wir freilich immer nur an China und Russland, nie aber an uns. Vermutlich ein historischer Fehler. Wer also die Klickzahlen auf youtube sehen möchte, muss tunneln. Ich empfehle einen Server in Russland, dann kann man gleichzeitig mal sehen, wie eingeschränkt das Internet dort ist. Ich jedenfalls bekomme auf alle Seiten Zugriff und auf die GEMA-zensierten sowieso.

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